Heinrich Schlier über Mächte und Gewalten im Neuen Testament (1958): „Diese Auslegung von Welt und Dasein durch die Mächte, die sie verborgen beherrschen, geschieht aber in einer bestimmten Intention. Man kann auch sagen: die Mächte legen Welt und Dasein nach bestimmten Kategorien fest, die ihre Grundintention verraten. Die eine Kate­gorie ist der Tod. Sie bemächtigen sich eines Menschen oder seines Geistes in der Weise, dass sie ihn zum Tod ermächtigen, d. h. dass er, selbst durch sie zerstört, anderen zur Zerstörung wird. Darin und überhaupt im Verstören, Vereiteln, Verderben, Vernichten, Verwesen erfüllt und erweist sich die Tendenz ihres Wesens.“

Ausgerechnet ein Bultmannschüler, nämlich Heinrich Schlier (1900-1978), hat sich an einer „dämonologischen“ Interpretation des Neuen Testaments versucht. Sein Aufsatz „Mächte und Gewalten nach dem Neuen Testament„, der eine Zusammenfassung seines Büchleins Mächte und Gewalten im Neuen Testament (Freiburg-Basel-Wien: Herder 1958) ist, provoziert:

Mächte und Gewalten nach dem Neuen Testament

Von Univ.-Prof. Dr. Heinrich Schlier, Bonn

Wer heute von Dämonen und Mächten spricht, begegnet Skepsis und Abneigung. „Man kann“ – so formulierte einmal vor Jahren ein berühmter evangelischer Theologe – „nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des NT glauben“[1]. Und auch dort, wo man die Existenz solcher bösen Mächte, wie man sagt, „dogmatisch“ festhält, scheut man sich vielleicht aus demselben Gefühl des Unbehagens über dämonische Mächte in der Zeit der Naturwissenschaft und Technik und des geschlossenen Weltbildes, von ihnen zu reden. Man spürt, wie fremd einem diese Dinge sind und fürchtet, sich mit Absurditäten aufzuhalten.

Anderseits wird man ohne Zweifel gerade in unseren Tagen das Gefühl nicht los, daß die Rechnung der Welt und unserer Geschichte nicht recht aufgeht, wenn man nur die bekannten biologischen und soziologischen und höchstens noch moralischen Faktoren einsetzt. Noch mehr: das Empfinden wächst, daß mit der zunehmenden Beherrschung des Lebens auf der Erde und der Weltverhältnisse ein drohendes Unbeherrschbares sich erhebt, daß trotz immer feineren Kalküls ein listig Unberechenbares jedenfalls mit dem einzelnen Menschen immer böser umspringt. Was hilft da schon Wissenschaft und modernes Selbstverständnis, das sich gegen jeden „Zugriff supranaturaler Mächte“[2] wehrt, wenn da nun eben doch irgend etwas Unverfügbares über mich verfügt und mir zwar meine ganze Modernität läßt, aber das Leben flach, elend und unheimlich macht?

In solcher zwiespältigen Situation läßt es sich vielleicht doch rechtfertigen, wenn wir einmal versuchen, das Phänomen der Mächte und Gewalten so ins Auge zu fassen, wie es sich in den Schriften des Neuen Testamentes zeigt, die ja offenbar viel von ihm aus Erfahrung wußten. Wir können dabei freilich hier nicht ins einzelne gehen, sondern nur die wichtigsten Sachverhalte kurz beleuchten.

1.

Was dem Leser des NT zuerst auffällt, ist die Fülle von Bezeichnungen für solche dämonischen Mächte[3]. Sie heißen eben nicht nur „Mächte und Gewalten“, sondern etwa auch Kräfte, Herrschaften, Götter, Herren, Engel, Dämonen, Geister, Elemente u. a. m. Es ist ein Phänomen in einer Vielzahl von Namen, die miteinander ausgetauscht werden können. Offenbar ist das Phänomen in den einzelnen Namen, die im übrigen schon eine lange Geschichte haben, nicht recht zu fassen und liegt sozusagen zwischen und jenseits von ihnen. Die Namen sind nur ihre Chiffren. Nur eine sehr deutliche Unterscheidung gibt es unter ihnen. Diese Dämonen und [174] Geister, bösen Engel und Gewalten usw. sind dem Satan oder Teufel, der auch selbst eine Reihe von Namen und Beinamen trägt, untergeordnet. Sie sind offenbar Entfaltungen seiner Macht, sie sind seine Kräfte. Als die Jünger – so erzählt der Evangelist Lukas (10,17f.) – zu Jesus sagen: „Herr, auch die Dämonen sind uns untertan in deinem Namen“, antwortet er ihnen: „Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen“.

Diese einheitliche und doch diffuse satanische Macht ist nach dem Apostel Paulus wesensmäßig „in den Himmeln“ beheimatet. Damit sind die Himmel der Erde gemeint und nicht Gottes Himmel. Es ist die unsichtbare Tiefe der Welt, aus der die Kräfte die Erde und die Menschen bedrängen, es ist die Grenzdimension des Irdischen, aus der sie hereinbrechen. Es ist das Transzendente in der Immanenz, das „Jenseits im Diesseits“[4], in dem sie hausen und das in ihrem Wesen mitgegeben ist. In den dämonischen Mächten rührt den Menschen, der „Blut und Fleisch“ (Eph 6,12) ist, immer seine und seiner Welt unsichtbare, unfaßbare, unnennbare, dunkle und tiefe Grenze an.

Sie rührt sie aber an in Wesen personaler Macht. Das ist vielleicht ein seltsamer Ausdruck. Aber ich wüßte nicht, wie man sonst die Vereinigung zweier für unsere Vorstellung einander widersprechender Erscheinungsformen in diesen Wesen anders bezeichnen könnte. Denn einerseits ist der personale Charakter der Mächte eindeutig. Nicht nur solche Bezeichnungen wie Götter, Weltherrscher, Versucher, Widersacher u. a. verraten ihn. Sondern all ihr Wirken wird als zielbewußtes Wirken einer überlegenen Intelligenz und eines eigenmächtigen Willens erfahren. Eben diese spiegeln sich in dem scheinbar Grundlosen und jedenfalls für den Menschen Irrationalen ihres Auftretens und Eingreifens wider. Wo die Mächte ihre Hand im Spiel haben, entsteht der unmittelbare Eindruck, daß die Situationen und die Menschen von einem undurchsichtigen und rätselhaften Wissen und Willen gelenkt werden. Anderseits: wer lenkt? Offenbar personale Wesen, die in der Form und in der Weise von „Mächten“, von „Vermögen“, von „Geist“, von „Kraft“, von „Energien“ am Werke sind. Es ist bezeichnend, daß so nicht nur ihre Namen heißen, sondern daß sie im NT auch neben anderen Daseinsmächten, z.B. Leben und Tod, Gegenwart und Zukunft, Höhe und Tiefe zu stehen kommen (vgl. Röm 8,38; 1 Kor 15,23ff.). Diese dämonischen Mächte haben nicht nur Macht und Gewalt und Geist, sie sind, so wie sie begegnen, Macht, Gewalt, Geist. Sie werden also insgesamt im Wesen intelligenter Willensmacht erfahren.

2.

Aber in welcher Weise treiben diese seltsamen Mächte nun ihr seltsames Spiel in der Welt und unter den Menschen? Die allgemeine Antwort auf diese Frage ist die: sie bemächtigen sich der Menschen und der Welt in ihrem Geist, aber bis ins Leibliche hinein, um an ihnen und durch sie ihre Macht zu erweisen. Dafür nur ein paar Beispiele: Denken wir an die Fälle von Besessenheit, die uns in den Evangelien häufig geschildert werden. Der Dämon bemächtigt sich als der „unreine Geist“ [175] des Menschen, um durch des Menschen nun zerfallenden Geist (und zerstörten Leib) seinen, des Dämons, bösen Geist in die Welt auszuatmen. Hier werden nicht primitive medizinische Kenntnisse ausgebreitet, sondern hier wird die Geisteskrankheit, welche somatischen und psychischen und soziologischen Ursachen sie auch haben mag, vormedizinisch und übermedizinisch aus der gesamten Geschichtlichkeit des Menschen, die mit mehr rechnen muß als mit „Blut und Fleisch“, verstanden.

Ein ganz anderes Beispiel für das Wirken der Mächte ist dieses: im vierten Kapitel des Galaterbriefes erinnert der Apostel Paulus die galatischen Christen daran, in welcher Weise sie, als sie noch Heiden waren, das Gesetz erfuhren. Sie nehmen, sagt er, voll Angst Weisungen von den „armen und schwachen Elementen“ entgegen. Unter den „Elementen“ verstand der Apostel die Gestirne, aber nicht als solche, wie sie aus des Schöpfers Hand Zeugen seiner Schöpfung sind, sondern als solche, wie die Mächte sie als ihre Wesen begegnen lassen, als „Götter“, die doch von „ Natur“ keine Götter sind (Gal 4,8f.), oder – der Name wechselt! – als „Engel“ (Kol 2,18), oder eben – denn sie verstecken sich sogar in ihrem Namen – als „Elemente“. Die Mächte lassen den Heiden die Gestirne als Gesetze gebietende Götter erfahren. Sie lassen sich darin erfahren.

Noch ein drittes Beispiel. Erinnern wir uns an die unheimliche Darstellung der Erfüllung des politischen und staatlichen Lebens und seiner Institutionen und Personen durch den sie für sich mißbrauchenden satanischen Geist in Apk 13. Der Satan – im Ideogramm des „Drachens“ (12,9) – „gibt“ dem „Tier aus dem Meer“ – die apokalyptische Chiffre des antichristlichen Imperiums – „sein Vermögen und seinen Thron und große Gewalt“. Er treibt sein Wesen in der Macht der politischen Mächte, die sich von ihm beherrschen lassen. Wenn die „Erdbewohner“, wie die Menschen dort heißen, vor dem „ Tier“, der ins Tierhafte entarteten Herrschaft des antichristlichen Staates, „niederfallen“ und in den enthusiastischen Ruf ausbrechen: „Wer ist gleich dem Tier, und wer kann mit ihm Krieg führen?“, dann fallen sie zugleich und eigentlich vor dem „Drachen nieder, der „dem Tier Gewalt gegeben“ hat (13,4). Doch in welcher Weise hat er ihm Gewalt gegeben? Durch ein anderes „Tier“, das die Inkorporation des Geistes des ersten Tieres ist, der es zu dem werden und sich als das erweisen läßt, was es aus der Kraft des Satans ist. Der „Geist“ des Staates, dessen sich die satanische Macht bemächtigt hat, bringt durch Wunder und Zeichen die Erdbewohner dazu, dem ersten Tier, also dem satanisch beherrschten „Staat“ „ein Bild“ zu machen. Der Staatsgeist projiziert den Staat in ein Staatsbild. Er bildet eine Staatsanschauung aus, er entwirft eine Staatsideologie, durch die die Herrschaft dieses Staates überall hindringt und sich festigt. „Es wurde ihm (dem zweiten Tier) gegeben, dem Bild des (ersten) Tieres Odem einzuflößen, daß das Bild sogar spräche und bewirke, daß die, die das Bild nicht anbeteten, getötet würden“ (13,15). Dieser Geist der totalen, antichristlichen Herrschaft, in der die satanische Gewalt zu sich kommt, bringt dann auch alle „Erdbewohner“ dazu, „die Großen und die Kleinen, die Reichen und die Armen, die Freien und die Sklaven, sich einen Stempel zu machen auf der rechten Hand oder ihrer Stirn, damit niemand kaufen oder verkaufen könne, der nicht den Stempel habe mit dem Namen des Tieres oder der Zahl seines Namens“ (13,16f.). Der antichristliche Geist des totalen Staates nivelliert alle Unterschiede der Menschen und differenziert diese nur mehr [176] in Freunde und Feinde des herrschenden Systems. Seine Unterscheidung und Scheidung zwischen solchen, die das Brandmal der neuen, die alte transzendierenden Sklaverei aufweisen, und den anderen, die es unter Einsatz des Lebens verweigern, seine Sammlung der Sklavenelite einer Staatspartei dient dem Entzug der primitivsten Lebensgrundlage für die zu Feinden erklärten Gegner. Alles in allem: das NT sieht, daß sich die satanische Macht auch des Politischen bemächtigen kann, und zwar so, daß sie die Herrschaftsträger, -mittel und -räume durch den von ihr inspirierten Geist mit ihrem Machtwillen erfüllt und zu tödlicher Auswirkung kommen läßt.

An diesem letzten Beispiel kann uns aber noch ein besonderer Sachverhalt anschaulich werden, nämlich die Rolle, die in dem Treiben der Mächte die Öffentlichkeit und Allgemeinheit bzw. der Geist der Öffentlichkeit und Allgemeinheit spielen. Das wird uns durch eine paulinische Aussage bestätigt. In Eph 2,2 ist „der Herrscher dieser Welt“ seltsamerweise „der Herrscher des Machtbereiches der Luft“ genannt. Und der Apostel gibt selbst eine Interpretation dieser „Luft“. Sie ist für ihn „der Geist, der jetzt am Werk ist in den Söhnen des Ungehorsams“, d. h. den Menschen, die das Evangelium abgelehnt haben. Danach verfügt also der Satan über die Welt in der Weise, daß er den Geist bestimmt, der in den Ungläubigen herrscht. Er wirkt in diesem Geist, dessen er sich bemächtigt hat. Er hält sich in ihm auf. Er wohnt und wirkt in solcher geistigen Atmosphäre und übt durch sie, wie wir ja auch noch sagen, seinen „Einfluß“ aus. Von ihr aus und durch sie, die sein unmittelbarer Machtbezirk und, wie wir sehen, geradezu seine „Heimat“ ist, gewinnt er über die Menschen Gewalt und dringt in sie ein. Das ist freilich nicht sein einziger Weg, aber offenbar ein bevorzugter und, was die Ausdehnung seiner Macht betrifft, sein wirksamster. So wird er nämlich zu einem geschichtlich intensiven Geist, dem kaum einer sich entziehen kann. Man richtet sich ja nach dem Allgemeingeist, man empfindet ihn als selbstverständlich. Gegen ihn zu handeln oder zu denken oder etwas zu sagen, gilt als unsinnig oder gar als Unrecht bzw. als Verbrechen. Man traut sich dann gar nicht mehr, die Dinge und Situationen und überhaupt das Leben anders entgegenzunehmen, als er sie entgegenbringt. Jener verborgene – eben in der geistigen Luft, der jeweiligen Atmosphäre verborgene – Herrscher dieser Welt läßt durch die von ihm beherrschte Atmosphäre Welt und Dasein in seiner Darstellung erscheinen.

Dabei ist noch eines zu bedenken, was indirekt nun auch schon berührt wurde: diese Mächte bleiben bei ihrem Treiben immer im Hintergrund. So sieht es aus, als seien es gar nicht sie, die da die Geschichte und Natur zu einem großen Teil bestimmen. Indem sie sich und ihre Macht durch Menschen, Institutionen, Situationen, Elemente u. a. m., deren sie sich bemächtigt haben, durchsetzen, ziehen sie sich ja gerade in dieselben zurück. Der Schein der Nichterscheinung gehört wesentlich zu ihrem Wesen. Wenn der loyale Bürger von Pergamum damals zu seiner Akropolis hinaufsah, stand da oben für ihn und alle anderen selbstverständlich nur der Tempel des Augustus und der Roma. Aber der Seher schreibt an die Gemeinde von Pergamum: „Ich weiß, wo du wohnst. Dort, wo der Thron des Satans ist“ (Apk 2,13). Er sieht nicht nur den Tempel der Götter wie alle Welt. Er sieht gleichsam durch den Tempel hindurch und erblickt das verborgene Wesen, den Geist, der aus ihm spricht und ihm seine unheilvolle Bedeutsamkeit verleiht. [177]

3.

Wenn es nun das Treiben der dämonischen Mächte ist, sich des Menschen und seiner Welt zu bemächtigen, um verborgen ihr Machtwesen durchzusetzen, was geschieht dann eigentlich unter solcher Bemächtigung? Das können wir noch etwas deutlicher sagen und dabei uns nun auch dem Kern ihres Wesens nähern. Es ist ihr Wesen, daß sie die Menschen, die Natur, die geschichtlichen Situationen und auch Institutionen, aber auch die geistigen Realitäten, deren sie sich bemächtigen, zu der Erscheinung ermächtigen, die sie ihnen auferlegen. Es ist das Wesen dieser seltsamen Wesen, daß sie Welt und menschliches Dasein in ihrer Weise auslegen. Dieses „Auslegen“ meint, daß sie die Dinge nicht nur in einem bestimmten Ansehen vorkommen, sondern auch in einer bestimmten Verfassung begegnen lassen. Auslegen meint hier nicht nur in bestimmter Weise vorstellen, sondern auch in bestimmter Weise herstellen. Auslegen meint, sie in bestimmter Weise darstellen. Auslegen als erschließende Darstellung ist die Wesensart des Geistes überhaupt, sie ist auch die Wesensart des Geistes, von dem wir reden. Solche Auslegung gibt – um ein Beispiel zu nennen – den Götterbildern, die in der Tat doch „Nichtse“ sind, wie die Bibel sie nennt, das Hinreißende und Zwingende von übermächtig Seiendem. Solche Auslegungen – um ein näheres Beispiel zu nennen – läßt die Welt in ihrer Gesamtheit dem Menschen als das einzig und ewig Reale trotz alles Selbstwiderspruches erscheinen.

Diese Auslegung von Welt und Dasein durch die Mächte, die sie verborgen beherrschen, geschieht aber in einer bestimmten Intention. Man kann auch sagen: die Mächte legen Welt und Dasein nach bestimmten Kategorien fest, die ihre Grundintention verraten. Die eine Kategorie ist der Tod. Sie bemächtigen sich eines Menschen oder seines Geistes in der Weise, daß sie ihn zum Tod ermächtigen. d. h. daß er, selbst durch sie zerstört, anderen zur Zerstörung wird. Darin und überhaupt im Verstören, Vereiteln, Verderben, Vernichten, Verwesen erfüllt und erweist sich die Tendenz ihres Wesens. Der Teufel hat, wie Hebr 2,15 sagt, „die Gewalt des Todes“. Seine Gewalt ist der Tod. Und somit hält er auch die Menschen „durch Todesfurcht das ganze Leben in Sklaverei“. Seine andere Kategorie, in der er die Dinge erscheinen läßt, ist „Versuchung“. Personen und ihre Handlungen. ihre Gestalt, ihr Wort, ihre Gebärde, ihr Denken usw., Situationen, geistige Bewegungen und ihr Niederschlag, kurz die ganze Fülle des ständig wechselnden Lebens (und Sterbens!) erscheinen auf einmal kraft eines sie auslegenden Geistes verlockend und drohend. Das Zuträgliche und Abträgliche, Abbruch und Steigerung des Lebens sind Mittel und Weisen des Teufels, sein versucherisches Wesen durchzusetzen und den Menschen sich verfallen zu lassen in der Sünde zum Tod. Bei solchem verführerischem Entwurf der Welt im ganzen und einzelnen gebraucht er noch eine dritte Kategorie: die Lüge. Im Johannesevangelium sagt Jesus vom Teufel: „Wenn er Lüge redet, spricht er aus eigenem, denn er ist ein Lügner“ (8,44). Sein Wesen ist schon als das des Verderbers und Versuchers bewußt täuschende und in die Irre führende Vor­ und Verstellung der Dinge in seinem Geist. Denn der Tod, den er präsentiert. und die Welt, die er darstellt, sind Lüge. Aber auch abgesehen davon ist alles Licht, das er aufleuchten läßt, das Aufgehenlassen eines täuschenden Scheines über der Wirk-[178]lichkeit, das Erwecken ungeheurer Illusionen, die z.B. den antichristlichen Staat, „die Könige der ganzen Erde“, zum Krieg gegen Gott bewegen (Apk 16,14), und überhaupt die Aufrichtung der Herrschaft des Undurchsichtigen (Apg 26,18; Kol 1,13), in der die Menschen leben oder vielmehr untergehen sollen. Bei allem aber kennt der Satan zuletzt eigentlich nur eine Kategorie, in der er Welt und Dasein darstellt. Sie wird im NT nur einmal und zwar dort genannt, wo er „der Ankläger unserer Brüder, der sie vor unserem Gott anklagt Tag und Nacht“ (Apk 12,10), heißt. Sie offenbart die Tiefe der anderen Kategorien und ihr eigentliches Ziel. Die täuschende, von Gott versucherisch lösende und dem Tod anheimgebende „Interpretation“ der Welt und des Menschen hat den teuflischen Ton einer Anklage vor Gott. Das menschliche Leben, vom Tod verblendet und sich selbst zugefallen, steht darin auf als absolute Schuld.

Doch worin gründet der Gebrauch solcher Kategorien, in denen die dämonischen Mächte sich sozusagen aussprechen? Sie gründen in der ihnen wesenhaften Eigenmächtigkeit und Gegenmächtigkeit gegen Gott, auf die sie sich festgelegt haben. Auch diese Mächte verdanken ihr Sein Gott und sind ihrer Wesensherkunft nach gut (vgl. Röm 8,38; Kol 1,16). Auch ihre Macht, die sie sind, lebt aus der Macht des Schöpfers. Macht als solche steht nicht im Gegensatz zu Gottes Willen, sondern ist ihm konform. Aber diese Mächte vollziehen nach einer Randbemerkung des NT (Jud 6; 2 Petr 2,4) ihr von Gott ihnen an- und zugewiesenes Macht-Wesen nicht mehr als solches, sondern sind im Zuge eines rätselhaften Begehrens wesenhaft eigenmächtig geworden. Auch der Teufel hat seine Macht und ist nach wie vor Macht von Gott. Aber er verwest sie nun als selbstmächtiges Wesen gegen Gott. Solches „Gegen Gott“ ist nun ein Ingredienz seines Wesens, das in all seinem Treiben, in all seiner Auslegung der Welt auf den Tod, die Versuchung, die Lüge, die Anklage hin, zur Auswirkung kommt. Diese Selbstmächtigkeit der Auflehnung gegen den allmächtigen Gott, in der die dämonischen Mächte Welt und Dasein, das sich doch Gott verdankt, erscheinen läßt, machen sie und ihr Treiben „böse“. Denn böse ist letztlich nur eins: die Selbstherrlichkeit.

4.

Diese Mächte, Kräfte, Herrschaften des Bösen, die sich unaufhörlich der Welt und der Menschen bemächtigen, um sie eigenmächtig zum Tode zu verwesen, sind aber nach dem NT von Jesus Christus überwunden worden zur endgültigen Vernichtung ihrer Macht. Achten wir nur auf eine einzige Erzählung aus den Evangelien, die uns diesen Sachverhalt paradigmatisch zeigt. In Mk 1,21-28 lesen wir folgendermaßen: „Und sie ziehen hinein nach Kapharnaum. Und alsbald ging er am Sabbat in die Synagoge und lehrte. Und sie waren betroffen über seine Lehre. Denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie die Schriftlehrer. Und alsbald war in ihrer Synagoge ein Mensch mit einem unreinen Geist. Der schrie auf: ,Was willst du von uns, Jesus von Nazareth? Bist du gekommen, uns zu verderben? Wir wissen, wer du bist: der Heilige Gottes.‘ Und Jesus bedrohte ihn: ,Verstumme und fahre aus von ihm.‘ Und der unreine Geist verzerrte ihn und fuhr mit lautem Geschrei von ihm aus. Und alles war voll Staunen, man fragte sich, was ist das? Eine neue Lehre mit Vollmacht! Auch den unreinen Geistern gebietet er, und sie gehorchen [179] ihm.“ Wir sehen: Jesus erscheint mit der Vollmacht des messianischen Lehrers. Das zieht den vom unreinen Geist Besessenen „sofort“ an. Der Dämon muß dem nachgeben, aber er erfährt sich durch Jesu Anwesenheit sofort bedrängt. Er wittert, daß ihm in diesem „Heiligen Gottes“ der Untergang droht. Er spürt sein hier in Jesus nahendes Verderben, das Ende seiner Macht. Und er täuscht sich nicht. Er muß trotz heftiger Gegenwehr der Macht Jesu ohnmächtig weichen. Was aber ist das für eine Macht, oder um mit dem Evangelisten Lukas zu fragen: „Was ist das für ein Wort, daß Er mit Macht und Vermögen den unreinen Geistern gebietet, und sie fahren aus?“ (4,36). Es ist, wie die Evangelien zeigen, die Macht Gottes selbst, die er, Jesus, in Gebet und Gehorsam in sich mächtig sein und durch sich wirken läßt (vgl. Lk 11,20; Mt 12,28; Mk 9,23.29). Gehorsam gegen Gott, das heißt aber zugleich Hingabe an die Menschen um Gottes Willen. Hingabe an die Menschen heißt aber: sie in Liebe aushalten. „O ungläubiges Geschlecht, wie lange werde ich bei euch sein? Wie lange werde ich euch aushalten?“ (Mk 9,19). Daß daran auch die dämonische Macht, die Selbstmächtigkeit, zerbricht, eben das hat Matthäus vor Augen, wenn er folgendermaßen erzählt und reflektiert: Als es Abend geworden war“ – heißt es 8,16f. – „brachte man ihm viele Dämonische. Und er trieb die Geister aus durch sein Wort. So wurde der Spruch des Propheten Isaias erfüllt: ,Er hat unsere Schwachheiten auf sich genommen und die Krankheiten getragen‘.“ Die Dämonen fliehen also vor dem Befehlswort dessen, der als der Knecht Gottes auch die Auswirkungen ihres zerstörenden Treibens als eine Schwäche und Krankheit der Menschen sich auferlegen läßt bis zur Passion. Die Macht des Bösen, das Wesen des Eigenmächtigen, das zerstörende Walten des selbstherrlichen Geistes, sie lösen sich auf unter dem aus der gehorsamen Liebe mächtigen Machtwort Jesu.

Solche selbstlose, an Gott und den ihm zugewiesenen Menschen gebundene Liebe Jesu entlarvt und überwindet den Geist der Selbstsucht und entreißt ihm die von ihm mißbrauchte Welt. Sie aber vollendet sich am Kreuz. An ihm, und d. h. in dem ja zuletzt auch von den Dämonen ihm bereiteten Leiden und Sterben, versinkt die Eigenmacht des Satans in der auch sie in ihren Folgen aushaltenden allmächtigen Liebe gegen Gott. An ihm wird auch der Geist der Selbstherrlichkeit besiegt. Am Kreuz Jesu wird die Macht der Mächte zerbrochen durch die unzerbrechliche Macht der tragenden Liebe. Denn daß diese Liebe nicht im Tod zerbrach, erweist die Auferweckung Jesu Christi von den Toten, der darin auch „über alle Macht und Gewalt“ „erhöht“ wurde (vgl. Eph 1,20f.; Phil 2,9ff.). In dem Gott gehorsamen Jesus Christus – auferweckt von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur Rechten Gottes – triumphiert Gottes Macht, der er sich anvertraute bis in den Tod, über alle Mächte. So ist „jetzt“, sagt Jesus in Joh 12,31, jetzt nämlich, da er, Jesus, ans Kreuz geht und sich ganz Gottes Macht überläßt, jetzt, da er in seinem Untergang aufgeht in das Leben, „das Gericht“, die Krisis, „über diese Welt“ gekommen. „Jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen“. Und der Apostel Paulus stimmt ein: „Und hat ausgezogen die Mächte und Gewalten, hat sie offen zum Spott gemacht, da er über sie triumphierte durch dasselbe“ (das Kreuz) (Kol 2,15). Und so steht ihnen, wenn einmal alles, was in dieser Welt geschehen ist und geschehen wird, offenbar und endgültig erscheint, nur noch die Erfahrung ihrer Unterwerfung in der ewigen Verwerfung bevor. Sie haben keine andere Aussicht mehr [180] als die Erfüllung des Gerichtes, das über sie in Christi Kreuz und Auferstehung schon ergangen ist.

Das wissen sie. Und daß sie es wissen, läßt sich an dem Charakter der Geschichte zwischen Jesu Christi Tod und Auferstehung und seiner Parusie deutlich, aber freilich, da sie gerade jetzt alles aufbieten, um ihre Ohnmacht durch scheinbare Stärke zu tarnen, unbeweisbar erkennen. Diese Geschichte nach Christus ist nämlich von einer eigentümlichen und zunehmenden Schärfe. Diese Schärfe, die sich in ihrer geistigen, politischen, aber auch religiösen Situation bemerkbar macht, beruht letztlich darauf, daß die Position der Welt gerade in ihrer mächtigen Tiefe erschüttert ist und sie in ihren Herrschern im Wissen um ihre zerbrochene Macht vor der Zukunft erzittert. Hören wir das Lied, das nach Apk 12,12 „eine große Stimme im Himmel“ sang: „Darum seid fröhlich, ihr Himmel, und die ihre Hütte in ihnen haben! Wehe der Erde und dem Meer! Denn herabgekommen ist der Teufel zu euch mit großer Wut. Er weiß, daß er nur noch wenig Zeit hat.“ Er weiß, könnte man im Sinn der Geheimen Offenbarung sagen. daß er nur noch die Zeit und nicht mehr die Ewigkeit hat (vgl. 12,8b.10). Und dies Wissen um seine Endlichkeit erfüllt ihn mit Angst vor der unendlichen Verdammnis. Diese Angst, die er selbstherrlich ja nicht annimmt, schlägt um in „Wut“. Im Geist der Wut aber birgt sich z.B. der Geist wütender Eile, der aus ihr ausbricht als der Geist der Zeit. die er noch hat. Die Zeit, ausgelegt, und d. h. her- und vor- und zugestellt durch den Geist der Weltangst, fängt nun an zu eilen. Große Anstrengungen werden spürbar, Zeit zu gewinnen, in der Zeit und mit der Zeit mitzukommen, die Zeit einzuholen, die immer schneller entrinnt. Zeitangst erfüllt mehr und mehr die Atmosphäre der Geschichte. Wissen um die „verlorene Zeit“ und Suchen nach ihr und scheinbares Finden und vergebliches Fixieren erfüllt die Luft und die Herzen der Menschen. Da man sie nicht verloren geben will, verloren wie sie ist, da man sich nicht verloren geben will (und damit retten!), setzt sich die Zeitangst der geheimen Weltmächte wieder um in Aktionen der Wut, der sie entsprang. Die mit jener „metaphysischen“ Wut geladene Atmosphäre entlädt sich in jenen ungeheuren und sich steigernden Ausbrüchen der Geschichte. Das sagt das NT deutlich gegen alle Klagen und Anklagen, daß die Welt in der Zeit der Kirche nicht sanfter und „besser“ geworden sei. Man lese nur, wie in der Apokalypse der drei ersten Evangelien die menschliche Situation zuletzt so bedrängend gesehen ist. daß die endliche Verkürzung der Zeit durch Gott als die einzige Chance selbst für die Gläubigen erscheint, „gerettet“ zu werden (vgl. Mk 13,19f.).

Diese Wut, die den ohnmächtig gewordenen Geist der Eigenmacht in der Tiefe der Welt erfüllt und mit der er diese Welt inspiriert, richtet sich nun im Innersten gegen den, der Zeit hat und denen gewährt, die sie von Ihm annehmen. Sie richtet sich deshalb vor allem gegen die Kirche und ihre Glieder, die mitten in der Zeit von der Hoffnung auf die Zukunft Gottes leben. Deshalb ist die Geschichte – und das ist ihr anderes Kennzeichen seit Christi Tod und Auferstehung – aufs Ganze und auf ihren Grund gesehen. ein großer Kampf der Mächte. die, wie es heißt, „zugrunde gehen“ (1. Kor 2,6) gegen die Stadt, die „bleibt“ (Hebr 13,14). Dieser Kampf ist nicht ein romantischer Traum der Kirche, die sich selbst gern als Mittelpunkt der Geschichte sehen möchte. Er ist nur selten ein Kampf im Vordergrund. Er [181] spielt sich meist verdeckt und mit verdeckten Zielen ab. Er spielt sich zuerst und überhaupt meist im Kleinen ab, in der Brust des Menschen. Aber er ist das Signum aller nach Christus dem Ende zueilenden Geschichte. Das ganze irdische Leben Jesu ist, wie wir sehen können, von den Mächten umlauert. Und nicht anders kennen sie zuletzt nur einen Gegner, den sie mit groteskem Aufwand von Mitteln und Kräften zu vernichten trachten, – um mit den anschaulichen Chiffren der Offenbarung Johannis zu reden: der Weltendrache will – „das Kind“ verschlingen und „das Weib und seinen Samen“ (Apk 12,4.13ff.).

5.

Damit kommen wir noch zu einem letzten Gesichtspunkt, bei dessen Erwägung wir uns aber sehr kurz fassen müssen. Wir sagten, daß nach dem NT die Mächte des Bösen in Jesu Christi Tod und Auferweckung von den Toten besiegt worden sind. In welcher Weise stellt sich aber nun sein Sieg, der sich ja erst in seiner Zukunft offenbaren wird, in der verbleibenden Zeit der Geschichte dar? Wie kommt die Entmächtigung der Mächte durch Christus Jesus in der Frist unserer Tage zur Erscheinung? Nicht anders als so, ist die allgemeine Antwort, daß die Menschen sich von diesem Sieger in seinen Sieg einholen lassen und darin verharren. Nicht anders also als durch ein Leben in Christus und seinem „Leib“, wie der Apostel Paulus sagt, in der Kirche auf Erden. Weil Jesus die Dämonen besiegt hat, gibt es, bis er erscheint, Erweise solchen Sieges nur, wie es heißt, „im Namen“ Jesu. Im Namen Jesu aber heißt: mit dem ganzen Leben unter diesem Namen. Die Welt auch nur im kleinen Umkreis, erst recht natürlich im ganzen, die Welt auch nur im kleinsten Bezirk, etwa in mir, wird nicht anders aus dem Bann der Mächte gelöst und leuchtet nicht anders wieder als die gute Schöpfung Gottes, die sie ist, hie und da auf, entrissen der dämonischen Verstellung und Versehrung, als über dem Umweg dieses oder jenes menschlichen Herzens, zuletzt und zuerst nicht anders als über den Umweg meines Herzens. Hier entscheidet sich ihre Geschichte, die Welt-Geschichte, und nirgends anders. Und so müßten wir, wenn wir fragen, wie kommt der Sieg Christi und die Ohnmacht der besiegten Mächte durch ihn zutage, eigentlich antworten mit der Beschreibung des Lebens, das in Christus sich hält, angefangen mit der Taufe, in der es ja in die Geschichte Christi eingelassen wird, über alle die Gaben des Heils, die es instand setzen, in Christus zu verharren, bis zu den Entscheidungen, die solches Verharren in Christus erfordert. Aber lassen wir das alles, was hier zu sagen wäre, vom Glauben, der die Abwendung von den Göttern und die Zuwendung zu dem lebendigen und wirklichen Gott einschließt und die Überzeugung: „für uns gibt es nur einen Gott, den Vater, von dem her alles ist und wir zu ihm hin, und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alles ist und wir durch ihn“ (1 Kor 8,4-6; 1 Thess 1,9), vom Gehorsam der Werke der Liebe, die „alles erträgt, alles glaubt, alles hofft, alles duldet“ und darin auch die dämonischen Auswirkungen auffängt und in sich versinken läßt, die ja „bleibt“ (vgl. 1. Kor 13,7.13), und von vielem anderem mehr, nicht zuletzt vom Gebet, in dem der Betende dem Geber aller Macht allein zugewandt und seiner Gabe offen, die scheinbar undurchdringliche Sphäre des Bannes durchdringt, den der Geist der Selbstherrlichkeit um Welt und Mensch legt. [182]

Lassen wir alles, was hier zu sagen wäre und erinnern wir uns nur noch an zwei entscheidende Dinge: einmal an das, was wir eben schon allgemein andeuteten, daß der Kampf um das Sichtbarwerden und Wirksamwerden der geschehenen Entmächtigung des dämonischen Geistes der Welt und des Daseins grundsätzlich nur immer in einem Streit gegen mich selbst geführt werden kann. Denn die Mächte haben einen Bundesgenossen in mir: die eigenmächtige Zuneigung zu mir selbst und meine Abneigung gegen Gott und den Nächsten, die sich immer von neuem festigen in der Sünde der Ungerechtigkeit und Selbstgerechtigkeit. Der Apostel Paulus zeigt diesen Zusammenhang zwischen den Mächten und der Sünde deutlich auf: eben diese Atmosphäre der Eigenmächtigkeit, die die Welt erfüllt, wird für mich dann maßgebend, wenn ich meiner Selbstsucht, meinem eigenwilligen Aussein auf mich selbst, meiner „Begierde“, nachgebe. Und umgekehrt: wenn ich meinem selbstsüchtigen Begehren folge, so tue ich das nicht anders als so, daß ich mich der Welt anheimgebe, wie sie mir von den Mächten mit allen ihren Illusionen präsentiert wird. Die Sünde – generell gesprochen die Selbstgerechtigkeit und Ungerechtigkeit –, die der einzelne Mensch tut und in der er praktisch die Auslegung des Daseins durch die Mächte annimmt, stärkt immer wieder das schon vergehende Wesen der bösen Gewalten. Deshalb kann es z.B. in einem Atemzug so scheinbar übertrieben heißen: „Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn, gebt nicht Raum dem Teufel“ (Eph 4,26f.). Was hat der Zorn eines Menschen – der „zornigen jungen Männer“ etwa – mit dem Teufel zu tun? Nun im Zorn räumt der Zornige dem Teufel bei sich selbst einen Raum ein und schafft ihm bzw. seiner zerstörenden Herrschaft in sich und dadurch in der Welt an einem Punkt überhaupt Platz. Im Zorn arbeitet der Zornige sozusagen an der Verdichtung der teuflischen Atmosphäre mit. Daß der Teufel den Zornigen dafür heute in sentimentaler Weise literaturfähig macht, ist eine Sache für sich und wohl nur eine Mode aus Langeweile. Solche Aussagen wie die über den Zusammenhang von Zorn und Teufel, oder auch von Eitelkeit und Teufel (1 Tim 3,6f.), oder auch von Unversöhnlichkeit und Teufel (2 Kor 2,10f.), sind nicht übersteigerter Moralismus und eine Denkweise, die einen sogenannten „einfachen“ moralischen Sachverhalt zu einem religiösen hinaufsteigert, weshalb man solche Übertreibungen am besten läßt. Vielmehr weisen sie auf den eigentlichen Ort der Sünde hin, auf ihre Tragweite und auf die Tiefe ihrer Auswirkung.

Das andere aber, woran wir uns vom NT in unserem Zusammenhang noch erinnern lassen wollen, sind zwei Mahnungen, die die Apostel für diesen Kampf um das Sichtbarmachen des Sieges Christi über die Mächte geben. Die eine steht 1 Petr 5,8: „Seid nüchtern und wachsam, euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge; ihm widersteht fest im Glauben“. Nüchternheit ist hier die Illusionslosigkeit, die mit dem Teufel und seinen Mächten rechnet und daher mit der von ihm bereiteten Situation der Versuchung und des Leidens in dieser Welt, die ihn aber und das Risiko der von ihm beherrschten Welt nicht fürchtet. Wachsamkeit aber heißt in solchem Zusammenhang die aus dem furchtlosen Wissen um die Realität und Wirksamkeit dieser Mächte erwachsende unermüdliche Achtsamkeit auf die Schliche dieses Geistes und also die gespannte und gelassene Aufmerksamkeit auf die wirklichen und hintergründigen Vorgänge in dieser Welt. Sie entspringt dem Bewußtsein von der Zweideutigkeit, [183]·in die seine Atmosphäre, jene Luft der Selbstherrlichkeit, alle Dinge und Geschehnisse einhüllt. Sie hat auch das Wissen um die vielen, wechselnden Tarnungen bei sich, die sich der Mensch von ihm gefallen läßt, und um die Schwächung des Willens, ihn zu durchschauen.

Mit dieser gebotenen Nüchternheit und Wachsamkeit hängt aber eine zweite Mahnung zusammen: „Prüfet die Geister“ (1 Joh 4,1). Danach gilt es immer wieder, das Charisma der Unterscheidung der Geister zu wecken, zu üben und zu bewahren (1 Kor 12,10). Um diese Unterscheidung der Geister, die eine der Gaben des Heiligen Geistes ist, soll man, wie um jede solcher Gaben „eifern“ (1 Kor 14,1). Denn nur sie läßt die oft haarscharfe Grenze zwischen dem guten und bösen Geist erkennen, und durchdringt jene bewußt erzeugte Zweideutigkeit der Dinge. Wo diese Gabe wenig waltet, ist die Gefahr, daß man entweder die finstere Energie des Teufels überall am Werke sieht und sie dann eben doch nirgends erkennt oder so harmlos ist und auch dann ihn nicht sieht, wenn er schon mitten unter uns weilt.

Freilich gilt es bei allen diesen und ähnlichen Erwägungen immer auch das zu bedenken, was Jesus den Siebzig, die zu ihm zurückgekehrt waren und sich freuten, daß ihnen in seinem Namen selbst die Dämonen untertan seien, sagt. Jesus bestätigt ihnen, daß Satan wie ein Blitz vom Himmel gefallen ist, und daß er ihnen, seinen Jüngern, Gewalt über alle Macht des Satans gegeben hat und nichts sie versehren kann. Aber dann fährt er fort: „Doch nicht darüber freut euch, daß euch die Geister untertan sind. Freuet euch aber, daß eure Namen in den Him­meln eingeschrieben sind“ (Lk 10,17-20).

Quelle: Geist und Leben 31 (1958), Nr. 3, S. 173-183.


[1] R. Bultmann, Neues Testament und Mythologie, in: Kerygma und Mythos, Theologische Forschung 1, hrsg. von H. W. Bartsch, 21951, S. 18.

[2] a.a.O. S. 19.

[3] Vgl. die näheren Nachweise und überhaupt zum Ganzen H. Schlier, Mächte und Gewalten im Neuen Testament, Quaestiones disputatae 3, Freiburg i. Br. 1958.

[4] Vgl. Heimito von Doderer’s Roman „Die Dämonen“, in dem das hintergründig wirksame Spiel der Dämonen im scheinbar Alltäglichen des Wien der zwanziger Jahre überaus greifbar dargestellt wird, ohne daß sie auch nur einmal direkt fixiert werden.

Hier der Text als pdf.

2 Kommentare

  1. Hat dies auf NAMENSgedächtnis rebloggt und kommentierte:

    In diesen Tagen hat Heinrich Schliers Text „Mächte und Gewalten nach dem Neuen Testament“ eine bittere Aktualität: „Diese Auslegung von Welt und Dasein durch die Mächte, die sie verborgen beherrschen, geschieht aber in einer bestimmten Intention. Man kann auch sagen: die Mächte legen Welt und Dasein nach bestimmten Kategorien fest, die ihre Grundintention verraten. Die eine Kate­gorie ist der Tod. Sie bemächtigen sich eines Menschen oder seines Geistes in der Weise, daß sie ihn zum Tod ermächtigen. d. h. daß er, selbst durch sie zerstört, anderen zur Zerstörung wird. Darin und überhaupt im Verstören, Vereiteln, Verderben, Vernichten, Verwesen erfüllt und erweist sich die Tendenz ihres Wesens. Der Teufel hat, wie Hebr 2,15 sagt, „die Gewalt des Todes“. Seine Gewalt ist der Tod. Und somit hält er auch die Menschen „durch Todes­furcht das ganze Leben in Sklaverei“. Seine andere Kategorie, in der er die Dinge erscheinen läßt, ist „Versuchung“. Personen und ihre Handlungen. ihre Gestalt, ihr Wort, ihre Gebärde, ihr Denken usw., Situationen, geistige Bewegungen und ihr Niederschlag, kurz die ganze Fülle des ständig wechselnden Lebens (und Sterbens!) erscheinen auf einmal kraft eines sie auslegenden Geistes verlockend und drohend. Das Zuträgliche und Abträgliche, Abbruch und Steigerung des Lebens sind Mittel und Weisen des Teufels, sein versucherisches Wesen durchzusetzen und den Menschen sich verfallen zu lassen in der Sünde zum Tod. „

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