Karl Barth 1933 über „Luthers Wissenschaft“ im Anschluss an Psalm 130: „Ein solches Diktat des Herrn über Leben und Tod hat im Raum des Menschen stattgefunden.“

Von Karl Barth erschien im November 1933 aus Anlass des 450. Geburtstags Martin Luthers folgender Aufsatz:

Luthers Wissenschaft (1933)

Von Karl Barth

Das Wort Wissenschaft soll hier in dem guten alten Sinn des Begriffs gebraucht sein. Gemeint ist also: die klare und gewisse Erkenntnisnote, wie Luther sie besaß, sichtbar zu machen und Anderen zu vermitteln verstand. Man redet in der besten Absicht an Luther vorbei oder um  Luther herum, solange man die einfache Tatsache nicht respektiert, wie sie respektiert sein will: dass Luther selbst sich ebenso schlicht wie selbstbewusst als Lehrer der christlichen Kir­che verstanden hat, dass er auch von seinen Zeitgenossen in Liebe und Hass von da aus ver­standen worden ist und dass eben dies auch für uns, die Nachfahren, wie wir auch zu ihm stehen mögen, die einzige wirklich ernsthafte Frage ist, die Luther uns zu stellen hat und die man anlässlich einer Lutherfeier zu beantworten versuchen mag: Luthers Wissenschaft als Lehre der christlichen Kirche – kennen wir sie? verstehen wir sie? geht sie uns an? in wel­chem Sinn und Maß mag sie unsere eigene Wissenschaft sein oder werden?

Ich darf kurz sagen, um was es geht. Man kann Luthers Wissenschaft – unverbindlich aber gemeinverständlich – als eine besondere Wissenschaft vom Dransein des Menschen verste­hen. Sie fängt grundlegend damit an, dass der Mensch einsieht: er ist sich selbst nicht über­legen; er kann sich selbst also nicht betrachten; er kann nicht über sich selbst reden, er kann sich nur aussprechen. Und das darum, weil er angefochten und zwar so gründlich angefochten ist, dass sein Wort nur noch ein Akt der Notwehr sein und dass seine Notwehr nur noch in eben diesem Wort bestehen kann. Aber eben dieses sein verzweifelt ausgestoßenes Wort ist nun doch gerade kein Wort der Verzweiflung, sondern das Wort einer alle Verzweiflung durchbrechenden, mitten aus aller Verzweiflung hervorbrechenden noch viel gründlicheren Zuversicht. Nicht als ob er nun doch noch in sich selber einen letzten Halt entdeckt und ergriffen und so im letzten Augenblick das Gleichgewicht wieder gefunden hätte. Das Wort, in |14| welchem er sich ausspricht, ist vielmehr die ausdrückliche Erklärung, dass er sein Gleichgewicht wirklich und endgültig verloren hat. Nicht aus der eigenen (äußeren oder inne­ren) Welt des Menschen kommt ja diese Anfechtung, sondern von dem Gegenüber selbst, an das er sich mit seinem Wort wendet. Der Mensch leidet an Gott. Darum ist er so gründlich angefochten, darum kann er sich selbst nicht zurechtfinden. Aber eben darum ist dieses Letz­te, dieses Einzige, was ihm übrig bleibt, sein Wort an dieses Gegenüber ein Wort der Zuver­sicht. Es ist das Wort des Gebetes. Als solches ist es vor allem Bekenntnis: dass der Mensch nichts, aber auch gar nichts zu seinem Schutz und zu seinen Gunsten geltend machen kann, dass er nur von der Güte eben dessen leben möchte, an dem er leidet und, wie er bekennt, mit Recht leidet. Eben zu diesem Gegenüber versieht er sich aber wirklich alles Guten. Es müsste nicht dieses Gegenüber sein und das Bekenntnis seiner Ohnmacht und Schuld vor ihm nicht so notwendig, wenn seine Zuversicht zu ihm nicht noch viel gründlicher wäre als die Anfech­tung, die er von ihm erleidet. Ein salto mortale? Nein, dieser Mensch ist einsichtig genug, um auf alle, aber auch alle Sprünge verzichtet zu haben. Seine Zuversicht ist kein Wagnis. Er wendet sich an Gott, weil und nachdem Gott sich an ihn gewendet hat. Weil unter dem göttli­chen Nein, das er zu erleiden hatte, schon verborgen war das heimliche Ja des einzigen Fein­des, der auch des Menschen einziger Freund sein kann und will. Er hat Gottes Wort gehört und es war Trost und Hilfe. Die Anfechtung geht weiter. Die Decke des göttlichen Nein bleibt über des Menschen Leben ausgebreitet. Die Zeit wird ihm lang. Aber derselbe Mensch, der wieder und weiter das göttliche Nein zu erleiden hat, ist als der, der das Ja unter dem Nein gehört hat, ein neuer Mensch. Nicht dass er mit Hilfe Gottes nun doch zur Harmonie sich durchgefunden hätte. So sagen es die Pfarrer, aber es ist nicht wahr. Er wartet auch nicht auf Harmonie. Er wartet auf Gott und das ist etwas anderes. Kraft dieses Wartens ist seine Zeit, so lang sie ihm wird, erfüllte Zeit. Verzweiflung? Nein. Sorge? Nein. Apathie? Auch nicht. Tief verborgene aber fröhliche Hoffnung! Sie muss sehr tief verborgen, sie muss aber auch sehr fröhlich sein, weil sie auf Gott gerichtet ist. In uns und um uns die Nacht eines Menschenle­bens und Menschheitslebens, das umso mehr |15| Schuld bedeutet, umso mehr dem Tod ver­fallen ist, je kühner und trotziger es sich selbst verwirklichen, je phantasievoller es sich selbst zum Besten interpretieren will. Aber wie Gott als das ewige Gegenüber des Menschen diesen ganzen Betrug und dieses ganze Elend durchschaut und aufdeckt, so ist er auch der Hirte und Hüter aller derer, zu denen er gesprochen, die ihn gehört haben. So wahr er Gott ist; er wird ihre Schuld und er wird den Tod von ihnen nehmen. Und er ist heute, heute schon der wahr­haftige Gott, auf den hoffend seine Leute heute, heute schon die heimlich Freien sind. Wie soll der Mensch, zu dem Gott gesprochen, der Gott gehört hat, anders dran sein als so, dass das Wort seiner Notwehr, sein Gebet aufsteigen muss zur einfachen Verehrung dessen, der nicht nur sein ewiges göttliches Gegenüber, der Schöpfer aller Dinge und Vater aller Men­schen, sondern der in seinem Wort auch ewig Gott für uns und in seinem heiligen Geist auch ewig Gott bei uns ist? Um dann erst recht nüchtern wieder herabzusteigen als Dank: Du bist uns gnädig! Und als Bitte: Lass uns deinen Weg unverdrossen und ungefährdet gehen!

Das ist des Menschen Dransein nach dem, was Luther – nicht etwa meinte, sondern klar und gewiss davon wusste. Ich habe die paar Sätze, in denen ich hier «Luthers Wissenschaft» wiederzugeben versuchte, nicht frei gebildet, sondern ich habe Luthers bekanntes Lied aus­geschrieben, so gut ich es verstand: «Aus tiefer Not schrei‘ ich zu dir …» Nicht nur dieses Lied, aber auch dieses Lied enthält ja sicher «Luthers Wissenschaft». Man muss freilich, um ganz zu verstehen, bedenken, dass Luther selbst dieses Lied und also seine Wissenschaft nicht etwa erfunden, sondern einfach dem 130. Psalm im Alten Testament nachgeschrieben hat. Und dass Luther den 130. Psalm selbst und die ganze Bibel nur als eine Nachschrift verstan­den hat, aufgenommen nach dem Diktat des Herrn über Leben und Tod, auf dessen Erkenntnis alles ankommt, wenn man wissen will, wie der Mensch dran ist. Der würde Luther am schlimmsten missverstehen, der die Wissenschaft, die er als Lehrer der christlichen Kirche vorgetragen hat, als eine Philosophie oder Weltanschauung, das heißt als einen Entwurf menschlichen Selbstverständnisses auffassen wollte. Ganz gleichviel, ob er sie als solche ablehnen oder bewundern würde! Hier ist gar nichts von Selbstverständnis, obwohl und indem es |16| sich hier gar sehr um das menschliche Selbst und sein Verständnis handelt. Hier wird abgelesen, nachgeredet, nachgeschrieben, was der Mensch sich über sich selber nicht selber sagen kann. Was er sich aus dem 130. Psalm sagen lassen muss, wie der Mann, der diesen Psalm schrieb, es sich von Gott selbst sagen lassen musste. Wir unsererseits können und dür­fen es uns vielleicht bei diesem Anlass von Luther sagen lassen. Man wird hier aber schwer­lich sachliche Belehrung empfangen können, ohne sich gleichzeitig methodisch belehren zu lassen: das ist das Geheimnis aller Geheimnisse bei Luther als Lehrer der christlichen Kirche: dass es für ihn ohne alle Diskussion gewiss ist: ein solches Diktat des Herrn über Leben und Tod hat im Raum des Menschen stattgefunden, und darum gibt es im Raum des Menschen solche Vorschriften wie den 130. Psalm, die nachzuschreiben uns geboten und heilsam ist. Zu ihnen laufe, wer laufen kann, wenn es uns um die Wissenschaft von des Menschen Dransein zu tun ist. Es gibt ja außer dem 130. Psalm auch noch andere solche Diktate des Herrn über Leben und Tod. Und darum noch viel andere Wissenschaft dieser Art. Luther hat uns mit sei­ner aus der Bibel abgelesenen, nachgeredeten, nachgeschriebenen Wissenschaft vorgemacht, was Theologie ist: unter allen Umständen Wissenschaft von dem, was Gott dem Menschen über ihn selbst zu sagen hat. Die Lutherfeier 1933 sollte nicht vorübergehen, ohne dass ein paar Menschen in dem mit so ganz anderer Wissenschaft beschäftigten Deutschland sich fragen möchten, ob Luther das unserem Geschlecht etwa umsonst vorgemacht haben sollte.

Quelle: Karl Barth, Lutherfeier 1933 (ThExh 4), München 1933, S. 13-16.

Hier der Text als pdf.

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