Hans Joachim Iwands Predigtmeditation über Kolosser 3,1-4: „In und mit der Himmelfahrt Christi hat die Welt ihr endgültiges Oben erhalten, und damit ist auch ihr endgültiges Unten bestimmt und abgegrenzt.“

Predigtmeditation über Kolosser 3,1-4 (Himmelfahrt)

Von Hans Joachim Iwand

In letzter Zeit haben einige Bemühungen eingesetzt, um den Hintergrund des Kolosserbriefes, vor allem die hier auftretende Irrlehre, die sich offenbar als christliche Philosophie bzw. Naturphilosophie ausgab, deutlicher herauszuarbeiten. Hier ist E. Käsemann „Eine urchrist­li­che Taufliturgie“ in: Festschrift für R. Bultmann, und vor allem G. Bornkamm: „Die Häresie des Kolosserbriefes“ (1948, heute in: Das Ende des Gesetzes. Paulusstudien S. 139 ff.) zu nennen, wenn er am Schlusse mit der „überraschenden Tatsache“ endet, daß „in einem durch­aus geschichtlichen Sinn Goethe der letzte, jedenfalls wohl der größte Vertreter der kolossi­schen Irrlehre ist“, so bezieht er sich dabei auf Goethes Naturreligion (Gespräch mit Ecker­mann 11. März 1832). Dazu treten die etwas älteren Untersuchungen von M. Dibelius, die nach seinen hinterlassenen Aufzeichnungen, besonders zu Kolosser, durch H. Greeven ergänzt wurden (Handbuch zum NT, Kol. Eph. Phil. 1953) und der ausführliche, interessante Kom­mentar von E. Lohmeyer zu Kol., der schon 1930 erschien. Besonders zu erwähnen ist aber E. Lohmeyer: SYN CHRISTO in der Festgabe für A. Deißmann 1929, außerdem zu den „Ele­menten der Welt“ im Anschluß an Gal. 4,3: H. Schlier, Der Galaterbrief 1941. S. 133. Das ist nur ein kleiner Hinweis auf die bedeutsame Bewegung, die seit dem Aufkommen der reli­gionsgeschichtlichen Schule einsetzte, um den gnostisch-hellenistischen Hintergrund der Hae­resien neutestamentlicher Zeit deutlicher herauszustellen. Aber noch ist kein endgültiges Re­sultat kein befriedigender Abschluß erreicht. Vielleicht ist das Gefüge unserer christlichen Begriffe zu eng, zu modernistisch, um die weite und Stoßkraft dieser urchristlichen Auseinan­dersetzung, die für unseren Brief besonders ins Gewicht fällt, ganz zu ermessen. Interessant und der Sache nahekommend dürfte das sein, was O. Spengler (Untergang des Abendlandes II) über die „Probleme der arabischen Kultur“ ausgezeichnet hat. Es geht vielleicht in unserem Brief wirklich um den Gegensatz zwischen dem „magischen Wachsein“, das schließlich zum „islam“ führte, und jenem ganz anderen „Mitauferweckt sein mit Christus“, welches ein neu­es, weil sieghaftes, eschatologisches Oben und Unten setzte, worin die Zeit, das „Noch-Nicht“ und das „Schon“ eine bedeutende Rolle spielen, während der Schauplatz im magischen Welt­bild räumlich, zeitlos, schicksalhaft und statisch verstanden ist. wichtig für diese Fragen des Weltbildes, Himmel und Erde, Eben und Unten sind K. Barths Ausführungen KD III, 3 über das Himmelreich bes. S. 511, wo Kol. 3,1 „die maßgebliche Definition des Himmels“ genannt wird. Dazu kommen die Ausführungen über das „Zusammensein in einer Distanz“ in KD II, 1 mit ganz neuen Einsichten über die „Räumlichkeit“ der Schöpfung, Allgegenwart Gottes usw. Aber auch an KD II, 2 S. 644 möchte ich hier erinnern, wo das „Suchet, was droben ist“ eine ausgezeichnete christologische Auslegung erfährt. Es arbeiten offensichtlich exegetische und systematische Forschung auf. einander zu, aber man kann noch nicht sagen, daß die im dunk­len Stollen aufeinander zustrebenden Bemühungen schon einander getroffen hätten.

Was die Verkündigung selbst anlangt, so sind hier zu nennen die geradezu klassische Predigt „Suchet was droben ist“ in „Komm Schöpfer Geist“ (Barth-Thurneysen) und zwei Meditatio­nen, die beide in ihrer Art beachtenswert sind: W. Trillhaas 1948 und G. Bornkamm 1953, beide in den Göttinger Predigtmeditationen zum Himmelfahrtstage. G. Bornkamm kommt in seiner Meditation auf sehr ähnliche praktische Grundgedanken heraus, wie sie in der vorge­nannten Predigt ausgesprochen sind. Schließlich darf vielleicht zu dem dogmatischen Thema dieses Festtages, also im Blick auf das „ascendit ad coelos, sedet ad dexteram Dei Patris omnipotentis“ an K. Barths Credo, Vorlesung 11, erinnert werden, wo besonders das „Sitzen zur Rechten Gottes“ näher ausgeführt ist. Ähnlich, noch deutlicher auf „Himmelfahrt“ bezo­gen „Dogmatik im Grundriß“ 19. Vorlesung, „Aufgefahren gen Himmel“.

I.

Dieser Text gehört nicht zu denen, die sich uns leicht erschließen. Zwar ist er uns seinem Wortlaut nach bekannt, er wird häufig zitiert, gehört zu den Stellen, die im Neuen Testament fettgedruckt sind (freilich, was bezeichnend ist, ohne V. 1a) und deren Wortlaut sich uns seit dem Konfirmationsunterricht eingeprägt hat. Aber dieser scheinbar leicht zugänglichen, für eine Himmelfahrtspredigt „wie geschaffenen“ Bekanntschaft mit dem Text steht eine Überle­gung gegenüber, die sich daraus ergibt, daß unsere Verse nicht in der künstlichen Isolierung gemeint sind, in die sie die Perikopenordnung gebracht hat. Sie stehen in einem viel weiteren Zusammenhange, den die einen von 2,8-3,17 fassen unter dem Gesamttitel: „Urchristlicher Glaube und Elementenphilosophie“ (E. Lohmeyer), während andere den Ruf zum „sittlichen Leben“ als Generalthema bestimmen, so Dibelius: „Euer sittliches Leben muß neugestaltet werden“, oder Rendtorff: „Mahnung zum Leben in Christo“ (2,1-4,6). Jedenfalls bilden unsere Verse den Abschluß (vgl. G. Bornkamm, Meditation) einer sehr dunklen, für uns schon in der Übersetzung schwierigen, in dem Sachverhalt aber fast unzugänglichen Auseinandersetzung des Apostels mit einer in Kolossae auftauchenden, pseudochristlichen Philosophie oder Welt­anschauung. Ein „Himmelfahrtstext“ ist unsere Stelle von Hause aus jedenfalls nicht, eher, was wichtig zu beachten ist, ein Tauftext, wie das aus 2,11 deutlich hervorgeht (vgl. auch E. Käsemann: „Eine urchristliche Taufliturgie“). Eher könnte man schon sagen, daß die Taufe, die Existenz der Christen als „Getaufter“ mit der Himmelfahrt Christi und seinem Sitzen zur Rechten Gottes aufs engste zusammenhängt und so dann auch der sachlich gerechtfertigte Bezug unserer Textstelle zum Himmelfahrtsfest gegeben ist. Aber die Predigt am Tage der Himmelfahrt Christi sollte nicht von dem „Grundgedanken“ dieses Festes ausgehen, sondern umgekehrt: dieses Fest müßte sich gerade darin als ein christliches Fest erweisen, daß der Text und mit ihm das Wort über jede vermeintlich christliche, wenn auch dogmatisch noch so kor­rekte und symbolkräftige Festauslegung triumphiert. „Das Wort sie sollen lassen stahn“, auch unsere christlichen Festprediger! Denn es ist eben nicht der angeblich tiefsinnige Kreislauf des Kirchenjahres und das als metaphysisches Drama gedeutete und eben darin gründlich verfälschte Sterben und Auserstehen des Gottmenschen, worauf wir uns in der Verkündigung beziehen — das Fest der Himmelfahrt Christi steht in einer gefährlichen Nähe zu solcher Fehldeutung, zumal seit die Parole vom christlichen Abendlande die Mentalität der westlichen Bewohner Europas erfüllt — sondern es ist die Schrift und der Text in seinem unverrückbaren Zusammenhänge, die unsere Verkündigung formal und inhaltlich bestimmen sollten. Sonst wird sie, auch da, wo wir meinen, dogmatisch korrekte Ausdeutung des hinter dem Fest ste­henden „Heilsgeschehens“ zu geben, nichts anderes bedeuten als eben das, was gerade in unserem Briefe von Paulus als „Philosophie“ und „menschliche Überlieferung“ gerügt wird. Es ist unendlich schwer (wenn nicht gar unmöglich), in einer solchen Festtagspredigt nicht philosophisch-spekulativ oder kirchlich-traditionell zu verkündigen, wenn nicht der Text wäre, an den wir uns halten und klammern dürfen. So als ob wir sagten: wir wissen nicht, was die Himmelfahrt Christi bedeutet, alle von uns her versuchten Ausdeutungen und Erklärungen enden ja doch — auch die allerbesten und klügsten — eben da, wo der menschliche Verstand, wo die monistischen Weltbilder der Griechen oder die dualistischen Spekulationen Asiens (Parsismus) enden und enden müssen. Je höher der Flug, desto tiefer der Sturz. Wir von uns aus können ganz gewiß nicht mit unseren Gedanken dorthin reichen, wo Christus ist! Darum die bestimmte Zuordnung von Fest und Text. Nicht das Fest legt den Text aus, sondern der Text legt Gottes Wort und damit Gottes Tun und Vermögen aus. Das kirchliche Fest ist nur der Rahmen, der dem Außergewöhnlichen, dem Aufmerksamkeit-Heischenden der Botschaft vom Sitzen Jesu Christi zur Rechten Gottes entspricht.

II.

Versuchen wir kurz, den Hintergrund zu zeichnen, auf welchem sich hier das Bekenntnis zu Tod und Auferstehung Jesu Christi abhebt. Es handelt sich um das Spezifische der kolossi­schen Irrlehre.

Das muß eine höchst seltsame, in ihren Widersprüchen für uns schwer zusammenzureimende, „gnostisch-spekulative“ Bewegung gewesen sein, die diese kleinasiatische Gegend, besonders wohl die Stadtbevölkerung von Kolossae, Laodicea und Hierapolis (4,13 ff.) ergriffen hatte. Es geht offensichtlich um eine religiöse Deutung des Verhältnisses des Menschen zum „Kos­mos“; der Kosmos wird als etwas Ganzes, Totales, als Schicksal erlebt und neu empfunden, und zwar der Kosmos als Raum, als Leere, als „Höhle“, in welche die Menschen sich ausge­setzt fühlen. Dieser Weltenraum ist nicht naturwissenschaftlich, sondern magisch-religiös verstanden. Er ist bevölkert von Engeln und Dämonen, von unsichtbaren Mächten und Gewal­ten; ein strenger Dualismus von Licht und Finsternis obwaltet in dem Ganzen; der Mensch aber wird sich bewußt als Kampfplatz zwischen den Geistern der Höhe und den Mächten der Tiefe, denen, die ihn nach oben ziehen, und denen, die ihn nach unten reißen. Die Vernunft, mit der das Griechentum diesen Kampf zu rationalisieren versucht hatte, ist ausgelöscht. Ele­mentar-Kräfte, magische Gewalten, haben die Entscheidung an sich gerissen. „Die Welt des magischen Menschen ist von einer Märchenstimmung erfüllt. Teufel und böse Geister bedro­hen den Menschen, Engel und Feen schützen ihn. Es gibt Amulette und Talismane, geheim­nisvolle Länder, Gebäude und Wesen, geheime Schriftzeichen, das Siegel Salomons und den Stein der Weisen. Und über alles ergießt sich das höhlenhafte, schimmernde Licht, das immer davon bedroht ist, durch eine gespenstische Nacht verschlungen zu werden“ (G. Spengler, Untergang des Abendlandes II. Probleme der arabischen Kultur S. 287). Dieses mit unerhörter Gewalt aufbrechende Gefühl der Weltangst, des Preisgegebenseins und Ausgeliefertseins an elementare Mächte und Gewalten (stoicheĩa toũ kósmou) schreit förmlich nach einer dem Menschen Sicherheit und Geborgenheit gebenden Erlösungsreligion. Dabei müssen die von magischen Riten und gnostischen Mythen gelenkten und beeinflußten Menschen hin- und her­geschwankt haben zwischen strengsten asketischen Übungen und zuchtlosen Ausschweifun­gen, sonst wären die wiederholten Hinweise des Apostels auf die ungebrochene Mächtigkeit des „Fleisches“ (2,18.23; 3,5 ff.) unverständlich. Diese Religionen und Kulte erliegen immer aufs neue der complexio oppositorum, ihr Nomismus ist nur die stets umschlagbereite Kehr­seite des Antinomismus und umgekehrt. Nicht zufällig sind gerade hier — in Kleinasien — die Säulen- und Wüstenheiligen, die Derwische und Fakire zu „religiösen Führern“ geworden. Dieser ganze Komplex eines dunklen, wirren Treibens, welches sich über dem Abgrunde einer alle Vernunft lahmlegenden Weltangst vollzieht, bildet den Hintergrund unseres Textes. Ein bunt schillernder Synkretismus, gespeist vom Gefühl der Angst, täuscht hier eine Univer­salreligion vor, welcher die Christen zu erliegen drohen und später, nach langen Kämpfen, auch faktisch im Islam erlegen sind.

III.

Gegen diese kosmisch verstandene Engel- und Dämonenlehre ist offensichtlich das gesagt, was wir in unserem Text lesen. Man muß das klare, kompromißlose Nein heraushören, das „Tötet eure erdverhafteten Organe“ von Kol. 3,5 ff., man muß die Axt sehen, die hier an die Wurzel gelegt wird, um den Einsatz, die Wucht und die Ausrichtung dieser vier bedeutsamen Verse zu ermessen, wir stehen hier in der Tat an der Wegscheide. Hier können wir in concreto ermessen, was das Bekenntnis zu Christi Himmelfahrt, zu dem Christus, der „zur Rechten Gottes sitzt“, in seiner ursprünglichen Konzeption bedeutet. Eben nicht einen neuen, vielleicht umfassenderen, personalistischen, ethisch ausgerichteten Mythos, der nun in Konkurrenz mit den anderen träte, sondern ein klares Sich-Absetzen, ein sauberes und entschiedenes Nein zu diesen Versuchen der Selbsterlösung, zu den Irrlichtern, die über dem Sumpf der menschli­chen Verlorenheit ihr fahles Licht verführerisch ausbreiten. Von Ostern her, von der Aufer­stehung Jesu Christi von den Toten her, in der „ihr mitauferstanden seid“, haben alle diese Lichter ihren Schein verloren, sollten sie jedenfalls ihn für euch verloren haben. Denn ihr seid doch mitgestorben! Der Tod Jesu sollte euch doch gefeit haben, von diesen traurigen Ersatz­lösungen Gebrauch zu machen, die die Menschen sich in ihrer Gottesferne und Weltverloren­heit zurechtmachen, in der sich echte Sehnsucht und menschlicher, genauer gesagt, mystago­gischer Betrug unentwirrbar miteinander mischen. Mit Christus gestorben sein hieße also: Ihr sollt da hindurchgehen wie die Toten, ohne daß euch das noch etwas anhaben kann! Eher soll­ten diese Kulte und Mythen Tote auferwecken, ehe sie euch beeinflussen, euch verführen, euch etwa wankend machen könnten. Denn ihr habt ja das Original, was können euch da noch diese Ersatzlösungen, diese Attrappen imponieren! Ihr seid doch auferstanden! Ihr seid doch die, die „aus dem Tode ins Leben gekommen sind“ (1. Joh. 3,14; Joh. 5,24), ihr werdet doch nicht den Realismus des Glaubens an solche illusionären Wahnbilder preisgeben. Hier bleibt gar nichts übrig, als daß ihr euch absetzt von diesem „hohlen Betrug menschlicher Sat­zungen“ (2,8). Die Berufung auf den zur Rechten Gottes erhöhten Christus fügt also den vor­handenen Mythen nicht etwa einen weiteren hinzu, sondern zerreißt den Nebel, in den sich die Christenheit eingefangen sieht. Die Wirklichkeit Gottes, seine Fülle, liegt in Jesus Christus und nicht im Kosmos, der ja erst durch ihn geschaffen ist (1,16), was auch immer für lichte und dunkle, für helfende und für bedrängende Gewalten im Kosmos ihre Macht spielen lasten, in Jesus Christus haben sie dank seiner Einsetzung zur Rechten Gottes ihr Haupt und damit ihren Herrn bekommen. In und mit der Himmelfahrt Christi hat die Welt ihr endgültiges Oben erhalten, und damit ist auch ihr endgültiges Unten bestimmt und abgegrenzt. Alles, was nicht von Christus herkommt und nicht auf ihn hin tendiert, ist unten und von unten und ist damit dem Zorngericht preisgegeben. Erst durch Jesus Christus, durch seine Erhöhung und Einset­zung in Gottes Weltregiment ist Ordnung in der Welt eingetreten. Die wahre Weltordnung ist keine kosmisch-immanente, sondern eine eschatologische! Die Welt als ganze ist und bleibt bezogen auf das endgeschichtliche, das sein und unser Geheimnis enthüllende Offenbarwer­den des Herrn als Weltenherrscher und Weltenrichter. Mit seiner Auferstehung ist diese Ordnung entschieden, ist entschieden, was oben und was unten ist, ist auch in eurem Leben diese Entscheidung gefallen. Denn seine Auferstehung hat „durch die Kraft Gottes, der ihn von den Toten erweckte“, das Leben nach oben und den Tod nach unten gebracht. Damit sind an einer bestimmten Stelle, an dem „Erstgeborenen der ganzen Schöpfung“ (1,15) die kosmi­schen Lebensgesetze, die Regeln (dógmata 2,14) der als Fleisch sich darstellenden und ausle­benden somatischen Wirklichkeit (2,11) ausgehoben, durchbrochen. Sünde und Tod sind nicht mehr das, was oben ist, sie sind unterlegen. Das Leben, die Vergebung, der Geist haben die Oberhand gewonnen. Die Weltangst, durch die die Mächte und Gewalten die Sterblichen be­herrschen, hat ihr reales Fundament verloren, sic ist irreal und irrational geworden. Dieser Nebel ist von der Ostersonne vertrieben und im Lichte dieses Ereignisses sollten doch nun auch wir uns den Schlaf aus den Augen reiben und alles das, was dank Jesu Christi, seinen» Leiden und Auferstehen, vor und bei Gott Wirklichkeit geworden ist — hier sollten wir in Sonderheit an das 1,18-23 Gesagte denken — auch in unseren Augen und in unseren Ansich­ten (phroneĩte!) Wirklichkeit sein lasten, wir sollten das sehen und hören, freilich wie Blinde sehen und wie Taube hören, nicht als etwas Selbstverständliches, sondern als Evangelium (1,23), daß das Leben oben ist und der Tod unten, daß Gott der Herr ist und sein Sohn Jesus Christus zu seiner Rechten fitzt, und die Mächte und magischen Gewalten, die die Weltangst erzeugen und selbst Erzeugnisse dieser Weltangst sind, unten sind. Mitauferstanden heißt also, daß wir in einer bestimmten, freilich nicht sichtbar nachweisbaren, nicht von der Welt erkennbaren Weise durch Jesus Christus mit dieser Wirklichkeit, mit dem „was oben ist“ ver­bunden sind, daß der Mensch qua Mensch sein woher und sein wohin nicht aus dem Kosmos ablesen darf, sondern aus dem Evangelium, also von dem, der der Herr des Kosmos ist. Der Mensch Jesus Christus ist auferstanden, dieser Mensch ist erhöht zur Rechten Gottes. Am Menschen, an ihm und darum auch an uns, hängt die Verheißung der Herrschaft und des Sie­ges über die Mächte und Gewalten der Tiefe. Zu diesem Geschlecht, dessen „Erstgeborener“ (1,15) zur Rechten Gottes sitzt, gehören wir. Daß dies noch offenbar werden muß, daß das Geheimnis des Menschen im Kosmos einmal kein Geheimnis, sondern offenbare Wirklichkeit sein wird, das bedeutet, das verbürgt Christi Himmelfahrt.

IV.

Dies ist die einheitliche, in ihrem Ja und Nein klar umrissene Position des mit Gott rechnen­den, sich auf Gottes Kraft und Vermögen gründenden Glaubens, die der Apostel hier gegen­über der kosmischen Erlösungsreligion mit ihrem Dogmatismus (2,21), Asketismus (Speise­gebote, Enthaltsamkeitsgebote 2,22), ihrer erzwungenen, künstlichen Weltentsagung und fak­tischen Weltgebundenheit entgegensetzt. „Ein Christenmensch ist eyn freyer Herr über alle ding vnd niemandt vnterthan“ … „so ists offenbar, das keyn euszerlich ding mag yhn frey noch frum machen, wie es mag ymmer genennet werden, denn seyn frumkeyt vnd freyheyt, widerumb seyn böszheyt vnd gefencknisz seyn nit leyplich noch euszerlich“ (Luther, Freiheit eines Christenmenschen).

Aber es bleiben noch zwei Punkte, die wir deutlicher herausheben muffen, zwei Punkte, die aufs engste mit dem seltenen, aber bedeutsamen cmv Zusammenhängen, welches hier im Unterschiede zu dem sehr viel häufigeren ev in der Verbindung mit Christus austritt. Auf diesen Unterschied im Gebrauch der beiden Präpositionen hat uns E. Lohmeyer hingewiesen. v bedeutet hier nicht „bei“ und „in Gemeinschaft von“, so daß es sich für Paulus kaum um einen mystischen Prozeß des Sterbens und Auferstehens mit Christus handeln dürfte, sondern v heißt eher „mit Hilfe von“, es bedeutet die Identifikation dessen, was mit Jesus Christus geschehen ist, und dem, was uns gilt. In ihm hat uns das Gottesurteil Gottes getroffen, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, in ihm sind wir durch Gott ins Leben, in die „Neuheit des Lebens“ erweckt und wiedergeboren, denn „das ist ja auch um unseretwillen so, denen es zugerechnet werden soll, uns, sofern wir an den glauben, der Jesus unseren Herrn von den Coten auferweckte, der um unserer Fehler dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt wurde“ (Röm. 4,24). was mit Christus geschehen ist, ist uns geschehen, und was an uns geschehen sollte, ist mit Christus geschehen.

Daraus ergeben sich die beiden noch zu klärenden Punkte. Einmal geht es um den Imperativ: „trachtet“ oder, wie es V. 2 heißt: „richtet euren Sinn auf das, was oben ist“. Dieser Imperativ ist hier, wie überall, wo es um das Evangelium geht, einem Indikativ zu- und untergeordnet. Die Rechtfertigung geht voran, sonst könnte die Heiligung nicht folgen. So aber muß die Hei­ligung folgen. Die sogenannten „ethischen“ Imperative des Neuen Testaments nehmen das Künftige vorweg. Sie rufen uns auf, zu verwirklichen, bei uns und auf Erden, was „oben“, das heißt bei Gott, durch Jesus Christus als unser Leben und unser Sieg und unsere Gerechtigkeit bleibende, durch nichts mehr in Frage zu stellende Wirklichkeit ist. „Gottes Reich kommt wohl ohne unser Gebet von ihm selbst, wir bitten aber in diesem Gebet, daß es auch zu uns kommen möge“. So sollen diese Imperative verstanden werden. Trachtet danach, daß die mit dem Sieg und der Erhöhung Jesu Christi gesetzte Wirklichkeit sich nun auch in eurem Leben auf Erden als sieghaft und herrschend erweist und durchbricht, daß das Leben über den Tod, die Gerechtigkeit über die Ungerechtigkeit, das Erbarmen über den Haß, das Geben über dem Neid, das Gesetz des Himmelreichs über die Leidenschaften der Erdverflochtenheit und die Praktiken des alten Menschen (3,9) siegen. Geht bei allem, was sein soll, aus von dem, was schon ist: „es ist gar nicht so, daß ihr nach dem, was droben ist, erst suchen müßtest, wie man nach irgend etwas anderem sucht, was man nicht hat, sondern hier fängt das Suchen an mit dem Gefundenhaben“ (K. Barth). Diese Imperative beziehen ihr Recht aus einer Tatsache, freilich einer nur in Gott und für den Glauben an Gott gültigen Tatsache, daß die Welt, wie sie sich hier unten, „auf der Erde“ zeigt, erledigt, überwunden, daß wir als alte Menschen mit ihr und sie als alte Welt in uns von Gottes Zorn im Tode Christi getroffen und besiegt ist. Unser Suchen und Trachten muß ja nun — fast möchte man sagen, zwangsläufig — darauf ausge­hen, das Leben hier unten nicht mehr in seinem eigenen Lichte und seiner Eigengesetzlichkeit ernst zu nehmen, sondern im Lichte dessen, was droben ist.

Man kann ein Christ, ein mit Christo Auferstandener nur sein, indem man nicht ist, was man ist, und ist, was man nicht ist. Es geht wirklich ein Schwert mitten durch uns hindurch, nur als die Sterbenden werden wir leben, als die Armen reich sein, als die Nichts-Habenden andere reich machen. Das ist das Lebensgesetz im Reiche dieses zur Rechten Gottes erhöhten Herrn, unseres Herrn und Retters!

Es ist in Wahrheit sein Lebensgesetz (1,24). Und das eben ist der zweite noch zu klärende Punkt. Dieses unser Leben ist verborgenes, nicht „in“, sondern „mit“ Christo in Gott verbor­genes Leben. „Noch ist nicht erschienen, was wir sein werden“ (1. Joh. 3,2). Hier tut sich also ein Unterschied auf zwischen der „Erscheinung“ und der wirklichen Welt Gottes. Diese Er­scheinungswelt reicht offensichtlich bis in uns selbst hinein, sie umfaßt nicht nur die Welt der reinen, sondern ebenso die der praktischen Vernunft, nicht nur unser Welt-, sondern auch unser Selbstverständnis, sie umfaßt alles, was Christus nicht ist! Denn was ist, ist in ihm und durch ihn! Darum lebt der Glaube im Verborgenen. Er weiß um das Leben im Leben, um die wahre Wirklichkeit innerhalb der Erscheinungen Flucht, um das Kommende im Gegenwärti­gen, um das Ewige in der Zeit, das Bleibende im Vergehenden. Für ihn ist die Welt nicht Hohlraum, nicht statisches, unvergängliches, ewiges Sein, sondern sie untersteht dem Kom­men und Gehen und wiederkommen ihres Herrn! Ihre Zeit ist von daher bemessene Zeit, bemessen durch den, den wir nicht sehen. Sie hat ihre Zeit, solange als er seine Herrschaft unsichtbar ausübt. Dennoch ist die Umkehrung schon jetzt unerhört. Das Leben ist das kom­mende, wir haben „mit Christus“ den Tod hinter, das Leben vor uns; indem wir von der Of­fenbarung des Todes Herkommen, gehen wir der Offenbarung des Lebens entgegen, des Lebens, das uns von dort her, von Gott her ergreifen und verwandeln wird, wie Gott Jesus ergriffen, verwandelt und erhöht hat. Solange wir uns und die anderen aus den kosmischen Gesetzlichkeiten begreifen und verstehen, muß uns der Tod als etwas Letztes erscheinen, als das, was „oben“ bleibt, und das Leben als das Zufällige, Vorübergehende, Vergängliche. Das Ende, das wir aus diesem irdischen Aspekt heraus vor Augen haben, muß den Tod als den Herrn aller Dinge Herausstellen, die Nutzlosigkeit und Sinnlosigkeit aller unserer Freuden und Schmerzen, aller Lust und aller Qual. Die Erhöhung Jesu Christi zur Rechten Gottes be­deutet, daß am Ziel unseres Weges, des Weges der ganzen Menschheit und alles Geschaf­fenen wie Ungeschaffenen der Christus und damit unser Leben stehen wird, das Leben, das auf uns wartet, wenn anders wir die Kraft und die Hoffnung bewahrt haben, auf es zu warten.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Predigtmeditationen. Zweite Folge, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht o.J. [1973], S. 174-183.

Hier der Text als pdf.

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