Hans Joachim Iwands Predigt über Hiobs Klage (Hiob 2,11-3,26): „Aber Gott hört. Gott hört seinen Knecht Hiob, Gott weiß, daß solche Lästerungen keine Lästerungen sind, sondern Wellen der Anfechtung, die über eines Menschen Seele gehen, Gott erbarmt sich wes er will. Vielleicht muß Hiob so einsam werden, damit Gott allein ihn versteht, damit Gott allein sein Freund wird.“

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Illustration von Chris Koelle zum Buch JŌB von John Piper

Im Juni und Juli 1944 predigte Hans Joachim Iwand in den Wochenschlussgottesdiensten in der St.-Marien-Kirche in Dortmund über Hiob. Nach Hiobs Leiden (Hiob 1,1-2,10) folgte am 10. Juni die zweite Predigt über Hiobs Klage (Hiob 2,11-3,26):

Hiobs Klage (Hiob 2,11-3,26)

Von Hans Joachim Iwand

Hiob soll seinen Schmerz nicht allein tragen, Freunde machen sich auf, ihn zu besuchen in seiner Trübsal. Sie kennen ihn nicht mehr wieder, seine Gestalt ist verfallen, der Glanz von seinem Angesicht gewichen. Denn das Unglück verändert die Menschen auch äußerlich. Schweigend lassen sich die Freunde bei ihm nieder und sprechen kein Wort. Es gibt ein Unglück, welches so groß ist, daß es den Menschen verstummen macht. Wir merken erst in solcher Stunde, wie schwer es ist zu trösten. Wo ist die Freundschaft geblieben, jenes gute freundschaftliche Verstehen aus den Zeiten des Gelingens und des Glückes. Auch die Freundschaft wird in solchen Lebenslagen als etwas Unzulängliches bewiesen. Sie reicht nicht aus. Sie kann die Einsamkeit nicht beheben, in die hinein der Leidende stürzt. Sie, die Freunde, sagen alle noch Ja zum Leben, aber Hiob sagt nicht mehr Ja. Hiob hadert mit Gott, ihm ist das Leben zum Ekel geworden und der Tod zum Erlöser, auf den er wartet. So bricht es heraus aus seiner Seele nach dem langen Schweigen, ein Abgrund tut sich auf und alle Menschen, die nicht in solchem Leiden stehen, beben zurück vor dem Schrecklichen, das da offenbar wird.

Das Gleiche erleben wir, wenn wir trösten wollen. Wir gleichen einem Menschen, der am Ufer steht und dem Ertrinkenden etwas zuruft. Aber der Ertrinkende kämpft mit den Wellen, die ihn hinunterspülen wollen, unter ihm klafft eine unendliche Tiefe. Die kennen die anderen Menschen nicht, die vom Ufer aus Rettungsaktionen unternehmen. So ist unser menschliches Trösten, es macht nur offenbar, daß wir einander nicht helfen können. Es macht die Einsamkeit noch größer, in der der Leidende steht. Der Spott der Feinde ist nicht so furchtbar wie das Unverstehen der Freunde, wie wenn man Wunden mit Salz rein macht, so entzünden die Freunde Hiobs seinen Schmerz zur höchsten Qual. Wie anders tröstet Gott. Er verläßt seinen Himmel und übernimmt das Leben des Menschen, dieses Leben voller Angst und Not, dies Preisgegebensein in den Tod. Er gibt auf was er ist und wird, was er nicht ist, er übernimmt an seinem eigenen Leib unsere Not und unsere Qual. »Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen«. Ihm schmeckt die Freude des Himmels nicht, sondern [9] es erbarmt ihn der Jammer der Menschen: »Da er wohl hätte Freude haben mögen, wählte er das Kreuz und achtete der Schande nicht«. Das ist die göttliche Liebe, das ist der Trost Gottes. Wer sich so von ihm trösten läßt, der wird auch lernen, andere zu trösten. Andere darin zu trösten, daß wir ihr Leben zu unserem Leben, ihre Not zu unserer Not machen, daß wir nicht oben stehen bleiben am Ufer und glauben, mit Weisungen den Ertrinkenden retten zu können, sondern daß uns seine Not hineinzieht in dieselbe Flut, daß wir sein Unglück teilen und seine Nähe suchen.

Das sind allerdings furchtbare Dinge, die hier aus der Seele Hiobs empor steigen. Gedanken einer absoluten Verzweiflung. Bei Licht besehen sind es Lästerungen, die aus seinem Herzen aufsteigen und sich über seine Lippen drängen. Alles woran wir sonst glauben, die Lebenswerte von denen wir reden, sind auf einmal durchgestrichen. „Der Tag müsse verloren sein, darin ich geboren bin und die Nacht welche sprach, es ist ein Männlein empfangen worden“ (3,3). Wie weit muß doch ein Mensch gekommen sein, der so sein ganzes Leben verflucht. Wir feiern unsere Geburtstage, aber ob wir auch wissen, was wir damit tun? Wie viele Festtage mag Hiob gefeiert haben, aber heute geht ihm erst ein Licht auf, was er da gefeiert hat: Das Unglück seines Lebens. »Es ist Trauern besser als Lachen, denn durch Trauern wird das Herz gebessert.« Wenn Hiob den Tag verflucht, da er geboren war, dann will er damit sagen, daß alles, was ihm Gott gegeben hat, nichts ist gegenüber dem, was ihm Gott genommen hat. Er vom Standpunkt des Lebenden stellt das Glück aller Glücklichen infrage. Denn sie feiern ihr Leben. Sie sehen darin den höchsten Wert, sie finden darin ihr Glück. Aber Hiob hat den bitteren Kern des Lebens schmecken müssen, der verborgen ist in dieser süßen Frucht. Hiob hat erkennen müssen, daß alle Höhen des Lebens nur Gelegenheiten sind, um von Gott heruntergestürzt zu werden, von dem Gewaltigen, gegen den niemand ankann.

Es ist unendlich trostreich, daß Hiob redet, daß seine Reden Aufnahme finden in der Bibel. Trostreich für alle, die ähnliches erleiden, trostreich für alle, weil wir an Hiob erkennen, daß wir unseren Mund auftun dürfen vor Gott. Daß kein Leidender hier hinausgestoßen wird, daß keinem der schreien möchte, verboten wird zu schreien. Die Freunde können das Wort Hiobs nicht hören, vielleicht ist es auch uns noch schwer, solches anzuhören. Wenn wir Menschen begegnen im Leben, die so reden, gehen wir ihnen am liebsten aus dem Weg. Uns schaudert vor der Tiefe des Elends, die da aufbricht. Daß ein Mensch sein ganzes Leben, sein Wirken und Schaffen verwirft, daß er aller Freuden nicht mehr gedenkt, die er hatte, daß der finstere Schatten der Nacht sich wie ein Verhängnis über seinen Geburtstag legt, das kann keiner der Glücklichen hören. [10]

Aber Gott hört. Gott hört seinen Knecht Hiob, Gott weiß, daß solche Lästerungen keine Lästerungen sind, sondern Wellen der Anfechtung, die über eines Menschen Seele gehen, Gott erbarmt sich wes er will. Vielleicht muß Hiob so einsam werden, damit Gott allein ihn versteht, damit Gott allein sein Freund wird.

Noch ein Zweites sagt Hiob in seiner Klage, er preist die Toten selig: „Warum bin ich nicht gestorben von Mutterleibe an, warum bin ich nicht verschieden, da ich aus dem Leibe kam? So läge ich doch und wäre stille und schliefe und hätte Ruhe“ (3,11.13). Alles, was am Tode schrecklich schien, wird auf einmal für den Leidenden begehrenswert, im Tode und in seinem Reich hört das Hasten und Jagen auf nach den Dingen, die doch nichts nütze sind. Arm und reich, diese großen die Welt bewegenden Gegensätze, sind dort aufgelöst. Da werden die Könige still, die die Welt bewegen mit ihrem gewaltigen Arm, da sind die Fürsten arm, die Gold und Silber in ihren Häusern sammeln. Da müssen die Gottlosen schweigen, die jetzt toben wie das wilde Meer. Da gibt es nicht mehr das Elend der Gefangenen und nicht mehr die Unbarmherzigkeit ihrer Treiber, da ist der Herr wie der Knecht. Im Tod ist Frieden. Die Verzweiflung und der Tod sind Geschwister. Das wovor sonst alle Menschen fliehen, das Nichtstun, scheint dem Verzweifelnden auf einmal als die einzige Erlösung. Niemand, der nicht einmal so weit gekommen ist, kennt die wahre Tiefe der Verzweiflung.

Aber auch niemand, der nicht diese Tiefe schmecken muß, kennt die Herrlichkeit der Gnade Gottes. Denn denen, die nichts mehr hoffen als den Tod, naht Gott und schenkt ihnen das Leben. Ein anderes Leben als das, was sie in der Stunde ihrer Geburt empfangen haben. So wie Jesus Christus dem Lazarus das Leben wiederschenkt, dem, der schon im Grabe lag, so und nicht anders geht die Ostersonne auf über dem Grab, nach dem wir verlangen. Wir meinen, es gibt nur eine Erlösung, den Tod, weil das Leben uns betrogen hat, aber Gott denkt anders. Er gibt uns die Erlösung in Jesus Christus. Denn in ihm war das Leben, das Leben war das Licht der Menschen. Immer wenn wir mit Hiob gehen, bis an die Grenze seiner Qual, leuchtet uns Jesus Christus auf, von der anderen Seite her, als das Licht, das da scheint in der Finsternis. Wer nicht im Schatten des Todes sitzen will, wie soll der die Verheißung des Lebens empfangen? »Denn wer sein Leben lieb hat, der wird es verlieren, wer es aber verliert, der wird es gewinnen in Ewigkeit.«

Und nun noch das Dritte und Letzte, was Hiob sagt. Er denkt an alle Mühseligen auf Erden, an alle die, die auf den Tod warten und er kommt nicht. Ihm wird auf einmal die Solidarität aller Leidenden bewußt. Die gro-[11]ße Warum-Frage steigt auf: „Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen und das Leben den betrübten Herzen?“ (3,20) Eine Warum-Frage, tiefer als wir sie gewöhnlich stellen. So fragten die Philosophen im Altertum: »Warum ist das Sein und nicht vielmehr das Nichtsein?« Warum Licht und Leben um so viel Mühsal und Kümmernis zu bescheinen, hebt sich nicht alles auf in einem letzten großen Widerspruch? Die Glücksphilosophen sind am Ende ihrer Kunst. Das Kreuz leuchtet auf. Das Kreuz ist die Bestimmung des Menschenlebens, die Störung seiner Ruhe, Gott tritt in sein Leben ein und sein Friede ist dahin. „War ich nicht glückselig, war ich nicht fein stille, hatte ich nicht gute Ruhe? Und es kommt solche Unruhe“ (3,26). Nur er, von dem es kommt, kann darauf antworten, denn unser Herz ist unruhig, bis es ruhet in Gott. Gott zerbricht, denn er wird bauen. Darum wartet auf Gott, denn er ist meiner Seele Gott und mein Heil.

Predigt beim Wochenschlussgottesdienst am 10. Juni 1944 in der St.-Marien-Kirche in Dortmund.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke. Neue Folge, Bd. 5: Predigten und Predigtlehre, Gütersloh: Chr. Kaiser. Gütersloher Verlagshaus 2004, Seiten 8-11.

Die Predigt findet sich hier als pdf.

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