Joseph Wittig, Das Volk von Neusorge: „Das was Volk ist in den Menschen, wurde wie ein Vogel, der von einem Baum zum anderen verjagt wird. Da blieb zuletzt noch das Wirtshaus, d. h. für die Neusorger die Schmiede.“

Joseph Wittigs Haus in Neusorge/Schlesien
Joseph Wittigs Haus in Neusorge/Schlesien (1926/27 auf elterlichem Grund erbaut)

Nachdem Joseph Wittig nach seiner Exkommunikation und Entlassung aus dem Hochschuldienst wieder in sein Heimatdorf Neusorge bei Schlegel in Schlesien zurückgekehrt war, schrieb er 1926 für die erste Ausgabe der Zeitschrift Die Kreatur (zusammen mit Martin Buber und Viktor von Weizsäcker herausgegeben) ein wertschätzendes und aufmerksames Porträt seines Dorfes:

Das Volk von Neusorge

Von Joseph Wittig

Als ich mich dem kirchlichen Dienste weihte, wurde uns über das Wort Clericus mancherlei gesagt, Etymologisches und Aszetisches. Mir klingt aber immer nur, und bis heute noch weh­tuend, das Wort in der Seele: Segregatus a populo. Ich habe auf diese Deutung wohl mit ei­nem wort­losen Gebet geantwortet, das in Erfüllung gegangen ist. Ich wollte mich vom Volks­tum nicht trennen lassen, wollte es in priesterliche Weihe ver­wandeln und verklären lassen, aber behalten wollte ich es. Nur als Ver­wandlung und Verklärung, nur als ein Sterben zu neuem Leben hin mochte ich die segregatio a populo annehmen. In diesen Tagen dachte ich oft an ein Bild, das wir in der Kinderzeit an der Nordwand unserer Wirtschaftsstube in Neu­sorge hängen hatten. Die anderen Wände der Stube waren mit religiösen Bildern geschmückt. An dieser Nordwand hing der Spiegel mit dem Kammkasten und das Kaiserbild, meines Er­innerns ein Steindruck. Im mittleren Oval war Kaiser Wilhelm I. dar­gestellt; in den Ranken und Medail­lons ringsherum aber das Bauern-, Handwerker-, Arbeiter- und Soldatenvolk. Einst hieß es, der Kaiser habe Geburtstag. Da nahm ich irgendwelche Zier, Tannenzweige oder Weidenruten und wollte das Bild schmücken. Dabei betrachtete ich die Nebenbilder ge­nau, und eines davon grub sich unvergeßlich in meine Seele ein: Ein Schmied, ein Bauer, ein Handwerker und meh­rere andere Männer standen zusammen und erhoben ihre Hände zum Schwur. Dar­unter stand:

Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern,
in keiner Not uns trennen und Gefahr.

Ich darf nicht sagen, daß an jenem Tage der Volksgedanke in mir ent­standen ist, aber daß er schon da war und stark war, dafür war mir das Erlebnis jenes Tages ein Zeichen. Ich wagte die Hand nicht zum Schwur zu erheben, aber alles, was ich war und was ich hatte, tat den Schwur.

In Neusorge gab es nur Volk. Da gab es keine „Herrschen“, die gab es nur im Dorfe, und natürlich noch viel mehr in Neurode. Sie hatten ihre besondere Kleidung, ihre besonderen Sitten, ihre feine Sprache; sie aßen anders, ließen sich auch anders begraben; nur schlafen, dachten wir, täten sie ebenso wie wir. Sie wollten auch nicht zum Volke gehören. Nur zum „deutschen Volke“ wollten sie gehören. Sie nannten sich die „Ge-[88]bildeten“ und bildeten sich ein, für das Volk da zu sein. Das konnte noch nicht gar zu lange her sein, denn sie brach­ten es noch nicht gut fertig, und wenn sie unter sich waren, zeigten sie dieselben Unarten wie wir. Wir dachten uns ihr Leben außerordentlich glücklich, weshalb in uns manchmal das Ge­lüste entstand, auch so glücklich zu sein wie sie. Sagen durfte es freilich keiner; er wäre gleich ausgesondert worden von uns, Wohl spürten wir manchmal eine gewisse Mißgunst, aber die Herrischen mußten immer besonders gedrechselte Worte sagen, mußten ihre Füße beim Ge­hen besonders zierlich stellen, mußten meist in Handschuh gehen, durften auch im Sommer nicht barfuß laufen, durften nicht springen und rennen, durften sich nie in Hemdsär­meln sehen lassen, lauter Unbe­quemlichkeiten, um derentwillen wir ihnen das Herrische gern gönnten. Aber wir schieden sie von uns, und da sie oft das Wort vom deutschen Volke in den Mund nahmen, mochten wir nicht viel davon wissen. Wir hatten keinen Stolz, Deutsche zu sein, aber wir hatten den Stolz, Volk zu sein. Wenigstens war dieser Stolz unser echtester und ursprüng­lichster. Den anderen haben wir erst in der Schule lernen müssen.

In Neusorge gab es nur Volk. Es war nicht geschieden zwischen Re­gierende und Gehorchen­de. Denn regiert wurden wir von Schlegel aus, und gehorcht haben wir nur, wenn der Gen­darm kam, was aber nur selten geschah, so selten, daß wir es gar nicht zum normalen Leben rech­neten, sondern etwa so wie die Unglücksfälle und Verbrechen einrangier­ten. Wohl kam alle Monate einmal der „Gebotszettel“, der in schwarzem, mit einer Flügelschraube ver­schließbarem Rahmen auf ein schwarzes Brett gespannt war. Der ging still von Hand zu Hand, von Haus zu Haus. In dein Brett war ein Astloch, durch das immer, ehe der Gebotszet­tel zu uns kam, ein ungeschickter Finger gefahren war. Sonst passierte dem Gebotszettel nie etwas. Er gab die Höhe der fälligen Steuern an, schärfte die eine oder die andere Verordnung ein, teilte mit, daß auf der Freibank ein Rind geschlachtet und wie teuer das Pfund war, – auch wenn einer sein Portemonnaie oder eine ihre Brosche verloren hatte. Wir freuten uns, daß der Schulze im Dorf so schön schreiben konnte, und fühlten überhaupt mehr Liebe als Haß gegen den Gebotszettel. Er sagte uns mit ungeschriebenen Worten, daß wir doch nicht allein seien, wir dreizehn Häuser, sondern daß wir zu Schlegel gehörten und daß der große, patriar­chische Zenkerschulze auch für uns seine schöne Handschrift schrieb. [89]

Das Neusorger Volk war aber, auch abgesehen vom Dorfschulzen und dein Gebotszettel, weit davon entfernt, für sich allein Volk sein zu wollen. Wenn es sich Volk nannte, meinte es nur den Ort, wo es eingereiht werden wollte, den Stand, dessen es sich mehr unbewußt als bewußt freute, die Arbeiten, Leiden und Freuden, an denen es teilnahm, den Raum, in dem es nicht allein sein wollte, den Ring, der es umschloß, und zugleich die Brücke, die über die Krähen­hübel, über den Kircheiberg, über die Roterlehne und über den Buchauer Kanonenweg oder Grenzweg hinüber­führte zu anderen Dörfern und Ansiedlungen, ja auch über die Eule, über die Hausdorfer Berge, über die Tuntschendorfer Höhen, über Heuscheuer und alle anderen Ge­birgszüge hinweg zu anderen Landschaften, so weit, als das Neusorger Volk hoffte, daß seine Sprache, seine Not und seine Lust dort verstanden und beantwortet werden könnten.

Viel leichter hätte es der Gefahr erliegen können, sich selber als eine bloße Summe von drei­zehn Ansiedlungen und etwa sechzig Menschen anzusehen und in soviel Teile zu zerfallen. Aber wenn es regnete oder schneite, regnete und schneite es über alle ihre Felder; wenn ein Gewitter kam, hatten alle den Gedanken, daß es in Neusorge leicht einschlagen und brennen kann, und die Männer zogen sich ihre laugen Stiefel an und dachten nach, wo Leiter und Feuereimer stecke, zunächst freilich für das eigene Haus, aber fast gleichzeitig für alle Neu­sorger Häuser. I nd solcher Augenblicke, in denen die Summe immer wieder zur Eins wurde, gab es ebenso zahlreiche, wie das Leben reich ist an Schicksalen.

Wenn jemand in Neusorge verstorben ist, sagen die Neusorger: „Es ist wieder eins von uns da drau­ßen gestorben.“ Wenn sie mit ihm zu Grabe gehen, so kann dies zwar wie in Städten, in denen kein Volk mehr ist, reine Höflichkeitssache sein, aber ich hatte oft den Eindruck, daß es mehr Anteilnah­me am Tode war. Und wenn die Männer dann „ein bißchen“ in die Schmiede gingen – unser Schmied war zugleich Gasthausbesitzer und wenn sie laut und lustig wurden, meist bis zum Ende ein einig Volk von Brüdern – vor eigentlicher Unmäßigkeit im Trinken bewahrte sie die Armut der einen und die Rücksicht der anderen auf diese so war es die ver­borgene Freude, daß sie nach ehrlicher Gemein­schaft mit dem Toten nun doch noch Gemein­schaft hatten mit den Lebenden.

Ich muß ein gutes Wort einlegen für die „Schmiede“. Zum Volke [90] gehört die Versamm­lung wie das Schreien zum neugeborenen Kinde. Wo soll sich das Neusorger Volk versam­meln? Auf dem Platze unter der Linde? Auf der Wiese? Einen Platz unter der Linde haben wir nicht. Neusorge ist entstanden durch Ankauf der einzelnen Äcker von alten Gutsherrschaften. Jeder kaufte seinen Acker. Wer hätte einen Platz für alle kaufen sollen? Und Acker und Wiese jedes Einzelnen sind so karg bemessen, daß keiner auch nur einen Quadratmeter einbüßen kann. Das ist nicht Geiz. Jeder Halm der Wiese gehört dem Heben Vieh, und wir Menschen haben kein Recht, mehr Halme zu zertreten, als auf dem schmalen Steige wachsen. Der gege­bene Ort zu Versammlungen wäre die Kirche. Weit genug wären ihre Hallen. Aber sie ist hei­lig. Und der Unter­schied zwischen heilig und weltlich ist so stark betont, daß es die Neusorger offiziell nie wagen würden, in der Kirche miteinander zu reden. Inoffiziell, wo sie es wirklich nicht tun sollen, bei der Predigt und dem feierlichen Gottesdienste, tun sie es manchmal. Das halten sie für ihr Recht. Das Volk muß sich versammeln. Weil dies aber im­merhin eine kärg­liche Wahrnehmung ursprünglichsten Rechtes und eine ganz un­genügende Erfüllung inner­lichster Notwendigkeit ist, versammelten sich die Neusorger mit den Schleglern gern vor der Kirche, an einem gegen­überliegenden Wirtshaus, und blieben, früher wenigstens, manchmal gern länger dort stehen, als es mit der Gottesdienstordnung vereinbar war. Niemand erkannte in dieser Unsitte das alte Recht und die immer­währende Notwendigkeit. Man wollte die Leute alle einzeln in der Kirche haben. Jeder Versuch, sich als Volk zu behaupten, wurde vereitelt. Das was Volk ist in den Menschen, wurde wie ein Vogel, der von einem Baum zum anderen verjagt wird. Da blieb zuletzt noch das Wirtshaus, d. h. für die Neusorger die Schmiede.

Wohl, wohl, sie hätten sich auch eine ihrer Scheuern auswählen und einrichten können, um dort zusammenzukommen. Aber wo das Volk ist, will es auch zusammen essen und trinken können; muß es auch, einer dem andern, einmal aus Liebe etwas zum Essen und Trinken ge­ben können. Als das neue Volk Israel wurde, die Plebs Dei sancta, es war in einem Speise­saale, es war bei einem Nacht­mahl, da hat ein großer Meister des Lebens gezeigt, was not­wendig ist zur Volkwerdung. Die Agapen der ersten christlichen Zeit sind in dieser Bedeutung noch gar nicht richtig erkannt. Als man sie wegen einiger Mißbräuche abschaffte, hatte [91] das eine göttliche Mahl immer noch die Kraft, um nicht nur die ein­zelnen Teilnehmer, son­dern auch das Volk zu ernähren. Es war noch das Brot der vielen; es war noch ein gemeinsa­mes Mahl, Wein und Brot, „feste und flüssige Nahrung“ (Justin), und die Empfangenden ga­ben sich alle den Friedenskuß. Und obwohl jetzt die Eucharistie oder die heilige Kommunion schon sehr stark eine Angelegenheit des Einzelnen ist – wer sie empfängt, um­gibt sich mit heiliger Unnahbarkeit gegenüber nicht nur der Welt, sondern auch gegenüber dem Nach­barn, der neben ihm die Hände faltet –, so ist sie doch immer noch das Volkbildende für die Ge­meinschaft, die man „das katholische Volk“ nennt. Wenn jetzt in der Schmiede einer dem andern eine Zigarre schenkt oder einer für den ganzen Tisch eine Auflage bestellt oder ein kleines Gericht auf­tragen läßt – es geschieht dies keineswegs immer im Dienste der Trunk- und Freßsucht –, so weiß ich nicht, ob ich mich freuen oder kümmern soll über diesen aller­letzten Überrest der alten Eucharistie, über diesen verglimmenden Docht einer alten volkbil­denden Kraft.

Mit gemeinverständlichen Vorträgen hat man das Neusorger Volk bis­her meist noch ver­schont. Dazu ist die Kopfzahl zu gering, und wenn einer einen gemeinverständlichen Vortrag halten will, tut er es doch eben nur für eine größere Anzahl von Köpfen. Die Neusorger wür­den auch nicht ohne weiteres zu einem solchen Vortrag gehen, wenigstens das dritte und vier­te Mal nicht mehr. Ja, wenn man sie selbst zum Reden bringen könnte! Wenn man auf sie ebenso aufmerksam und demütig zu horchen bereit wäre, wie sie selbst anfänglich zu horchen bereit sind! Wenn sie sich aber nur belehren lassen sollen, dann schlagen sie mit ihrer Hand am rechten Ohr vorbei, als wollten sie eine Mücke fangen oder wenigstens verjagen und spre­chen: „Ach, das hat auch nicht viel Zweck.“

Da lob ich mir mehr als alles geistige Licht das elektrische Licht, das seit einigen Jahren unter dem kleinsten Neusorger Strohdach brennt. Niemand wollte uns mit elektrischem Licht ver­sorgen. Da taten sich einige Männer zusammen, gingen von Haus zu Haus, zogen mit einer Kette von Mühseligkeiten die einzelnen Besitzer von Neusorge, Siehdichfür und Neubuchau zusammen. Es wurde, es wurde nicht, es wurde doch. Da habe ich zum ersten Male die Neu­sorger Männer zusammen gesehen, nicht nur in der Schmiede bei den Beratungen, sondern dann [92] auch auf den Äckern und Wiesen: sie bauten sich die Leitung selber. Einer half dem andern die Löcher für die Masten ausheben, und willig kamen ihrer sechs bis acht zusammen, um die schweren Masten aufzurichten. Manch gutes Wort wurde dabei ausgetauscht. Keiner nahm sich heraus zu befehlen, aber alle folgten gern. War ein Befehl notwendig, so kam er wie aus aller Munde. Das war die schönste Zeit für das Neusorger Volk. Es war noch Inflation im ganzen Lande, aber die Neusorger haben damals ihr Volkstum in Gold ge­prägt. Nur ein Nachbar schloß sich aus. Er wollte weiter seine Petroleumlampe brennen. Gerade er ist einer der Treuesten im Neusorger Volkstum. Der alte, längst invalide Bergmann nimmt an allem, was den Neusorgern passiert, lebhaftesten Anteil, der bald den Stempel der Neugierde, bald den des schnellen, tatkräftigen Helfens trägt. Hätten wir eine Post, sie müßte bei ihm sein.

Andere Zusammenkünfte sind Standesversammlungen. Zu allen Häu­sern gehört eine Acker­wirtschaft von etwa 6 bis 40 Morgen; von der Acker- und Viehwirtschaft leben können aber kaum zwei Häuser. Die Männer treiben daher fast alle noch Nebenberufe: Viehhandel, Zim­mer­handwerk, Fuhrgeschäft, Steinbruch, Bergbau. Mehrere Jahrzehnte hindurch bildeten die paar Viehhändler das Schwergewicht. Sie jagten in der ganzen Grafschaft herum, besuchten sogar die schlesischen Märkte, wußten am mei­sten und waren lange Zeit die einzigen, die Post bekamen. Aber da auch die anderen Kühe im Stalle hatten, hier und da eine alte Kuh verkau­fen und eine neue einstellen mußten, brauchten sich alle gegenseitig, und die Viehhändler ka­men bald zu einer gewissen inneren Regierung des ganzen Volkes, hatten aber immer etwas Fremdes an sich und unterschieden sich stark von den heimischen Bergleuten und den Zim­merleuten: jene immer unstet, in allen Wirtshäusern daheim, aber bald reich, diese, obwohl sie auch in Nachbardörfern und Nachbarland­schaften ihrer Arbeit nachgingen und von dort man­ches Geschichtlein mitbrachten, doch immer daheim, stet, arm.

Da wurde der Einfahrtschacht im Langen Grunde, der Zugang zu einem bisher von der Johan­nes-Baptista-Grube hinter Schlegel befahrenen Tonflöz wieder eröffnet. Das unterirdische Neusorge trat ganz stark in das Bewußtsein der Neusorger, diese Lager des seltenen, feuer­festen Tons, die sich unter fast allen Neusorger Wirtschaften quer hindurch­ziehen und den Neusorgern lange Zeit eine feste, jährliche Einnahme, [93] 10-20 Mark für den Morgen, brachten. Niemand konnte von dem Tongelde satt werden, aber den Auszahlungstag hatten alle gern, und dieses Geld halte eine verbindende Kraft, während das Geld der Viehhändler trennte. Viel wichtiger aber war es, daß von jetzt ab die Bergleute das Schwergewicht und die innere Regierung von Neusorge zu bilden be­gannen. Die Viehhändler hatten alle in Kon­kurrenz zueinander gestanden. Unter den Bergleuten gab es keine Konkurrenz. Das Dunkel der Grube umgab sie alle. Alle setzten bei jeder Einfahrt das Leben aufs Spiel. Not und Ge­fahr war ihnen gemeinsam. Eine Kameradschaftlichkeit wie sonst wohl bei keinem Stande entstand unter ihnen; sie ist wie eine gegenseitige Tröstung. Alle sagen sich Du und reden sich mit dem ver­traulichen Vornamen an. Wo einer in der Frühschicht vor Ort arbeitet, da tritt in der Mittagschicht ein anderer hin und setzt die Arbeit dort fort, wo der erste stehengeblieben ist; und in der Nachtschicht ein dritter. Ein jeder muß für den Nächsten vorarbeiten; ein jeder übernimmt die Arbeitsstelle des vorigen. Auch das Arbeitsgerät ist gemeinsam. Nur die bren­nende Lampe nimmt ein jeder mit sich heim und bringt sie wieder.

Gerade dieses Volk der unterirdischen Dunkelheiten bietet alle Früh­morgen und Spätabende der Erde ein zauberisches Volksbild. Wer abends um 10 Uhr auf der Straße von Neusorge nach Schlegel oder besser noch auf dem hochgelegenen Hofewege wandert, ist schon entzückt von dem Lichterglanz der Johannes-Baptista-Grube auf der Höhe zwischen Schle­gel und Eckersdorf. Ein dunkles Gewirr von Gebäuden, Schornsteinen. Halden und Schächten am Tage, wird sie bei Nacht wie eine Erscheinung der Stadl Gottes auf dem Berge, das himm­li­sche Jerusalem. Rings­umher die weite Berglandschaft, deren Dunkel vertieft wird durch das Funkeln der Lichterstadt. Dann aber glüht plötzlich ein Licht auf, mitten in der Landschaft, dann ein zweites, drittes. Dort am Habicht­hübel zwei, drei; vom Siehdichfür, über die Roter­lehne, am Band des Schneiderbauer Busches, bald sichtbar, bald verschwindend, überallher funkelt es. Die Bergleute gehen zur Nachtschicht. Wer sich von dem Zauber des Lichtes bis zum hohen Rand des Langen Grundes locken läßt, in dem der Einfahrtschacht der Tongrube ist, der merkt, daß hier ein echtes Volk sich versammelt. Alle Lichter strömen herbei. Man sieht nur Flammen, keine Menschen. Und sie nähern sich einander, führen eine unhörbare, aber aus den Bewegungen der Lampen erkennbare [94] Sprache. Sie warten. Da steigt der erste der Nachmittagschichtler auf der Fahrt empor und tritt zu den wartenden Nachtschicht­lern. Dann der zweite, der dritte. Ein Meer von Lichtern wird in dem dunklen Tal­grunde. Einige Minuten lang wogt es hin und her. Es gibt viel zu bereden zwischen den Bergleuten: Mitteilungen wegen der Arbeit, Mahnungen, Warnungen, alles in kurzen, aber freundlichen Sätzen. Ein Scherz mischt sich hinein, ein Spitzname verdrängt den Taufnamen. Diese und jene Bestellung wird erledigt, dieser und jener Auftrag erteilt oder vermittelt. Alles in der Zeit von 5-10 Minuten. So kurz und inhaltsreich ist selten eine andere Volksversammlung. Dann fahren die Angekommenen ein. Einer nach dem andern fährt in den Schacht. Die anderen aber dürfen heim zu Weib und Kind. Nach allen Seiten zerstreuen sich die Lichter, das Tal entlang, dem Dorfe zu, den Höhen zu; zuerst prozessionsartig, dann immer einzelner, immer einzelner, bis die ganze Landschaft wieder dunkel ist und nur von der Höhe zwischen Schlegel und Eckersdorf die herrliche Lichterstadt leuchtet.

Der Bergbau in diesem Randgebiet des Waldenburger Grubenbe­zirkes verändert das Bild der Landschaft nicht so stark wie in Walden­burg selbst und wie in Oberschlesien. Die am Tage graue, in der Nacht lichtfunkelnde Stadt auf der Höhe ist eher wie eine Krone der Land­schaft als wie eine Decke, die sich über das ganze Gebiet breitet. Und der Neusorger Luisenschacht im Langen Grunde zeigt zwar die ganze Nüchternheit industrieller Anlagen, versteckt sich aber so heimlich zwischen dem hohen Rande und der Erlenreihe am Bächlein, daß man ihn kaum bemerkt. Lange Zeit stand sogar eine einladende Bank vor seiner Tür, und gar mancher aus Dorf und Stadt suchte schon diese ver­träumte Einsamkeit auf, die dort während der Schichten und an Sonn­tagnachmittagen herrscht. Die Landschaft gehört dem Grundbesitz, freilich dem allcrkleinsten, an dem auch der Bergmann seinen Anteil hat. Aus lauter schmalen Felderstreifen, in buntester Abwechslung von Farbe und Frucht, besteht die Neusorger Land­schaft und stellt sich als eine Übersetzung des Neusorger Volkes in die Sprache des geogra­phischen Bildes dar. Viel stärker wirkt der Bergbau auf die innere Bildung des Volkstums. Die erste Einfahrt in die Grube, der erste Weg die dunklen Gebirge hinab, das erste Krümmen des Rückens in den niedrigen Stollen, der erste Anblick der Schrecken und Gefahren, der unheimlich lastenden [95] Gesteinsmassen, die das stärkste Gebälk biegen und zersplittern, kann den unreifsten Jungen an einem Tage zum Manne machen. Es ist zum Verwundern sel­ten, daß einer nach seinen ersten Ausfahrten spricht: „Einmal und nie wieder!“ Jeder Hand­werksstatt entlaufen mehr Jungen als der Grube. In keiner stellt sich dem jungen Menschen Welt und Leben auf einmal so neu dar wie in der Grube. Das Schweigen ist die einzige Ant­wort, die der stummen Erde hier von den Menschen wird. Schweigen und Lernen! Es ver­drießt die Berg­leute, daß sie nicht zu den Hand­werkern, sondern zu den „ungelernten“ Arbeitern gerechnet werden, obwohl jeder eine harte Lehrzeit durchmachen muß und obwohl viele nicht auslernen bis ins Alter. Es gibt unter ihnen einen Meisterstand und einen Lehr­lingsstand, auch wenn die Namen dafür nicht da sind. Die jungen Bergleute müssen sich von den älteren eine Erziehung ge­fallen lassen, die weit über die Grenzen der Arbeit und Schicht hinaus­geht und ein bedeu­tender Teil der Volkserziehung wird. Da ist keine aus­geklügelte Methode. Ein Scherzwort wirkt mehr als eine ernste Beleh­rung. Den Bauernsohn, den jungen Handwerksmann kann kein Über­mut ankommen vor dem ernsten, schweigenden Mute des bergmänni­schen Kameraden. Wenn früher ein Bergmann von der Schicht kam, kohlschwarz sein Gewand, sein Gesicht und seine Hände, schwer sein Schritt, die schwarze Lampe bau­melnd in der Hand, mitten durch das Grün des Frühlings und den weißen Schnee des Winters, konnte niemand ohne eine ernste Berührung seiner Seele vorbeigehen. „Ein Bergmann, der von der Grube kommt!“ Nichts anderes bildete sich an Worten, aber Unsagbares an Ernst und Kraft bildete sich viel im Volke. Heute haben auch die Neusorger Bergleute Waschgelegen­heit in der Grube, und siefreuen sich darüber. Aber wenn es heißt: „Die Bergleute kommen!“ da geschieht immer noch etwas in Leib und Seele des Volkes. Früher, als die tüchtigsten Vor­hauer noch zu Steigern emporrücken konnten und trotzdem Kameraden blieben, hatten die Steiger etwas Patriarchenhaftes vor allem Volke, und das jetzt nicht mehr gebebte Lied: „Glückauf, glückauf! Der Steiger kommt! Er hat sein helles Licht bei der Hand …“ war ein beliebtes Volkslied.

Den festen Stamm in den Schlegler Gruben bilden die Bergleute, die ein Häuslein und einige Morgen Acker haben und die Künste des Acker­baues ebenso verstehen wie die des Berg­baues. Der Acker verbindet sie [96] mit dem anderen Volke. Auf Generationen vererbt sich Bergbau und Ackerbau in derselben Familie. Sechzig bis hundert Jahre sind die meisten Häu­ser von Neusorge derselben Familie zugehörig, auch wenn sich die Namen öfter geändert haben. Es „kauft“ gewöhnlich der jüngste Sohn, weil die Mannesreife der älteren Söhne zu früh eintritt für den Zurücktritt der Eltern. Die älteren Söhne müssen sehen, daß sie in eine andere Wirtschaft einheiraten können – der sogenannte Kinderkauf ist billig; zum Kaufe einer anderen Wirtschaft reicht nie das Geld –. Oder sie lernen ein Handwerk und gehen in die Welt, oder sie begnügen sich mit dem knappen Bergmannslohn und ziehen zur Miete. Es ist aber kaum ein Streit zwischen diesen und jenen, da die Wirtschaften so klein sind, daß ihre Erträgnisse kaum der aufgewandten Mühe und dem „hinein­gesteckten“ Gelde entsprechen und da die Vorteile des eigenen Heims auf eigener Scholle dem Lebensalter, in dem sich diese Dinge entscheiden, kaum erkenntlich sind. Der Sohn, der „kauft“, muß die Sorge für das Grei­senalter der Eltern und oft auch noch „das Kreuz ‘der Familie“, irgendein gebrechliches Ge­schwister, übernehmen. Wenn es wahr ist, daß die ersten Kinder in der Familie noch alle Un­ausgeglichenheiten des Blutes ihrer Eltern ins Leben tragen, und daß erst vom vierten oder fünften Kinde an die Harmonie der „Zwei in einem Fleische“ erscheint – eine These, die gerade im Neusorger Volke oftmalige Bestätigung findet dann muß das Vorkaufsrecht des jüngeren Sohnes für die Bildung des seßhaften Volkes von großer Wichtigkeit sein. Sturm und Drang ziehen hinaus in die Welt, mit ihnen Höchstbegabung im Guten wie im Bösen; die ständigere, friedlichere Mittelqualität bildet das heimische Volk.

Neusorge, wie auch alle größeren Dörfer ringsum, hat seit vielen Jahr­zehnten die gleiche Einwohnerzahl festgehalten. Es ist nur ganz geringer Zuzug aus anderen Dörfern und Kreisen. Das Volk erhält sich aus dem Schoß seiner gesunden, klugen Frauen. Der Mann ist der Geld Verdiener, Mensch ist die Frau, hörte ich einmal einen Nachbarn sagen. Nur bei den wenigen größeren Besitzungen ist der Mann Herr im Hause, sonst ist es die Frau, und der Mann nur draußen. Tage- und wochenlang muß die Frau oft allein das Haus behüten, die Felder bebau­en, die Kinder er­ziehen. Der Mann ist nur Sonntags- oder Nachtgast. Selbst wenn er nachmit­tags von der Vormittagsschicht heimkehrt, ist er wie ein müder Gast; kann nur einige der Arbeiten verrichten, die für die Frau zu schwer [97] waren. Hat er Nachtschicht, so muß er einen Teil des lichten Tages ver­schlafen. Der lebendige Zusammenhang der Arbeiten ist der Faden oder das Gewebe in den Händen der Frau. Die Neusorger Frauen sind fast alle von männlicher Zähigkeit und Entschiedenheit. Nicht, daß ihnen die Männer gehorchen müssen, aber horchen müssen sie auf die Frauen. Wenn der Mann sagt: „Meine Alte“ – er sagt es schon, wenn sie noch jung ist – so klingt dies wenigstens ebensosehr nach Autorität, wie wenn die Frau sagt: „Mein Alter“. Liebster und Liebste sind sie sich nur bis zur Hochzeit und bis zum ersten Kinde, und auch bis dahin vermeiden sie diese städtischen Ausdrücke in der Anrede; sie sprechen von „meiner Jungfer“ und „meinem Kerl“. Nach dem ersten Kinde reden sie sich mit „Vater“ und „Mutter“ an, und wer gut beobachten kann, merkt bald, daß es mehr als Anrede ist. Dem Manne tritt die Frau an Stelle der Mutter, sobald er nicht mehr im Hause der Mutter lebt.

Die Mädchen heiraten sich gern Bergleute. Nicht bloß, weil ihnen die zu erwartende Invali­denrente nach Tod oder Unglück des Mannes wenigstens einen Notgroschen sichert; auch nicht nur deshalb, weil die Frau des zur Miete wohnenden Bergmannes ebenso wie die des Klein­stellenbesitzers lange nicht sosehr Magd und Arbeiterin ist wie die des Groß­stellen­besitzers – natürlich schützt sie diese Gründe vor –, sondern wohl vor allem deshalb, weil Bergmannsehen gewöhnlich glückliche Ehen sind; ebenso wie Zimmermannsehen. In solchen Ehen liegt der Mann seiner Frau nicht den ganzen Tag „auf der Pelle“; Abschied, Gefahr, Vermissen, Sehnen, Wiedersehen, Verlust und Gewinn wechseln sich oft ab. Der erwartete und endlich heimkehrende Mann ist immer „ein Stücklein Bräutigam“; die erste Stunde nach der Heimkehr immer wieder „ein Stücklein Hochzeit“.

Der junge Kerl schämt sich zunächst vor seinen Altersgenossen, eine Jungfer zu haben. Weder Vater noch Mutter noch Freund dürfen es zunächst erfahren. Ganz langsam entzieht er sich dem Banne seiner Kameraden. Er geht Sonntags weite Wege, um in das Haus seiner Jung­fer zu kommen. In glückseliger Unwissenheit um die geheimsten Lebens­prozesse steht er ganz in der Gewalt des Lebensgeheimnisses. Er weiß nur, daß nun alles anders wird. Als die jungen Burschen noch frömmer waren – zu meines Vaters Freierzeit –, sprachen sie unterwegs gar man­ches Gebet, selbst wenn sie sonst nicht so gern beteten. Den Kameraden [98] gegenüber be­decken sie die Zartheit, mit der sie zu ihrem Mädchen und deren Eltern sprechen, mit Frech­heit. Je frecher sie sich äußern, desto sicherer meinen sie ihr Geheimnis zu schützen. Wohl halten es keines­wegs alle bis zur kirchlichen Trauung aus, aber in den meisten Fällen ist das „zur Jungfer Gehen“ keineswegs ein Drauflosgehen, sondern eine Schamhaftigkeit, die erst in der Selbstvergessenheit endet. Hinter dem erwählten Mädchen steht immer noch die schützen­de Gewalt der Kirche, die viel stärker ist als die Wachsamkeit der meistens verwun­derlich gut­mütig vertrauenden Eltern. Der Weg zueinander wird freilich oft immer noch zu schnell gefunden, aber er ist siebenmal länger als bei den Men­schen, die nicht mehr zum Volke gehören.

Immer erscheint mir der Gedanke an den neuen Hausstand allen anderen voranzustehen. „Wir wollen unsere Päcklein (oder: Krämlein) zusammenschmeißen“, das ist die Redeweise, mit der ein junger Kerl seine Absichten zu eröffnen beginnt, über diese Seite der Ehe wird ge­spro­chen, über die andere nicht. Für das Wort geschlechtlich findet sich im Lexikon des Neusor­ger Volkes kein Dialektausdruck. Wenn es ge­braucht wird, merkt man ihm seine Herkunft an, nämlich die Zeitung oder irgendein populärwissenschaftliches Buch. „Ich habe dich lieb“, das klingt wie fremde Einfuhr; „Ich bin dir gut“, das ist von daheim. Wenn man wissen will, wie das Volk in der Liebe ist, darf man nicht hören, wie es über die Liebe spricht – da sind die Ausdrücke oft frech –, sondern man muß beobachten, wie es in der Liebe spricht. Das ist frei­lich eine Forderung, die schwer zu erfüllen ist. Wie das Volk in der Liebe spricht, versteckt sich wie die Vogelnester im Frühling; man sieht sie erst, wenn ihre Wunder vorüber sind.

Auch das Kinderkriegen vollzieht sich noch in der Welt, die keine Worte hat. Noch ganz ohne literarischen Einschlag. Der Neusorger sieht alle diese Dinge nicht mit den Augen der Dich­ter; nicht einmal schöne Wiegenlieder kennt er. Es geschieht ihm alles, und er beantwortet es mit Freude. Wo ein Acker ums Haus ist, werden Kinder gern gesehen. Viele Kinder! Der Neusorger sieht in ihnen seine zukünftigen Helfer und Ge­sellen. Wo der Weg bis zum näch­sten Kaufmann so weit ist, braucht man die kleinen Läufer. Tausend Arbeiten sind auf den Feldern, die auf die Kinder warten. Das erste Mädchen wird die Pflegemutter der nach ihr kommenden Geschwister. Es geht in Neusorge schlecht ohne Kinder. [99] Sie finden sogar den Weg in das Haus des feindlichen Nachbarn, wenn etwas zu bestellen ist. Die Großen sind böse aufeinander. Die Kinder achten es nicht; sie sind gut zueinander und stoßen heranwach­send die ganze Decke der Feindseligkeit durch. In der Redeweise der Neusorger findet sich der Ausdruck: „Um der Kinder willen“ so häufig, daß gar kein anderer Beweis dafür not­wendig ist, daß die Kinder das Leben des Volkes wesentlich bestimmen. In der großen Welt gibt es tausend Ziele, um derentwillen die Menschen leben und arbeiten, wissenschaftliche, wirtschaftliche, religiöse. Der Neusorger Bergmann weiß ganz gut, wie wirtschaftlich-not­wendig seine Arbeit ist, aber er geht nicht etwa an seine Arbeit, um die deutsche Wirtschaft aufrecht zu erhalten, sondern um seine Kinder zu ernähren. Da ist er ganz frei von allen Idea­lismen.

Das Leben des Volkes unterscheidet sich vom Leben eines einzelnen Menschen, indem jenes quer, dieses längs geht: in diesem Kindheit, Jugend, Freiertum, Mannesalter und Greisenalter nacheinander, in jenem nebeneinander. Man hat zwar auch dem Leben eines Volkes dieses Nacheinander anzudichten und auzubeweisen versucht; beim Neusorger Volke merke ich nichts davon. Da schreit und strampelt es in den Wiegen und Kinderwagen genau so wie vor vierzig Jahren; da geht früh um halb sieben oder im Winter eine Stunde später bald hier, bald da ein Grüpplein Kinder in die Schule, genau wie vor vierzig Jahren; nein, es geht nicht, es steht beieinander, rennt ein Stücklein vorwärts, springt über den Straßengraben und wieder zurück, galoppiert, wartet auf ein Nachkommendes; da schreitet mit schwerem Schritt der Mann daher, da bleibt der Greis in Atemnot ein wenig stehen. Immer noch wie vor vierzig Jahren schläft das Kindervolk in der Kammer oder in einem Bodenverschlag, die Eltern in der Wirtschaftstube und die Ausgedingeleute in dem Ausgedingehäuslein neben dem großen Hause. Nein, ganz so ist es nicht mehr. Vor etwa sechzig bis achtzig Jahren wuchsen neben den Wirtschaftshäusern die winzig kleinen Ausgedingehäuser auf, nicht ganz nahe, sondern meist ein hübsches Stücklein weg; oder wenn ganz nahe, so doch mit besonderem Eingang. Das ist mir immer eine innerliche Plage, wenn ich diese Häuslein sehe, soviele ihrer noch stehen. So klein sind sie. Nach einem Leben voller Arbeit, die immer die Scheuern und Ställe erweiterte, kommen die Auszügler auf einmal aus mit einem solchen winzigen Häuslein. Ihr Leben hat Platz darin. Es will aber nicht [100] mehr durch dieselbe Tür, durch die nun die jüngeren Besitzer schreiten. Die Alten wissen, daß sie sich mit den Jungen nicht in Frieden vertragen können. Sie haben Lebensweisheit genug, um zu wissen, daß die Liebe und der Friede Entfer­nungen brauchen.

Die Kinder sind in allen Höfen daheim, tummeln sich auf allen Wegen und Steigen, wundern sich höchstens, wenn sie einmal von einem Fleck vertrieben werden; – die Männer und Frau­en beschränken sich streng auf ihr Haus, auf ihre Äcker und Wiesen; – die alten, greisen Men­schen bergen sich in ein Hüttlein, das nicht allzuviel größer ist als ein Sarg.

Heute stehen die Ausgedingehäuslein und die Ausgedingestuben von Neusorge alle leer. Die Häuslein stehen wie Ruinen da; ihre Strohdächer vom Wind zerfetzt, ihre unteren Balken ver­fault, so daß sich das Dach immer mehr senkt. Oder sie werden als Pferdestall, Geräteschup­pen be­nutzt., dienen auch als Schlafraum für die Kinder; die Ausgedingestuben ebenso. Ich muß oft darüber nachdenken, denn vor meinen Fenstern steht die Ruine des Ausgedingehau­ses unseres Nachbarn. Lange Zeit sind sie nie von denen, die in ihnen den Feierabend ihres Lebens ver­bringen wollten, bewohnt worden. Lange Zeit beherbergten sie Miets­leute, unstete Männer, zarte, gebrechliche Frauen, von irgendwoher. Die Neusorger dürfen sterben, sobald sie ihre Arbeit getan und ihren Acker einer jüngeren Hand anvertraut haben. Niemand baut sich heute ein Ausgedingehaus, als ob alle die letzten Besitzer ihres Grundstückes zu sein meinten. Oder die alte Furcht vor dem Unfrieden mit den neuen Besitzern hat ihre Kraft ver­loren. Die alten sind zufrieden mit einem Stüblein im großen Hause und gehen durch dieselbe Tür wie die Kinder und die Großen.

Schnelle Schritte, bedächtige Schritte, mühsame Schritte überschreiten die Pflastersteine vor der Tür. Wäre dort ein Uhrwerk angebracht, so müßte das Zifferblatt drei Zeiten zeigen. Ich sah einmal als Kind unseren Nachbarn den Wassersteig entlang rennen. Das war mir etwas ganz Un­geheuerliches, einen Mann rennen zu sehen. Und lange mußte ich nach­denken, warum die natürliche Fortbewegung der Kinder das Hüpfen, Springen und Rennen, die der Erwachsenen der bedächtige, breite, schwere Schritt, die der Alten aber fast ein immerwäh­rendes Stehen­bleiben sei. Der Kindertag dauert zwischen Aufstehen und Schlafengehen nur zwölf Stunden, ist aber ewig; ewig lang die Sommer, ewig lang die [101] Winter. Ereignisse aus dein vorletzten Jahrzehnte Liegen in tiefer Ver­gangenheit; ewig dauert es bis zum Hei­raten­können, nach «lern sich der Neusorger Junge frühzeitig sehnt. Der Tag der Väter und Mütter dauert vom Aufstehen bis zum Schlafengehen achtzehn Stunden, geht aber so schnell vorüber, daß oft die Klage laut wird: „Ich habe halt gar keine Zeit“ – die Großväter konnten noch die Bibel lesen, konnten Bauern­truhen malen, konnten figurenreiche Weihnachtskrippen schnitzen und hatten beim Tode doch mehr Gold und Silber, als ihre rastlos tätigen und be­sorgten Enkel Der Tag der Alten dauert vierundzwanzig Stun­den; sie können nicht mehr schlafen, ohne jede Stunde schlagen zu hören, während die Kinder gar keine Stunde, die Väter und Mütter die zwölf Arbeitsstunden schlagen hören. Nur die Schmerzen und Gebrechen ver­mitteln dem Alten noch die Vorstellung einer langen Zeit. Darum leben sie noch, weil sie lei­den. Wenn sie nicht leiden, geht die Zeit fern von ihnen. Sie leben nur noch in der fernen Kin­derzeit, denken nur an ver­gangene Ernten. Auf ihrem gegenwärtigen Wege ist keine Zeit mehr.

Die heutige Neusorger Jugend kennt kaum mehr einen Großvater oder eine Großmutter. Ihre Väter und Mütter sind alle in der Vollkraft der Jahre. Es geht von Munde zu Munde, daß der fünfjährige Herbert, von unserem Nachbar der Sohn, gesagt hat: „Der Erich – sein älterer Bruder – muß acht Jahre in die Schule gehen. Ich werde nur einen Tag in die Schule gehen, dann werde ich Vater!“ oder: „dann werde ich grau“.

Ich freue mich, daß der Fluß des Volkstums durch Neusorge geht. Wo man sonst von Volks­tum spricht, ist es oft nur ein Kanal, der seine Wasser von anderen Flüssen bezieht. Der Fluß ist eine Gnade für die Landschaft, das Volkstum für die Menschheit. Das Volkstum kann aus­trocknen oder versumpfen. Es ist nicht überall und nicht allezeit gegeben. Es ist wie alle Gna­den. Wer irgend etwas davon versteht, versteht es eben nicht. Wer es gar machen will, hat es nie gesehen. Man kann immer nur vergangenes Volkstum nachmachen. Aber nachgehen kann man den lebendigen Quellen des Volkstums, Fließen sehen kann man es, wenn es fließt. Das Volkstum kommt über die Menschen, wenn die Stunde da ist. Es kann gerufen werden, wenn es nahe ist. Volksbildner sind nicht ab­sichtssichere Kunstgewerbler, sondern Propheten oder überwältigte Künstler.

In meinen Büchern lebt es, sagt man mir zu meiner Freude. Es lebt [102] wohl auch in mir. Und in mir lebt es so, daß ich sagen muß: eine seiner stärksten Quellen ist die katholische Kirche, zu der vor vierzig Jahren ganz Neusorge gehörte und zu der es jetzt noch gerechnet wird. Vor vierzig Jahren war noch kein Haus in Neusorge, aus dessen Tür nicht Sonntags früh eine Anzahl feiertäglich gekleideter Menschen trat, um in die Kirche zu gehen. Von der Höhe der Roterlehne aus war es ein schöner Anblick, diese feierlichen Gruppen auf der Straße und auf den Bauernwegen dahinziehen zu sehen. Manche Wege führen heute noch den Namen Kirchsteig. Zur Kirche hatte man das Recht auf dem kür­zesten Wege zu gehen, auf dem man sonst zwar auch ging, aber nicht mit Recht. Zur Kirche wie zum Grabe, meinte man, dürfe kein Umweg sein und kein Zurück. Da durfte man auch an dem Rande eines Obst­gartens entlang gehen, wo sonst kein Weg war. Selbst der breitspurige Leichenwagen behauptet jetzt noch das Recht, durch Gras und Klee zu fahren, wenn der Besitzer nicht vorher einen genü­gend breiten Streifen freimäht. Auf ebensolchen Wegen kommt das Volk auch von den ande­ren, rings um das Dorf und seine Au liegenden Siedlungen. Ein Strahlen­stern wird, in dessen Mitte die Kirche liegt. Wie eine Henne liegt sie da mit ihrem breiten Dache und lockt mit ihren Glockentönen die Küchlein weit und nah, um sie mit ihren Flügeln zu decken. Manche Häuser wurden ganz leer; in manchen blieb nur ein Wächter, oft auch fürs Nachbar­haus zu­rück. Auf den Feldern sah man Sonntags früh und vormittags niemanden. Das ist nun anders geworden. Es gehen noch viele Leute in alter Treue zur Kirche, aber es ist Erfüllung des Ge­setzes, es ist keine Selbstdarstellung des Volkes mehr. Manchmal finden zur Kirchzeit ge­werkschaftliche Versammlungen statt, die einen Teil der Männer an sich ziehen. Ein anderer Teil des Volkes sondert sich ab und besucht die Konventikel der in letzter Zeit eingedrunge­nen Sekten, deren Anhänger die eigene Gemeinschaft so stark betonen, daß die Volksgemein­schaft gelöst wird. „Der und der gehört nicht zu uns; der gehört zur Welt“, sagen sie. Während die Gewerkschaftler solches nicht tun, wohl aber die Volksgemeinschaft als Ganzes von der Kirche loslösen, obwohl ihre Mitglieder im einzelnen noch Kirchgänger blieben. Ich weiß auch, daß früher jeder Neusorger seinen Lieblingsplatz in den Bänken des Kirchenschiffs oder des Sängerchores hatte. Auch wenn einmal die Bank schon voll besetzt war, – er mußte noch hinein; auch wenn er hinter den Pfeiler [103] geriet; auch wenn in der nächsten Bank noch bequemer Platz war. Viel­leicht nicht bloß deshalb, weil er an die Schnupftabakdosen dieser Bank gewöhnt war; aber auch deshalb, denn da sich die Menschen in der Kirche keine andere fühlbare Liebe erweisen können, so müssen sie es mit der Dose tun, die heimlich von Hand zu Hand geht. Vom Gottesdienst ver­stehen die Kirchgänger nur noch die großen Züge. Die Liturgie, d. h. das Volkswerk, ist Hierurgie geworden, d. h. ein Werk, für das ein be­sonderer, studierter und geweihter Stand da ist und an dem das Volk nur durch Dasitzen und Dabeisein teilnehmen kann; durch Mitbeten, wenn man das mühsame Studieren in den Gebetbüchern ein Mitbeten nennen kann. Trotzdem empfangen die Leute im Gottesdienst noch eine starke volk­bildende Kraft aus dem feierlichen Beieinandersein. Kirche und Volkstum haben für die Neu­sorger noch nicht allen ursächlichen Zusammenhang verloren. Es ist noch viel Zusammen­hang aus Groß­väterzeit ererbt. Was unser Pfarrer verkündet auf der Kanzel und tut auf dem Altare, das ist noch keine religio depopulata. Wird es auch nicht sein, solange Bauernsöhne wie er die Mehrzahl im Klerus bilden und. wenn sie auch über alle Höhen des philosophi­schen und theologischen Studiums gehen mußten, doch in der Praxis wieder in den Bann des Volkstums geraten. Es ist aber eine Wandlung unterwegs. Nicht mehr das volkreiche Land schickt die meisten Kandidaten der Theologie und der Seelsorge zu, sondern die Großstadt, wo viele Menschen sind und wenig Volk. Der Sohn der Großstadt wird dem Volke nicht mehr erscheinen als sein eigener, geweihter Teil, sondern ganz als Sendling einer Kirche, die ver­ehrungswürdig aus der Ferne kommt, vom Himmel her, wie die Geistlichen sagen. Dann kann sich auch für Neusorge die alte Prophetie von der religio depopulata erfüllen. Volkstum ist eine Gnade, die sterben kann wie alle Gnaden. Sie ist eine gratia gratis data: Nur wer sich ihrer freut und dankbar ist für sie, empfängt sie und kann sie weitergeben.

Quelle: Die Kreatur, erster Jahrgang 1926/1927, Heft 1, S. 87-103.

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