„dass das rechte Beten immer wieder gelernt und im Widerstand gegen Bedürfnisse und Zweckmäßigkeiten des Tages festgehalten werden will“ – Frieder Schulz über das Kollektengebet

amen

Das gottesdienstliche Kollekten- bzw. Tagesgebet, das ja in Liturgie die Anrufung abschließt, zeigt die Grundform christlichen Betens auf: NAMENtliche Anrede, homologische bzw. doxologische Prädikation, petitive Bitte, christusvertraute Konklusion und schließlich das affirmative Amen. Seinerzeit hatte Frieder Schulz (1917-2005) in der Mahrenholz-Festschrift Kerygma und Melos (1970) ein liturgiegeschichtlich gestütztes Plädoyer für das Kollektengebet gehalten, das noch immer lesenswert ist. Hier seine einleitenden Worte:

Das Kollektengebet. Seine Frühgeschichte, die theologische Bedeutung seiner Gestalt und die Probleme seiner Rezeption in der Gegenwart

Von Frieder Schulz

Das Kollektengebet hat als charakteristisches Stück des sonntäglichen Propriums bei der Neuordnung des Gottesdienstes nach dem letzten Krieg in allen evangelischen Kirchen des deutschen Sprachgebietes, soweit sie dem abendländischen Meßtyp folgen, einen festen Platz bekommen. Bei der Gestaltung des Kollektenzyklus konnte man sich auf das durch die Forschungen von P. Althaus d. A. und H. L. Kulp erschlossene Erbe, sowie auf die inzwischen erprobten neuen Kollekten von K. B. Ritter stützen. Der von der Luth. Liturgischen Konferenz vorgelegte Kollektenkanon hat sich von den epigonalen Kollekten des 19. Jahrhunderts entschlossen abgewendet und die Vorarbeiten von Kulp und anderen zusammengefaßt; er ist so für alle folgenden Agenden vorbildlich geworden, auch wo sie die Texte sprachlich überarbeiteten. Das Begleitwort, das der Jubilar dem gesondert veröffentlichten Heft „Kollektengebete“ beigefügt hat, brachte die Erkenntnisse über Sinn und Struktur dieser Gebete in klarer, geschichtlich fundierter Weise zum Ausdruck. Mit der Rezeption des gemeinsam erarbeiteten Kollektenzyklus in den Agenden der VELKD, der EKU und anderer Kirchen kam eine Entwicklung zum Abschluß, die schon im 19. Jahrhundert begonnen hatte.

Fast gleichzeitig mit dem Abschluß der Arbeit an einer festen gemeinsamen Grundordnung des evangelischen Gottesdienstes und an einem Grundstock gemeinsamer Gebets- und Liedtexte setzte die neue „liturgische“ (oder wenn man will: „antiliturgische“) Bewegung ein, die das so gründlich Erarbeitete ebenso gründlich in Frage stellte. Es kann nicht verwundern, daß gerade eine festgeprägte und sprachlich hochstilisierte Form wie das Kollektengebet die schärfste Kritik auf sich zog: es sei zu kurz, als daß man dadurch zum Beten erwärmt werden könnte; es rede altfränkisch und archaisch; es biete unverdauliche dogmatische Brocken; es zwänge durch seinen strengen Stil die freie Bewegung des Betens in eine starre Form; vor allem habe es keinerlei Gegenwartsbezug und werde einfach nicht verstanden. Nun hatten die Verfasser von Agende I nie gemeint, der von ihnen erarbeitete Kollektenkanon sei unantastbar. Darum wurden alsbald nach der kirchlichen Rezeption der Agende Kritik und Verbesserungsvorschläge zentral gesammelt, damit bei der vom Fortgang der Sprachentwicklung geforderten Revision das Material sofort verfügbar wäre.

Aber die Kritik an der Kollekte geht tiefer, als daß sie durch neue Übersetzungen oder Moder¬nisierung einzelner Ausdrücke, durch Auflösung des Sprachgefüges in einzelne kurze Sätze, durch inhaltliche Ausrichtung auf ein Gottesdienst-Thema, durch Vermehrung der zur Wahl stehenden Kollekten, durch moderne Neuschöpfungen oder durch „Entdogmatisierung“ zum Verstummen gebracht werden könnte. Wenn trotz der „letzten Unzulänglichkeit all unseres Betens vor Gott“ gesagt worden ist, daß der Formelschatz der klassischen Kollekten „als eine der großen klassischen Schöpfungen der Menschheit bezeichnet werden muß“, so kann das ebensowenig ein Grund dafür sein, ihn beizubehalten, wie die unbestreitbare Tatsache, daß diese nicht leicht eingängige Gebetsform den Erwartungen und Bedürfnissen des modernen Menschen nicht entspricht, der Grund dafür sein kann, sich von diesem Erbe zu trennen.

Im folgenden soll versucht werden, aus der Frühgeschichte des Kollektengebetes Einsichten über seine Struktur zu gewinnen und die theologische Bedeutung seiner Sprachgestalt in den Blick zu bekommen. Sofern die christliche Gemeinde ihren Gottesdienst von der an Wort und Sakrament gebundenen Gegenwart ihres Herrn bestimmt sein läßt, um von daher ihren Dienst in der Wirklichkeit der Welt zu tun, wird das Kollektengebet in seiner Funktion und als Modell hilfreich sein können, und sei es als eine zuweilen hartnäckige Zumutung und Erinnerung daran, daß nicht das Beten überhaupt, wohl aber das rechte Beten immer wieder gelernt und im Widerstand gegen Bedürfnisse und Zweckmäßigkeiten des Tages festgehalten werden will.

Hier der vollständige Text als pdf.

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