Klaus Mertes, Widerspruch aus Loyalität (2015): „Der aus tieferer Loyalität heraus Widersprechende, wie ich ihn verstehe, ist zum Beispiel nicht jener Typ des Querdenkers, der den Mainstream deswegen gegen den Strich bürstet, weil er es aus Gründen seines Selbstverständnisses nicht aushält, auch einmal mit dem Mainstream übereinzustimmen. Diesem Typ fehlt der letzte Ernst, die Bereitschaft, das Risiko der Stigmatisierung und Anfeindung wirklich einzugehen; oder es fehlt ihm Sensibilität dafür zu begreifen, was er auslöst, so dass die Anfeindungen erst gar nicht bei ihm ankommen.“

Es war der Jesuitenpater Klaus Mertes, der Anfang 2010 als damaliger Rektor des katholischen Gymnasiums „Canisius-Kolleg“ in Berlin die Aufklärung der Missbrauchsskandale in der römisch-katholischen Kirche angestoßen hatte und dafür der Illoyalität gegenüber seiner Kirche bezichtet wurde. In seinem lesenswerten Buch Widerspruch aus Loyalität, das Mertes bereits 2009 veröffentlicht hatte, ist er der Frage nachgegangen, wie Widerspruch, Kritik und Loyalität sich in der Kirche zueinander zu verhalten haben. Von Klaus Mertes findet sich nun der Text seines Vortrags „Widerspruch aus Loyalität“ vom 7. September 2015 in Essen, in dem er seine Argumentation präzisiert hat:

Widerspruch aus Loyalität

Von Klaus Mertes SJ

Ich las kürzlich den neuen Roman von Amoz Oz. Er trägt den Titel „Judas“. Oz entfaltet darin das Motiv des Verräters am Beispiel eines Zionisten und Zeitgenossen von Ben Gurion, der sich 1947/48 öffentlich gegen die Gründung des Staates Israel wandte und deswegen aus dem Jewish Congress als Verräter an der Idee des Zionismus ausgeschlossen wurde. In einem Interview anlässlich seines neuen Romans reflektiert Oz auch seine eigene, persönliche Verräter- Biographie. Oz trat nach dem frühen Tod seiner Mutter in den Kibbuz ein, um Traktorfahrer zu werden. Das war ein offener Bruch mit der bildungsbürgerlichen Tradition seiner Familie. „Als ich im Alter von vierzehn Jahren meinen Nachnamen von Klausner zu Oz änderte und gegen die Welt meines Vaters rebellierte, habe ich voller Absicht Verrat an den Klausners geübt. Mir war damals nicht klar, dass sich unter diesem Verrat eine tiefere Loyalität verbarg, und es brauchte Jahre, bevor ich mir dessen bewusst wurde.“ (DIE WELT, 13.3.2015) Widerspruch aus tieferer Loyalität heraus – das gilt auch für den Roman von Oz selbst, der allein schon deswegen angefeindet wird, weil er aus solidarischer Sorge allgemeine, grundlegende Gewissheiten in Frage stellt, ohne damit schon Antworten zu geben.

Judas ist das Urbild des bösen, des illoyalen Verräters. Oz versucht in seinem Roman, auch die Judas-Figur so zu konstruieren, dass sein Verrat als Akt der Loyalität zur Person und Botschaft Jesu verstanden werden kann. Er ist nicht der erste, der das versucht. Das Konstrukt läuft mehr oder weniger immer darauf hinaus, dass Judas die Notwendigkeit seines Verrates erkennt, um Jesus bei der Erfüllung seiner Sendung zu helfen: Jesus „muss“ verraten werden, damit er seine Sendung vollenden kann. So versucht es auch Oz. Hinter dem Rehabilitationsversuch des Judas verbirgt sich die Sehnsucht nach der Rehabilitierung des Verräters durch den Blick auf dessen verborgene Loyalität zu dem Verratenen, eine Loyalität, die im Falle der Fälle vielleicht selbst dem Verratenden im Moment des Verrates nicht oder nicht ganz einsichtig ist – sowie dem jungen Oz die „tiefere Loyalität“ hinter dem eigenen Verrat an seiner familiären Tradition zum Zeitpunkt des Verrates auch nicht bewusst war. Nun mag es sein, dass wir das Rätsel des Judas niemals lösen werden. Es bleibt ja tatsächlich auch die Möglichkeit eines Verrates, der gerade nicht Ausdruck von tieferer Loyalität ist, sondern eben plumper, banaler Verrat. Aber das brauchen wir hier nicht weiter zu vertiefen. Wichtig für unser Thema ist: „Widerspruch aus Loyalität“ wird mit dem Verräter-Stigma bezahlt, oder auch mit dem Nestbeschmutzer- oder Dummkopf-Stigma. Ich zitiere noch ein wenig aus dem Roman von Oz: „Der Prophet Jeremia wurde als Verräter betrachtet, sowohl vom Pöbel Jerusalems als auch vom Königshaus… Abraham Lincoln, der Befreier der Sklaven, wurde von seinen Gegnern Verräter genannt. Die deutschen Offiziere, die versuchten, Hitler zu töten, wurden wegen Hochverrats hingerichtet. Im Laufe der Zeit tauchten immer wieder mutige Menschen auf, die ihrer Zeit voraus waren und erst als Verräter oder als naive Dummköpfe bezeichnet wurden.“ (Amoz Oz, Judas, Berlin 2015, S. 272) Diese Verräter-Litanei lässt sich problemlos aktualisieren: Der deutsch-türkische Filmautor Fatih Akin thematisiert in seinem Film „The Cut“ den Genozid an den Armeniern; seitdem ist er mit Todesdrohungen aus dem eigenen Lager konfrontiert. Israelische Reservisten berichten unter dem Titel „Breaking the Silence“ von Gräueltaten der Armee im Gaza-Krieg; seitdem gelten sie als Verräter. Immer wieder ist es dasselbe Motiv: Weil ein Mensch in Treue zu seinem Gewissen, in Treue zu den besseren Traditionen seiner Kultur aus dem Konsens ausschert, wird ihm Dummheit, Verrat oder beides zusammen vorgeworfen.

Abgrenzungen

Man kann aus der bloßen Tatsache, dass jemand aus Loyalitäten ausschert, nicht schließen, dass er einer tieferen Loyalität folgt. Es muss schon einiges mehr hinzukommen. Hier scheinen mir zunächst einige Abgrenzungen nötig. Der aus tieferer Loyalität heraus Widersprechende, wie ich ihn verstehe, ist zum Beispiel nicht jener Typ des Querdenkers, der den Mainstream deswegen gegen den Strich bürstet, weil er es aus Gründen seines Selbstverständnisses nicht aushält, auch einmal mit dem Mainstream übereinzustimmen– ein Typ, der gerne auf Podien aller Art willkommen ist, weil er ein Stimmungsmacher ist; ein Debatten-Anheizer; weil er einen hohen Unterhaltungswert hat. Diesem Typ fehlt der letzte Ernst, die Bereitschaft, das Risiko der Stigmatisierung und Anfeindung wirklich einzugehen; oder es fehlt ihm Sensibilität dafür zu begreifen, was er auslöst, so dass die Anfeindungen erst gar nicht bei ihm ankommen.

Der Verräter aus Loyalität ist auch nicht zu verwechseln mit jenem Typ des Tabu-Brechers, der das Tabu erst überhaupt behauptet, um es dann zu brechen, nach dem Motto: „…man wird doch wohl mal sagen dürfen…“ Es geht auch nicht um bloßes Tabubrechen, so als ob Tabus nur dazu da seien, um gebrochen zu werden. Im Gegenteil: Es kann in Diskursen, die keine Tabus kennen, ein riskanter Widerspruch sein, die Einhaltung von Tabus einzuklagen. Es ist ja bezeichnend, dass sich diejenigen, die heute vor Asylheimen ausländerfeindliche Parolen skandieren, als Tabubrecher verstehen und sich auch so legitimieren. Widerspruch aus Loyalität ist aber etwas ganz anderes als bloßer Tabubruch.

Widerspruch aus Loyalität ist auch nicht gegeben, wenn einer eine Minderheitsmeinung innerhalb eines durch Regeln geschützten Diskurses vertritt, oder wenn einer den advocatus diaboli spielt, um Erkenntnisprozesse voranzubringen, wie das in den scholastischen Disputationen üblich war. Widerspruch aus Loyalität hat vielmehr die Erwägung von pro und contra meist in langen, quälenden inneren Debatten hinter sich, bevor er nach außen tritt. Das unterscheidet ihn im Übrigen auch vom Geschrei der Shitstormer oder Wutbürger, die in ihren Empörungsgefühlen hängen bleiben und die Reflexionsbremse – Hirnforscher würden sagen: den praefrontalen Cortex – bei sich abschalten, um ihre Gefühle hemmungsfrei ausagieren zu können.

Widerspruch aus Loyalität setzt – um den Begriff positiv abzugrenzen – die Anerkennung von Loyalitätspflichten voraus, die unterhalb des Niveaus kategorischer ethischer Imperative stehen und dennoch tatsächlich einen hohen Verpflichtungsgrad haben. Das fängt schon im Alltag an: Ich bin Kollegsdirektor im Kolleg St. Blasien im Südschwarzwald und erwarte dort von meinen Kollegen die Einhaltung besonderer Loyalitätspflichten. Jeder Schulleiter darf zum Beispiel von seinen Lehrerinnen und Lehrern erwarten, dass sie das Konferenzgeheimnis einhalten – im Unterschied zu Eltern und Schülern, von denen er oder sie das nicht erwarten kann.

Beamte haben besondere Loyalitätspflichten gegenüber dem Staat, Jesuiten gegenüber Päpsten, Abgeordnete gegenüber der eigenen Fraktion. Es gibt auch Loyalitätspflichten, die sich einfach aus der Tatsache der Zugehörigkeit ergeben – aus der Zugehörigkeit zu Familie, Verein, Betrieb, Land oder Volk. Es ist ein erstes Kriterium, das den Typus des Verräters aus Loyalität vom eitlen Querdenker, vom tabubrechenden Trampeltier oder vom reflexionsfreien Wutbürger unterscheidet: Er oder sie anerkennt den Sinn besonderer Loyalitätsverpflichtungen und praktiziert sie im Regelfall auch. Unter dieser Voraussetzung ergibt sich ja erst die Konfliktsituation zwischen besonderer Loyalität und „tieferer Loyalität“ (Oz), die Menschen in innere Zerreißproben hineinstellt.

Schweigen brechen

„Der Kaiser hat ja gar keine Kleider an“, ruft das Kind in dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Das ist die klassische Situation des Widerspruchs aus Loyalität, in diesem Fall aus Loyalität zur Wahrheit: Ein Wort wird ausgesprochen, das man aus Loyalität zum Gelingen des kaiserlichen Umzugs – und auch aus Gründen des Selbstschutzes – eigentlich lieber nicht aussprechen sollte. Das Kind spricht es aus, ohne ganz zu begreifen, was es da tut. Auch dies ist eine Erfahrung solchen Widerspruchs.

Oft begreift man erst an den Wirkungen des ausgesprochenen Wortes, was man da getan hat. Mir persönlich war zum Beispiel auch nicht klar, dass ein Brief, den ich im Januar 2010 an 600 Adressen ehemaliger Schüler des Canisius-Kollegs aus den 70er- und 80er-Jahren schrieb, Wellen bis nach Rom schlagen würde. Das ist zwar kein Grund, einen solchen Schritt nachträglich zu bereuen, denn der Grund dafür, den Brief zu schreiben, war stark. Aber ich erkenne daran ein Prinzip: Das aufdeckende Wort wird nicht aus überlegener Vogelperspektive gesprochen, sondern im Nebel, auf Sicht. Aber gerade deswegen entfaltet es seine starke Wirkung. Denn es kommt aus dem Inneren des Systems. Von innen her lässt sich zwar das Ganze nicht übersehen; zum Risiko des aufdeckenden Wortes gehört also auch immer, dass die Folgen nicht kalkulierbar sind. Aber diese Unabsehbarkeit kann nicht der Grund sein, um im Schweigen zu verharren. Wenn es dann aber ausgesprochen wird, kann es eine unabsehbare Wirkung entfalten, gerade weil es von innen her gesprochen wird.

„Breaking the silence.“ So wie die Eskimos mehr als zwanzig verschiedene Worte für Schnee haben, so müsste man für das Wort „Schweigen“ mehr als zwanzig verschiedene Worte erfinden. Es gibt das hörende Schweigen, das schützende Schweigen, die Schweigepflicht des Arztes oder des Seelsorgers; das Schweigen der Liebenden, das mehr sagt als Worte; die Stille, in der sich das Herz zum Gebet erhebt. Es geht beim Widerspruch aus Loyalität nicht darum, solches Schweigen zu brechen. Vor dem Einspruch kommt vielmehr das unterscheidende Hinhören auf das Schweigen.

Für das andere Schweigen müsste ein neues Wortfeld eröffnet werden: Das steinerne Schweigen, das verordnete, ängstliche Schweigen, das Schweigen der Verleugnung, das Totschweigen, das Schweigen, hinter dem sich die nackte Aggression verbirgt. Die Leute sehen den Kaiser in Unterhosen und trauen sich nicht, auszusprechen was sie sehen, weil dann das System aus Lüge und Wahn zusammenbrechen würde. Das Kind hört dieses Schweigen durch den Jubel und Trubel der Kaiserprozession hindurch und spricht das Unsagbare gegen dieses Schweigen aus. Damit mischt es tatsächlich die ganze Prozession auf. Die Leute im Märchen, die dem Kaiser zujubeln, wissen, dass der Kaiser keine Kleider an hat. Sie spüren auch mehr oder weniger deutlich, dass sie Angst davor haben auszusprechen, dass der Kaiser nur in Unterwäsche vor ihnen paradiert. Sie meinen, auch einige gute Gründe dafür zu haben zu schweigen. In der Missbrauchsdebatte entsprechen diese Leute denjenigen, die den Machtmissbrauch und das Vertuschen zwar sehen, aber schweigen, weil sie den Zusammenbruch der Fassade und darin großen Schaden für das Ganze fürchten. Es gibt auch einige, die tatsächlich der Meinung sind, dass das Aufrechthaltender Fassade wichtiger ist als die Anerkennung der hässlichen Wahrheit. Das sind die Zyniker. Und es gibt die Sektierer, die tatsächlich der Meinung sind, dass der Schein das Sein ist. Sie erleben das Wort aus dem Kindermund als dramatische Bedrohung, pumpen das Kind in ihrer Phantasie zum Monster auf, schlagen zurück und meinen dabei, ein heiliges Werk zu verrichten.

Mit den Sektierern betreten wir den Raum des Wahns. Wahn ist die bewusste oder unbewusste Abspaltung von Wirklichkeit aus dem Tagesbewusstsein. Es gibt potenziell in allen Systemen die Angst, die sich ihrer selbst nicht bewusst ist und die den Blick auf die Wirklichkeit verdunkelt: Die Angst, die am Grund der „Schweigespirale“ (Elisabeth Noelle-Neumann) lauert. Es wird nicht nur geschwiegen, sondern es wird auch darüber geschwiegen, dass geschwiegen wird.

Es muss nicht einmal eine explizite Abmachung darüber geben, zu schweigen. Das Schweigen der Finsternis schweigt sozusagen aus sich selbst heraus, besonders dann, wenn es ein über Generationen hin vererbtes Schweigen ist: Das Schweigen einer Nation über den von ihr begangenen Genozid, das Schweigen in einer Familie über Missbrauch, das Verschweigen des Hässlichen hinter der schönen Fassade. Der Kaiser und seine Jubeltruppe glauben tatsächlich, dass der Kaiser prächtig angezogen ist. Den Zweifel, den sie im tiefen Inneren spüren, drücken sie weg, stellen ihn unter Verdacht, deuten ihn als ihre eigene Versuchung zum Verrat. Deswegen muss das Wort des Widerspruchs auch als Verrat stigmatisiert werden.

Damit stellt sich die Machtfrage. Widerspruch aus Loyalität ist Protest gegen ein Schweigen, das de facto die Frage nach der Wahrheit auf die Machtfrage reduziert – Protest gegen ein Schweigen, das selbst Ausdruck von Macht ist. Um noch einmal ein Beispiel aus meinem eigenen Umfeld anzubringen, aus der katholischen Kirche: Im Vatikan fand im letzten Jahr eine Bischofssynode zum Thema Familie statt. Ein katholisches Ehepaar aus Australien, Vater und Mutter von mehreren inzwischen erwachsenen Kindern, berichtete aus dem eigenen Familienleben, unter anderem auch über ihren jüngsten Sohn, der in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt. „Selbstverständlich gehört der Partner unseres Sohnes zu unseren Familie“, erzählten die Eltern. Die anschließende Kritik von einigen bischöflichen Teilnehmern und einigen oberkatholischen Journalisten setzte sich nicht mit diesem Satz auseinander, sondern richtete sich dagegen, dass der Synode überhaupt zugemutet wurde, sich diesen Satz anzuhören. Der Einspruch lautete ganz banal: „Wir wollen das erst gar nicht hören. Die Heilige Synode wird befleckt, wenn in ihr solche Sätze gesagt werden. Wir wollen über das Thema Familie beraten, ohne uns solche Geschichten anhören zu müssen.“ Es geht bei diesem Beharren auf Schweigen um die Lufthoheit über Diskurse, also um die Machtfrage. Widerspruch dagegen ist ein Widerspruchaus Loyalität, weil er im Interesse des Systems den Diskurs retten will.

Das kleine Kind ruft: „Der Kaiser hat ja gar keine Kleider an!“ Es gefährdet sich. Im Falle des Märchens braucht das Kind nicht einmal persönlichen Mut, um das Wortauszusprechen; es weiß ja nicht, was es tut. In anderen Fällen muss die Angst erst überwunden werden, um Widerspruch gegen das Schweigen auszusprechen. Familientherapien basieren auf dem Versuch, dem unaussprechlichen, dunklen Geheimniseines Familiensystems auf die Spur zu kommen, über das ja gerade deswegen geschwiegen wird, weil alle meinen, dass der Friede des Systems daran hängt, dass dieses Geheimnis nicht angerührt wird. Totalitäre Systeme basieren auf dem Schweigen, dem aktiven Totschweigen bis hin zum brutalen Töten, zum politischen Mord. Nach-totalitäre Systeme erben dieses Schweigen. Kulturen basieren auf Totschweigen, politische und gesellschaftliche Systeme basieren auf Mythen, die nicht in Frage gestellt werden dürfen. Die tröstliche Verheißung, die mit dem Wort aus Kindermund gegeben ist, lautet: Das solidarische und zugleich kritische Wort ist stärker als das Schweigen. Es gehört allerdings dann auch der Glaube daran hinzu, dass es sich wirklich so verhält, denn auf den ersten Blick stellt sich die Lage ja anders da, als Wort aus Kindermund gegen die Übermacht des Schweigegebotes, als Steinchen in der Steinschleuder des David gegen den hochgepanzerten Goliath. Widerspruch aus Loyalität, ob aus Kindermund oder Papstmund, ob von einem jüdischen Schriftsteller oder von einem türkischen Filmautor, ist immer auch ein Wort gegen Resignation vor der Übermacht der Verhältnisse, gegen Fatalismus, Kleinglaube und Hoffnungslosigkeit.

Selbstveränderung und Umdenken

Kehren wir zu Amoz Oz zurück. Er sagt über die Hauptfigur seines Judas-Romans: „Wie Schmuel Asch bin ich der Meinung, dass ein Verräter oft nur ein Mensch ist, der sich in den Augen derer, die sich nie verändern und jeden Wandel fürchten oder hassen, einer Veränderung unterzieht.“ Man kann es auch so ausdrücken: Widerspruch aus Loyalität setzt Selbstveränderung voraus.

Dem Oz-schen Verräter könnte man seine scheinbare Selbstsicherheit vorwerfen. Wie kann es sein, dass sich einer gegen den Mainstream in den eigenen Reihen stellt und das Urteil, ja die Abscheu seiner eigenen Leute aushält, ohne dabei – scheinbar – zu schwanken? Woher kommt die Kraft, dem Konformitätsdruck zu widerstehen? Es könnte sich ja auch gerade umgekehrt verhalten, dass der Verräter ein Geisterfahrer ist. Sie kennen den bekannten Witz: Ein Geisterfahrer sitzt im Auto und hört im Verkehrsfunk die Warnung: „Vorsicht, ein Geisterfahrer ist unterwegs.“ Darauf empört sich der Geisterfahrer: „Einer? Von wegen! Ganz viele!“

Wie kann also ein Mensch, der sich aus tieferer Loyalität zum System gegen das System oder gegen Teile des Systems stellt, erkennen, dass er selbst kein Geisterfahrer ist? Aus der Tatsache, dass alle oder immerhin fast alle auf mein Sprechen allergisch reagieren, kann ich ja nicht schließen, dass ich rechthabe. Das stimmt. Ich kann aber auch aus der Tatsache, dass ich dasselbe meine wie alle anderen, nicht schließen, dass ich rechthabe. Das war ja schließlich der Anfang der Philosophie, zu erkennen, dass bloße Meinungen noch nicht satisfaktionsfähig sind vor dem Forum der Vernunft oder des Gewissens. Sokrates, auch eine Verräter-Figur am Anfang der europäischen Kultur, wurde als Verführer der Jugend und als Gotteslästerer stigmatisiert, weil er erkannte, dass Meinungen bloß Meinungen sind, auch Meinungen über Werte und über Götter.

Das Stichwort „Selbstveränderung“ weist auf einen Prozess hin, den ein Mensch offensichtlich durchläuft, der aus innerer „tieferer Loyalität“ heraus in einen öffentlichen Widerspruch zur eigenen Gruppe tritt. Der Geisterfahrer zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass ihn der Hinweis aus dem Autoradio nicht öffnet für Nachdenklichkeit. Er lässt die Frage erst gar nicht zu. Vielmehr organisiert er die Wahrnehmung der Verhältnisse für sich so, dass er selbst sich nicht verändern muss. Seine Wahrnehmung der Wirklichkeit ist um das Interesse herumgruppiert, sich selbst nicht verändern zu müssen.

Am Anfang eines Prozesses, der im loyalen Widerspruch mündet, steht also die Offenheit für Selbstprüfung. Diese wird in der Regel nicht durch theoretische Einsicht die Notwendigkeit eines solchen Prozesses ausgelöst, sondern durch konkrete Erfahrungen, die meist mit Schmerzen verbunden sind – eine Begegnung, die befremdet, die aus der Ordnung herauswirft, die einen Stich im Gewissen auslöst. Schreckliche Bilder wie die von ertrinkenden Flüchtlingen im Mittelmeer, von Leichen in Schlepperlastwägen und toten Kindern, die an den Strand gespült werden, aber auch die Bilder von brennenden Asylbewerberwohnungen haben in diesen Tagen vielleicht und auch hoffentlich die Kraft, solche Prozesse millionenfach auszulösen.

Mit der Selbstverunsicherung beginnt der Schritt von Sofa der Selbstsicherheit und Zuschauens weg auf die Straße, auf den Bahnhof in München – denken Sie an die Bilde der letzten Tage –, in die Verantwortung, im Fall der Fälle in den Konflikt. Es ist nicht leicht, die Selbstverunsicherung zuzulassen. Es geht ja bei systemrelevanten Infragestellungen nicht nur um Einzelheiten im Selbstverständnis, sondern um das gesamte Selbstverständnis. Das biblische Wort dafür ist Metánoia, Umdenken. Beispiele: Ich komme aus einer Kultur, in der ein Genozid verleugnet wird und beginne zu begreifen, welches Leiden diese Verleugnung auslöst. Ich komme aus einer Tradition, in der Homosexualität befremdet, und beginne zu begreifen, dass ich vor einer Menschenrechtsfrage stehe. Ich lebe in einem mit der Muttermilch aufgesogenen Feindbild über mein Nachbarvolk und begreife, dass das Teil des Problems ist, auch des Problems, an dem mein eigenes Volk leidet. Meine Tochter ist zum Islam konvertiert und ich beginne zu begreifen, dass die Frage nach Gott mit meinem Kirchenaustritt auch für mich noch nicht erledigt ist.

Der Prozess des Umdenkens hat nicht nur eine kritisch-selbstkritische, sondern auch eine konstruktive Seite: Es wächst Vertrauen in die Möglichkeit, durch Selbstdenken zu eigenen, neuen Urteilen über die Wirklichkeit zu kommen. Es geht um einen Zuwachs an Autonomie und Erkenntnis. Umdenken hat den Aspekt der Selbstentdeckung der Vernunft und damit auch den des Selbstvertrauens. Die Öffnung für Selbstkritik– und eben gerade nicht bloß die wohlfeile Kritik an den anderen – steigert das Selbstvertrauen als Vertrauen in die eigene Fähigkeit, zu Erkenntnissen über sich und die Wirklichkeit zu gelangen, auch dann, wenn sie zunächst bitter schmecken und nicht angenehm sind.

Schlussbemerkung aus aktuellem Anlass

Ich erlebe die gegenwärtige Zeit als eine Zeitenwende, verstärkt durch die Bilder der letzten Tage von den Bahnhöfen in Bukarest, Budapest, Wien und München. Der schwedische Ministerpräsident Reinfeldt sagte kürzlich im Wahlkampf: „Öffnet eure Herzen“ – für die Not der Flüchtlinge. Einige unterstellten ihm, dass er als Politiker des bürgerlichen Lagers das nur aus wahltaktischen Gründen sagte, um der Konkurrenz von Sozialdemokraten und Grünen ein Thema wegzunehmen. Eine Unterstellung, wie ich meine. Reinfeldt verlor die Wahl wegen dieses Satzes.

Ähnlich ergeht es mir zurzeit mit dem Satz der Bundeskanzlerin: „Wir schaffen das.“ Man muss nicht Viktor Orban heißen, und man muss es nicht so platt sagen wie er, aber ich höre schon die Bedenkenträger besonders aus den Reihen der eigenen Partei, die Frau Merkels Satz für einen taktischen Fehler halten. Ich halte beide Sätze – „öffnet eure Herzen“ und „wir schaffen das“ – für Sätze aus Politikermund, die die Qualität von „tieferer Loyalität“ und Widerspruch zugleich haben, wie ja gerade auch die Reaktionen darauf zeigen. Denn genau das sind die üblichen Einwände gegen Widerspruchaus Loyalität: „Das ist unklug.“ „Naives Gutmenschentum.“ Schuldzuweisung („Frau Merkel ist schuld an den Flüchtlingsströmen“), Abstrafung durch Wahlniederlage, Furcht vor der Abstrafung, und so weiter. Zu diesen Sätzen zu stehen bedeutet, politische Führung zu übernehmen.

Demokratie lebt von gesellschaftlich verankertem Bürgerbewusstsein und von politischer Führung. Politische Führung besteht darin, im Fall der Fälle aus innerer Loyalität zu Demokratie und Grundwerten der Menschlichkeit in den Widerspruch zu den eigenen Leuten zu gehen, auch zu den eigenen Wählern. Der vielgescholtene Alexis Tsipras ist übrigens dafür auch ein Beispiel. Bürgerbewusstsein besteht darin, sich nicht von der Politikerverachtung, die ja eigentlich Politikverachtung ist, ablenken zu lassen, sondern sich innerlich für die Möglichkeit zu öffnen, dass es Zeiten und Situationen geben kann, in denen taktische Überlegung sekundär werden gegenüber Entscheidungen auf Grund von elementaren Überzeugungen. Ein bloß an taktischen Abwägungen, schlimmstenfalls an bloß wahltaktischen Fragen interessierter Politikdiskurs höhlt die Demokratie aus. Widerspruch aus Loyalität ist auch ein Dienst politischer Führung an der Demokratie. Deswegen schließe ich mich an: „Öffnet eure Herzen. Wir werden das schaffen.“

Vortrag am 7. September 2015 aus Anlass des 25-jährigen Jubiläums des Politischen Forums Ruhr in der Essener Philharmonie.

Quelle: Neues Ruhr-Wort, Jahrgang 2, Nr. 39, 26. September 2015, Seiten 24, 26-27.

Hier der Text als pdf.

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