Mein Lohn ist, dass ich darf: Pfarrer nach Leistung bezahlen?

geldschein

In der aktuellen März-Ausgabe der zeitzeichen begründet Peter Barrenstein, Vorsitzender des Arbeitskreises evangelischer Unternehmer (AEU), in seinem pro-Artikel „Weiterentwicklung des Einzelnen“ noch einmal, warum er für eine leistungsbezogene Pfarrbesoldung ist. Die  aktuelle Diskussion kam durch ein Interview mit Barrenstein unter dem Titel „Boni für die Botschaft“ in der ZEIT-Beilage „Christ und Welt“ Ende letzten Jahres auf.

Als Pfarrer mag man einwenden, damit werde der Ökonomisierung des Evangeliums das Wort geredet. Aber so einfach lässt sich Barrensteins Vorschlag nicht begegnen. Auch die gegenwärtige Form der Pfarrerbesoldung ist durch und durch „profanökonomisch“ und fördert unter Pfarrerinnen und Pfarrern ein bestimmtes eigenökonomisches Verhalten.

In meinem Beitrag „Mein Lohn ist, dass ich darf: Ökonomisches Verhalten im Neuen Testament und die Frage nach der Pfarrbesoldung“, der 2002 in dem Sammelband „Heils-Ökonomie? Zum Zusammenwirken von Kirche und Wirtschaft“ erschienen ist, habe ich die probeweise Einführung einer leistungsbezogenen Pfarrbesoldung angeregt und dazu biblisch-theologisch argumentiert. Hier mein Text:

Mein Lohn ist, dass ich darf: Ökonomisches Verhalten im Neuen Testament und die Frage nach der Pfarrbesoldung

Von Jochen Teuffel

Fritz Fetzer zum 60. Geburtstag

1. Hinführung

Für eine Leistungsgesellschaft gilt das Schlagwort: »Leistung soll sich lohnen«. Wer mehr leistet, soll auch mehr bekommen. In der freien Wirtschaft werden daher bei Angestellten des mittleren und höheren Managements häufig Gehälter außer Tarif frei verhandelt oder über variable, leistungsabhängige Bezüge angepasst. Demgegenüber folgt die Pfarrbesoldung innerhalb der verfassten evangelischen Landeskirchen im Wesentlichen der staatlichen Beamtenbesoldung.[1] Das Grundgehalt bestimmt sich nach Besoldungsgruppen. Für deren Differenzierung werden dabei folgende Kriterien geltend gemacht: Der jeweilige Dienstrang, die Bedeutung und Verantwortung des Amtes, die Beanspruchung des Amtsinhabers, die Ausbildung, die Attraktivität des Amtes für qualifizierte Kräfte und schließlich der allgemeine Lebensstandard. Eine Erhöhung der Besoldung erfolgt im Wesentlichen über eine Dienstalterszulage, die pauschal die sich aus einer längeren Berufserfahrung ergebenden verbesserten Dienstleistungen abzugelten bzw. die steigenden Lebenshaltungskosten einer wachsenden Familie zu berücksichtigen sucht. Die Pfarrbesoldung basiert damit auf dem Alimentationsprinzip des Berufsbeamtentums: Der Dienstherr ist verpflichtet, dem Beamten und seiner Familie einen amtsangemessenen Lebensunterhalt zu gewähren. Die Dienstbezüge werden dabei nicht als Gegenleistung (Vergütung) für die jeweiligen Dienste, sondern als eine Art Unterhaltsrente angesehen. So heißt es denn auch im Pfarrergesetz des VELKD: »Der Pfarrer hat Anspruch auf angemessenen Unterhalt für sich und seine Familie insbesondere durch Gewährung von Besoldung und Versorgung.« (PfG § 70 Abs.1)

Ist das Alimentationsprinzip innerhalb einer Leistungsgesellschaft noch zeitgemäß? Oder soll die Kirche analog zur freien Wirtschaft eine leistungsbezogene Vergütung an Stelle einer status- bzw. versorgungsbezogenen Besoldung einfüh-[69]ren? Einer leistungsbezogenen Vergütung zufolge würde eine Pfarrerin, die mehr und bessere »Dienstleistungen« erbringt, mehr als andere verdienen. Wo Leistungsanreize in einem Vergütungssystem für Pfarrerinnen und Pfarrer geschaffen würden, könnte theologischerseits eingewandt werden, dass damit innerhalb der Kirche eine Ökonomisierung des Evangeliums stattfindet. Zugespitzt gesagt, könnte der Pfarrer bzw. die Pfarrerin auf kommerzieller Geschäftsgrundlage ähnlich wie ein Handels- oder Versicherungsvertreter gebietsbezogen für die Kirche tätig sein. Er oder sie verdient an der Dienstleistung »Evangelium« mit.

Bevor nun eine pastorale Leistungsvergütung pauschal verworfen wird, empfiehlt es sich, das Thema in einem biblisch-theologischen Kontext zu erörtern. Dazu gilt es zunächst zu klären, was eigentlich als ökonomisches Verhalten anzusehen ist. Im Anschluss daran soll entlang des Neuen Testamentes untersucht werden, wie sich ökonomisches Verhalten von Menschen auf das Reich Gottes beziehen lässt. Dabei spielt die Frage nach einer »Lohnmoral« eine besondere Rolle. Schließlich lässt sich am Beispiel des Apostel Paulus mit dessen Evangeliumsdienst zeigen, wie ein »unökonomischer« Pfarrdienst auszusehen hätte.

2. Grundlegende Elemente eines ökonomischen Verhaltensmodells

2.1 Ökonomik

In den Gleichnissen Jesu werden häufig ökonomische Situationen angeführt. Die land- bzw. hauswirtschaftlichen Verhältnisse, auf die sich die Gleichnisse Jesu im Wesentlichen beziehen, gehören der Vergangenheit an. Trotz disparater Lebenswelten erschließt sich das dort erzählte menschliche Verhalten auch einer gegenwärtigen Leserin. Es lässt sich daher annehmen, dass ökonomische Verhaltensweisen von Menschen unabhängig von Kultur, Ort und Zeit nachvollziehbar sind.

Wie lassen sich nun ökonomische Verhaltensweisen von Menschen charakterisieren? Dieser Aufgabenstellung hat sich die Ökonomik angenommen, so sie sich nicht mehr nur auf einen Objektbereich »Wirtschaft« im Sinne der Land-, Haus- oder Marktwirtschaft beschränkt. Eine klassische Definition hat dazu Lionel C. Robbins gegeben: »Ökonomik ist die Wissenschaft, die menschliches Verhalten untersucht als eine Beziehung zwischen Zielen und knappen Mitteln, die eine unterschiedliche Verwendung haben.«[2] Ähnlich formuliert Detlef Aufderheide: »Ökonomik ist die Wissenschaft vom Handeln unter Entscheidungszwang. [70] Sie beschäftigt sich mit der Ermittlung der relevanten Alternativen sowie ihrer zielgerichteten Wahl durch rational und eigeninteressiert handelnde Individuen.«[3]

Als grundlegende Elemente eines ökonomischen Verhaltensmodells lassen sich der Entscheidungszwang verbunden mit Verzichtskosten, die Rationalität in Verbindung mit Eigeninteressiertheit sowie der methodologische Individualismus nennen.

2.2 Entscheidungszwang und Verzichtskosten

Die Ausgangssituation für ökonomisches Verhalten ist die Knappheit von Gütern. Es existiert also kein unendlicher Überfluss. Wäre alles greifbar und bedingungslos vereinnahmbar, stünde man vor keiner Entscheidung zwischen Alternativen. So aber ist jede Entscheidung für eine Alternative zugleich eine Entscheidung gegen andere, ebenfalls erwünschte Alternativen. Die Entscheidung für eine Handlungsalternative hat ihren Preis, indem sie andere Handlungsalternativen ausschließt. Wenn ein Gut vorgezogen und demzufolge ein anderes Gut vorenthalten bleibt, entgeht demjenigen, der entschieden hat, der Nutzen des vorenthaltenen Gutes. In der ökonomischen Theorie spricht man dabei von Opportunitäts- bzw. Verzichtskosten als einer Wertgröße, die für einen entgangenen Nutzen bzw. Ertrag aufgrund der Entscheidung für eine der möglichen Handlungsalternative steht. Genauer gesagt quantifizieren Opportunitätskosten den entgangenen Nutzen der zweitbesten, das heißt der besten nichtgewählten Handlungsalternativen. So kann man beispielsweise bezüglich eines Studiums der Theologie von Zeit als Opportunitätskosten sprechen, weil eine Entscheidung für dieses Studium in aller Regel das Studium der Betriebswirtschaftslehre ausschließt. Durch die Spezifikation der Opportunitätskosten als Wertgröße für einen entgangenen Nutzen wird das ökonomische Kostenkonzept über ein rein monetäres, geldwertes Verständnis hinaus verallgemeinert. Ökonomische Entscheidungen können also nicht nur Geld, sondern auch Zeit, Schlaf, Stress, Spaß, Freunde, Ehen, Kinder, Karriere, Ruf, Seelenheil und was sonst noch kosten. Demzufolge lässt sich die Ökonomik nicht auf rein monetäre Ziele reduzieren.

2.3 Rationalität und Eigeninteressiertheit

Wenn nicht alles — zumindest nicht sofort — zu haben ist, muss entschieden werden, welche Alternative vorzuziehen ist. Bezüglich eines ökonomischen Verhal-[71]tens geht man davon aus, dass die jeweilige Wahl (choice) eines Wirtschaftssubjektes das Ergebnis eines wohlabgewogenen Entscheidungs- und Bewertungsprozesses unter hinreichender Information darstellt. »Individuen handeln nicht zufällig, sondern reagieren in systematischer und damit vorhersehbarer Weise, wenn ihnen eine Wandlungsmöglichkeit vorteilhafter oder ungünstiger erscheint als eine andere.«[4]

Der einzelne kann aus den ihm zur Verfügung stehenden Alternativen mittels eines Vergleiches der jeweiligen Opportunitätskosten die von ihm zu bevorzugende Alternative ermitteln. Eine rationale Entscheidung trifft derjenige Akteur dann, wenn er dasjenige Güterbündel vorzieht, das im Vergleich mit den anderen Güterbündeln für ihn den größeren erwartbaren Nutzen hat. Handlungsleitend ist dabei die Nutzenmaximierung. Schließlich suchen Individuen — dem ökonomischen Handlungsmodell zufolge — auf rationale Weise ihren (erwarteten) Nutzen unter den für sie vorhandenen Beschränkungen zu maximieren[5]. Über ein reines Wunschdenken hinaus unterwirft der ökonomisch denkende Mensch alle Entscheidungen seinem eigenen Interessenkalkül und handelt dabei unter zweckrationalen Gesichtspunkten[6].

2.4 Methodologischer Individualismus

Wird bezüglich ökonomischen Verhaltens von einem Eigennutzaxiom ausgegangen, richtet sich das ökonomische Verhaltensmodell nicht an einem Kollektivinteresse, sondern am Einzelinteresse von Individuen aus. Man spricht hierbei von einem methodologischen Individualismus. Ökonomisches Verhalten von Gruppen, Organisationen und Körperschaften wird aus dem Zusammenwirken des jeweils eigeninteressierten Handelns der beteiligten Individuen abgeleitet.

Seit den sechziger Jahren ist das ökonomische Verhaltensmodell außerhalb einer Markt- bzw. Hauswirtschaft auf unterschiedliche Lebensbereiche wie Familie, Politik, Umwelt, Kunst oder Recht angewandt worden[7]. Kondensiert findet sich das ökonomische Verhaltensmodell in dem Begriff des »homo oeconomicus«, der auf John Stuart Mill zurückgeht. Das ökonomische Menschbild ist immer wieder einer grundsätzlichen ethischen Kritik unterzogen worden, indem [72] der Primat einer Eigennutzorientierung in Frage gestellt wird. Außerdem wurde psychologischerseits die Beschränktheit menschlicher Rationalität experimentell nachgewiesen[8]. Diese Kritik trifft dann zu, wenn unter dem Leitbild des »homo oeconomicus« menschliches Verhalten grundsätzlich auf ökonomisches Verhalten reduziert wird. Bei dem »homo oeconomicus« handelt es sich jedoch in erster Linie um ein idealtypisches Modell, das zur Untersuchung menschlicher Verhaltensweisen unter bestimmten Rahmenbedingungen dient. Auch von Ökonomen selbst wird in aller Regel eingestanden, dass dieses Modell einen heuristischen Charakter hat und damit keine umfassende bzw. adäquate Beschreibung des einzelnen Menschen darstellt. Neben dem Modell eines »homo oeconomicus« hat das Modell eines »homo sociologicus« oder gar eines »homo theologicus« im Hinblick auf die je eigene Erklärungsleistung eine gleichrangige Bedeutung.

3. Ökonomisches Verhalten im Hinblick auf das Reich Gottes

Die Verständlichkeit von Gleichniserzählungen in der Gegenwart hat nahegelegt, dass die erzählten Handlungen in der Bibel einem ökonomischen Verhaltensmodell folgen. Dieses Verhaltensmodell ist kurz skizziert worden. Im folgenden soll nun die ökonomische Analyse auf einzelne Gleichniserzählungen angewandt werden. Man könnte dabei auch von einer ökonomistischen Bibellektüre sprechen. Wenn der Reizbegriff »ökonomistisch« angeführt wird, muss klargestellt werden, dass damit nicht eine »imperialistische« Bibellektüre beabsichtigt wird, die unter einer ökonomischen Perspektive die Ausdeutung der Bibel zu beherrschen sucht. Es handelt sich vielmehr um eine mögliche Lektüre, die neben anderen im Hinblick auf eine genuine Erklärungsleistung Geltung erlangen kann. Sie hat dabei vor allem experimentellen Charakter.

In den Gleichnissen vom Schatz im Acker und von der Perle (Mt 13,44-46) lässt sich ökonomisches Verhalten mustergültig beschreiben. Der Entdecker eines Schatzes auf fremden Boden handelt eigeninteressiert und rational, wenn er sein bisheriges Hab und Gut veräußert, um sich durch den Erwerb des Ackers in den Besitz des Schatzes zu bringen. Er zieht mit dem Schatz im Acker dasjenige Güterbündel vor, das für ihn im Vergleich mit einem anderen Güterbündel, nämlich sein bisheriges Hab und Gut, den größeren Nutzen hat. Handlungsleitend ist also die eigene Nutzenmaximierung. Als Opportunitätskosten entsteht ihm der Nutzungsverlust seines bisherigen Eigentums. Bei der Gleichnisvariante mit der Perle könnte man anfragen, ob die Entscheidung zur Veräußerung von Hab und Gut für den Erwerb eines einmaligen Sammlerstückes wirklich rational ist. Die Präferenzordnung eines leidenschaftlichen Sammlers dürfte keine allgemeine [73] Zustimmung finden. Das Kriterium der Rationalität ist jedoch immer nur auf das einzelne Wirtschaftssubjekt anzulegen. Im Hinblick auf die eigene, subjektiv bestimmte Nutzenmaximierung handelt der Perlenhändler rational, auch wenn seine Entscheidung nicht unbedingt die Billigung seiner Angehörigen finden dürfte.

Im Gleichnis von den zehn Jungfrauen (Mt 25,14-30) stellt die Weigerung der fünf klugen Jungfrauen, den törichten Jungfrauen von ihrem Ölvorrat etwas abzugeben, gewiss kein solidarisches Teilen dar. Aber diese Entscheidung entspricht einem ökonomischen Verhalten, das auf einer individuellen Vorteils-/Nachteils-Kalkulation beruht. Die Abgabe von Öl, selbst gegen eine angemessene Bezahlung, gefährdet die eigene Teilnahme an der Hochzeitsfeier mit dem Bräutigam (bzw. die eigene Heirat). Da diese Feier in den Augen der klugen Jungfrauen den höchsten Nutzen verspricht, ist ein Tauschhandeln in Sachen Öl für sie nicht opportun.

Im Gleichnis vom betrügerischen Verwalter (Lk 16,1-8) wird nun das ökonomische Verhalten auf die Spitze getrieben. Nach Entdeckung seiner Misswirtschaft steht dem Verwalter die Entlassung und damit der Verlust seiner ökonomischen Existenz bevor. Durch einen eigenmächtigen Schuldenerlass als letztes Geschäft verschafft er sich die Aufnahme bei den Schuldnern seines Herrn. Als »homo oeconomicus« geht er in seinem Eigeninteresse soweit, dass er ein rechtswidriges Tauschgeschäft abschließt. Anstößig bleibt es in jedem Fall, dass dieser waghalsige Verwalter das ausdrückliche Lob des Herrn für sein kluges, eigeninteressiertes Handeln findet[9].

Mit dem letztgenannten Gleichnis kann die Frage gestellt werden, wie das ökonomische Verhalten in den Gleichnissen nun im Hinblick auf das Evangelium zu verstehen ist. Würde man für die Lektüre einen Moralsinn (sensus moralis) anlegen, müsste man das ökonomische Verhalten als vorbildlich sehen. Die Gleichniserzählung gäbe in diesem Fall ein gutes Beispiel vor, so wie es im Anschluss an das Gleichnis vom betrügerischen Verwalter als Weisung Jesu heißt: »Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten.«[10]

Für sich gesehen kann ein ökonomisches, eigeninteressiertes Verhalten von Menschen kaum als Botschaft Jesu gelten. Das gleichnishaft vorgeführte ökonomische Handeln findet seine Geltung nur im Bezug auf das göttliche Heils-handeln. Schließlich stehen die Gleichnisse selbst für das Reich Gottes, zumindest dann, wenn sie bei Matthäus mit der Wendung eingeleitet werden: »Das Reich Gottes gleicht einem/einer … «[11]

Im Hinblick auf das Reich Gottes als die »endzeitliche Selbstdurchsetzung [74] Gottes«[12] ist ein eigeninteressiertes, rationales Handeln von Menschen gefordert. Dies führt der betrügerische Verwalter vor. Wenn es um die Teilhabe am Gottesreich geht, ist Rücksichtnahme fehl am Platz, entsprechend dem Jesus-Wort: »Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.«[13] Jeder kann nur für sich selbst dem Gottesreich teilhaftig werden, die »Aktien« am Gottesreich sind super-vinkulierte Namensaktien, die nicht übertragbar sind. Im göttlichen »Buch des Lebens« lassen sich menschlicherseits weder Eintragungen noch Streichungen vornehmen. In Ermangelung einer eigenen Heilsmittlerschaft ist zwangsläufig ein ökonomisch gehaltener »Heilsegoismus« angesagt[14].

4. Lohnmoral im Neuen Testament

Der menschliche »Egoismus« kann gegenüber Gott gelten, nicht aber im Verhältnis zur Welt bzw. zu den Mitmenschen. Hier stehen vor allem Jesu Doppelgebot der Liebe[15] sowie dessen Weisungen aus der Bergpredigt bzw. der Feldrede entgegen, wenn es dort heißt: »Liebt eure Feinde; tut Gutes und leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft. So wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.«[16]

Wo von Jesus ein »altruistisches« Verhalten gefordert wird, ist dieses Verhalten dennoch nicht als unökonomisch zu bezeichnen. Schließlich stellt Jesus hierfür eine Belohnung in Aussicht. Dem reichen Mann, den er zum selbstlosen Verkauf seines Besitzes und zur Nachfolge auffordert, verheißt er einen Schatz im Himmel (Mk 10,21). Petrus erhält die Zusage einer hundertfachen Vergütung für den entgangenen Besitz bzw. für die preisgegebenen Lebensbeziehungen sowie die Zusage des ewigen Lebens (Mk 10,28-31). Ebenso lohnt es sich, die Boten Jesu bei sich aufzunehmen. Selbst das Geschenk eines Becher Wassers wird vergolten werden (Mt 10,40-42). Und wer ein Fest für arme Mitmenschen ausrichtet, die diese Wohltat nicht vergelten können, sichert sich damit die ausgleichende Belohnung bei der zukünftigen Auferstehung der Gerechten (Lk 14,12-14). Die in Sachen Nachfolge bzw. Nächsten- und Feindesliebe entstandenen Opportunitätskosten werden in der göttlichen Heilsökonomie vergütet, so dass das gottgefällige und menschenfreundliche Verhalten kein Verlustgeschäft wird. [75]

Auch wenn man vielleicht gerne von einer höheren Moral sprechen möchte, stehen die oben angeführten Aussagen für eine Lohnmoral: Das weisungsgemäße Verhalten zahlt sich bei Gott aus. Es lassen sich allerdings Jesus-Worte aus den Evangelien anführen, die einer Lohnmoral zu widersprechen scheinen. In der Erzählung vom jüngsten Gericht (Mt 25,31-46) zeigen sich die Gerechten überrascht über die Heilszusage des Menschensohnes. Scheinbar haben sie die Werke der Barmherzigkeit ohne jegliche ökonomische Kalkulation des eigenen Verdienstes erbracht. Der Knecht, der ohne eigenen Feierabend pflichtschuldigst seinem Herrn das Abendessen zuzubereiten hat, hat dafür keinen Dank zu erwarten (Lk 17,7-10). So sollen auch die Jünger Jesu nach erbrachter Dienstleistung den eigenen Einsatz herabwürdigen und sich zu einer »Pflichtenethik« bekennen: »Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.«[17] Als kontraproduktiv in Sachen Lohnmoral könnte auch der Ausgang des Gleichnisses vorn verlorenen Sohn (Lk 15,25-32) gelesen werden. Die besondere Treue und das Wohlverhalten des älteren Sohnes scheinen sich angesichts der feierlichen Wiederaufnahme des verlorenen Sohnes nicht auszuzahlen. Die Gütergemeinschaft mit dem Vater macht jegliche Honorierung eigener Leistungen obsolet. Schließlich ließe sich gegen eine Lohnmoral das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg anführen (Mt 20,1-16). Bei der Lohnzahlung findet die Dauer des eigenen Arbeitseinsatzes keine Berücksichtigung, womit das Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit ignoriert wird. Leistung scheint sich demzufolge nicht zu lohnen. Ob man nun wirklich mit dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg die Lohnmoral prinzipiell verabschieden kann, ist jedoch fragwürdig. Der Tätigkeit im Weinberg liegt jeweils ein ausgehandelter Vertrag zugrunde. Auf der Grundlage dieses Vertrages handeln alle Arbeiter ökonomisch. Sie suchen in der Tätigkeit ihren eigenen Vorteil und verhalten sich dabei rational. Was die Arbeiter der ersten Stunde jedoch übersehen haben, sind die Vertragsbedingungen, in die sie selbst eingewilligt haben. Für sich betrachtet ist der Arbeitsvertrag als recht und billig angesehen worden, andernfalls wäre er kaum akzeptiert worden. Wem ein unökonomisches Verhalten zugesprochen werden kann, ist der Weinbergsbesitzer, der ohne erkennbaren Grund ein zeitunabhängiges Entgelt mit den angeworbenen Arbeitern vereinbart hat. Die Folgen bekäme er bei einer Fortsetzungsgeschichte am nächsten Tag zu spüren: Niemand ließe sich mehr für die erste Stunde finden, da wohl alle Arbeitnehmer einen Last-Minute-Einsatz vorzögen.

Lohnmoral — ja oder nein? Auf der Grundlage verschiedener Jesus-Worte und Erzählungen in den Evangelien wird man diese Alternativfrage nicht ohne weiteres entscheiden können. Was das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg infrage stellt, ist nicht der »homo oeconomicus«, sondern der »deus oeconomicus« menschlicher Provenienz. Das Schlusswort des Weinbergbesitzers spricht es [76] aus: »Habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?«[18]

Gottes Güte entspricht nicht der menschlichen Ökonomik. Die göttliche Heilsökonomie birgt ein Geheimnis, das in der Rationalität einer menschlichen Ökonomik nicht erschlossen werden kann. Jenseits von Eigeninteressiertheit, Entscheidungszwang oder einer Kalkulation von Verzichtskosten sucht die göttliche »Ökonomie der Zeitenfülle« das Heil, indem »alles zusammengefasst würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist«[19]. Die göttliche Heilsökonomie entspricht nicht der menschlichen Eigen-Ökonomie, aber sie beansprucht diese für sich selbst, so wie ein Hausherr eigeninteressierte Arbeiter für seinen Weinberg verdingt. Er setzt dabei auf deren menschliche Lohnmoral, ohne ihr selbst zu entsprechen. Zwischen Gott und Mensch besteht kein kommerzielles Verhältnis »do ut des«, das sich in einem schuldrechtlichen (synallagmatischen) Vertrag fassen lässt. Welche Leistung soll schon ein Mensch erbringen können, die er als Eigenleistung im Hinblick auf ein Tauschverhältnis vor Gott geltend machen könnte, mit Paulus gesprochen: »Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so?«[20]

Kein Mensch kann sich selbst in ein heilvolles Gottesverhältnis setzen, Menschenwerk verschafft sich kein Heil bei Gott. »Denn einer ist Gott. Einer ist auch Mittler zwischen Gott und Mensch: der Mensch Christus Jesus. Er gab sich selbst als Lösegeld für alle — als Zeugnis zur rechten Zeit.«[21] Die Soteriologie des Christusgeschehens entzieht sich einer schuldrechtlichen Logik, zumindest bleibt der Lösegeldempfänger uns Menschen unbekannt.

5. Der Evangeliumsdienst und seine irdische Vergütung

Ein ökonomisches Verhalten bzw. eine Lohnmoral von Menschen muss nicht verworfen werden, solange sie von der göttlichen Heilsökonomie — zumindest sub specie aeternitatis — umschlossen ist. Wie steht es nun mit einem ökonomischen Verhalten von kirchlichen Amtsträgern, insbesondere Pfarrerinnen und Pfarrern im Hinblick auf deren »profanes« Einkommen? Hierzu soll wiederum auf das Neue Testament zurückgegriffen werden. Einleitend sei dazu aus der zweiten Aussendungsrede Jesu nach Lukas zitiert: »Tragt keinen Geldbeutel bei euch, keine Tasche und keine Schuhe, und grüßt niemanden unterwegs. Wenn ihr [77] in ein Haus kommt, sprecht zuerst: Friede sei diesem Hause! Und wenn dort ein Kind des Friedens ist, so wird euer Friede auf ihm ruhen; wenn aber nicht, so wird sich euer Friede wieder zu euch wenden. In demselben Haus aber bleibt, esst und trinkt, was man euch gibt; denn ein Arbeiter ist seines Lohnes wert. Ihr sollt nicht von einem Haus zum andern gehen.«[22]

Der Arbeiter ist seines Lohnes bzw. seiner Speise würdig. Wer das Evangelium als Wanderapostel unterwegs verkündet, muss nicht selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen. Er hat vielmehr Anspruch darauf, dass er in einem Haus gastfreundlich aufgenommen und versorgt wird. Dem pflichtet Paulus bei, wenn er an die korinthische Gemeinde schreibt: »Der Herr hat befohlen, dass, die das Evangelium verkündigen, sich vom Evangelium nähren sollen.«[23] Der Versorgungsanspruch kann sich freilich nur auf das Lebensnotwendige erstrecken. Es soll nur die Gastfreundschaft eines Haushaltes beansprucht werden. Ein Wechsel von Haus zu Haus, der möglicherweise zusätzliche Vergünstigungen am Ort bieten würde, ist den Aposteln untersagt. Dass das Wanderapostolat möglicherweise mit eigennützigen Absichten geführt werden kann, wird in der Gemeindeordnung der Didache deutlich. Dort mahnt der Verfasser: »Jeder Apostel, der zu euch kommt, soll aufgenommen werden wie der Herr. Er soll aber nur einen Tag lang bleiben; wenn aber eine Notwendigkeit besteht, auch den zweiten. Wenn er aber drei bleibt, ist er Pseudoprophet. Wenn aber der Apostel weggeht, soll er nichts mitnehmen außer Brot, bis er übernachtet; wenn er aber um Geld bittet, ist er ein Pseudoprophet. … Und jeder Prophet, der im Geist einen Tisch bestellt, isst nicht von ihm; andernfalls ist er ein Pseudoprophet. … Wer aber im Geist sagt: Gib mir Geld oder irgendetwas anderes, auf den sollt ihr nicht hören«.[24]

Paulus unterstellt in seinen Briefen anderen (Wander-)Aposteln, dass diese durchaus eigennützig den Verkündigungsdienst betreiben: »Wir sind ja nicht wie die vielen, die mit dem Wort Gottes Geschäfte machen; sondern wie man aus Lauterkeit und aus Gott reden muss, so reden wir vor Gott in Christus.«[25] Er betont gegenüber der korinthischen Gemeinde, dass er sein Recht auf Versorgung nicht geltend gemacht hat, sondern seinen Lebensunterhalt durch eigene Arbeit bestritten hat[26]. Er will einer Gemeinde nicht zur Last fallen[27]. Diese Selbstlosigkeit stellt er in seinem Brief an die Thessalonicher heraus: »Ihr erinnert euch doch, liebe Brüder, an unsre Arbeit und unsre Mühe; Tag und Nacht arbeiteten wir, um niemand unter euch zur Last zu fallen, und predigten unter euch das Evangelium Gottes.«[28] Die einzige Gemeinde, von der er Unterhalts-[78]leistungen angenommen hat, scheint die Gemeinde in Philippi gewesen zu sein[29].

Paulus’ Verzicht auf Unterhalt durch die Gemeinde und sein Anspruch, das Evangelium unentgeltlich zu verkünden[30], haben ihre Begründung in dem Ethos der göttlichen Berufung, wenn er über seine Predigt des Evangeliums schreibt: »Täte ich’s aus eigenem Willen, so erhielte ich Lohn. Tue ich’s aber nicht aus eigenem Willen, so ist mir doch das Amt (oikonomia) anvertraut.«[31] Hätte er freiwillig den Dienst am Evangelium gewählt, stünde ihm wie jedem anderen Erwerbstätigen ein Lohn für seine Mühe zu. Die göttliche Berufung hat den Apostel jedoch jenseits einer weltlichen Verdienstlogik gezwungenermaßen »beamtet«[32]: »Denn dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!«[33] Würde der Apostel im Dienst am Evangelium sein Auskommen suchen, hätte er seine göttliche Berufung auf die gleiche Stufe wie eine weltliche Erwerbstätigkeit gestellt. Sein Apostolat versteht Paulus jedoch in der Nachahmung Christi, wenn er schreibt: »Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.«[34] In der Erarbeitung des eigenen Lebensunterhaltes verwirklicht sich »die apostolische Teilhabe an Niedrigkeit und Leiden Christi«[35]. Wo Paulus seinen Evangeliumsdienst beschreibt, stellt er dessen Entbehrungen und Lebensgefährlichkeit bzw. die Leidensgemeinschaft mit Christus heraus[36].

Er sieht in seiner Christusbeziehung eine Umkehrung seiner bisherigen Gewinn- und Verlustrechnung: »Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde«[37]. Der Spitzensatz seiner »Umwertung aller Werte« lautet: »Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.«[38] In der Selbstlosigkeit eines apostolischen Lebens scheint Paulus gegen irdische Vergünstigungen immun gewesen zu sein. Für seinen apostolischen Dienst lassen sich in der Sprache der Ökonomie nicht ohne weiteres »situationsbedingte handlungsbestimmende Vorteilserwartungen« im Sinne von Anreizen ausmachen[39]. [79]

6. Das ökonomische Anreizsystem des Pfarrberufes

6.1 Vor- und Nachteile des Pfarrberufs

In einer ökonomischen Handlungstheorie wird davon ausgegangen, dass Individuen den Anreizen der Situation folgen[40]. Wie verhält es sich nun bei Pfarrerinnen und Pfarrern? Die Logik der Berufung scheint einem Anreizsystem zu widersprechen. Wer einer äußeren oder inneren Berufung gehorsam folgt, sieht sich dabei nicht durch irgendwelche »situationsbedingten handlungsbestimmenden Vorteilserwartungen« gereizt. Derjenige oder diejenige würde auch nicht den eigenen Pfarrberuf unter dem Gesichtspunkt einer Nutzenmaximierung beschreiben. In der Außenperspektive jenseits von geistlichem Beruf und Berufung lässt sich jedoch sehr wohl ein ökonomisches Anreizsystem für Pfarrerinnen und Pfarrer beschreiben. Wer gegenwärtig Theologie studiert, dem bietet sich im Anschluss daran ohne die Mühen einer »Jobsuche« ein vergleichsweise einfacher Einstieg in eine gesicherte professionelle Existenz.

Weiterhin besitzt der Pfarrberuf (immer noch) ein hohes öffentliches Ansehen, vor allem in Kleinstädten und Landgemeinden. Eine Pfarrerin hat für die Arbeitseinteilung und die Terminfestlegung einen relativ hohen Freiheitsgrad. Für die Durchführung pastoraler Aufgaben sind der Weisungsgrad und die Leistungskontrolle relativ gering. Man ist weitgehend sein eigener Herr. Im Unterschied zu einer Berufstätigkeit in der freien Wirtschaft besteht eine hohe Arbeitsplatzsicherheit und ein sicheres Gehalt mit garantierten Steigerungen. Bezüglich fälliger Ortswechsel erspart man sich Wohnraumsuche und Umzugskosten.

Wenn für den Pfarrberuf eine Reihe spezifischer Vergünstigungen (benefits) genannt werden können, heißt dies nicht, dass der Pfarrberuf einfach und mühelos ist. Er hat seine besonderen Belastungen und Herausforderungen, die ihn für viele als unattraktiv erscheinen lassen. Außerdem kann von Mensch zu Mensch der Nutzengewinn ganz unterschiedlich empfunden werden. Ein vermeintlicher Vorteil lässt sich umgekehrt auch als Nachteil empfinden. So erlaubt die gestellte Dienstwohnung verbunden mit der Residenzpflicht keine eigene Wohnraumwahl. Sobald jedoch Nachteile und Einschränkungen des eigenen Pfarrberufes genannt und gegen die spezifischen Vergünstigungen abgewogen werden, dokumentiert die betreffende Person das ökonomische Verhalten einer Vorteils-/Nachteilsabwägung.

Die landeskirchlichen Pfarrerinnenvereine haben nicht zuletzt darin ihre Aufgabe, das ökonomische Anreizsystem des eigenen Berufsstandes kritisch zu beobachten und in eigenem Interesse Verbesserungen einzufordern bzw. negativ empfundene Änderungen abzuwehren. Innerhalb einer reinen Berufungslogik [80] wären standespolitische Forderungen undenkbar. Wer allein einer Berufung gehorcht, handelt wie der Apostel Paulus selbstlos. Jenseits einer Berufungslogik existiert für den Pfarrdienst ein eigenes ökonomisches Anreizsystem, der Pfarrdienst ist nicht nur Berufung, sondern auch Profession.

Das ökonomische Anreizsystem auf der Basis einer Alimentation zeichnet sich dadurch aus, dass es weder Leistung besonders honoriert noch Pfarrerinnen und Pfarrer auf bestimmte Aktivitäten hin orientiert. Jede Art an Tätigkeit oder Untätigkeit scheint gleichwertig zu sein. Daran lässt sich die Frage anschließen, ob nicht eine leistungs- bzw. tätigkeitsbezogene Vergütung im Hinblick auf eine pastorale Berufung sinnvoll ist. Extrinsische, monetäre Belohnungen für den Evangeliumsdienst gehen über das Herrenwort hinaus, das Paulus im ersten Brief an die Korinther zitiert: »Wisst ihr nicht, das die im Heiligtum Wirkenden vom Heiligtum sich nähren? Dass die am Opferaltar Waltenden, am Opferaltar mitbeteiligt sind? So hat auch der Herr befohlen, dass, die das Evangelium verkündigen, vom Evangelium leben sollen.«[41]

Am Evangelium verdienen ist etwas anderes als vom Evangelium leben. Wenn jedoch ein »Evangeliumsverdienst« dazu führen würde, dass das Evangelium intensiver und wirkungsvoller verkündigt wird, was könnte dann dagegen geltend gemacht werden? Mit Paulus gesprochen können die persönlichen Motive hinter dem Zweck zurückstehen: »Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht: diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege; jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft. Was tut’s aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber.«[42]

6.2 Möglichkeiten einer leistungsbezogenen Pfarrvergütung

Wenn über ein Vergütungssystem leistungsbezogene Anreize für pastorales Handeln geschaffen werden soll, muss zunächst geklärt werden, was spezifisch pastorale Leistungen sind. In Anlehnung an die Bekenntnisschriften, insbesondere an den fünften bzw. siebten Artikel der Confessio Augustana können als spezifisch pastorale Leistung die rechte Evangeliumslehre (doctrina evangelii) sowie die evangeliumsgemäße Sakramentsverwaltung (administratio sacramentorum) genannt werden. Neben dieser administrativen Leistung lässt sich eine zweite, unternehmerische (apostolische) Leistung nennen: In der Sendung zu anderen Menschen im örtlichen Lebensraum diese für das Evangelium Christi gewinnen[43]. Diese Sendung steht außerhalb einer Logik der Verwaltung: Nicht etwas Vor-[81]handenes verwalten und auf Anforderung zuteilen, sondern etwas unternehmen, um zu gewinnen. Administratives und unternehmerisches Handeln im Hinblick auf das Evangelium Christi sind die spezifisch pastoralen Leistungen innerhalb der Kirche. Beide Handlungsweisen richten sich nicht auf eine wie auch immer geartete Kundenzufriedenheit, sondern auf die göttliche Heilsökonomie aus.

Da nach dem fünften Artikel der Confessio Augustana die Wirkung des Predigtamtes hinsichtlich des heilvollen Gottesglaubens unter dem göttlichen Vorbehalt steht (ubi et quando visum est Deo), vermögen Menschen die Leistung pastoralen Handelns im Hinblick auf die göttliche Heilsökonomie nicht letztgültig beurteilen. Eine Leistungsbewertung kann daher nur an Hand von sekundären, »weltlichen« Kriterien vorgenommen werden. Hierfür gibt es zwei stichhaltige Maßstäbe, einen qualitativen, der auf die Beschaffenheit des jeweiligen Handelns ausgerichtet ist, sowie einen quantitativen, der auf einen zahlenwertig messbaren Erfolg ausgerichtet ist. Ein quantitativer Maßstab würde eher einem unternehmerischen Handeln, ein qualitativer Maßstab eher einem administrativen Handeln Rechnung tragen.

Eine qualitative Leistungsbewertung pastoralen Handelns kann sowohl von kirchenleitender Seite auf der Grundlage einer Visitation als auch gemeindlich auf der Grundlage einer Gemeindeglieder- bzw. Mitarbeiter- und Mitarbeiterinnenbefragung mittels standardisierter Benotungen vorgenommen werden. Hinsichtlich unterschiedlicher Handlungsfelder ließe sich dabei ein personenbezogenes Rangordnungsverfahren (Ranking) durchführen. Die einzelnen Pfarrerinnen und Pfarrer erhalten in Abhängigkeit ihres jeweiligen Leistungsranges einen entsprechenden Anteil aus einem vorgegebenen Gesamtprämienbetrag. Demzufolge erhielte beispielsweise eine Pfarrerin, deren Predigtleistung höher als die ihres Kollegen bewertet wird, einen entsprechend höheren Prämienanteil als ihr Kollege.

Eine quantitative Leistungsbewertung orientiert sich an distinkten, empirischen Erfolgskennziffern. Kennziffern pastoralen Handelns können beispielsweise die Zahl der Gottesdienstteilnehmer, die Höhe des gemeindlichen Spendenaufkommens, die Anzahl von Kircheneintritten oder die Anzahl von Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sein. Um unterschiedlichen Gemeindegrößen bzw. verschiedenen Ausgangssituationen Rechnung zu tragen, könnten die Kennziffern als Quotienten ermittelt werden, z. B. Anzahl der Gottesdienstteilnehmer pro Anzahl der Gemeindeglieder oder prozentualer Zuwachs der Gottesdienstteilnehmer. Die quantitative Leistungsbewertung kann entweder zu einer direkten, kennzifferbezogenen Prämierung oder zu einer indirekten, rankingbezogenen Prämierung führen.

Ein Vergütungssystem auf der Basis einer Grundbesoldung und einer leistungsbezogenen Prämierung ließe sich beispielsweise so justieren, dass die Besoldung für eine Pfarrerin bzw. einen Pfarrer zwischen 2/3 und 1 1/3 der bisherigen durchschnittlichen Besoldungshöhe betrüge. Ziel eines derartigen Vergütungssystems wäre es, für Pfarrerinnen und Pfarrer Anreize zur Verbesserung der eigenen Leistungen bzw. für ein erfolgsorientiertes Handeln zu schaffen. In [81] Kombination mit einer Befristung von Amtszeiten (mit der Möglichkeit einer Wiederwahl) könnte die Mobilität von Pfarrerinnen und Pfarrern gesteigert werden: Zwecks besserer Verdienstmöglichkeiten würden Wechsel auf andere Pfarrstellen angestrebt.

6.3 Einwände gegen eine leistungsbezogene Pfarrvergütung

Am Evangelium leistungsbezogen verdienen, so dass sich Pfarrerinnen und Pfarrer aus Eigennutzen für eine bessere und erfolgreichere Verkündigung einsetzen — eine zugegebenermaßen irritierende Vorstellung. Sie findet möglicherweise ihren Widerspruch in dem Wort des Apostels Paulus: »Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.«[44] In der Tat ist ein gewinnorientierter Evangeliumsdienst keine leibhaftige Opfergabe, sondern vollzieht zumindest ansatzweise eine Gleichstellung mit »weltlichen« Handelsvertretern. Dies kann jedoch nicht Grund für den Vorzug der bisherigen Form der Pfarrbesoldung sein. Auch in der überkommenen Form der Alimentation basiert der Pfarrdienst auf einem eigenen ökonomischen Anreizsystem. Eine Pfarrbesoldung, die sich an der staatlichen Beamtenbesoldung orientiert, vollzieht ebenfalls eine Gleichstellung mit »dieser Welt«.

Der profanökonomische Kontext ist für den Pfarrdienst vorgegeben. Wer sich aus theologischen Gründen einem leistungsbezogenen Vergütungssystem verweigert, müsste dies konsequenterweise auch gegenüber einer Alimentation tun. Um im Pfarrdienst einem ökonomischen Anreizsystem zu entkommen, müsste die selbstlose Form einer vita apostolica als imitatio Christi gewählt werden, wenn man überhaupt wählen kann, spricht doch der Apostel Paulus diesbezüglich von einer göttlichen Aussonderung[45]. In der Praxis stünde es jedem Pfarrer und jeder Pfarrerin frei, für die eigene Tätigkeit ein vorgegebenes leistungsbezogenes Vergütungssystem einfach zu ignorieren und stattdessen das zu tun, »was sich nicht lohnt«. Der Preis für die eigene Unabhängigkeit wären möglicherweise Verdiensteinbußen. Aber für einen Menschen, bei dem sich wie bei Paulus die christusbezogene Umwertung aller Werte vollzogen hat, wäre ein unökonomisches Verhalten ja nur folgerichtig. Möglicherweise würde eine derartige selbstlose Existenz die eigene Glaubwürdigkeit in einem außergewöhnlichen Maß erhöhen, so dass dieser selbstlose Evangeliumsdienst erfolgreicher sein könnte als ein eigennützig orientierter »professioneller« Pfarrdienst. [83]

Wenn ein profanökonomischer Kontext für den Pfarrdienst vorgegeben ist, sollte die Frage nach einem adäquaten Vergütungs- bzw. Besoldungssystem nicht primär theologisch sondern ökonomisch beurteilt werden. Maßgebliches Kriterium hierfür ist die Effizienz des jeweiligen Anreizsystems.

Sollte eine leistungsbezogene Vergütung gegenüber einer alimentationsbezogenen Besoldung zu einer wirkungsvolleren und besseren pastoralen Praxis führen, müsste sie folgerichtig im Hinblick auf die göttliche Heilsökonomie vorgezogen werden. Es ist jedoch nicht gesagt, dass dies tatsächlich der Fall ist. Als kritische Anfragen an ein leistungsbezogenes Vergütungssystem lassen sich nennen:

  • Ein leistungsbezogenes Vergütungssystem bedarf eines komplexen Bewertungssystems, das den administrativen Aufwand für die Festsetzung der Vergütungshöhe gegenüber einer Alimentation beträchtlich erhöht.
  • Qualitäts- und Quantitätskriterien stehen nicht per se für Effizienz. Möglicherweise können derartige Kriterien zu unbeabsichtigten Fehlausrichtungen der Praxis führen oder ungewünschte, negative Nebeneffekte haben.
  • Quantitative Leistungskriterien können in der Praxis zur »Frisierung« von Erfolgskennziffern führen. Soll dies vermieden werden, müssten gesonderte Kontrollinstrumentarien geschaffen werden.
  • Werden die Leistungskriterien von den Betroffenen nicht als gerecht akzeptiert, können vermeintliche Leistungsanreize eine demotivierende Wirkung entfalten.
  • Eine leistungsbezogene Besoldung setzt Pfarrerinnen und Pfarrer in Konkurrenz zueinander. Die »Profitabilität« der eigenen Tätigkeit kann eine Solidargemeinschaft gefährden und damit zu einer »Scheuklappenmentalität« führen.

7. Schluss

Die genannten Einwände, die ihren Erfahrungshintergrund im Personalmanagement von Wirtschaftsunternehmen haben, sagen jedoch nicht aus, dass das bestehende Besoldungssystem gegenüber einem leistungsbezogenen Vergütungssystem effizienter ist. Letztendlich kann nur über eine versuchsweise Einführung von Leistungsbezügen geklärt werden, welches System effizienter ist. Wünschenswert ist es jedenfalls, wenn hinsichtlich einer pastoralen bzw. kirchlichen Praxis die Profanökonomie stärker mit ins Kalkül gezogen wird. Dies setzt jedoch voraus, dass in der kirchlichen Praxis die göttliche Heilsökonomie der Profanökonomie vorgeordnet wird. Durch diese Vorordnung hat die Profanökonomie für die Kirche immer nur einen instrumentellen Charakter. Eigenökonomisches Verhalten von Menschen kann in den Dienst der göttlichen Heilsökonomie gestellt werden. Wird hingegen die göttliche »Ökonomie der [84] Zeitenfülle«[46] nicht mehr hinreichend bedacht, entsteht in der Tat eine Profanökonomisierung der Kirche. Von daher ist eine theologische Besinnung angesagt, die profanökonomische Überlegungen in aller Freiheit und Gelassenheit der Gottesgemeinschaft in Christus zulässt.

Literatur

Aufderheide, D. (1995): Unternehmer, Ethos und Ökonomik: Moral und unternehmerischer Gewinn aus der Sicht der Neuen Institutionenökonomik, Berlin.

Becker, G. S. (1982): Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens, Tübingen.

Fehr, E. (2001): Über Vernunft, Wille und Eigennutz hinaus. Ansätze zu einer neuen Synthese von Psychologie und Ökonomie, Neue Zürcher Zeitung – Internationale Ausgabe Nr. 98, 28./29. April, S. 8.

Frey, B. S. (1997): Art. außermarktliche Ökonomie, Gabler Wirtschaftslexikon, Bd. 1., 14. A., Wiesbaden, S. 362-367.

Grethlein, G./Böttcher, H./Hofmann, W./Hübner, H-P. (1994): Evangelisches Kirchenrecht in Bayern, München.

Homann, K./Suchanek, A. (2000): Ökonomik: Eine Einführung, Tübingen.

Roloff, J. (1999): Neues Testament, 7. A., Neukirchen-Vluyn.

Söllner, F. (1999): Die Geschichte des ökonomischen Denkens, Berlin-Heidelberg-New York.

Weber, M. (1980): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, 5. A., Tübingen.

Wolff, Ch. (1982): Der erste Brief des Paulus an die Korinther – Zweiter Teil: Auslegung der Kapitel 8-16, 2. A., Berlin.

Quelle: Heils-Ökonomie? Zum Zusammenwirken von Kirche und Wirtschaft, hg. v. Daniel Dietzfelbinger und Jochen Teuffel, Chr. Kaiser Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2002, 68-84.


[1] Vgl. GrethleinlBöttcher/Hofmann/Hübner (1994), 291-299.

[2] Im Original: »Economics is the science which studies human behaviour as a relationship between ends and scarce means which have alternatives uses.« An Essay an the Nature and Significance of Economic Science, London 1932, 15 – zitiert nach Söllner (1999), 172.

[3] Aufderheide (1995), 43.

[4] Frey (1997), 363.

[5] Vgl. dazu Homann/Suchanek (2000), 29-32.

[6] Vgl. die bekannte Definition der Zweckrationalität bei Max Weber: »Zweckrational handelt, wer sein Handeln nach Zweck, Mitteln und Nebenfolgen orientiert und dabei sowohl die Mittel gegen die Zwecke, wie die Zwecke gegen die Nebenfolgen, wie endlich auch die verschiedenen möglichen Zwecke gegeneinander rational abwägt: also jedenfalls weder affektuell (und insbesondere nicht emotional), noch traditional handelt.« [Weber (1980), 13.]

[7] Hierbei sind besonders die Untersuchungen des Nobelpreisträgers Gary S. Becker (1982) zu erwähnen. Vgl. außerdem Frey (1997).

[8] Vgl. Fehr (2001) bzw. Homann/Suchanek (2000), 414-418.

[9] Ob der Herr mit dem Kapitaleigner des Gleichnisses oder mit dem gleichniserzählenden Jesus zu identifizieren ist, kann nicht letztgültig entschieden werden. In der Exegese werden beide Interpretationen vertreten. Vgl. Roloff (1999), 145.

[10] Lk 16,9.

[11] So z. B. Mt 13,24.31.33.38; 20,1; 25,1.

[12] Roloff (1999),136.

[13] Lk 9,62.

[14] Neben einem ökonomisch gehaltenen lässt sich auch ein militanter »Heilsegoismus« belegen. Vgl. dazu den »Stürmerspruch« Lk 16,16 par Mt 11,12f. bzw. Lk 13,23f.

[15] Mk 12,28-34 par Mt 22,35-40; Lk 10,25-28.

[16] Lk 6,35.

[17] Lk 17,10.

[18] Mt 20,15.

[19] Eph 1,10. Vgl. Eph 3,9; 1 Tim 1,4.

[20] Röm 9,20.

[21] 1 Tim 2,5f. (in Anlehnung an die Übersetzung von Fridolin Stier). Zur Lösegeld-Soteriologie vgl. Mk 10,45; Tit 2,14;1 Petr 1,18.

[22] Lk 10,4-7; vgl. Mt 10,9-13; 1 Tim 5,18 bzw. Did 13,1-7.

[23] 1 Kor 9,14.

[24] Did 11,4-7.9,12.

[25] 2 Kor 2,17; vgl. 2 Kor 11,20; Phil 1,17.

[26] 1 Kor 9,4-18; vgl. 2 Kor 11,7-9; Gal 6,6; 1 Thess 2,5.9; Apg 18,3f.

[27] 2 Kor 12,14.

[28] 1. Thess 2,9. Vgl. 1 Kor 4,12.

[29] Vgl. Phil 4,15.

[30] Vgl. 1 Kor 9,18; 2 Kor 11, 7.

[31] 1 Kor 9,17.

[32] Vgl. 1 Kor 1,1; Gal 1,15f.

[33] 1 Kor 9,16.

[34] 2. Kor 4,10. Vgl. 1 Kor 11,1.

[35] Wolff (1982), 30f.

[36] Vgl. 1 Kor 4,10-13; 2 Kor 4,7-10; 6,4-10; 11,23-30.

[37] Phil 3,7-9.

[38] Phil 1,21.

[39] Vgl. Homann/Suchanek (2000), 61-68.

[40] Homann/Suchanek (2000), 32.

[41] 1. Kor 9,13-14.

[42] Phil 1,15-18.

[43] Vgl. 1 Kor 9,19-23.

[44] Röm 12,1-2.

[45] Vgl. Gal 1,15; Röm 1,1.

[46] Eph 1,10.

Hier mein Text als pdf.

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