Das selbstbezügliche „Gebet“ und die Gottvergessenheit
In der Bibel findet sich weder ein griechischer noch ein hebräischer oder lateinischer Begriff, der genau unserem „Gebet“ oder dem englischen „prayer“ entspricht. Im Lateinischen existiert eine Reihe von Wörtern – etwa oratio, deprecatio, preces, petitio, obsecratio, rogatus, oramen, intercessio oder flagitatio –, die im Deutschen je nach Kontext mit „Gebet“ wiedergegeben werden (vgl. Grimm, Deutsches Wörterbuch). Keiner dieser lateinischen Begriffe weist jedoch einen exklusiven Gottesbezug auf, was sie vom deutschen „Gebet“ unterscheidet. Etymologisch geht „Gebet“ auf „bitten“ zurück und entspricht damit am ehesten den lateinischen preces („Bitten“).
Das Problem des „Gebets“ als terminus technicus besteht darin, dass aufgrund des vermeintlich inhärenten Gottesbezugs jedes Gebet per se als theologisch legitimiert erscheint, ohne der konkreten Anrede und Intention ausreichend Aufmerksamkeit zu schenken. Nicht selten erweist sich das gottesdienstliche „Gebet“ als eine Art Selbstgespräch, in dem lediglich laut gedacht wird, ohne tatsächlich etwas von Gott zu erwarten. Diese Erwartungslosigkeit des Betens führt in der Liturgie – insbesondere im allgemeinen Kirchengebet – zu „lässlichen“ kognitiven bzw. pragmatische Bitten („Herr, lass uns erkennen, dass …“) oder zu adressatlosen „Litaneien“. Wo weder von Herzen gedankt noch erwartungsvoll Lebensnotwendiges erbeten werden kann, sollte man sich besser jeder Gottesanrede enthalten. Andernfalls offenbart das „Gebet“ eine verbale Gottvergessenheit.