Karl Barths Andacht für den Dienstag in der Karwoche: „Was da an den Tag kommt, ist ja nur, dass wir verworfene und verlorene Menschen sind, die durch unbegreifliche Barmherzigkeit über dem Abgrund des Todes gehalten werden.“

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Für das von Gerhard Jacobi initiierte Buchprojekt „Erhalt uns, Herr, bei Die­nem Wort! Evangelische Andachten für jeden Tag“, 1932 im Furche-Verlag in Berlin erschienen, steuerte Karl Barth die Texte von Palmsonntag bis zum Samstag vor Misericordias Domini bei, indem er die Herrnhuter Losungen vom 29. März bis 18. April 1931 auslegte. Hier die Andacht für den Dienstag in der Karwoche:

Dienstag in der Karwoche

Gott sprach zu Salomo: Siehe, ich habe getan nach deinen Worten. Siehe, ich habe dir ein weises und verständiges Herz gegeben. Dazu, was du nicht gebeten hast, habe ich dir auch gegeben. 1. Kön. 3, 12-13

Wenn Jesus Christus unser Herr ist, wie wir es im christlichen Glauben bekennen, dann heißt das sehr einfach: mehr und anders und besser denn Salomo ist er der Mann mit dem weisen und verständigen Herzen, an dem sich unsere Gedanken, Worte und Taten immer wieder scheiden wie der Strom an einem Brückenpfeiler, der Mann, vor dessen gerechtem und unfehlbarem Gericht immer wieder unerbittlich und tröstlich zugleich an den Tag kommt, wer wir sind. Es ist so gar nichts Scheinendes und Großartiges, was Jesus Christus da ausrichtet. Was bedeutet es inmitten all des anderen, was uns alle scheinbar so viel näher und dringlicher angeht? Was bedeutet es inmitten der großen Bewegungen der Welt- und Kirchengeschichte? Was da an den Tag kommt, ist ja nur, daß wir verworfene und verlorene Menschen sind, die durch unbegreifliche Barmherzigkeit über dem Abgrund des Todes gehalten werden, so daß wir nicht fallen, und doch nicht verstehen, warum wir nicht fallen. Ist das alles? Ist das der mächtige, prächtige Salomo, von dem wir vielleicht geträumt haben? Wieviel stattlicher sitzen der Römer Pilatus und in der Ferne sein großer Kaiser Tiberius auf ihren Richterstühlen! Was ist denn Wahrheit? Ist nicht alles andere wichtiger und dringlicher als gerade Wahrheit? Sollte der, der nur die Wahrheit sagt, ein König sein? In der Tat, dazu und nur dazu ist Christus in die Welt gekommen, dazu hat er sich die Vollmacht und dazu hat er sich das Gehör und Herz der Menschen erbeten von seinem Vater: um der Wahrheit, um jener einfachen Wahrheit willen. Um zwölf Legionen Engel zur Aufrichtung seines Reiches hat er auch in seiner Todesnot nicht gebeten. Aber eben die Herrlichkeit, um die er nicht gebeten hat, hat ihm der Vater dazu gegeben. Lassen wir uns nicht täuschen, sondern seien wir ganz wachsam und ganz getrost: jenes einfache Wort des Richters ist das letzte, bewegende Wort in und über allem, was uns und die Welt bewegt und bewegen kann. Das alles wird gehen, wie es gekommen ist. Das Wort dieses Richters bleibt. Ihm ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Und wer aus der Wahrheit ist, der hört seine Stimme.

Herr, unser Heiland! Du bist uns vorangegangen auf dem schmalen Weg und durch die enge Pforte. Unsere Gedanken und unser Wille gehen immer wieder in die Irre. Aber Du hast uns gerufen, am ersten nach Deinem Reiche zu trachten. Wir hören die ewige Freundlichkeit Deiner Stimme. Ach gib uns, daß wir sie recht hören. Amen.

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