Philip Jenkins, Das nächste Christentum: „Das Christentum hat im Süden dieser Welt nicht nur überlebt, sondern erfährt eine radikale Erneuerung, eine Rückkehr zu seinen biblischen Wurzeln. Wir leben in revolutionären Zeiten.“

Vielleicht ist er doch ein bischen übereifrig. Nichtsdestotrotz sind die Texte von Philip Jenkins bezüglich der Zukunft des Christentums in der südlichen Hemisphäre interessant. Eine englischsprachige Zusammenfassung seines The Next Christendom findet sich in der Zeitschrift Atlantic Monthly, Vol. 290, No. 3 (October, 2002), S. 53-68. Mittlerweile ist auch die deutsche Übersetzung des oben genannten Buchs beim Brunnen Verlag in Gießen unter dem Titel „Die Zukunft des Christentums“ erschienen.

Das Christentum der Zukunft wird vom Süden bestimmt. Die Gegenreformation hat längst begonnen

Nicht der Islam sondern das Christentum gewinnt im Süden dieser Welt stark an Bedeutung. Innerhalb der nächsten 25 Jahre wird das Christentum zur weltweit größten Glaubensgemeinschaft werden. Die liberalen Kirchen des Nordens werden dann als kleine Minderheit keine Führungsrolle mehr spielen können, sondern charismatische Kirchen wie die Pfingstkirchen werden die Richtung bestimmen.

Von Philip Jenkins

Ein dramatischer Umbruch hat die christliche Welt ergriffen. Sie wandelt sich derzeit in einem Maße, wie es Beobachter aus dem Westen kaum wahr haben wollen. Auch wenn die Nachrichtensendungen und Zeitungen seit geraumer Zeit voll sind mit Berichten über den Einfluss des Islam, wird es das Christentum sein, das in vielerlei Hinsicht das 21. Jahrhundert prägen wird. Dieser Prozess wird nicht unbedingt friedlich ablaufen, und nur Narren würden mehr als vage Voraussagen über das religiöse Panorama in ein bis zwei Jahrhunderten wagen. Dennoch wird das 21. Jahrhundert mit ziemlicher Sicherheit von künftigen Historikern als das Jahrhundert betrachtet werden, in dem die Religion die Ideologie als Hauptbeweggrund menschlichen Handelns ersetzt und sich zur Leitvorstellung im Hinblick auf politische Freiheiten und Pflichten, auf das Konzept der Nation und natürlich in Bezug auf Konflikte und Kriege entwickelt hat.

Einst war die Reformation viel mehr als der Aufstand zorniger Laien gegen korrupte und ausbeuterische Kleriker, und sie ging weit über rein theologischen Streit hinaus. Es handelte sich um eine weit reichende Sozialbewegung, die auf eine Rückkehr zu den Ursprüngen des Christentums zielte.

Wenn wir über den liberalen Westen hinausschauen, sehen wir, dass heute eine neue christliche Revolution schon im Gange ist: Im Süden dieser Welt, jenen Regionen, die wir oft als die „Dritte Welt“ abtun, gibt es inzwischen außerordentlich große christliche Bevölkerungsgruppen, die noch weiter wachsen. Gegenwärtig leben 480 Millionen Christen in Lateinamerika, 360 Millionen in Afrika und 313 Millionen in Asien gegenüber 260 Millionen in Nordamerika. Sie bilden das, was der katholische Missionswissenschaftler Walbert Buhlmann die „Dritte Kirche“ nennt. Sie unterscheidet sich nämlich deutlich von den westlichen Großkirchen und wird mit großer Wahrscheinlichkeit eine Führungsrolle innerhalb der christlichen Glaubensgemeinschaft übernehmen. Auf der ganzen Welt bewegt sich das Christentum hin zu Supranaturalismus und Neo-Orthodoxie und in vielerlei Hinsicht hin zur Weltsicht der Antike, die im Neuen Testament zum Ausdruck kommt: Jesus als Verkörperung göttlicher Macht, welche böse Kräfte überwindet, die Unheil und Krankheiten über die Menschheit bringen.

Die Revolution in Afrika, Asien und Lateinamerika hat drastischere Auswirkungen als irgendwelche anderen Verschiebungen innerhalb der nordamerikanischen Kirchen, seien diese katholisch oder evangelisch. Es gibt eine zunehmende Spannung zwischen dem, was man eine liberale Reformation im Norden nennen könnte, und der einsetzenden religiösen Revolution im Süden, die man vielleicht mit der Gegenreformation gleichsetzen kann, jener internen Reform des Katholizismus, die einst zeitgleich mit der Reformation stattfand.

Während sich die Regierungen im Norden immer noch schwer tun, die Vorstellung zu akzeptieren, dass der Islam einmal eine mächtige und bedrohliche supranationale Ideologie darstellen könnte, scheinen nur wenige das enorme politische Potenzial des aufstrebenden Christentums im Süden wahrzunehmen. In der heutigen Zeit trifft wachsender religiöser Eifer im Süden zusammen mit der geringer werdenden Autonomie von Nationalstaaten. Dabei drängt sich eine Analogie mit dem mittelalterlichen Konzept des Christentums auf – einem christlichen Staat (res publica christiana) als verbindende Quelle der Einheit und Loyalität über einfache Königreiche und Kaiserreiche hinweg. Ein Königreich besteht vielleicht nur ein Jahrhundert lang oder zwei, bevor es durch neue Staaten oder Dynastien ersetzt wird, aber die Menschen wussten, dass das Christentum diese überdauern würde. Die Gesetze einzelner Nationen sind nur so lange gültig, wie die Nationen bestehen; die Christenheit verfügt über übergeordnete ethische Normen und Werte, die Anspruch auf Universalität zu erheben vermögen. Das Christentum hat einen herausragenden kulturellen Stellenwert und wird vielleicht in diesem Sinne im christlich geprägten Süden der Welt wieder erstarken – als eine neue transnationale Ordnung, in der sich die politische, soziale und individuelle Identität vorwiegend über religiöse Loyalitäten definiert.

Die Veränderungen, die christliche Reformer heute in Nordamerika und Europa anregen (und die wesentlich erscheinen, falls das Christentum in diesen Kontinenten als moderne und relevante Kraft erhalten bleiben soll), laufen den vorherrschenden kulturellen Bewegungen in der übrigen christlichen Welt konträr entgegen. Letztere wirken viel eher wie die Gegenreformation. Aber im jetzigen Jahrhundert sieht es anders aus als im 16. Jahrhundert, als sich die Christenheit in zwei annähernd gleich große Gruppen aufspaltete. Vielmehr gibt es heute im liberalen Westen eine schrumpfende christliche Bevölkerung und im traditionell orientierten Rest der Welt eine stetig wachsende Mehrheit. In den vergangenen fünfzig Jahren hat sich der Schwerpunkt des Christentums zugunsten von Afrika, Lateinamerika und Asien verschoben. Eine Rückkehr zu den früheren Verhältnissen wird es nie mehr geben.

Die Zahl der Christen in Afrika ist unaufhaltsam gestiegen. Im Jahr 1900 gab es auf dem gesamten afrikanischen Kontinent mit 107 Millionen Menschen gerade einmal 10 Millionen Christen – etwa neun Prozent der Bevölkerung. Heute sind von 784 Millionen Afrikanern 360 Millionen Christen – das sind 46 Prozent. Dieser Prozentsatz wird voraussichtlich weiter ansteigen, weil die christlichen afrikanischen Länder weltweit zu den Ländern mit dem größten Bevölkerungswachstum gehören. Dem gegenüber gibt es in den fortschrittlichen Industrienationen einen dramatischen Geburtenrückgang. Innerhalb der nächsten 25 Jahre wird Schätzungen zufolge die Zahl der Christen weltweit auf 2,6 Milliarden ansteigen (wodurch das Christentum zur weltgrößten Glaubensgemeinschaft wird). 2025 werden 50 Prozent der Christen in Afrika und Lateinamerika leben und weitere 17 Prozent in Asien. Dieses Verhältnis wird stetig steigen. Um 2050 herum dürften die USA zwar noch das Land mit der größten Zahl an Christen sein, aber in der Rangfolge schließen sich nur Nationen aus der Südhalbkugel an: Mexiko, Brasilien, Nigeria, Demokratische Republik Kongo, Äthiopien und Philippinen. Bis dahin wird der Anteil nicht lateinamerikanischer Weißer an den Christen dieser Welt auf etwa ein Fünftel gesunken sein.

Die Verschiebungen sind innerhalb der katholischen Kirche noch ausgeprägter. Schon jetzt sind die Europäer und Nordamerikaner in der Minderheit. Zu Beginn der fünfziger Jahre gab es in Afrika 16 Millionen Katholiken; heute sind es 120 Millionen, und man schätzt, dass es bis 2025 rund 228 Millionen sein werden. Die World Christian Encyclopedia geht davon aus, dass um 2025 nahezu drei Viertel aller Katholiken in Afrika, Asien und Lateinamerika leben werden.

Diese Zahlen untertreiben noch das tatsächliche Übergewicht des Südens innerhalb der christlichen Kirchen dieser Welt, weil darin die Emigranten aus dem Süden, die in Europa und Nordamerika leben, nicht berücksichtigt sind. Während die Migration andauert, schrumpfen die etablierten weißen Gemeinden in Europa wegen des Bevölkerungsrückgangs, und ihre religiösen Vorstellungen und Gebräuche entfernen sich weiter von den traditionellen christlichen Wurzeln. In den europäischen Kirchen kann man als Folge immer mehr Menschen anderer Hautfarbe beobachten. In London etwa ist heutzutage die Hälfte aller Kirchgänger schwarz.

Demographische Veränderungen innerhalb des Christentums haben vielerlei Einflüsse auf die Theologie und religiöse Praktiken und auf die globale Gesellschaft und Politik. Das bedeutendste dabei ist, dass hinsichtlich der Theologie und Morallehren das Christentum im Süden deutlich konservativer ist als seine nördliche Variante. Die Reformer im Norden, die sich einerseits durchaus für die indigenen Kulturen im Süden der Welt einsetzen, scheinen andererseits diese Tatsache nicht gerne zu sehen. Der liberale katholische Schriftsteller James Carroll beschwerte sich erst jüngst darüber, dass „das Weltchristentum zunehmend unter den Einfluss eines anti-intellektuellen Fundamentalismus“ gerät.

Die Konfessionen, die sich im Süden der Welt durchsetzen – radikale protestantische Sekten, evangelikale oder Pfingstkirchen oder orthodoxe Formen des römischen Katholizismus – sind stramm traditionell oder sogar reaktionär, wenn man sie mit den Maßstäben erfolgreicher Wirtschaftsnationen vergleichen will. Der katholische Glaube, der sich in Afrika und Asien rasch verbreitet, wirkt wie eine religiöse Tradition aus der Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil: voller Respekt vor der Macht der Bischöfe und Priester, verhaftet den alten Gottesdienstformen. Besonders der Katholizismus in Afrika liebäugelt mehr Autorität und Charisma als mit neueren Ideen wie Konsultation und Demokratie. Für diese traditionelle Richtung des Glaubens steht zum Beispiel der nigerianische Kardinal Francis Arinze, der als zukünftiger Papst gehandelt wird.

Eine regelrechte Reformation findet derzeit auch in den Pfingstkirchen statt. Ihre Anhänger lehnen Traditionen und Hierarchien ab. Sie verlassen sich statt dessen auf direkte „Offenbarungen“ des Geistes, die mit der Bibel in Konkurrenz treten. Pfingstkirchler sind die Speerspitze der Gegenreformation im Süden. Obwohl die Pfingstkirchen als Bewegung erst Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem in Nordamerika entstanden, zählen sie heute mindestens 400 Millionen Mitglieder vor allem im Süden dieser Welt. Um das Jahr 2040 könnten es bis zu einer Milliarde sein – damit gäbe es weltweit mehr Pfingstkirchler als Buddhisten und ungefähr ebenso viele wie Hindus.

Die boomenden Pfingstkirchen in Afrika, Asien und Lateinamerika bemühen sich nach Kräften darum, ihre Vorstellung eines idealisierten frühen Christentums wieder mit Leben zu erfüllen. Sie beschreiben das als Rückkehr zur „Urkirche“. Die erfolgreichsten Kirchen des Südens predigen einen tiefen persönlichen Glauben, Orthodoxie in den Gemeinden, Mystizismus und Puritanismus, und all das gründet auf einem strikten Gehorsam gegenüber jeglicher spiritueller Autorität, aus welcher Quelle auch immer diese sich speisen mag. Die Pfingstkirchler – und ihre katholischen Gegenspieler – predigen Botschaften, die einem Liberalen aus dem Norden auf vereinfachende Weise charismatisch, visionär und apokalyptisch erscheinen mögen. Für sie gehören Prophezeiungen zum Alltag, und viele unabhängige Konfessionen berufen sich im Hinblick auf ihre Gründung auf eine unmittelbare prophetische Vollmacht. Religionswissenschafter sprechen von diesen sich rasch ausbreitenden Glaubensgemeinschaften als „prophetische Kirchen“.

Natürlich träumen auch Reformer in Amerika davon, die Kirche nach dem Vorbild ihrer Anfangszeit wiederherzustellen, aber während die Amerikaner dabei an eine Kirche ohne Hierarchien, Aberglaube und Dogmen denken, schwebt den Christen im Süden eine Kirche voll spiritueller Macht vor, die in der Lage ist, sich jenen dämonischen Mächten entgegenzustellen, die Krankheit und Armut verursachen. Und genau darum geht es: „dämonisch“. Die erfolgreichsten Kirchen des Südens sprechen heute ganz offen von spiritueller Heilung und Exorzismus.

Eine kontroverse Sekte, die dabei ist, auf der ganzen Welt Anhänger zu werben, ist die aus Brasilien stammende „Universelle Kirche vom Königreich Gottes“, die den Anspruch erhebt, durch „starke Gebete Hexerei, Besessenheit, Pech, schlechte Träume und spirituelle Probleme aller Art überwinden“ zu können, und verspricht, dass ihre Mitglieder „Wohlstand und finanziellen Erfolg“ erreichen werden. Die Cherubim-und-Seraphim-Bewegung in Westafrika ihrerseits behauptet, die bösen Geister genau zu kennen, die „Beschwerden säen, Pech und Krankheiten bringen, Unfruchtbarkeit, Sterilität und anderes verursachen“.

Amerikaner und Europäer verbinden solche religiösen Vorstellungen gemeinhin mit primitiven und ländlichen Lebensumständen und gehen davon aus, dass eine solche traditionelle Weltsicht im Zuge von Modernisierung und Verstädterung verschwinden werde. Betrachtet man die Situation im Süden allerdings genauer, kann man feststellen, dass der Erfolg der stark an Geistern und übernatürlichen Kräften orientierten Kirchen eher ein direktes Nebenprodukt der Verstädterung ist. In den zurückliegenden dreißig oder vierzig Jahren haben die ländlichen Gebiete mehr städtischen Charakter angenommen und Millionen von Migranten sind in schnell anwachsende Metropolen gezogen, in denen es an Ressourcen und Infrastruktur fehlt, um die Bedürfnisse dieser Zuzügler zu befriedigen. Für viele dieser Migranten ist das wie eine Reise in eine andere Welt und verursachte ein Gefühl starker Entfremdung. Das ist der Nährboden für religiöse Gemeinschaften, die sich auch um Gesundheit, Fürsorge und Bildung kümmern. Ihre alternativen Sozialsysteme haben den engagiertesten religiösen Gruppen massenhaften Zulauf verschafft. Diese werden wohl noch an Bedeutung gewinnen, solange die Kluft zwischen den Bedürfnissen der Menschen und den Möglichkeiten der Regierungen, diese zu befriedigen, weiter wächst.

Die neuen Kirchen gewinnen ihre Anhänger häufig dadurch, dass sie die Schrecken des alltäglichen Lebens in den Städten auf übernatürliche Weise deuten, mit den Dämonen der Unterdrückung und der Not kämpfen. In vielen Fällen versuchen diese Kirchen ihre spirituelle Macht im Kampf gegen die Hexerei zu beweisen. Es ist bestürzend, wie sehr der Glaube an Hexerei in großen Teilen Afrikas verbreitet ist. Im Jahr 2001 kamen bei einer einzigen „Säuberungsaktion“ in der Demokratischen Republik Kongo mehr als 1000 angebliche Hexen gewaltsam ums Leben. Die Furcht vor Hexerei geht keineswegs mit der zunehmenden Verstädterung zurück, sondern nimmt sogar drastisch zu. So auch in Südafrika: Nach dem Zusammenbruch des Apartheid-Regimes im Jahr 1994 ist die Angst vor Hexerei eine der größten Sorgen der drei Millionen im Elend lebenden Township-Bewohner Sowetos.

Die verzweifelte Lage im öffentlichen Gesundheitswesen der boomenden Mega-Städte des Südens veranlasst die neuen Kirchen, einen Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Heilung von Geist und Körper zu legen. In Afrika traf zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine explosionsartige Zunahme von christlichen Heilsbewegungen und neuen Propheten mit einer Serie von schrecklichen Epidemien zusammen, und der religiöse Boom dieser Jahre beruhte zumindest teilweise auf dem Streben nach körperlicher Gesundheit. Noch heute steht und fällt der Erfolg afrikanischer Kirchen damit, ob sie Erfolge bei solchen Heilungen haben. Deshalb werden um die Heilung herum komplizierte Riten vollzogen. Selbst einstige Missionskirchen wie die anglikanische oder lutherische Kirche schenken spirituellen Heilungen ein hohes Maß an Aufmerksamkeit. Nirgendwo im Süden stehen die spirituellen Heiler in direkter Konkurrenz mit der modernen, wissenschaftlich fundierten Medizin: Diese wäre für die meisten Armen ohnedies unerschwinglich.

Krankheit, Ausbeutung, Umweltgifte, Alkohol- und Drogenkonsum, Gewalt: Jede dieser Erfahrungen scheint ein Hinweis darauf zu sein, dass man sich im Griff dämonischer Kräfte befindet und nur eine göttliche Intervention die Rettung bringen kann. Selbst politisch radikale Befreiungstheologen benutzen in ihren Reden und Predigten gelegentlich apokalyptische Wendungen. Auf die Frage, woher denn solche Vorstellungen rühren, kommt meist dieselbe Antwort: aus der Bibel. Die Christen im Süden lesen das Neue Testament und nehmen es sehr ernst; sie sehen darin die Macht Jesu, die sich ihnen in seinen Auseinandersetzungen mit bösen Geistern darstellt, besonders mit solchen, die Krankheiten und Wahnvorstellungen verursachen.

Die kulturelle Kluft zwischen den Christen im Norden und denen im Süden wird sich in den kommenden Jahrzehnten eher vergrößern als verkleinern. Auch in Moralvorstellungen sind die Kirchen des Südens weit entfernt von den liberalen Kirchen des Nordens. Afrikanische und lateinamerikanische Kirchen sind zumeist sehr konservativ in Fragen wie Homosexualität und Abtreibung. Solche Meinungsverschiedenheiten können große Probleme für solche Kirchen aufwerfen, die eine globale Identität anstreben und auf einen Ausgleich der verschiedenen Meinungen bedacht sind.

Dreißig Jahre lang haben die Liberalen im Norden von einem Dritten Vatikanischen Konzil geträumt, um die Revolution, die unter Papst Johannes XXIII begonnen hat, zu Ende zu führen – eine Revolution, die ein neues Zeitalter kirchlicher Demokratie und Laienermächtigung einleiten würde. Es wäre bitter und paradox für diese Liberalen, wenn das Konzil zwar einberufen, jedoch zu einer konservativen, vom Süden beherrschten Veranstaltung geraten würde, die moralische und theologische Vorgaben machen würde, die für Nordamerikaner und Europäer inakzeptabel wären. Dann gäbe es keine neue Reformation, sondern eine neue Gegenreformation.

Seit einem Vierteljahrhundert haben Sozialwissenschaftler, die sich mit dem Untergang des Nationalstaates beschäftigen, Parallelen zwischen der modernen Welt und der politisch zersplitterten, aber kosmopolitischen Welt des Mittelalters gezogen. Einige Wissenschaftler haben sogar die Entstehung von säkularen Bewegungen oder Ideologien vorhergesagt, die Loyalität über die Nationalgrenzen hinweg einfordern würden, wie das Christentum in früheren Zeiten. Je mehr wir aber auf die südliche Hemisphäre schauen, desto klarer sehen wir, dass zwar supranationale Ideen aufkommen, diese aber nicht im geringsten säkular sind. Die Parallelen zum Mittelalter liegen vielleicht viel näher, als irgend jemand gedacht hätte.

Im Süden dieser Welt sind Kardinäle und Bischöfe zu nationalen moralischen Führern geworden, wie es sie seit dem siebzehnten Jahrhundert im Westen kaum mehr gegeben hat. Der Kampf der südafrikanischen Kirchen gegen die Apartheid kommt einem in den Sinn, doch genauso beeindruckend waren die pro-demokratischen Kampagnen vieler Kirchen und Konfessionen in anderen Teilen Afrikas in den achtziger und neunziger Jahren. Die Würdenträger wissen, dass von ihnen erwartet wird, für ihr Volk zu sprechen, obwohl sie vielleicht mit ihrem Leben bezahlen müssen, wenn sie dabei allzu mutig sind. In dem Maße, in dem dieses Verständnis moralischen Führungsanspruchs wächst, müssen wir uns auch mit Recht fragen, ob das Christentum nicht auch eine leitende politische Ideologie für einen Großteil der Welt hervorbringen wird. Vorstellbar wäre etwa eine neue Welle christlicher Staaten, in denen das politische Leben unentwirrbar mit dem religiösen Glauben verflochten ist. Sambia etwa hat sich 1991 zur christlichen Nation erklärt, und ähnliche Vorstellungen gab es in Simbabwe, Kenia und Liberia. Wenn dieses Ideal an Popularität gewinnt, wird der christliche Süden schon bald mit Debatten über das rechtmäßige Verhältnis zwischen Kirche und Staat und zwischen rivalisierenden Kirchen zu tun haben. Andere unvermeidbare Fragen beziehen sich auf Toleranz und Vielfalt, das Verhältnis zwischen Mehrheiten und Minderheiten und das Ausmaß, in dem religiös inspirierte Gesetze die Moral und das Verhalten einzelner Menschen regeln können oder sollten. Alle diese Themen waren Kernfragen der Reformation.

In den Regionen der Welt, die im 21. Jahrhundert die bevölkerungsreichsten sein werden, gibt es schon heute umfassende Religionskämpfe, die kaum in das Bewusstsein der westlichen Öffentlichkeit vorgedrungen sind. Der bedeutendste Konflikt findet in Nigeria statt. Die jüngsten Gewaltausbrüche zwischen Muslimen und Christen lassen befürchten, dass die nigerianische Gesellschaft durch das Aufeinandertreffen von Dschihad und Kreuzzug in den Untergang getrieben wird. Muslime und Christen gehen auch in Indonesien, auf den Philippinen, im Sudan und in einer immer größeren Zahl afrikanischer Länder aufeinander los. Hindu-Extremisten verfolgen Christen in Indien. Vorhersagen unter Berücksichtigung der Bevölkerungsentwicklung warnen, dass solche Fehden zunehmen werden. Die Kämpfe im heutigen Afrika und Asien zeigen vielleicht schon die politischen Umrisse dessen, was kommt, und die Wurzeln künftiger Allianzen von Großmächten. Diese Kämpfe sind vergleichbar mit den ideologischen Konflikten des zwanzigsten Jahrhunderts, dem Wechsel zwischen heißen und kalten Kriegen zwischen Verfechtern von Faschismus und Demokratie, Sozialismus und Kapitalismus. Nun aber sind die Ideologien, die gegeneinander ins Feld geführt werden, eindeutig religiös und versprechen ihren Anhängern ein wörtlich gemeintes und kein metaphorisches Königreich Gottes auf Erden.

Stellen wir uns Afrika in den Wirren erbitterter Religionskämpfe vor, bei denen islamische und christliche Staaten um die politische Vorherrschaft ringen. Demographische Veränderungen allein könnten dazu führen, dass die Außenpolitik aggressiver wird, weil Länder mit hohem Bevölkerungsüberschuss versuchen könnten, sich neue Lebensräume und natürliche Ressourcen anzueignen. Aber religiöse Spannungen würden eine solche Situation noch wesentlich verschärfen. Wenn es in den Mega-Städten nicht infolge sozialer Unruhen und Aufstände zum Kollaps kommen soll, müssen die Regierungen Wege finden, die unübersehbaren Massen an arbeitslosen Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu mobilisieren. Sie zu überreden, für die Sache Gottes zu kämpfen, ist ein erprobtes Ventil, um solche internen Spannungen abzulassen, besonders wenn es in der Religion, um die es geht, das überkommene Ideal des Märtyrers gibt (vergl. „der überblick“ 2/2003). In Liberia, Uganda und Sierra Leone sind schon gewissenlose Milizen entstanden, die bereit sind, für jeden Warlord, der sich an ihre Spitze stellt, zu töten oder zu sterben. Dabei sind vordergründig häufig religiöse Motive im Spiel. In den achtziger Jahren haben die Hardliner unter den schiitischen Mullahs im Iran ihre Autorität gewahrt, indem sie Hunderttausende von jungen Männern als Märtyrer an die Front im Krieg gegen den Irak schickten. Im heutigen Indonesien können islamische Milizen unter der armen Bevölkerung Tausende von bereitwilligen Rekruten für den Kampf gegen die christlichen Minderheiten im Land finden.

Das vielleicht Bemerkenswerteste an all diesen potentiellen Konflikten ist, dass diese Trends bisher selbst von gut informierten Beobachtern im Norden so wenig wahrgenommen worden sind. Was wissen denn die meisten Amerikaner und Europäer über die Verteilung der Christen in der Welt? Vermutlich nehmen die meisten das Christentum noch immer so wahr, wie es vor einem Jahrhundert war, nämlich als eine vorwiegend europäische und nordamerikanische Glaubensgemeinschaft.

Die Medien haben sich in den letzten Jahren darum bemüht, den Islam etwas vielschichtiger darzustellen. Dadurch haben sie bei vielen Menschen die Vorstellung ausgelöst, dass der Islam und nicht das Christentum die Religion ist, die sich in Afrika und Asien im Aufwind befindet. Aber das Christentum hat im Süden dieser Welt nicht nur überlebt, sondern erfährt eine radikale Erneuerung, eine Rückkehr zu seinen biblischen Wurzeln. Wir leben in revolutionären Zeiten. Aber wir haben keinen Anteil daran. Wenn man die Zahlen auch nur annähernd richtig bewertet, ist die bedeutende Veränderung des Weltchristentums heute nicht die liberale Reform, die sich der Norden so sehr wünscht. Es ist vielmehr die Gegenreformation, die vom Süden dieser Welt ausgeht. So werden sich wahrscheinlich in ein bis zwei Jahrzehnten zwei große christliche Gruppen gegenüberstehen, die ihr jeweiliges Gegenüber nicht mehr als wirklich und authentisch christlich ansehen.

Philip Jenkins ist Professor für Geschichte und Religionswissenschaften an der „Pennsylvania State University“. Sein neuestes Buch ist „The Next Christendom“, Oxford 2002. Eine längere Fassung dieses Textes ist in der amerikanischen Zeitschrift „Atlantic Monthly“ im Oktober 2002 erschienen. Diese deutsche Fassung erfolgte in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Chrismon, in der eine kürzere Version erscheint.

Quelle: der überblick 03/2003 (September), Seite 80-84.

Hier Jenkins Text als pdf.

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