„Die Geschichte selbst wurde, sprachlich gewendet, zu ihrem eigenen Subjekt“ – Reinhard Kosellecks Begriffsgeschichte zum Geschichtsbegriff und der Verlust der Historia Magistra Vitae

Reinhard Koselleck hat in seiner instruktiven Begriffsgeschichte zum Geschichts­be­griff erzählt, wie das „geschichtliche“ Geschichtskonzept mit seinen Konnotationen von Fort­schritt und zeitlicher Entwicklung erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhun­derts ausgebildet wurde [Art.: Geschichte V. Die Herausbildung des modernen Geschichtsbegriffs; VI. ‚Geschichte’ als moderner Leitbegriff; VII. Ausblick, Geschichtliche Grundbegriffe: Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hrsg. v. Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck, Bd. 2 (1975), S. 647-717]. Signifikant wird dies in der Einführung des Kollektiv­singu­lar „die Geschichte“ um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Der Kollektivsingular wurde durch Umschreibungen wie ‚Geschichte an und für sich’, ‚Geschichte an sich’, ‚Geschichte selbst’ oder ‚Geschichte über­haupt’ hypostatisch markiert. Dadurch konnte der Begriff der Geschichte ohne ein ihm zugeordnetes Subjekt beobachtet werden. „Die Geschichte selbst wurde, sprachlich gewendet, zu ihrem eige­nen Subjekt.“ Damit wird sie zum „Agens menschlichen Schick­sals oder ge­sellschaftlichen Fortschritts“ [Koselleck, Geschichte, 650], das auch den Zeitaspekt einer prinzipiell offenen Zukunft beinhaltet. Im letz­ten Drittel des 18. Jahrhundert wird außerdem der Bedeutungsgehalt von ‚Historie’ als Ge­schichtskunde vollständig vom Begriff der ‚Geschichte’ aufgenommen. Damit fusionierte der „objektive“ Ereignis- und Handlungsbereich mit der „subjekti­ven“ Kunde bzw. Erzählung. „Die drei Ebe­nen: Sachverhalt, Darstellung und Wissen­schaft davon wurden jetzt als ‚Ge­schichte’ auf einen einzigen gemeinsa­men Begriff gebracht. Es handelte sich, wenn der gesamte damalige Wortge­brauch berücksichtigt wird, um die Fusion des neuen Wirklichkeitsbegriffes von ‚Geschichte überhaupt’ mit den Refle­xionen, die diese Wirklichkeit überhaupt erst begreifen lehrte. ‚Geschichte’ war, überspitzt formu­liert, eine Art transzen­dentaler Kategorie, die auf die Bedingung der Möglichkeit von Geschichten zielte.“ [Koselleck, Geschichte, 657]

Bereits in seinem Ausatz „Historia Magistrae Vitae. Über die Auflösung des Topos im Horizont neuzeitlich bewegter Geschichte“ [in: Reinhart Koselleck, Vergangene Zu­kunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt 1979, S. 38-66], ursprünglich in den Löwith-Festschrift 1967 erschienen, hat Koselleck ausgeführt, wie das rhetorische Geschichtenkonzept in der Neuzeit sukzessive verabschiedet wurde. So schreibt er unter anderem:

Hinter allem, was bisher angeführt wurde: hinter der Singularisierung der Geschichte, hinter ihrer Verzeitlichung, hinter ihrer unentrinnbaren Übermacht und hinter ihrer Produzierbarkeit kündigte sich ein Erfahrungswandel an, der unsere Neuzeit durchherrscht. Die Historie verlor darüber ihren Zweck, unmittelbar auf das Leben einzuwirken. Die Erfahrung vielmehr schien seit dem das Gegenteil zu lehren. Für diesen Sachverhalt nennen wir – zusammenfassend – einen schlichten Zeugen, den bescheidenen und gescheiten Perthes, der 1823 schrieb: Wenn jede Partei einmal der Reibe nach zu regieren und Institutionen anzuordnen hätte, so würden durch selbstgemachte Geschichte alle Parteien billiger und klüger werden. Von anderen gemachte Geschichte verschafft, so viel sie auch geschrieben und studiert wird, selten politi­sche Billigkeit und Weisheit: das lehrt die Erfahrung. Mit dieser Feststellung ist im Bereich der Aussagemöglichkeit unseres Topos seine vollständige Umkehrung vollzogen worden. Nicht mehr aus der Vergangenheit, nur aus der selbst zu schaffenden Zukunft läßt sich Rat erhoffen. Perthes’ Satz war modern: weil er die alte Historie verabschiedete, und Perthes half dem als Verleger nach. Daß aus der exemplarisch belehrenden Historie kein Nutzen mehr zu ziehen sei, in diesem Punkte waren sich die Historiker, kritisch die Vergangenheit rekon­stru­ierend, und die Fortschrittler, selbstbewußt neue Vorbilder an die Spitze der Bewegung set­zend, einig. [63]

Das führt uns zu unserem letzten Gesichtspunkt, der eine Frage enthält. Worin bestand die Gemeinsamkeit der neuen Erfahrung, die bisher durch die Verzeitlichung der Geschichte in ihrer jeweiligen Einmaligkeit bestimmt wurde? Als Niebuhr 1829 seine Vorlesungen über die vergangenen vierzig Jahre ankündigte, scheute er sie »Geschichte der Französischen Revolu­tion» zu nennen, denn, wie er sagte, die Revolution selbst ist wieder ein Produkt der Zeit … es fehlt uns allerdings ein Wort für die Zeit im allgemeinen und bei diesem Mangel mögen wir sie das Zeitalter der Revolution nennen. Hinter diesem Ungenügen steckt die Erkenntnis, die eine der Geschichte genuine Zeit überhaupt erst als etwas in sich Unterschiedenes und Unter­scheidbares auftauchen ließ. Die Erfahrung aber, die genötigt ist, Zeit überhaupt in sich zu differenzieren, ist die Erfahrung der Beschleunigung und der Verzögerung.

Die Beschleunigung, zunächst eine apokalyptische Erwartung der sich verkürzenden Zeitab­stände vor der Ankunft des Jüngsten Gerichts, verwandelte sich – ebenfalls seit der Mitte des 18. Jahrhunderts – in einen geschichtlichen Hoffnungsbegriff. Aber dieser subjektive Vorgriff in die herbeigesehnte und deshalb zu beschleunigende Zukunft erhielt durch die Technifizierung und durch die Französische Revolution einen unerwartet harten Wirklich­keitskern. 1797 entwarf Chateaubriand als Emigrant eine Parallele der alten und der neuen Revolutionen, um in überkommener Weise von der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen. Aber bald mußte er feststellen, daß, was er am Tage geschrieben, [64] des Nachts schon von den Ereignissen überholt worden sei. Die Französische Revolution schien ihm, ohne Beispiel, in eine offene Zukunft zu führen. So edierte Chateaubriand, sich zu sich selbst in ein historisches Verhältnis setzend, dreißig Jahre später seinen überholten Essay – unverän­dert, aber mit Anmerkungen versehen, in denen er fortschrittliche Verfassungsprognosen stellte.

Hier Kosellecks Aufsatz „Historia Magistra Vitae. Über die Auflösung des Topos im Horizont neuzeitlich bewegter Geschichte“ von 1967 als pdf.

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