„Wer Geld besitzt, hat diejenigen, die keins besitzen, im Sacke“ – Leo Tolstojs Essay „Was ist Geld“ von 1890

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Was ist Geld?

Von Leo Tolstoj

Geld! Was ist Geld? Geld ist ein Äquivalent für Arbeit.

Ich habe gebildete Leute getroffen, die allen Ernstes behaupteten, das Geld repräsentiere sogar die Arbeit derjenigen, welche es besitzen. Ich gestehe, daß auch ich früher in unbestimmter Weise zu dieser Ansicht hinneigte. Ich wollte jedoch genau und von Grund auf wissen, was denn eigentlich das Geld sei, und um das zu erfahren, wandte ich mich an die Wissenschaft.

Die Wissenschaft sagt, daß der Begriff des Geldes durchaus nichts Un­gerechtes oder Schäd­liches in sich schließe, daß das Geld die natürliche Grundlage unseres sozialen Lebens sei, dessen wir zur Erleichterung des Umtausches, zur Ermöglichung des Sparens sowie als Wert­messer und Zahlungsmittel unumgänglich benötigen.

Die augenscheinliche Tatsache, daß ich, wenn ich drei überflüssige Ru­bel in der Tasche habe, in jeder zivilisierten Stadt nur zu pfeifen brau­che, um sogleich ein ganzes Hundert von Leuten zur Verfügung zu haben, die für jene drei Rubel auf mein Geheiß die allerschwierigsten, wi­derlichsten und erniedrigendsten Arbeiten verrichten – diese Tatsa­che hat ihre Ursache nicht im Gelde, sondern in den höchst verwickel­ten Bedingungen des wirtschaftlichen Lebens der Völker.

Die Unterjochung des Menschen durch den Menschen rührt nicht vom Gelde her, sondern von dem Umstand, daß der Arbeiter nicht den vollen Ertrag seiner Arbeit erhält. Daß er diesen vollen Ertrag nicht erhält, liegt an den besonderen Eigenschaften des Kapitals, der Rente und des Arbeitslohns sowie an den komplizierten Beziehungen, wel­che zwischen diesen Faktoren und überhaupt zwischen der Produk­tion, der Verteilung und der Konsumtion der Güter beste­hen. Ohne Redensarten würde man die Sache etwa so ausdrücken: Wer Geld be­sitzt, hat die­jenigen, die keins besitzen, im Sacke.

Die Wissenschaft aber bestreitet das. Die Wissenschaft sagt: an der Hervorbringung jeglichen Produktes sind drei Faktoren beteiligt: der Grund und Boden, die Produktionsmittel und die Arbeitskraft. Dar­aus nun, daß der Inhaber der Arbeitskraft nicht zugleich Inhaber der beiden anderen Faktoren ist, entsteht jenes äußerst verwickelte Ver­hältnis, welches die Abhängigkeit des Menschen vom Menschen, die Unterjochung des Menschen durch den Menschen bedingt. Woher aber stammt diese Herrschaft des Geldes, die uns alle durch ihre Grau­samkeit betrof­fen macht? Wie kommt es, daß ein Teil der Menschen vermittels des Geldes den anderen Teil in Abhängigkeit erhält? Die Wissenschaft sagt, es komme von jener Teilung der Produktions­fakto­ren, welche auf den Arbeiter einen Druck ausübten. Diese Antwort kam mir immer etwas sonderbar vor. Es wird behauptet, daß diese drei Faktoren an jedem Produkte ihren Anteil haben und daß füglich das erzeugte Gut – oder der Wert, der Erlös desselben, das Geld – sich billigerweise unter alle drei verteile, und zwar als Rente für den Grund­besitzer, als Kapital­gewinn für den Besitzer der Produktionsmittel und als Arbeitslohn für den Arbeiter. Liegen die Dinge wirklich so? Ist es vor allem richtig, daß jene Faktoren, und einzig nur sie, an der Hervor­bringung eines jeglichen Produktes ihren Anteil haben?

Während ich diese Zeilen schreibe, wird rings um mich Heu produ­ziert. Aus welchen Fak­toren setzt sich dieses Produkt zusammen? Ich sehe, daß hier die Dreiteilung nicht stimmt, daß außer dem Grund und Boden, den Arbeitsgeräten und der Arbeit noch andere Dinge in Frage kommen: die Sonne, das Wasser, die gesellschaftliche Organisation, welche das Gras auf der Wiese vor dem Abweiden durch fremdes Vieh schützt, die besondere Geschicklichkeit der Schnitter, ihre Fähigkeit, sich vermittels der Sprache zu verständigen, und noch zahlreiche andere »Faktoren«, welche die Nationalökonomie aus irgendwelchen Grün­den als solche nicht anerkennen mag. Sonnenwärme und Sonnenlicht sind für jede Art von Produktion ein noch notwendigerer Faktor als selbst der Grund und Boden. Ich kann mir sehr wohl vorstellen, daß jemand, insbesondere in der Stadt, das Recht für sich in Anspruch nimmt, einen anderen durch Mauern oder Baumpflanzungen des Son­nenlichts zu berauben, und auch mit dem Was­ser und der Luft ist dies der Fall. Einen ganzen Band könnte ich mit der Aufzählung der ver­schiedenartigsten Faktoren anfüllen, die alle an der Hervorbringung der mannigfachen Pro­dukte ihren Anteil haben. Weshalb übergeht die Wissenschaft sie, weshalb spricht sie immer nur von jenen drei Fakto­ren der Produktion? Doch wohl nur deshalb, weil auf jene anderen Dinge – die Strahlen der Sonne, das Wasser, die Luft usw. – selten jemand einen An­spruch erhebt, während das Streben nach Grundbe­sitz und Kapitalbesitz in unserer Gesell­schaft ganz allgemein ist.

Die Wissenschaft hält sich also nicht an den wesentlichen Kern der Dinge, sondern sie paßt ihre Meinungen den augenblicklich bestehen­den, dem Wechsel unterworfenen Zuständen an und spricht willkür­lich von denjenigen drei Faktoren, die ihr gerade in die Augen fallen, oder auf die sie die Aufmerksamkeit hinzulenken wünscht. Der Arbei­ter soll des Grund und Bo­dens und der Arbeitsmittel beraubt sein – wenn wir uns nur ein klein wenig in den Sinn dieser These versenken, dann erkennen wir den inneren Widerspruch, den sie enthält. Der Be­griff des Arbeiters schließt auch den Grund und Boden, die Erdober­fläche ein, auf welcher er lebt, sowie die Geräte, deren er sich bei seiner Arbeit bedient. Einen Arbeiter, der nicht auf der Erdoberfläche lebt und sein notwendiges Arbeitsgerät nicht besitzt, hat es niemals gege­ben und kann es niemals geben. Wenn der Landarbeiter kein Land, kein Pferd und keine Sense besitzt, wenn der Schuhmacher kein Haus und keine Ahle hat, so heißt das ebensoviel, daß irgend jemand sie all dieser für sie notwendigen Dinge beraubt hat, nicht aber, daß es Land­arbeiter ohne Pflug und Schuhmacher ohne Handwerkszeug geben kann. Wie man sich einen Fischer ohne Fischgerätschaften, auf trocke­nem Lande, nur unter der Bedingung vorstellen kann, daß ihn irgend jemand von seinem See vertrieben und seiner Gerätschaften beraubt hat, so sind auch der Landarbeiter und der Schuhmacher ohne die für ihre Arbeit notwendigen Faktoren nur denkbar, wenn ihnen diese Fak­toren mit Gewalt vorenthalten werden.

Wohl kann es Menschen geben, die auf der Erdoberfläche von Ort zu Ort gejagt werden, wie auch solche, denen man ihr Arbeitsgerät ge­nommen, und die man zwingt, mit fremdem Ar­beitszeug Dinge anzu­fertigen, deren sie nicht bedürfen, aber das will doch nur sagen, daß es Fälle gibt, in denen die natürliche Ordnung der Dinge gestört ist. Wenn die Wissenschaft all die Dinge, welche dem Arbeiter durch einen andern geraubt werden können, als Faktoren der Produktion betrach­tet – weshalb hält sie dann den Anspruch des Sklavenbarons auf die Per­sönlichkeit des Sklaven nicht für einen solchen Faktor? Es kann jemand auf die Strahlen der Sonne einen Besitzanspruch erheben oder einen Mitmenschen als sein Eigentum betrachten, als einen natürlichen Produktionsfaktor jedoch darf er einen solchen auf die Gewalt gestütz­ten Anspruch nicht betrachten. Ebensowenig aber ist ein Anspruch auf den Grund und Boden oder auf die Arbeitsgeräte als ein natürlicher Faktor der Produktion zu betrachten. Die Wis­senschaft kann nur kon­statieren, daß es derartige Ansprüche gibt, welche das natürliche Pro­duktionsverhältnis stören und den Arbeiter der natürlichen Produk­tionsbedingungen berauben, sie darf jedoch diese zufällige, wenn auch noch so häufig beobachtbare Störung nicht als das Grundgesetz der Produktion betrachten. Der Nationalökonom, welcher das dennoch tut, gleicht jenem Zoologen, der eine Anzahl von Zeisigen mit be­schnittenen Flügeln in Käfigen mit Wassernäpfen gesehen hat und dar­aus den Schluß zieht, daß die beschnittenen Flügel, die Käfige und Wassernäpfe die drei natürlichen Lebensbedingungen dieser Vögel sei­en. In der Lage dieser Zeisige befinden sich die Arbeiter ohne Grund und Boden und ohne Produktions­mittel, und die Tatsache, daß sie nach Millionen zählen, berechtigt die Wissenschaft noch nicht, diese Lage als eine natürliche zu betrachten und aus dem zufälligen Sachbe­stand ein allgemein gültiges Produktionsgesetz abzuleiten.

Die lebendige Wirklichkeit hört nicht auf, immer wieder diese Fragen zu stellen, und zuletzt wird denn auch die Wissenschaft nicht umhin können, sich mit ihnen zu beschäftigen. Dann aber muß sie aus dem Zauberkreise, in welchem sie sich gegenwärtig befindet, und in dem sie sich gleichsam beständig um sich selbst dreht, in das volle Leben hin­austreten und den Din­gen mit mutiger Stirn ins Antlitz sehen. Dann werden durchaus neue Meinungen und An­schauungen Platz greifen, welche die heutige Pseudo-Wissenschaft mit ihren Einteilungen und Grundprinzipien über den Haufen werfen und der Auffassung des ge­sunden Menschen­verstandes zur Anerkennung verhelfen werden. Auch die Frage, was Geld sei, wird alsdann ihre Lösung finden, und es wird sich herausstellen, daß das Geld durchaus nicht jenes un­schuldige Mittel der Wertmessung, der Verkehrserleichterung und der Sparmög­lichkeit ist, als welches die Wissenschaft es gegenwärtig darstellt, son­dern daß es das erste und vorzüglichste Mittel der Unterjochung des Menschen durch den Menschen ist, mit einem Wort, daß es ist: geron­nene Gewalt.

Aus dem Russischen von August Scholz.

Quelle: Freie Bühne für modernes Leben, hrsg. v. Otto Brahm, Berlin, 1. Jahrgang, Heft 1, 29. Januar 1890, S. 3-5.

Hier der Text als pdf.

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