Ein Dokument revanchistischer Unversöhnlichkeit in vermeintlich christlichem Gewand ist die Erklärung Evangelische Kirche und Völkerverständigung der beiden Theologieprofessoren Paul Althaus und Emanuel Hirsch vom 1. Juni 1931, die ungenannt Bezug nimmt auf den Fall Dehn:
Evangelische Kirche und Völkerverständigung. Eine Erklärung
Von Paul Althaus und Emanuel Hirsch
Es gehört mit zu dem kirchlichen Dienste des Lehrers der Theologie, die Stellungnahme seiner Kirche und ihrer geistigen Führer in den großen Fragen des allgemeinen Lebens vor Gott zu durchdenken und, wenn es geboten erscheint, öffentlich ein klärendes Wort zu sprechen. Die Unterzeichneten fühlen sich zu einer solchen Erklärung verpflichtet im Blicke auf eine besondere Richtung der kirchlichen Arbeit, die jetzt immer stärker hervortritt: Verantwortliche Männer in der deutschen evangelischen Christenheit sind am Werke, die Kräfte des deutschen evangelischen Christentums und seiner Kirchen für die Arbeit an der Verständigung und Annäherung der Völker aufzurufen und einzusetzen.
Auch wir halten es für eine klare Christenpflicht, daran zu arbeiten, daß die großen Kulturvölker sich besser verstehen lernen und die Politik ihrer Staaten in eine Bahn zu leiten beginnen, die der Schicksalsverflochtenheit zwischen ihnen entspricht. Voraussetzung für alle solche Verständigung ist aber strenge Klarheit und Wahrheit über die wirkliche Lage. Man muß das tatsächliche Verhältnis zwischen den Völkern ehrlich sehen. Es darf nicht der Schein und die Hoffnung einer Gemeinschaft dort vorgetäuscht werden, wo man in Wahrheit des andern Lebensrecht nicht achtet und damit die Möglichkeit der Gemeinschaft zerstört.
Das deutsche Volk ist in einen von ihm nicht gewollten, ihm aufgezwungenen Kriege niedergerungen und durch Friedensdiktat des Anteils an der Verwaltung von Raum und Gütern der Erde beraubt worden, den es braucht, um auch nur atmen und leben zu können. Es wird überdies durch Kriegskontributionen unter dem lügnerischen Namen der Wiedergutmachung bis zum Weißbluten ausgesogen. Alles das unter offenem Bruche der Zusagen, die ihm bei der Waffenniederlegung gemacht worden sind, und unter abermals offenem Bruch der im Friedensvertrage von jenen Nationen feierlich übernommenen Verpflichtung auf Abrüstung. Deutschlands Feinde aus dem Weltkriege führen also unter dem Deckmantel des Friedens den Krieg wider das deutsche Volk weiter und vergiften durch die darin liegende Unwahrheit die politische Weltlage so, daß Aufrichtigkeit und Vertrauen unmöglich werden. Das Ende dieses nun schon zwölf Jahre währenden neuen furchtbaren Krieges mitten im Frieden kann, wenn er auch nur kurze seit fortgesetzt wird, allein der Untergang unseres Volkes sein.
In dieser Lage gibt es nach unserem Urteil zwischen uns Deutschen und den im Weltkriege siegreichen Nationen keine andere Verständigung als ihnen zu bezeugen, daß während ihres fortgesetzten Krieges wider uns eine Verständigung nicht möglich ist. Es gibt in unserer Lage vorerst keine andere aufrichtige Pflege der Gemeinschaft, als daß man ihren trügerischen Schein zerstört und das Verhältnis der andern Nationen zu uns bei seinem richtigen Namen nennt. Wer diese wirkliche Lage, wer den Bruch der Gemeinschaft, den sie bedeutet, mit Worten oder durch sein Verhalten, verhüllt, der wird schuldig an allen denen innerhalb der anderen Völker, die das Rechte wollen: er tut nicht das Seine dazu, daß sie die Wirklichkeit des Schicksals sehen lernen, das ihre Völker dem deutschen Volke bereiten. Er hilft die Verlogenheit der internationalen Lage erhalten und steigern.
Der hier vertretene Grundsatz hindert nicht ein Zusammenkommen und Zusammenarbeiten mit einzelnen Gliedern der unser Leben bedrohenden Nation an besonderen, begrenzten und dringlichen Ausgaben: die Schicksalsverflochtenheit bleibt unentrinnbar auch in dieser furchtbaren Lage. Es bleibt auch dem Einzelnen seine Gewissensfreiheit, ob er über den klaffenden Riß hinweg, unter offenem Vorbehalt und Bekenntnisse eben dieses Risses und Bruches, ein rein privates, persönliches Verhältnis mit Einzelnen aus jenen Nationen pflegen will. Das alles ist bestimmt begrenzt oder privat: indem es sich dessen bewußt ist, gefährdet es die Klarheit und Wahrheit des öffentlichen Gewissens nicht. Aber Worte und Begegnungen können eine Öffentlichkeit und eine Grundsätzlichkeit gewinnen, die ihnen entscheidende Bedeutung für die Gestaltung des allgemeinen Gewissens gibt. Das ist überall dort der Fall, wo Vertreter deutscher Theologie oder deutschen Kirchentums von dem Verhältnis zwischen den Völkern und von der Verständigung verantwortlich reden oder mit Vertretern der Theologie oder des Kirchentums der uns aussaugenden und bedrückenden Nationen sich begegnen. Hier bekommt die Forderung volle Wucht: durch allen künstlichen Schein der Gemeinschaft hindurchzustoßen und rückhaltlos zu bekennen, daß eine christliche und kirchliche Verständigung und Zusammenarbeit in den Fragen der Annäherung der Völker unmöglich ist, solange die Andern eine für unser Volk mörderische Politik gegen uns treiben. Wer da glaubt, der Verständigung heute anders dienen zu können als so, der verleugnet das deutsche Schicksal und verwirrt die Gewissen im Inlande und Auslande, weil er hier der Wahrheit nicht die Ehre gibt.
Professor D. P. Althaus, Erlangen
Professor D. E. Hirsch, Göttingen
Quelle: Theologische Blätter 41 (1931 ), S. 177f.
Zusatz des Herausgebers der Theologischen Blätter Karl Ludwig Schmidt:
Unmittelbar vor dem Umbruch der Juni.Nr. der Th Bl ist mir die vorliegende Erklärung zugegangen. In einem Begleitschreiben heißt es:
„Die Erklärung geht nur einer sorgfältig begrenzten Auswahl von solchen Zeitschriften und Zeitungen zu, die dem einen oder dem anderen von den beiden Unterzeichneten, sei es nach ihrer vaterländischen, sei es nach ihrer kirchlichen Gesinnung nahestehen. Es ist anzunehmen, daß sie eine gewisse Diskussion hervorrufen wird. Als Datum des Erscheinens nennen wir Ihnen gleichzeitig den 2. Juni oder bei nicht täglich erscheinenden Organen die nächste nach dem zweiten Juni erscheinende Nummer. Wir bitten um ungekürzten Abdruck. Sollte ein solcher nicht möglich sein, so bitten wir, den Abdruck ganz zu unterlassen.“
Es war mit kein Zweifel, daß ich im Hinblick auf die Bedeutung der beiden Verfasser ihrem Wunsche nach sofortigem Abdruck Folge zu leisten hätte. Indem ich bedaure, schon aus rein technischen Gründen nicht in der Lage zu sein, meine Stellungnahme näher zu begründen, möchte ich nicht versäumen, es auszusprechen, daß ich die Erklärung theologisch, kirchlich, politisch und menschlich für unmöglich halte.
Ihr Gehalt läßt sich zusammenfassen in den Satz: deutsche Theologen müssen, wenn sie verantwortlich zu Theologen der uns feindlichen Völker reden, unter allen Umständen und als conditio sine qua non aller weiteren Verständigung und Zusammenarbeit die Anklage gegen die von diesen Völkern seit 1914 gegen Deutschland geübte Politik zur Sprache bringen.
Dieser Satz ist theologisch unmöglich, weil er der Natur den Primat gibt, der nur der Gnade zukommen kann und darum übersieht, daß wir, gerade verantwortlich denkend und redend mit der Bereitschaft, auf den Nächsten zu hören, nicht darauf warten dürfen, daß der Nächste uns höre. Es ist kirchlich unmöglich, weil er die Einheit der Kirche unter dem unkirchlichen und darum unsachlichen Gesichtspunkt eines menschlichen Konflikts in Frage stellt. Er ist politisch unmöglich; denn wenn etwas Deutschlands Schicksal zu verbessern nicht geeignet ist, so werden es die in dieser Erklärung geforderten Anklagereden deutscher Theologen sein. Er ist menschlich unmöglich, weil es abgesehen von aller vom Evangelium und von der Kirche herkommenden Problematik als unerträglich zu bezeichnen ist, den Verkehr mit den Mitmenschen im Sinne dieser Erklärung unter das Zeichen eines einzigen noch so berechtigten Anliegens zu stellen.
Ergänzende Erklärung von Friedrich Niebergall und Martin Rade in der Christlichen Welt, Nr. 13 (1931):
1
Vorstehende Erklärung hat uns mit tiefem Bedauern und schmerzlicher Sorge erfüllt. Zwei angesehene Lehrer des christlichen Glaubens und deren christlichen Moral haben sie nicht etwa als Politiker oder als Mitglied einer Partei, sondern als Professoren der evangelischen Theologie abgegeben. Das beklagen wir und wir befürchten davon, daß viele im Gewissen dadurch verwirrt und in unchristlicher Haltung bestärkt werden. Denn in dieser Erklärung christlicher Theologen finden wir nichts von dem, was wir christlich nennen.
Kann man auch nicht von jedem nationalistisch befangenen Christen Verständnis für die Völkerwelt oder für die Menschheit verlangen, so doch wenigstens für die Christenheit, die sich über die nationalen Grenzpfähle hinaus erstreckt. Und ist es zuviel verlangt und auch gegen die Wahrheit im Zweifelsfalle die Alleinschuld auf sich zu nehmen, so gebührt es sich doch für Christen, sich allzeit mit andern Christen unter die gemeinsame Schuld zu stellen.
Von diesem Geiste merken wir in dieser Erklärung keine Spur. Hier spricht völkische Selbstgerechtigkeit nicht anders als in jedem nationalistischen Parteiblatt. Wenn wenigstens noch ein Verkehr mit Einzelnen aus den feindlichen Staaten gestattet wird, so ist das eine allzu bescheidene Konzeption. Die nationalistischen Pateiblätter haben es auch nicht versäumt, sich diese Stimme aus dem christlichen Lager zunutze zu machen.
2
Die Leitgedanken der hier angegriffenen Bewegung lassen sich in folgenden Sätzen zusammenfassen:
Christen übertragen die Vorschriften der Privatmoral auf die Beziehungen zu den anderen Völkern. Sie wissen, daß vor Gott kein Volk besser ist als das andere und daß alle Völker gleicherweise seine Geschöpfe und seine Kinder sind. Alle haben Schuld, auch wir Deutsche – am Kriege von damals und an der heutigen Weltnot; denn auch wir haben Gott losgelassen und gesündigt in verblendetem Nationalismus und in blödem Haß. Und in dieser gemeinsamen Menschenschuld müssen wir einander vergeben, wie wir uns von Gott vergeben lassen. So wird aus dem Glauben heraus das Böse überwunden und Versöhnung angebahnt.
Christen sehen überall das Auge des Bruders auf sich gerichtet. Sie schauen auch, was Gott noch aus den Völkern machen will; denn sie glauben an das Göttliche und an sein Wachstum überall. Darum ersetzen sie Mißtrauen durch Vertrauen, Machtgier durch Brudersinn, nationalen Hochmut durch die Ehrfurcht voreinander. Sie versuchen zusammen zu kommen, damit sie sich kennen lernen, anstatt sich zu fürchten und zu mißtrauen. Und das alles aus reinem Glaubensdrang heraus, weil Gott uns in Christus liebt.
Der Erfolg ist ganz gleichgültig. Es handelt sich ja nicht um Mittel für einen politischen Zweck, sondern um die Folge aus einer christlichen Haltung. Es handelt sich nicht um Politik, sondern um Gehorsam gegen Gott. Weil Christen Frieden in sich haben, suchen sie Frieden mit dem Nächsten und auch in der Völkerwelt. Die Verschiedenheiten, die der Schöpfer in jedes Volk gelegt hat, sollen nicht zu Gegensätzen und Feindschaften werden und wo sie das werden, haben wir aus allen unseren Kräften und Einsichten uns dagegen zu stemmen.
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