„Sie war die größte und tödlichste Rebellion des 19. Jahrhunderts“ – Der Sinologe Rudolf G. Wagner über die Taiping-Bewegung

Niederschlagung des Taiping-Aufstandes», circa 1860
Kaiserliche Truppen im Kampf gegen die Taiping-Bewegung (ca. 1860)

Der im September erschienene Roman „Der Gott der Barbaren“ von Stefan Thome hat sich der Taiping-Bewegung in China Mitte des 19. Jahrhunderts und dem damit verbundenen Bürgerkrieg angenommen. Die Geschichte dahinter mit dem Einfluss der protestantischen China-Mission ist bei uns eher unbekannt. Aufschlussreich ist, was der Sinologe Rudolf G. Wagner im Evangelischen Kirchenlexikon darüber geschrieben hat.

Taiping-Bewegung

Von Rudolf G. Wagner

  1. Name und Ursprung der Taiping-Bewegung

Die chinesische Taiping-Bewegung geht zurück auf eine Vision ihres späteren Anführers Hung Hsiu-ch’üan (1814–1864) aus dem Jahre 1837. Der Begriff t’ai-p’ing, »Großer Friede«, nimmt ein utopisches Ideal auf, welches sich bis ins 3.Jh. vor unserer Zeitrechnung zurückverfolgen läßt. In der Vision beauftragte ein »alter Mann« Hung damit, die »Dämonen« von Erde und Himmel zu vertreiben, die dafür gesorgt hatten, daß die Menschen ihn, ihren Schöpfer, ver­gessen haben. Ein in der Vision angekündigter Fund eines Heftes mit Bibelauszügen und evangelikalischen Traktaten bestätigte deren Echtheit. In Übersetzung seines Auftrags begann Hung ab 1842 eine »Gemeinde von Anbetern Gottes« in Kuang-tung und Kuang-hsi um sich zu sammeln und die anfänglich als »Dämonen« identifizierten Standbilder in den örtlichen Tempeln zu zerstören. Mit seinem Vetter Hung Jen-kan (1822–1864), der 1857 Premiermini­ster des T.-Reiches wurde, ging er 1847 für drei Monate zu dem amerikan. Freimissionar I.J. Roberts (1802–1871) nach Kanton, um weiteres über die in dem Buch enthaltene Lehre zu erfahren.

  1. Etablierung des Himmelreichs des Großen Friedens

Die Gemeinde der Anbeter Gottes war nur eine von vielen religiös inspirierten Bewegungen Südchinas dieser Jahre, jedoch einzigartig in ihrem radikalen Bruch mit den traditionellen chinesischen Religionen, deren Institutionen sie zerstörten, und ihrer Hinwendung zum westl. Mono­theismus mitten in den Jahren des Opiumkrieges und einer wachsenden Feindseligkeit gegen­über dem Westen wie auch gegenüber der ethnisch und kulturell nun ebenfalls als »fremd« angesehenen Regierung der Mandschu. Die Taipings rekrutierten sich anfänglich v.a. aus den früher vom Norden her zugewanderten und im Süden marginalisierten Hakka; später zogen sie Teile der ländlichen Jugend, der Bergarbeiter und der städtischen Handwerker an. Die entschei­dende Wendung der Taiping-Bewegung von einer gegen den »Götzendienst« ge­richteten zu einer gegen die Mandschu-Regierung gerichteten Bewegung kam 1848, als sie die Mandschu als die »Dämonen« definierten und einen militärischen Aufstand begannen. Im sicheren Be­wußtsein göttlicher Unterstützung und wohlwollend betrachtet von den Erwe­ckungsmissio­naren, die hier ihre Träume von einer Blitzkonversion Chinas durch entspre­chend vom Hl. Geist vorbereitete »Corneliusseelen« verwirklicht sahen, stürmten die Taipings nordostwärts nach Nanking, welches sie 1851 einnahmen und zu ihrer »Himmlischen Haupt­stadt«, dem »neuen Jerusalem«, machten.

  1. Historische Aktion als Interpretation der Vision

Hungs Vision blieb für alle Aspekte der Taiping-Bewegung der symbolische Originaltext, den sie in irdi­sche Aktion zu übersetzen hatte. Dies bezog sich sowohl auf die militärischen Stra­tegien, die den Kampf gegen die »Dämonen« übersetzten, auf die Politik gegenüber dem Kon­fuzianis­mus, der als verderblich verbannt wurde und dessen akzeptable Teile sie durch Umar­beitung bewahrten, den Buddhismus, Katholizismus und Taoismus, die alle als dämoni­sche Götzenan­betung verboten wurden, die Mandschus, die wegen ihrer Verehrung der lama­isti­schen Gott­heit des Schwarzen Drachens als Anbeter des Satansdrachens selbst gesehen wur­den, auf ihre Politik gegenüber Frauen, die im Himmel einen aktiven Teil am Kampf genom­men hatten und nun in eine eigene Armee rekrutiert wurden, auf das Verbot des Opi­ums, wel­ches der »alte Mann« gefordert hatte, und selbst noch auf die Kleidung der Taiping-Führer und die Architektur ihres Palastes in Nanking, die das himmlische Vorbild nachahmten. Ne­ben Hungs Vision waren v.a. der Pentateuch mit dem Marsch der Kinder Israel durch die Wüste sowie Bunyans (1628–1688) bereits auf Chinesisch erschienenes »The Pilgrim’s Pro­gress to Salvation Direc­ted« (1851) Modell für ihr eigenes Unternehmen. Durch Glossolalie von Medien leiteten dar­über hinaus der »Himmlische Vater« und der »Himmlische Ältere Bruder« die Taiping-Bewegung an. In An­lehnung an Christian bei Bunyan und die Kinder Israel verweigerten die Taipings die Zusam­men­arbeit mit den verschiedenen gegen die Mandschu-Regierung agierenden Sekten, solange die­se nicht bereit waren, sich zu bekehren.

  1. Taiping Heilige Schriften und Programm

Die Taipings veröffentlichten neben dem kommentierten AT und NT ihr eigenes Testament mit dem Bericht über Hungs Vision, Protokolle späterer himmlischer Interventionen sowie eine Reihe von Büchern zur Moralerziehung und Staatslehre. Sie verbanden darin die Traktat­mis­sion der Erweckungsmissionare mit den Publikationsstrategien der populären chin. Sekten. Sie unterstellten sich nicht der theol. Führung der Missionare. Sie beabsichtigten nicht, China zu einem neuen Gott zu bekehren, sondern zu dem Gott Shang-ti zurückzubringen, der im Altertum von allen verehrt worden sei. Ihre politische und Soziallehre, die gleichberechtigte Landverteilung an Männer und Frauen einschloß, bezweckte die Herstellung einer sozialen Umgebung, die einem christl. Leben förderlich sein sollte, was einen gesicherten Lebens­unterhalt einschloß.

  1. Untergang des Taiping-Reiches

Die Vision gab nach der Einnahme Nankings keine weitere Anleitung. Es gelang der Mand­schu-Regierung, regionale chin. Armeen zusammenzustellen, die 1863 die »Himmlische Hauptstadt« einnahmen. Der Grund für den Erfolg der Taiping-Bewegung, Gehorsam gegen­über den in der Vision vorgezeichneten Schritten, war auch die Ursache ihrer Niederlage.

Die inzwischen an die Stelle der Erweckungsmissionare getretenen großen Denominationen bzw. Landeskirchen sahen in den Taipings den chin. Gegenpart zu den von ihnen daheim bekämpf­ten Sekten. Durch den für sie doppelt blasphemischen Anspruch eines Chinesen, als Gottes zweiter Sohn das Millennium einzuläuten, sahen sie sich darin bestätigt und unterstüt­zen engl. und franz. Aktionen gegen die Taipings. – Die Bewegung erfaßte weite Teile Süd­chinas für mehr als ein Jahrzehnt. Sie war die größte und tödlichste Rebellion des 19.Jh.s. Etwa 30 Mill. Men­schen kamen ums Leben.

Lit.: Michael, F.: The Taiping Rebellion: History and Documents, 3 Vols., Seattle/Wash. 1971 – Jen, Y.W.: The Taiping Revolutionary Movement, New Haven/Conn. 1973 – Kuhn, R.: Origins of the Taiping Vision: Crosscultural Dimensions of a Chinese Rebellion, s’Graven­hage 1977 – Wag­ner, R.: Reenacting the Heavenly Vision: The Role of Religion in the Tai­ping Rebellion, Berkeley/ Calif. 1982.

EKL3, Bd. 4/10 (1995), Sp. 641-643.

Hier der Text als pdf.

Wagners Schrift Reenacting the Heavenly Vision: The Role of Religion in the Tai­ping Rebellion findet sich hier zum Downloaden.

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