Helmut Thielicke im Nachruf auf Hans Joachim Iwand 1960: „Ich habe noch nie einen Menschen erlebt, der so unter seinem Gewissen gelitten hätte wie Hans Iwand, dem das Schicksal der Kirche, dem ihre Fehlentscheidungen und Irrwege buchstäblich den Schlaf raubten und sich wie die Last eigener Schuld und eigenen Versäumens auf die Seele legten“.

Nachdem Hans Joachim Iwand am 2. Mai 1960 in Folge eines Schlaganfalls in Bonn verstarb, hielt Helmut Thielicke vor seinen Studentinnen und Studenten in Hamburg einen Nachruf:

Nachruf auf Hans Joachim Iwand

Von Helmut Thielicke

Hans Iwand ist wohl der mächtigste Interpret Luthers in unse­rer Generation gewesen. In ihm strömte die Fülle der Gedan­ken vor allem des jungen Luther, den ihm einst in Breslau Rudolf Hermann erschlossen hatte. So, wie er diese Gedanken Luthers auszusprechen, zusammenzu­stellen und zu deuten wußte, ließ er seinen Hörern eine neue Welt aufgehen. Die Vollmacht eines andern wurde in seiner Vollmacht erneuert … – Wer in unserer Generation konnte aus der eigenen Erschrockenheit heraus so furchtbar das Wort des Gerichts sprechen – über Staa­ten, Völker und Kirchen, vor allem aber über uns selber – wie Hans Iwand! Und wer konnte so unsentimental, aber so zerschmelzend und tröstlich von der Gnade reden wie er! Er war ein begnadeter Prediger, und ich wüßte nicht, wo er größer gewesen und mehr gedient hätte: auf der Kanzel oder auf dem Katheder – oder im stillen Zwiegespräch.

Seine größte und, wenn ich so sagen darf, seine gnadenreich­ste Zeit verlebte er in Königsberg, als er unter Druck und Ver­folgung des Regimes in den dreißiger Jahren mit Julius Schniewind zusammen wirkte … – Ich gehörte damals noch zur jün­geren Generation, die eben ihre Studentenzeit beendet hatte und erst im Anmarsch auf die akademischen Ämter war. Aber ich weiß es noch genau, wie wir in Richtung Königsberg blick­ten, um an unseren Lehrern Julius Schniewind und Hans Iwand Maß zu nehmen… An ihnen haben wir gelernt, was geistliche Autorität ist. Und wenn wir schließlich den geraden Weg gin­gen, dann geschah es nicht zu­letzt deshalb, weil es unerträglich schien, nicht bei diesen beiden Zeugen zu stehen und also ohne ihren Segen zu sein. In diesen Jahren habe ich begriffen, was ein theologischer Lehrer zu sein vermag …

Nach dem Kriege habe ich Hans Iwand in seinen politischen Meinungen und Wegen nur sel­ten folgen können. Und doch blieben wir einander nahe. Ich spürte bei ihm etwas, das ich nicht von allen seinen Gesinnungsgenossen sagen könnte: daß bei ihm keine unkontrollierten Leidenschaften, keine Neigung, eine Rolle zu spielen, und keine Kollektiv-Neurose im Spiele waren. Ihn quälte und beunruhigte fortgesetzt sein Gewissen. Und dieses Gewissen war in dem ewigen Wort gebunden. Ich habe, glaube ich, noch nie einen Menschen erlebt, der so unter seinem Gewissen gelitten hätte wie Hans Iwand, dem das Schicksal der Kirche, dem ihre Fehlentscheidungen und Irr­wege buchstäblich den Schlaf raubten und sich wie die Last eigener Schuld und eigenen Versäumens auf die Seele legten… – Es war seine Liebe, die ihn das Fremde wie ein Eigenes erleben ließ. Und wenn »agape« im letzten Grunde nur heißt »für den anderen da sein«, dann war Hans Iwand ein Liebender wie wenige. Wenn er dabei auch unsereinen in seinem Herzen be­hielt, obwohl in sachlichen Meinungen und politischen Urtei­len unsere Wege sich vielfach trennten, dann war es nicht nur menschliche Treue und ganz bestimmt nicht jene fade Toleranz, die sich die menschliche Nähe nur durch sachliche Indiffe­renz und Unentschiedenheit erkauft. Sondern dann beruhte seine bleibende Verbundenheit darauf, daß er wußte: Gott ist größer als unser Herz…

Ansprache vor Studenten im Sommersemester 1960 in Hamburg.

Quelle: Hans Joachim Iwand – Theologie in der Zeit, hrsg. v. Peter Sänger und Dieter Pauly, München: Chr. Kaiser, 1992, S. 223f.

Hier Thielickes Text als pdf.

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