Karl Barths Andacht für den Donnerstag nach Quasimodogeniti: „Uns müßte schon Jesus Christus begegnen genau dort, wo das Nichts uns heute, morgen, übermorgen und immer schnelleren Laufes schließlich endgültig aufnehmen will.“

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Image by Peter Pruzina from Pixabay

Für das von Gerhard Jacobi initiierte Buchprojekt „Erhalt uns, Herr, bei Die­nem Wort! Evangelische Andachten für jeden Tag“, 1932 im Furche-Verlag in Berlin erschienen, steuerte Karl Barth die Texte von Palmsonntag bis zum Samstag vor Misericordias Domini bei, indem er die Herrnhuter Losungen vom 29. März bis 18. April 1931 auslegte. Hier die Andacht für den Donnerstag nach Quasimodogeniti:

Donnerstag nach Quasimodogeniti

Des Menschen Geist muß davon, und er muß wieder zu Erde werden; alsdann sind verloren alle seine Anschläge. Ps. 146, 4

Der Tod ist die Zerstörung des Menschen. Wir denken zu harmlos davon, wenn wir das bloß auf den Leib beziehen. Indem meinem Leib die Seele, das Leben, genommen wird, indem der Geist davon muß als ein Geliehenes, das nach Gebrauch wieder zu seinem Eigentümer zurückkehrt, indem das geschieht, was wir Sterben heißen, hört der Mensch auf, Mensch zu sein, muß er wieder zur Erde werden. Nicht nur mein Leib, sondern ich selbst werde angegriffen und zerstört bei dieser Scheidung von Geist und Leib. Gewiß, mein Geist, die Seele, das Leben, das mir gegeben war, kann nicht sterben. Aber was hilft mir das? Ich bin ja nicht mein Geist; ich bin nur das Wesen aus Fleisch und Blut, dem Geist, Seele, Leben jetzt noch geliehen ist und einst wieder genommen wird. Wird es mir nun genommen, dann ist es mit mir selbst aus. Und alsdann sind verloren alle meine Anschläge. Nur die weltlichen, eitlen, bösen Anschläge?, möchten wir denken. Nein, alle meine Anschläge, auch die gutgemeinten, tüchtigen und frommen. In Gottes großem Haushalt ist gewiß von meinem Wirken nichts verloren, wie ja auch unser Leib, indem er wieder zu Erde wird, ihm nicht verloren ist. Aber das ändert nichts daran: Für den Menschen selbst sind im Tode alle seine Anschläge verloren. Wir gehen in das Nichts, und in das Nichts kann man nichts mitnehmen. Das Vergessen, dem die meisten Verstorbenen so schnell und dem auch die teuersten Verstorbenen langsam, aber sicher verfallen, ist nur ein Anzeichen dafür, wohin sie gegangen sind und was sie dorthin mitnehmen konnten. Sie sind nicht mehr, und wir werden nicht mehr sein. Das ist das Ziel, dem wir alle unaufhaltsam entgegenleben. Der Tod ist die Zerstörung des Menschen.

Wissen wir noch ein anderes Wort über den Tod? Wir müßten vor allem verstehen, daß gerade dieses ganz bittere Wort über den Tod Gottes Wort ist. Wir müßten uns schon ohne allen Widerspruch, nein, mit dem Jauchzen derer, die Gottes Wort hören dürfen, in eben dieses Schreckliche schicken, daß wir unaufhaltsam dahin unterwegs sind, wo für uns alles verloren ist. Uns müßte schon Jesus Christus begegnen genau dort, wo das Nichts uns heute, morgen, übermorgen und immer schnelleren Laufes schließlich endgültig aufnehmen will. Uns müßte schon gesagt sein: Ich, ich bin die Auferstehung und das Leben [Joh. 11, 25]! Dann ist’s kein Tod mehr, dann ist der Tod verschlungen in den Sieg. Sonst ist jenes andere wirklich das einzige, was wir über den Tod zu sagen haben.

Herr, unser Gott! Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen — auf daß wir klug werden [Ps. 90, 12]! Auf daß wir verstehen, daß wir nur zwischen deinem Wort und dem ewigen Verderben zu wählen haben. Wir preisen Dich, Vater. Deines Königreiches wird kein Ende sein. Amen.

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