In einem staatlichen Gerichtssaal muss das Kruzifix missverständlich wirken – Warum ich als Christ die skandalöse Kruzifixabhängung eines Richters billigen kann

Richter Klaus-Jürgen Schmid mit dem Kruzifix (Foto Dagmar Bohrer-Glas / Bayerischer Rundfunk)

Das hat Schlagzeilen gemacht, nicht nur in der BILD-Zeitung – die Abhängung eines Kruzifixes im Gerichtssaal des Miesbacher Amtsgerichts durch den Richter Klaus-Jürgen Schmid bei einer Verhandlung zu einem Strafprozess gegen einen afghanischen Islamisten. In idea online wird dazu ein heftiger Widerspruch von Peter Hahne wiedergegeben:

Heftige Kritik am Verhalten des Richters übt der Journalist und Bestsellerautor Peter Hahne (Berlin) in einem Kommentar für die Evangelische Nachrichtenagentur idea. Unter Bezug auf die Äußerung des Afghanen schreibt das frühere EKD-Ratsmitglied: „Mir ist es nicht egal, ob ein Richter, der auf dem Boden des Grundgesetzes zu stehen hat, das Symbol unserer Kultur einfach nach Belieben auf- und abhängt.“ Hahne: „Ich frage mich: Wie ist es um seine juristische Kompetenz bestellt, wenn er bei dieser Frage schon so peinlich versagt.“ Das Verhalten des Richters entspreche einem Toleranzgedanken, wie er stimmungsmäßig auch von den Kirchen vertreten werde: „bloß nicht provozieren, lieber unsere Traditionen reduzieren“. Kniefälle der Unterwerfung mit Toleranz zu verwechseln, sei aber „nicht nur unklug, sondern schlichtweg dumm“. Hahne zufolge ist das Kreuz keine Privatangelegenheit von Christen oder Richtern und Politikern. Es gehöre zu Deutschland „wie die Löcher zum Schweizer Käse. Wir brauchen mehr, nicht weniger Kreuz und Bibel.“ Dann gäbe es, so Hahne, auch keine Gaffer auf Autobahnen und keine Gewalt gegen Rettungskräfte, „weil wir das Jesus-Gleichnis vom Barmherzigen Samariter kennen würden“.

Für mich als Christ ist die Maßnahme des Richters durchaus nachvollziehbar. Auch wenn ich weiß, dass das Kruzifix für die katholische Volksfrömmigkeit in Bayern eine außerordentliche Bedeutung und Aussagekraft hat, sehe ich vom Evangelium Jesu Christi her das Kruzifix in einem staatlichen Gerichtssaal als unangebracht an. Das Kruzifix stellt das Pascha-Mysterium Jesu Christi „gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben“ (Apostolikum) figürlich-mimetisch zur eigenen religiösen Andacht (devotio) im Sinne eines pro me dar.

Der Gottessohn hängt nicht symbolisch am Kreuz. Für Christen ist das Kruzifix nach außen hin kein Kultursymbol, sondern Bekenntniszeichen für den stellvertretenden Sühnetod des Gottessohnes am Kreuz zur Erlösung von Sünde und Tod. Nur im geistgewirkten Glauben an das Evangelium und damit innerhalb der Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen kann diesem Zeichen eine heilsame Bedeutung abgewon­nen werden. Für die anderen muss das Wort vom Kreuz Christi mit den Worten des Apostels Paulus „Torheit“ bzw. „Ärgernis“ (1Korinther 1,23) sein.

In einem staatlichen Gerichtssaal, wo ja Religionsneutralität geboten ist, muss das Kruzifix missverständlich wirken: Spricht ein Richter in einem Strafverfahren eine Verurteilung aus, so scheint dieses Urteil durch das Kreuz Christi hinter ihm als höhere göttliche Macht autorisiert worden zu sein. Damit wird die Botschaft des Kreuzes in das genaue Gegenteil verkehrt: Der christli­chen Lehre zufolge hat Jesus Christus am Kreuz von Golgota die Schuld der Menschen auf sich genommen, damit diese im rechtfertigenden Glauben an Christus von eigener Schuld und gött­licher Strafe freigesprochen werden.  Eine „weltliche“ Bestrafung und Verurteilung kann nach dem Evangelium nicht in einen Zusammenhang mit dem Kreuz Christi gebracht werden. Vielmehr heißt es für Christen mit den Worten Jesu: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.“ (Lukas 6,35f)

Zudem muss berücksichtigt werden, dass für einen nicht unbeträchtlichen Teil der weltweiten protestantischen Christenheit – vor allem aus der südlichen Hemisphäre und aus Asien – die plastische Darstellung Christi am Kreuz selbst ein Sakrileg ist. Für diese gilt nämlich in der Zählweise nach Exodus 20,2-17 das Bilderverbot als zweites der zehn Gebote: „Du sollst dir kein Gottesbild machen noch irgendein Abbild von etwas, was oben im Himmel, was unten auf der Erde oder was im Wasser unter der Erde ist. Du sollst dich nicht niederwerfen vor ihnen und ihnen nicht dienen, denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott“ (VV 4-5). Insofern sind lässt sich im Hinblick auf Kruzifixe im öffentlichen Raum nicht ohne weiteres eine gemeinsame christliche Tradition geltend machen.

Hier mein Text als pdf.

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