Rudolf Bultmanns „Rogate“-Predigt über Johannes 16,22-33: „Wollen wir die innere Freiheit von uns selbst gewinnen als Menschen, die nicht mehr zu dieser Welt gehören und die doch offen sind für die Begegnungen des Lebens, so müssen wir vor Gott einsam sein können.“

Rudolf Bultmann
Rudolf Bultmann

Am 30. Mai 1943 hielt Rudolf Bultmann  zum Sonntag Rogate in Marburg folgende Predigt über das Evangelium:

Predigt über Johannes 16,22-33

Von Rudolf Bultmann

Ihr habt auch nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. Und an dem Tage werdet ihr mich nichts fragen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: So ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er es euch geben. Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so wer­det ihr nehmen, daß eure Freude vollkommen sei. Solches habe ich zu euch durch Sprichwörter geredet. Es kommt aber die Zeit, daß ich nicht mehr durch Sprichwörter mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündi­gen von meinem Vater. An dem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, daß ich den Vater für euch bit­ten will; denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, darum daß ihr mich liebet und glaubet, daß ich von Gott ausgegangen bin. Ich bin vom Vater ausgegangen und gekommen in die Welt; wie­derum verlasse ich die Welt und gehe zum Vater. Sprechen zu ihm seine Jünger: Siehe, nun redest du frei heraus und sagst kein Sprichwort. Nun wissen wir, daß du alle Dinge weißt und bedarfst nicht, daß dich jemand frage; darum glauben wir, daß du von Gott ausgegangen bist. Jesus antwor­tete ihnen: Jetzt glaubet ihr? Siehe, es kommt die Stunde und ist schon ge­kom­men, daß ihr zerstreuet werdet, ein jeglicher in das Seine, und mich allein lasset. Aber ich bin nicht allein; denn der Vater ist bei mir. Solches habe ich mit euch geredet, daß ihr in mir Frieden habet. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

Unser Text ist für den heutigen Sonntag bestimmt worden als für den Sonntag »Rogate« d. h. »Betet«! Er will uns die rechte Art des Betens zeigen, wie Jesus sie den Jüngern in der Stunde seines Ab­schieds gelehrt hat; d. h. er hat sie nicht eigentlich belehrt, sondern er hat ihnen ver­heißen, daß sie einst in rechter Weise beten können und beten werden, – einst: »an dem­selben Tage«, genauer übersetzt: »An jenem Tage«. Was für ein Tag ist gemeint? Das müssen wir zuerst fragen, wenn wir erkennen wollen, was für ein Gebet gemeint ist. Denn wenn es uns zuteil wird, daß wir »jenen Tag« erleben, so wird sich die rechte Art des Betens von selbst einstellen.

I.

Welcher Tag ist »jener Tag«? Der erste Vers – vielen von uns gewiß aus Brahms’ Requiem wohlbekannt – sagt es: »Ihr habt nun Traurig­keit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.« Gesprochen sind diese Worte vor der Passion, und der Tag des Wiedersehens, den Jesus verheißt, ist der Oster­tag, Aber es ist der Ostertag in einer ganz be­sonderen Bedeutung. Zweimal heißt es in unse­rem Texte: »An jenem Tage«. Und wir müssen daran denken, daß dieses Wort »jener Tag« für die Urchristenheit noch einen ganz besonderen geheimnisvollen Sinn hatte. Man redete von »jenem Tage« ohne weitere Erklärung und meinte damit den »Tag des Herrn« d. h. den Tag seiner Wiederkunft, den Tag, an dem diese Welt ein Ende nehmen wird und ein neuer Himmel und eine neue Erde sein wird; da die Verheißung in Erfüllung gehen wird: »Siehe, ich mache alles neu!« Und das ist der Sinn der Worte Jesu, daß er sagen will: »Jener Tag«, der für die Welt das Ende bedeutet, der ist durch den Ostertag für die Glaubenden in geheimnis­voller Weise schon zur Gegenwart gemacht worden. Der Glaubende nimmt in seinem Glauben jenen Tag, an dem alles neu werden soll, gewissermaßen schon vorweg. Wie ist das möglich? Jener Tag, an dem alles neu weiden soll, ist von dem vorausgenommen, der selbst schon neu gewor­den ist, wie Paulus sagt: »Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur, das Alte ist ver­gangen; siehe es ist alles neu geworden« (2. Kor. 5, 17).

Das ist also das erste, was uns unser Text lehrt: Christ sein, glauben, heißt: Schon der Zeit dieser Welt vorangeeilt zu sein; heißt: Schon am Ende dieser Welt zu stehen. Für einen sol­chen Menschen gibt es das rechte Gebet. Aber der Verheißung des Gebetes geht die Verhei­ßung der Freude voraus, einer Freude, »die niemand von uns nehmen kann«, d. h. eine Freu­de, die nicht mehr von der Welt bedroht ist, weil der Glaubende der Welt gleichsam schon entnommen ist und über ihr steht, wie es ja im ersten Johannesbrief heißt: »Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat« (5, 4).

Vielleicht verstehen wir heute besser als sonst die Sehnsucht der alten Christenheit nach »je­nem Tage«, nach dem Tage des Endes der Welt, dem »lieben jüngsten Tage«, wie Luther zu sagen pflegte. Das ist der Tag, von dem Jesus sagt: »An jenem Tage werdet ihr mich nichts fragen«, d. h. dann werden alle quälenden Fragen verstummen, alle drückenden Rätsel gelöst sein. Das ist ja das Wesen der Freude, daß, wenn sie uns umfängt, alles Fragen aufhört und alles für uns selbstverständlich geworden ist. Kierkegaard stellt in einer Auslegung der Worte Jesu von den Lilien auf dem Felde und den Vögeln unter dem Himmel die Blumen und Vögel als die »Lehrmeister der Freude« hin, weil sie keine Fragen und Sorgen kennen.

Und dieser Tag, – eben »jener« Tag, an dem wir nichts mehr fragen werden, soll für uns Gegenwart sein? Jene Freude, die niemand von uns nehmen kann, soll die unsrige sein, die wir doch – und zumal heute – von Fragen, Sorgen und Ängsten erfüllt sind? Gewiß: Uns wird hin und wieder Freude geschenkt. Aber wir wissen auch, wie Hölderlin sagt: »Es kommt und es geht die Freude, doch gehört sie Sterblichen nicht eigen.« Und wir verstehen auch das Wort des Dich­ters, der im Augenblick erfüllter Freude wünscht, daß ihn jetzt schnell der Tod hin­wegnehme: »Jetzt bin ich ein Seliger! Triff mich ins Herz!« (C. F. Meyer); denn er weiß: Der Augenblick der Freude wird schwinden, der Alltag wird wieder grau sein, das Leben wird wieder voller Fragen und Sorgen sein.

II.

Welches ist denn die Freude, die niemand von uns nehmen kann? Es ist keine Freude an irgend etwas, was uns diese Welt und das Leben in ihr schenken kann, es sei das Köstlichste und Höchste. Es ist die Freude an dem, was jenseits der Welt ist; und wir erleben sie nur, wenn wir selbst jenseits der Welt stehen, wenn wir »jenen Tag«, den letzten Tag der Welt, schon für uns vorausgenommen haben.

Wohl sehnen wir uns alle nach einer Freude, die niemand von uns nehmen kann. Aber wollen wir sie ernstlich? Dann müssen wir uns eben dieses gesagt sein lassen, daß wir eine Freude wollen müssen, die nicht an dieser Welt haftet. Wir müssen uns das Merkwürdige klar­ma­chen, daß uns niemand angeben kann, welches denn der Gegen­stand solcher Freude ist! Woran wir uns denn freuen können und sollen! Denn alles, was wir als ihren Gegenstand nen­nen könnten, würde doch eben zu dieser alten Welt gehören. Und wenn viele Fromme seit alters sich solche Freude ausgemalt haben in ihren Phan­tasien von der Himmelsstadt mit den goldenen Gassen oder von den Chören und Reigen der Seligen, – so sind das alles doch nur Bilder, Symbole für eine Freude, die unaussprechlich ist. Es läßt sich kein Woran jener Freu­de nennen, die niemand von uns nehmen kann.

Oder läßt sich vielleicht doch eines nennen? Ja, eines können wir sagen: Es ist die Freude der Freiheit, – der Freiheit von der Welt, die Freude darüber, daß uns ihre Fragen und Sorgen im Innersten nichts mehr anhaben können, weil wir nicht mehr zu ihr gehören. Es ist die Freude einer Freiheit, die wir vielleicht verstehen können, wenn wir daran denken, daß uns einmal ein Wort verstehender und verzeihender Güte befreit hat von einer großen inneren Last, die wir mit uns herumschleppten, die uns bedrückte und auch in die schönsten Stunden Bitterkeit brachte. Welche Erleichterung, welche Freude, wenn das Wort der Vergebung die Vergangen­heit tilgte und uns frei machte! Wir freuten uns – woran? An nichts Einzelnem, an nichts Bestimmten; wir freuten uns, daß wir frei waren. – Oder wir haben es vielleicht erlebt, daß wir in unerträgliche Lebensverhältnisse – sei es mit, sei es ohne Schuld – verstrickt waren, und es kam ein Tag, der uns frei machte, – sei es durch eigenen Entschluß oder durch gün­stige Fü­gung; von uns sank die Vergangenheit, und wir waren frei, wir hatten Freude! – Vielleicht haben wir dergleichen erlebt, oder wenn wir es nicht selbst erlebt haben, so können wir es uns doch vor­stellen, wie einem solchen Menschen zumute ist, der wieder auf­atmen kann, weil er von seiner Vergangenheit, die ihn fesselte, befreit ist.

Danach können wir vielleicht begreifen, welches die Freiheit »jenes Tages« ist, der uns von allem befreit, womit uns diese Welt, dieses Leben fesselt und belastet. Überkommt uns nicht manchmal die Sehn­sucht nach solcher Freiheit? Nach Reinheit von allem, was unser Wesen trübt? Nach Einheit, heraus aus allem, was uns zersplittert? Und die Sehnsucht, die zuweilen in uns erwachen kann nach der ver­gangenen Kindheit und ihrer unbefangenen Heiterkeit, – ist sie nicht die Sehnsucht nach jener Freiheit von der Welt?

Aber wollen wir solche Freiheit wirklich? Wir müssen uns einge­stehen: Solche Freiheit ist im tiefsten Grunde die Freiheit von uns selbst. Denn alles, womit uns die Welt bindet, Gutes und Böses, Be­glückendes und Schmerzvolles, erhält ja seine bindende Kraft durch uns selbst; dadurch, daß wir uns an die Dinge hängen; dadurch, daß wir unsere Wünsche, unsere Süchte, unsere Lebenspläne haben, denen die Welt bald verlockend begegnet, bald halbe Erfüllung spendend, bald hemmend und vernichtend. Aus uns selbst erwachsen die Fragen und Sorgen hervor, weil aus uns selbst die Wünsche und Lebensent­würfe hervorwachsen. Soll für uns »jener Tag« kommen, an dem wir nichts mehr fragen werden, so muß er kommen als der Tag, an dem unser Eigenwille, der unsere Wünsche und Pläne hervortreibt, schweigt, als der Tag, an dem die Welt für uns versinkt.

Aber wollen wir das? Oder müssen wir fragen: Dürfen wir das? Stehen wir in dieser Welt nicht auch in pflichtmäßigen Bindungen? In Bindungen, die wir nicht als äußeren Zwang ansehen, sondern die wir freudig bejahen? Die durch unsere Gaben und Aufgaben gefor­dert sind? Und stehen wir nicht vor allem in persönlichen Bindungen an die Unseren, die uns in Liebe und Vertrauen verbunden sind, und für die wir Verantwortung tragen? Ist solche Ge­bundenheit an unsere Aufgaben und solche Verbundenheit mit den Unseren nicht ein Teil unser selbst? Von ihnen sollten wir uns lösen, um jene Freiheit zu gewinnen? Sollten wir heute die Sorge um die Unsrigen, die in Not und Gefahr draußen stehen, von uns werfen? Sollten wir das Leid vergessen, das wir tragen um so manchen, der uns genommen ist? Das Mitleid mit so vielen, die schwer getroffen sind? Wäre denn der Gewinn einer Freiheit, in der uns alles dieses nicht mehr berühren kann, nicht eine raffinierte Kunst, sich allen Begegnun­gen zu entzie­hen, sich zurückzuziehen auf sich selbst in eine isolierte Abgeschlossen­heit und starre Unberührbarkeit, ja, innere Erstorbenheit?

So kann es nicht gemeint sein. So meint Jesu Wort es nicht. Er könnte sonst ja gar nicht davon reden, daß wir »an jenem Tage« noch beten, noch Bitten an Gott richten sollen. Nein! Seine Verheißung gilt gerade für diejenigen, die mitten in der Verbundenheit des Lebens stehen, wie er denn im hohepriesterlichen Gebet für die Seinen zu Gott betet: »Ich bitte nicht, daß du sie von der Welt (d. h. aus der Welt heraus) nehmest, sondern daß du sie bewahrest vor dem Bö­sen« (Joh. 17, 15). Nicht von den Begegnungen des Lebens sollen wir uns lösen, sondern von uns selbst; d. h. davon, daß wir in allen Begeg­nungen das Unsere suchen, daß wir uns fest­halten wollen! Die Frei­heit von uns selbst ist die radikale Preisgabe an Gott und deshalb gerade die Bereitschaft für alles, was Gott uns schickt, die Offenheit für alle Begegnungen.

III.

Aber eines ist allerdings wahr: Wollen wir die Freude der Freiheit »jenes Tages« erleben, d. h. wollen wir die innere Freiheit von uns selbst gewinnen als Menschen, die nicht mehr zu dieser Welt gehören und die doch offen sind für die Begegnungen des Lebens, so müssen wir vor Gott einsam sein können. Wir müssen bereit sein, in eine Ein­samkeit hineinzugehen, in der die Welt für uns versinkt in die Nich­tigkeit, in der alle Bindungen, auch die verpflichtendsten und liebsten, gelöst sind, in der uns niemand mehr begegnet als Gott allein. Wir müssen uns vor Gottes Augen stellen ganz nackt und bloß, entkleidet von allem, an das wir uns halten möchten, entblößt von allem, das wir um uns hängen möchten, um ein Ansehen und Bewußt­sein unser selbst zu haben. Es ist eine schauerliche Einsamkeit, die für den natür­lichen Men­schen ein Schrecken ist; und der Gott, der uns in solcher Einsamkeit begegnet, mag uns anmu­ten wie die vernichtende Macht des Todes. Seinem verzehrenden Blick müssen wir standhal­ten und bereit sein, vor ihm nichts zu sein. Wir müssen gleichsam auswandern aus der bunten und lärmenden Welt in die Wüste; denn von Gott gilt, wie R. M. Rilke im »Stundenbuch« sagt:

»Du bist das Wunder in den Wüsten,
das Ausgewanderten geschieht.«

Erinnern wir uns wieder daran: »Jener Tag« der Freiheit ist nach dem Worte Jesu ja auch der Ostertag, der Tag der Auferstehung, der dem Tag der Kreuzigung folgt. »Ihr habt nun Trau­rigkeit«, – es ist die Trauer der Passion, des Kreuzes, durch das alles Wünschen und Hof­fen vernichtet ist. »Aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen.« Der Trauer am Kreuz soll die Auferstehungsgewißheit geschenkt werden. Und nur wer bereit ist, in die Stunde der Gottver­lassenheit am Kreuz mit Jesus hineinzugehen, wird auch teil erhalten am Leben des Auferstandenen. Das aber ist die Teilhabe am Kreuze Jesu, daß wir alle Wünsche und Pläne dem Willen Gottes preisgeben, daß wir alles, was uns trifft, und unsere Hoffnungen so gut wie unser Werk, unter das Kreuz stellen, d. h. daß wir uns in die letzte Einsam­keit vor Gott begeben, daß wir, wie Paulus sagt, das Todesurteil über uns selbst sprechen, damit wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzen, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt (2. Kor. 1, 9).

Aus solcher Einsamkeit sollen wir in unser Leben zurückkehren; aber daß wir in ihr geweilt haben und immer wieder weilen, das soll dann unserem Leben seinen Charakter aufprägen. Ist die Einsamkeit aufrichtig und echt, so kehren wir in unser Leben zurück offener und freier als je, aber auch mit der Bereitschaft zu Verzicht und Opfer. In dieser Bereitschaft zeigt es sich, ob wir wirklich »jenen Tag« erlebt haben, ob wir wirklich Menschen sind, die nicht mehr zu dieser Welt gehören. Bereitschaft zu Verzicht und Opfer! Wird es nicht immer wieder schmerzlich sein, das, was man sich als Lebensaufgabe gestellt hat, bedroht, gehemmt, zer­brochen zu sehen? Wird es nicht immer wieder tief schmerzlich sein, sich von denen zu lösen, mit denen man in Liebe verbunden ist? Wäre es nicht schmerzlich, so wäre es auch kein ech­ter Verzicht, kein echtes Opfer! Ja, es könnte wohl als verlockend erscheinen, einen Stand zu suchen, wie ihn die katholische Kirche im Mönchtum hat, in dem sich der Mensch von vorn­herein und ein für allemal von allen irdischen Bindungen gelöst hat, so daß ihn nichts mehr innerlich treffen und verwunden kann. Wir wollen uns auch hüten, auf solchen Stand verach­tend hinabzusehen; er kann auch uns Protestanten immer ein mahnender Hinweis auf die For­de­rung sein, die auch uns gilt, uns innerlich von der Welt zu lösen und vor Gott einsam zu sein. Aber wir werden freilich sagen, daß diese Forderung im Mönchtum nicht in echter Wei­se erfüllt ist. Hier ist die letzte Freiheit in der Hingabe an Gott nicht gewonnen, weil diese Freiheit sich in der vollen Offenheit für die Begegnungen des Lebens bewähren muß. Wo man sich ihnen verschließt, da besteht doch im­mer eine geheime Angst, und Angst ist nicht in der Freiheit.

Wollen wir die volle Offenheit für die Begegnungen bewahren, so übernehmen wir freilich auch die Bereitschaft für alle Leiden und Schmerzen, die aus Verzicht und Opfer erwachsen, – aber wir tun es ohne Angst; denn wir wissen, daß Leid und Schmerzen uns immer wieder in die Einsamkeit vor Gott hineinführen, in der das Wunder der Begegnung mit Gott geschieht, aus der die Gewißheit des Osterglaubens erwächst: Aus dem Tode in das Leben hinüber­zu­schreiten. Und so soll mitten im Leid doch heimliche Freude dem Christen eigentümlich sein.

IV.

Aber sind das vielleicht alles nur schöne Worte? Ist solches christ­liches Sein als ein Sein in Leid und Freude zugleich, als ein Sein, das schon nicht mehr in der Welt ist, überhaupt mög­lich und nicht nur ein schönes Wunschbild? Ist uns die Verheißung der Auferstehung aus dem Tode nicht ein rätselhaftes Wort?

Solche Fragen sieht Jesu Wort voraus: »Solches habe ich zu euch durch Sprichwörter gere­det«, – genauer übersetzt: »In Rätseln«. Denn die Verheißung ist für den, der nicht glaubt, der es nicht wagt, ein Rätsel oder hohles Wort. »Es kommt aber die Zeit, daß ich nicht mehr durch Sprichwort mit euch reden werde, sondern frei heraus verkündigen von meinem Vater.« Das bedeutet nicht, daß Jesus später anderes und neues sagen wird, als was er bisher gesagt hat, sondern es bedeutet, daß eben diese rätselhaften Worte als klare und wahre Worte erscheinen werden. Das zeigt gleich die Rede der Jünger. Sie sprechen, ehe Jesus etwas anderes gesagt hat, als was er immer schon gesagt hatte, nämlich daß er vom Vater ausgegangen sei und wie­der zum Vater gehe: »Siehe, nun redest du frei heraus und sagst kein Sprichwort!« Die Jünger reden so im Glauben, der die Erfüllung der Verheißung vorausnimmt.

Und was antwortet Jesus? »Jetzt glaubt ihr? Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekom­men, daß ihr zerstreut werdet…!« Er scheint also wenig zu halten vom Bekenntnis des Glau­bens! Nein, so dürfen wir es nicht verstehen! Was wir lernen sollen, ist vielmehr dies: Mit einem raschen Bekenntnis ist es noch nicht getan. Echter Glaube erwächst nur in den Erfah­rungen des Lebens und zwar gerade in der Erfahrung der Verzweiflung. Und für diese Erfah­rung der Verzweif­lung gilt sein letztes Wort: »Solches habe ich mit euch geredet, daß ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost: Ich habe die Welt überwun­den.«

Das ist kein billiges Trostwort, als hätte uns Jesu Weg durch Tod und Auferstehung alles Leid und alle Verzweiflung erspart. Es ist vielmehr Trost und Mahnung zugleich, – eine Mahnung, die zum Tröste wir­ken muß, zum einzigen Trost: Daß wir unser Leid und unsere Ver­zweif­lung auf uns nehmen und sie unter das Kreuz stellen, sie in die Einsamkeit vor Gott hinein­nehmen und so an seinem Siege über die Welt teilbekommen.

Das also heißt, »jenen Tag« erleben: In seiner Nachfolge das Kreuz auf sich nehmen und hin­eingehen in die Einsamkeit vor Gott und so zu einem Menschen werden, der nicht mehr zu dieser Welt gehört. Einem solchen Menschen wird das rechte Beten geschenkt werden.

V.

Denn was ist nun das rechte Beten? Darüber brauchen wir nicht lange mehr zu reden; denn im Grunde haben wir schon davon ge­redet!

»So ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er es euch geben. Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen.« – Das rechte Gebet ist das Gebet in seinem Na­men! Gebetet hatten die Jünger schon vor Karfreitag und Ostern viel und oft, aber nicht »in seinem Namen«. Sie hatten gebetet: »Dein Reich komme, unser täglich Brot gib uns heute«, und alles was damit zusammenhängt. Sie sollen jetzt nichts anderes beten, aber sie sollen anders beten. »Im Namen Jesu« d. h. im Licht seines Kreuzes und seines Sieges über die Welt. Sie sollen wohl die Sorgen und Bitten ihres Herzens vor Gott ausbreiten, aber als sol­che, die innerlich bereit sind zu Verzicht und Opfer, die ohne Angst sind. Kann denn die Ver­heißung, daß Gott uns geben wird, worum wir bitten, einfach bedeuten, daß wir nun auf die Erfüllung all unsrer Wünsche rechnen können? Gewiß nicht! Aber in einem tieferen Sinne doch. Denn bitten wir in seinem Namen, d. h. in der Freiheit von uns selbst, so bitten wir ja in allem, was wir er­bitten, im Grunde um seine Begegnung, um das Leben, das er schenkt. Im Namen Jesu beten, das heißt beten, wie er betete in Gethsemane, indem jede Bitte begleitet ist von dem: »Doch nicht wie ich will, son­dern wie du willst.«

Solches Beten wird für die zur Selbstverständlichkeit, die »jenen Tag« erlebt haben. Denn das sind ja diejenigen, die in die Einsamkeit vor Gott hineingegangen sind, und ihnen wird diese Einsamkeit selbst zum Gebet. Dies ist das eigentliche Gebet in Jesu Namen: sich mit ihm getrost in der Einsamkeit vor Gottes Auge stellen und sich Gott begegnen lassen. »In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost; ich habe die Welt überwunden!« Die Einsamkeit wird selbst zum Gebet, zum Schrei nach Gott:

»Vielleicht, daß ich durch schwere Berge gehe
In harten Adern, wie ein Erz allein;
Und bin so tief, daß ich kein Ende sehe
Und keine Ferne: alles wurde Nähe,
Und alle Nähe wurde Stein.
Ich bin ja noch kein Wissender im Wehe, –
So macht mich dieses große Dunkel klein;
Bist Du es aber: mach Dich schwer, brich ein:
Daß Deine ganze Hand an mir geschehe
Und ich an Dir mit meinem ganzen Schrein.« (R.M. Rilke)

Und von solchem Gebete gilt dann:

«Wir steigen im Gebete zu ihm wie aus dem Tod.
Sein Hauch, der uns umwehte, tat unserm Herzen not.« (A. v. Arnim)

Wer solches Beten kennt, der geht in das tägliche Leben zurück, ge­trost und dankbar, daß er sich mit allen Regungen des Herzens Gott öffnen darf und nichts zurückzuhalten braucht; den wird das Gebet der Einsamkeit hineinbegleiten in alle Begegnungen des Lebens und ihm die Freiheit und die Freude schenken, in der er nichts mehr zu fragen braucht.

Denken wir zum Schluß an die Worte des Paulus, die wir vom Altar hörten: ». . . Dafür habe ich dreimal zum Herrn gefleht. . . Und er hat zu mir gesagt: Laß dir an meiner Gnade genü­gen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!« War das Erhörung seiner Bitte oder nicht? Paulus hat es als Erhörung verstanden: »Darum will ich mich am allerliebsten meiner Schwachheit rühmen, auf daß die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwach­heit, in Schmach, in Not, in Verfolgung, in Ängsten, um Christi willen. Denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark« (II. Kor. 12, 8-10). Hier sehen wir die Freiheit dessen, der als neues Geschöpf nicht mehr zu dieser alten Welt gehört. Hier sehen wir die Freiheit von der Angst in der völligen Hingabe an Gott. Sind wir so weit? Daß wir doch dahin kämen! Und wenn wir nicht in die triumphierenden Worte des Paulus einzustimmen wagen, so laßt uns die schlichten Worte des Matthias Claudius sprechen:

»Gott, laß uns dein Heil schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden,
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich sein!«

Amen.

Gehalten am Sonntag Rogate, 30. Mai 1943, in Marburg.

Quelle: Rudolf Bultmann, Marburger Predigten, Tübingen: J.C.B. Mohr, 21968, S. 169-179.

Hier die Predigt als pdf.

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