„Erscheint uns hier Luther womöglich als ein rückwärts gewandter Fanatiker, sozusagen als ein christlicher Salafist“ – Kristlieb Adloff über Luthers Schrift „Wider Hans Worst“

Ernst Barlach – Und wenn die Welt voll Teufel wär! (1915)

Kristlieb Adloff hat jüngst für eine Lesung aus der Luther-Schrift „Wider Hans Worst“ eine theologische Einleitung geschrieben:

Theologische Bemerkungen zu Luthers Schrift „Wider Hans Worst“

Von Kristlieb Adloff

‚Wider Hans Worst‘ (1541) ist eine an den Wolfenbütteler Herzog Heinrich d. J. (1514-1568) gerichtete Kampfschrift, hoch polemisch wie so vieles aus Luthers Feder. Die ebenso maßlose wie lustvolle Polemik mag uns Heutige an hate speech aus den ‘sozialen Medien’ erinnern, will aber verstanden werden. Sie ist nicht nur zeitbedingt und auch nicht einfach psycholo­gisch mit der gewiss außergewöhnlichen Persönlichkeit des Reformators zu verrechnen. Nach seinem Selbstverständnis als „der furnemesten Lerer einen zu dieser zeit“ (322,6f.) folgt Luther vielmehr einer einzigartigen prophetischen Mission, ist er ‚gefangen in Gottes Wort‘, wie er in Worms bekannte. Er hat keine Wahl, so wenig wie Jeremia, so wenig wie Paulus. Sein Kampf um die Geltung des Wortes Gottes ist ein apokalyptisch zu nennendes Ringen mit dem Teufel am Ende der Zeit, ein Kampf, den er mit seiner ganzen Existenz, seelisch wie leiblich, auszustehen hat.

Und so geht es in ‚Wider Hans Worst‘ nur vordergründig um die Person Heinrichs, der zuletzt als einer der wichtigsten Gefolgsleute des Kaisers in Norddeutschland in einer ‘Duplica’ beti­telten Streitschrift (1540) Luthers Landesherrn, den dem protestantischen Schmalkaldischen Bund zugehörigen Kurfürsten Johann Friedrich (1532-1554) – und nebenbei auch Luther persönlich – angegriffen hatte. Für Luther steht indes mit Heinrichs Angriff „die sache selbs“ (329,18f.), die Sache der Reformation auf dem Spiel, und der Herzog ist in dieser Sache nur einer von vielen („und wenn die Welt voll Teufel wär“) Handlanger des Teufels, wie der Papst, der Erzbischof von Mainz, Doktor Rotzleffel (= Cochläus) u. a., also „Heinze Teufel“. Mag Luther ihn auch persönlich und moralisch attackieren, für die Streitsache ist das von untergeordneter Bedeutung, und wir dürfen uns aufs Grundsätzliche konzentrieren.

Der Herzog hatte den Lutherischen in der Person des Kurfürsten Abfall von der Kirche vorge­worfen. Und nun ist für uns heute überraschend, wie Luther auf diesen Vorwurf reagiert. Er hätte ja sagen können: Natürlich muss eine in Jahrhunderten mit ihren Traditionen und ihren Herrschaftsstrukturen obsolet gewordene Kirche nach dem Geist der Zeit, der Zeit der Renais­sance, dem Zeitalter des Humanismus und der Wissenschaften, erneuert werden. Aber Luther, dem dieser Geist ja nicht fremd war, argumentiert völlig anders. Die erst in unserer Zeit aufgekommene Parole ‘ecclesia semper reformanda’, die Kirche ist ständig zu reformie­ren nach den jeweiligen Verhältnissen und Bedürfnissen, wäre ihm nicht in den Sinn gekom­men. Vielmehr dreht er den Spieß in seiner Argumentation gegen den Herzog um, und dies keines­wegs aus taktischen Gründen, und behauptet, die jetzt allein durch „Biblia und Gottes wort“ (326,33) konstituierte Kirche, d. h. die durch Gott selbst erneuerte Kirche sei in Wahrheit die alte Kirche. Umgekehrt sei die Papstkirche durch ihre willkürlichen Neuerungen und mensch­lichen Zusätze zum in der Heiligen Schrift offenbarten Worte Gottes von der alten Kirche abgefallen. Sie habe die Kirche zur Erhaltung ihrer Macht zu Tode ‘reformiert’, sie zur Kirche des Teufels ‘erneuert’. Seit jeher habe es (nach Augustin) zwei sich widerstreitende Kirchen gegeben, die Kirche Abels und die Kirche Kains, und nur eine könne die wahre Kirche sein.

Zu beweisen wäre also, dass Wittenberg bei der alten, wahren Kirche geblieben sei, im Unterschied zu Rom, das eine neue Kirche gestiftet habe, die Kirche des Antichrist. In zehn Punkten, von der Taufe angefangen, unternimmt es Luther, diesen Beweis zu führen, um anschließend der Gegenseite ihre die Wahrheit verleugnenden Neuerungen vorzuhalten.

Aber was ist die Pointe dieser Gegenüberstellung? Erscheint uns hier Luther womöglich als ein rückwärts gewandter Fanatiker, sozusagen als ein christlicher Salafist, der die Religion gewaltsam auf die Reinheit ihres vermeintlichen Ursprungs zurückschneiden möchte? Und wäre demgegenüber einer welt- und zeiterfahrenen Kirche, die in der Fülle ihrer Angebote, trotz ihrer Irrtümer, die religiösen Bedürfnisse der Menschen viel besser zu befriedigen weiß, nicht der Vorzug zu geben?

Doch damit wäre die lutherische Pointe in dem Streit der Kirchen verfehlt. Nach dem Selbst­verständnis Luthers ergeht das Wort Gottes nämlich „heute“ vom Himmel her („heute ist euch der Heiland geboren“, Lukas 2,11), als viva vox, als lebendige Stimme, und kraft dieser einzigartigen Gegenwärtigkeit in der schriftgemäßen Predigt erscheint die alte Kirche neu in ihren Beständigkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit, wie die Sonne, die hinter den Wolken verbor­gen war (333,20ff.). Diese Sonne bringt eine neue Schöpfung, die neue Welt Gottes zum Vorschein. Der dem lebendigen Wort sich anvertrauende Glaube sieht’s, freilich der Glaube allein. Und so bleibt die wahre Kirche der Welt, wie sie ohne den Glauben ist, verborgen und wird von der ihre öffentlichen Triumphe feiernden Gegenkirche verfolgt. Luther sieht in der Verfolgung, die Jesus den um seinetwillen selig gepriesenen Seinen angekündigt hatte (Mat­thäus 5,11), der Verfolgung, die jetzt die Kirche des Wortes Gottes erfährt, eines der sicher­sten Kennzeichen der wahren Kirche.

Durch Angriffe wie die durch Herzog Heinrich kann sich Luther also nur bestätigt fühlen; sie sind ihm – der natürlichen Furcht zum Trotz – im Glauben an das Wort ein Grund zur Freude. Zwar ist auch die Kirche des Wortes nicht frei von Verfehlung, und Luther muss dem Wol­fenbütteler, der den Kurfürsten als Trunkenbold geschmäht hatte, einräumen, dass dieser (leider!) aus schlechter Fürstensitte dem Trunk allzu sehr ergeben sei. Aber die in der Schrift gegründete, dem Worte Gottes folgende reformatorische ‘Lehre’, durch die allein die Kirche Kirche sein kann, hat schöpferisch-reinigende Kraft. Sie ist keine leere Doktrin, wirkt in ihr doch Gott selbst, der Gott, der tut, was er sagt.

In allem, was Luther für die alte wahre, Kirche in Anspruch nimmt, wird darum Gottes Wir­ken jetzt Ereignis: In der das ganze Leben des Christenmenschen zum ewigen Leben neu schaffenden Taufe (1), beim Abendmahl, das durch die Gegenwart des Leibes Christi die Glaubenden zu Gliedern dieses einen Leibes erschafft (2), bei der wirksamen Lossprechung in der Beichte (3), nicht zuletzt im Predigtamt, das Gott selbst das Wort gibt. Haec dixit Domi­nus (347,18), das hat ER gesprochen. Für eine Predigt, die den Namen Predigt verdient, soll darum der Prediger als sündiger Mensch Gott nicht um Vergebung bitten. Gottes Wort gibt dem Zweifel, den die Schlange im Paradies so überzeugend formuliert hat („Sollte Gott gesagt haben?“: 1. Mose 3,1) keinen Raum (4). Gott selbst bringt sich zur Sprache im alten aposto­lischen Glaubensbekenntnis, dem Lobpreis des Glaubens an den Dreieinigen Gott (5), im Gebet, im Vaterunser wie in den Psalmen (6). Gott erweist sich als der Herr des weltlichen Regiments und kämpft darum gegen die Anmaßung weltlicher Macht durch die Kirche, befreit die Glaubenden so zum Widerstand gegen ideologisch begründete Herrschaft (7). Gottes Schöpfermacht zeigt sich in der Ehe, im Unterschied zu einer von der Kirche erzwungenen unfruchtbaren Ehelosigkeit (8). Der in Christus gegenwärtige Gott offenbart seine Kraft in den Leiden derer, die dem Gekreuzigten nachfolgen und ihm gleich werden (9). Und weil schließ­lich Gott allein die Glaubenden vor ihren Feinden zu schützen vermag durch die richterliche Kraft seines zwischen Gut und Böse scheidenden Wortes, können sie auf Rache verzichten und für die Umkehr der Verfolger beten, solange noch Zeit ‘ist (10).

Das Wirken Gottes in der Kirche duldet keine Zusätze durch die Willkür menschlichen Tuns, und sei es auch noch so gut gemeint, sofern nämlich die Gefahr besteht, dass durch solches Tun Gott, dem allein in Christus die Ehre gebührt, die Ehre genommen wird. Bei aller Rücksicht auf menschlich-Allzumenschliches, die Luther durchaus üben kann: Hier kann es keine Kompromisse geben. Diplomatisch-kirchenpolitische Verhandlungen im ökumenischen Interesse einer vermeintlichen, in Wahrheit erschlichenen Einheit der Kirche, kommen für Luther, der hier nur klerikale Machtspiele sieht, nicht in Frage.

Lässt sich indes das Verständnis einer allein durch Gottes Wort geschaffenen und zum Ereignis werdenden Kirche für alle Zeit tradieren, wenn doch Gottes Wort nach Luther ein ‘fahrender Platzregen’ ist? Wohl kaum. Luther sah sich ja denn auch am Ende der Zeit, wie Jesus, wie das ganze Neue Testament. Schon 200 Jahre später konnte ein Lessing in dem Luthertum eines Johann Michael Goeze, dem er scharfsinnig attestierte, nicht einmal ein anständiger Orthodoxer mehr zu sein, nichts von Reformation in Luthers Sinn noch erkennen. Erst in den 20er Krisenjahren des vergangenen Jahrhunderts gab es unter evangelischen Theo­logen wieder eine neue Aufmerksamkeit auf reformatorisches Denken. Die heutige Evangeli­sche Kirche in Deutschland im Luther-Jubiläum 2017 ist, alles in allem, weit davon entfernt. Das laute Getöse kann darüber nicht hinwegtäuschen. Betreibt diese Kirche nicht eben das, was Luther seinen Gegnern vorwarf: Sie reformieret sich im Interesse höchst weltlicher Be­dürfnisse zu Tode, um sich zukunftsfähig zu behaupten, heute auf dem Markt der Religionen? Ob nun seinerzeit klerikal oder jetzt pseudoliberal nach der Weise ‚anything goes‘, jeder Christ sein eigener Papst: Wo wäre da angesichts des gebietenden und verhei­ßenden, des lebendigen Wortes Gottes ein Unterschied? Vielleicht empfiehlt es sich doch, Luther selbst, wenngleich im unverwechselbaren Kontext seiner Zeit, noch einmal zu hören, aber nun nicht als Bestätigung, sondern als Kritik an der bestehenden Kirche.

[Lesung in Auswahl aus 322-350]

Was wir gehört haben, mag für uns befremdlich und irritierend klingen. Nicht etwa weil Lu­ther behauptet hätte, im Besitz der Wahrheit zu sein, worauf wir ja mit Lessing replizieren könnten, es komme nicht auf den Besitz, sondern auf die Suche nach der Wahrheit an. Aber einen Anspruch auf Besitz der Wahrheit, was ja immer mit Machtansprüchen verknüpft ist, hat Luther gerade nicht erheben können. Er wirft im Gegenteil den Gegnern dies als freche Anmaßung vor. Nicht er besitzt etwas, er ist vielmehr überwältigt, um nicht zu sagen: besessen von Gott, und das bedeutet, dass die Behauptung von Wahrheit immer begleitet ist von der zweifelnden Frage, ob es denn die göttliche und nicht am Ende eine teuflische Wahr­heit sei. Und so ist es folgerichtig, dass das am Ende der Schrift ‚Wider Hans Worst‘ noch einmal furios erhobene „Zettergeschrey“ (374,13) wider den als Mordbrenner verklagten Heinrich (was ein Kriegsherr vermutlich anders bewerten muss) auf ein Gebet zuläuft, den 64. Psalm, den wir am Schluss hören.

Einzig in der Antwort auf das Gebet durch Gott selbst kann es für Luther Gewissheit geben. Denn das göttliche Gericht über den Wolfenbütteler, das Luther den lutherischen Christen und ihren Fürsten vor Augen malt, ist alles andere als evident. Es kann angesichts der offensicht­lichen Übermacht von Kaiser und Papst nur im Vertrauen auf Gott, und d. h. mit Furcht und Zittern behauptet werden. Dass das Wort des Herzogs als Lästerung durch sich selbst gerichtet ist, steht im Psalm (V. 9): „Ir eigen Zungen wird sie fellen“ (375,16), hat also einzig im Lichte des Wortes Gottes Bestand.

Damit werden wir entlassen mit der für uns offenen reformatorischen Frage, ob der Gott, der durch sein Wort schafft und alles regiert, sei oder ob er nicht sei, ob also der Gott, dem Luther um Christi willen sich anvertraute, bei dem er inmitten seiner Zweifel und Anfechtungen Zuflucht fand, Lebensmut, Heiterkeit und unergründliche Freude in den Schrecknissen der Welt, ob dieser, der EINE wahre Gott, sei, oder ob wir befinden, dass er nicht sei, weil die namenlosen Götter und Mächte, denen wir ausgeliefert sind, uns stumm bleiben, so dass wir selbst Götter spielen müssen. Man müsste es singen, um Luthers Liebe zum Wort Gottes würdigen zu können. Aber wer kann’s, noch oder wieder neu, nicht mehr oder nie wieder?

„Fragst du, wer der ist? / Er heißt Jesus Christ, / der Herr Zebaoth, / und ist kein anderer Gott, / das Feld muss er behalten.“ (Evangelisches Gesangbuch 362,2)

[Lesung 373ff. in Auswahl]

Vortrag im Zusammenhang mit einer Lesung aus dieser Schrift durch Professor Dr. Jürgen Stenzel in der Lessing-Akademie Wolfenbüttel am 28. April 2017. Die Seitenangabe beziehen sich auf den Abdruck von „Wider Hans Worst“ in der Bonner (Clemensche) Ausgabe, Bd. 4, 321-378.

Hier der Text als pdf.

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