Hans Joachim Iwand, Predigt überJohannes 20,24- 29 – Thomas, der erste Protestant (1950): „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Selig sind, welche den Spott des imaginären Gottes hin­nehmen, weil sie den Weg des dunklen, des unsichtbaren Glaubens gefun­den haben. Den Weg, den keine Psychologie mehr entdeckt und darum auch zum Glück nicht verraten kann! Den Weg, da der natürliche Mensch sterben muss, damit der geistliche Mensch lebe, den Weg, der nicht mehr als Weg, als Methode, als Erfahrungs- oder Erlebnistheologie faßbar wird. Alles, was Thomas je gefragt oder gesagt hat, ist damit beantwortet. Selig also, wer sich abbauen läßt in seinem Sehen-Wollen, und sich aufbauen läßt in seinem Glauben! Die Erscheinungen des Auferstandenen mußten den Zweifel des Thomas erzeugen!“

Predigt über Johannes 20,24- 29 – Thomas, der erste Protestant

Von Hans Joachim Iwand

Thomas aber, der Zwölf einer, der da heißt Zwilling, war nicht bei ihnen, da Jesus kam. Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Es sei denn, daß ich in seinen Händen sehe die Nägelmale und lege meine Finger in die Nägelmale und lege die Hand in seine Seite, will ich’s nicht glauben. Und über acht Tage waren abermals seine Jünger drinnen und Thomas mit ihnen. Kommt Jesus, da die Türen verschlossen waren, und tritt mitten ein und spricht: Friede sei mit euch! Darnach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände, und reiche deine Hand und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Dieweil du mich gesehen hast, Thomas, so glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

Vorbemerkung

Lassen Sie mich zuerst etwas über den Zweifel sagen. Es gibt, soweit ich sehe, drei entscheidende Epochen des Zweifels. Die eine ist jene erste und eigentlich abgründigste, als dem Menschen von außen her – gemeint ist vom Satan her – die Frage gelehrt wurde: Sollte Gott gesagt haben? Als er anfing, nach einem Maßstab zu fragen, um zu bestimmen, was Gottes Wort sein könnte und was nicht. Dazu kam ein Zweites, vielleicht im Zu­sammenhang damit. Der Mensch, der sich nun nicht mehr an Gott, son­dern an die Wirklichkeit hielt, begann auch an dieser zu zweifeln. Er be­gann zu unterscheiden zwischen Schein und Wahrheit. Die Welt, in der wir leben, ist Schein, die wahre Welt ist die »umgekehrte« Welt, die Welt, die wir kennen, wenn wir uns umdrehen, uns von den Schatten der Sinne zu den Ideen der reinen Erkenntnis wenden. Das lehrte Plato das Abendland und Nietzsche sagt nicht mit Unrecht, daß die Welt seit Plato einen Knax bekommen habe. Denn seither glaubt niemand mehr der Sinnenwelt. Jeder versucht, dahinter zu kommen. Aus diesem Zweifel an der Sinnenwelt ist die Wissenschaft geboren. Und nun kommt das Dritte: und dies Dritte ist der Zweifel des Thomas. So neu das ist, was die Jünger erfahren, so neu und noch nie dagewesen ist das, was Thomas sagt: Es sei denn, daß ich in seinen Händen sehe die Nägelmale und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, will ichs nicht glauben! Er sagt also nicht: ich kann nicht, sondern er sagt: ich will nicht. Er bezweifelt nicht das Faktum, daß die anderen den Herrn gesehen haben, nur für ihn bedeu­tet das nichts. Ehe er nicht selbst seine Hand in die Seitenwunde gelegt, ehe er nicht selbst den Herrn erlebt hat, will er nicht glauben. Das ist der dritte Zweifel: ehe ich nicht selbst – persönlich – erfahre, vorher will ichs nicht glauben. Und es ist zu fragen, ob man ein Christ sein, von Christus hören kann – so wie Thomas von ihm hört – ohne diese Frage zu stellen, ohne diesen Protest anzumelden!

Es geht merkwürdig mit Thomas in unserem Evangelium. Er kommt dreimal zu Wort. Jedesmal enthält sein Wort eine halbe Wahrheit. In ihm meldet sich die Frage innerhalb der Gemeinde; hier brennt ein Feuer, das echt ist. Dieser Zweifler hat ein Anliegen, das von Jesus gehört wird. Ja, man könnte vielleicht sogar sagen: hier sitzt jener Zweifel, der zur theo­logischen Erkenntnis führt. Einmal redet er, als Jesus seine Jünger auffor­dert, mit ihm zu Lazarus zu ziehen. Da sagt er: »Laßt uns mitziehen, daß wir mit ihm sterben.« Er irrt sich zwar im Faktischen, aber er weiß offenbar, daß die Auferweckung des Lazarus Jesus das Leben kosten wird! Er gibt uns ein Rätsel auf, nachzudenken über den Zusammenhang, der zwischen der Tat Jesu an Lazarus, an dem »Freund«, und seinem Gang zum Kreuz besteht. Ein zweites Mal redet er, als Jesus sagt: »Wo ich hingehe, wißt ihr« und fragt nach dem »Weg«. Und Jesus antwortet ihm »Ich bin der Weg«. Der Weg ist also nicht ein Etwas, das ihr an ihm vorbei finden könntet, eine Methode, ein Programm, ein Prinzip. Jesus kam nicht, um einen neuen Gedanken zu bringen, etwa, daß Gott die Liebe ist; etwa, daß wir aus Gna­den selig werden; etwa, daß der Tod vom Leben verschlungen wird – nein – Er ist der Weg! All dies ist nur wahr in ihm, nicht »an sich«. Es gibt keine »An-sich-Wahrheiten« in der Offenbarung Gottes, denn vor allem, was Weg, Wahrheit und Leben ist, steht Jesu Zeugnis: »Ich bins«. Er ist der Weg Gottes in Person. Und nun – zum dritten und letzten Mal fragt Tho­mas, indem er statuiert: Ich will nicht glauben, solange ich die Vergebung der Sünden nicht ganz persönlich an mir erfahre! Daß der Auferstandene den anderen erschienen ist und sie seine Seitenwunde und Nägelmale sa­hen, was nützt es mir! Das ist seine letzte Frage, seine beste und persön­lichste. Er ist wie der Mund eines Hörers, der all dies vernimmt, aber nun ein Anliegen dagegen geltend macht: sich selbst!

Thomas, der erste Protestant

Die Erscheinung Jesu vor Thomas, dem Zweifler, und die Geschichte von Jesu Anhauch an die Jünger und Übertragung seiner Vollmacht an sie – diese beiden Geschichten hängen vielleicht miteinander zusammen. Zu­nächst ist das ja insofern klar, als Thomas bei der Erscheinung Jesu im Jüngerkreis nicht dabei ist und darum seine Einwendung erhebt. Aber vielleicht ist der Zusammenhang tiefer. Wir wollen uns darum noch ein­mal erinnern an jene Übertragung, die Jesus mit seiner Mission an die Jün­ger vornimmt. Was hatte er da gesagt? »Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behal­ten.« Dies ist inhaltlich genau dasselbe, was Jesus Matthäus 16 zu Petrus sagt: »Ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben. Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein; und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein«. Wir wissen, daß auf diesen Vers im Besonderen sich die Lehre vom Schlüsselamt und vom Bann gründet. Die meisten von uns meinen freilich, diese Rede sei katho­lisch. Sie wissen nicht, daß wir auch in unseren Bekenntnisschriften, bis hin zum Katechismus, ein Lehrstück haben vom Amt der Schlüssel. Ohne dies Amt, ohne diese Vollmacht wäre Kirche gar nicht denkbar. Predigt und Sakrament sind nur unter diesem Vermächtnis Jesu sinnvoll, denn wie könnte sonst etwas geschehen? Sonst würde das Reich Gottes wirklich nur in Worten bestehen, es wäre eine »rhetorische« Angelegenheit, aber keine »dynamische« = wirkliche!

Vielleicht müssen wir, um das zu begreifen, zwei Dinge klären: einmal, daß »Sündenvergeben« nun wirklich kein Menschenwerk und Menschen­tun ist! Wir meinen so oft, das könnten Menschen. Wir könnten es, wir wollten nur nicht! Aber wie, wenn es umgekehrt wäre? Wenn die Juden recht hätten, als sie gegenüber Jesus einwenden: »Wer kann Sünden ver­geben denn allein Gott?« (Mk. 2,7).

Sünde – es ist merkwürdig, dies Wort kann man durch kein anderes er­setzen, es wird seinen theologischen Geruch behalten und zwar mit Recht für immer behalten: Sünde hat immer etwas mit Gott zu tun. Wenn der Mensch aufhören würde, Sünde zu tun, dann würde er mit Gott nichts mehr zu tun haben, aber solange diese Kette ins Fleisch schneidet, können wir ihm nicht entlaufen. Wenn nun ein Mensch kommt und den Gebunde­nen frei macht, haben dann die Juden nicht recht, wenn sie sagen: das sei Blasphemie! Das könne nur Gott. Das müsse der Ewigkeit vorbehalten blei­ben! Sie hätten recht, wenn nicht Jesus mehr recht hätte, indem Er Sünde vergibt, und er vergibt sie, indem er für uns in den Tod geht. Er erweist sich als der, den Gott zu diesem Tun in die Welt gesandt hat! »Damit ihr seht, daß des Menschen Sohn Macht hat, Sünde zu vergeben …«. Das heißt also, was die Juden (wie übrigens alle Menschen) erst als die Tat Gottes am Men­schen nach dem Tode erwarten, das vollzieht Jesus jetzt. Darum heißt es Heute. Darum schließt dies Heute ein seltsam gnädiges Ultimatum Gottes in sich. »Jetzt ist die angenehme Zeit des Herrn«. Jesus rückt also etwas, was erst jenseits der Zeit Ereignis werden sollte, in das Heute hinein. Er nimmt etwas Zukünftiges voraus. Ihm glauben, hieße, sich auf diese Tat verlassen in alle Ewigkeit.

Wo also immer Sünde vergeben wird, wird in Gottes Rechte eingegrif­fen. Das darf kein Mensch tun. Aber nun – und das ist das Zweite – indem Jesus seine Vollmacht den Jüngern überträgt (das macht ihre apostolische Autorität aus), überträgt er ihnen zugleich die andere, Sünden zu behalten. Was ist das? Und wie kann beides zusammengehen? Sind die Apostel etwa damit in der Lage, wem sie wollen, zu vergeben, und wen sie wollen, in den Bann zu tun? Sind sie damit juristisch (also kirchenrechtlich) legitimiert? Zu Beidem gehört offenbar der Heilige Geist. Eins muß geschehen in der Güte, das andere im Zorn Gottes. Es gibt einen heiligen Zorn; wir haben keinen apostolischen Brief im Neuen Testament, der nicht auch etwas von diesem Zorn in sich hätte. Genau so ist es mit den Reden Jesu. Da ist immer das Ja und zugleich das Nein. Das Ja Gottes zu den Sündern kann gar nicht vollzogen werden, ohne das Nein zu den Gerechten! Die Sünde behalten, heißt also: die Realität von Sünde da in Erscheinung treten zu lassen, wo sie versteckt ist. Sie denen wieder aufladen, die sie leichtsinnig oder heuchlerisch abgeworfen haben. Man bezeichnet das in der Theologen­sprache mit dem Amt des Gesetzes. Aber – wie gesagt – auch dazu gehört Jesu Vollmacht, auch dazu gehört der Heilige Geist. Das bedeutet, auch die Sünde behalten ist ein lebensschaffendes Werk! Wenn auch so, daß es den selbstgerechten Menschen tötet. Es tötet aber nicht, um zu töten, sondern um ihn zu befreien von seiner tiefsten Gottlosigkeit.

Lassen Sie mich ein paar Beispiele dafür nennen: Die Radikalisierung der Gebote in der Bergpredigt. Oder Worte aus der Pharisäerrede Matthäus 23: »Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr kommt nicht hinein und die hinein wollen, laßt ihr nicht hineingehen«. Oder das Gleichnis vom Schalksknecht. Oder denken wir an die Strafhandlung des Petrus an Ananias und Saphira! Sünde behalten heißt immer: aus dem kleinen, win­zigen Blätterchen, das sich auf der Haut zeigt, jene »Krankheit zum Tode« werden zu lassen, die Sünde heißt! Das soll nun offenbar das Amt der Apo­stel sein – dasselbe, das Jesus begonnen hat! Sie haben den Menschen unter einem seltsamen Aspekt anzusehen: unter dem der Sünde! Und wahr­scheinlich wird es damit zusammenhängen, wenn sich Jesus ihnen mit der Seitenwunde und den Nägelmalen zeigt. So weit – bis vor Gottes Thron! – reicht die Macht der Sünde, und von dort her allein muß sie aufgehoben werden. Nun erst wird der Zweifel des Thomas begreiflich. Thomas – ich möchte das doch wagen zu behaupten – protestiert gegen diese Autorität der Apostel. Thomas ist der erste Protestant. Er enthüllt uns Recht und Grenze des Protestantismus! Was nützt es mir, so sagt er, daß andere ihn erlebt haben, wenn ich ihn nicht erlebe? Zumal den, der Sünde vergibt! Zumal den, in dem die Vergebungsgewißheit mir als ewige geschenkt wird. Und das ist nun das ungeheuer Trostreiche dieser Geschichte, daß dieser Zweifel (der Zweifel an der kirchlichen Autorität!) geheilt, daß er als ein echter Ruf nach Gott, nach Gewißheit verstanden wird. Jesus ist viel barm­herziger als wir! Jesus läßt den so fragenden, so zweifelnden Thomas nicht in seinen Zweifeln stecken. Er bringt ihn zur Gewißheit des Heils. Das ist der Sinn seiner dritten Erscheinung.

Es geht also hier, wenn man so sagen darf, um den Zusammenhang von Glaube und Erfahrung. Es geht um jene »Weihe des Zweiflers«, der der junge Tholuk – selbst durch die Hölle der Selbsterkenntnis gegangen – einen so geistesmächtigen Ausdruck gegeben hat. Der Zweifler sollte um des Thomas willen immer seinen Platz in der Gemeinde behalten dür­fen. Er fragt ja – gerade in seinem Zweifel – nach dem persönlichen Ver­hältnis zu Jesus. Zu dem Jesus, in dessen Seitenwunde er seine Hand le­gen könnte! Wer müßte nicht so fragen, wenn er hört, was Thomas hier hört von seinen Gefährten: Wir haben den Herrn erlebt? Jesus hat den Zweifler verstanden – daß er brennt nach einer letzten, persönlichen Ge­wißheit. Jesus hat damit gerechtfertigt, was wir das tiefste Anliegen des Protestantismus nennen könnten, die Frage: »Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?«, diese Frage, die die Reformation in der Kirche stellte und die der Pietismus – das ist sein unvergängliches Verdienst – wie eine brennende Flamme weiter am Leben erhalten hat. Thomas findet den gnädigen Gott.

Es sind acht Tage vergangen. Wieder sind die Jünger bei verschlossenen Türen versammelt. Auf einmal ist Er da. In derselben Souveränität über Raum und Zeit, die ihm seit der Auferstehung zu eigen ist. Er ist da und, wenn er sie grüßt mit seinem Friedenswort, ist auch der Friede da. Ein un­begreiflicher Friede; ein Friede, über dem eines Tages alle verschlossenen Türen aufgehen werden. Denn alle sich abriegelnden Christenversamm­lungen sind nicht im Frieden; durch »verschlossene Türen« ist man nie geborgen; noch durch die Ritzen der Wand kriecht die Sorge und die Angst. Aber der Friede des Auferstandenen ist jene Geborgenheit bei offe­nen Türen, mitten in einer in der Tat feindlichen Welt.

Auf einmal sind die Jünger vergessen, treten in den Schatten. Und nur Er ist da und Thomas. Der Herr und der Jünger, der eben noch das heraus­gefordert hatte: Wenn ich nicht meine Hand in seine Seitenwunde lege! Auf einmal reicht er ihm seine »durchgrabene Hand«, auf einmal ist jenes wun­derbare »Nahesein« über ihn gekommen, das er mit seinem Zweifel heraus­gefordert hatte; nun darf auch er bekennen. Er muß die Waffen strecken. Christus ist Sieger. Der Zweifler hat nicht umsonst gezweifelt, Christus hat ihn gerechtfertigt! Nun kann er sagen: Mein Herr und mein Gott. Er sagt nicht: »ein Herr« oder »ein Gott«. Er sagt nicht: Ich glaube, daß es ein Sy­stem gibt, eine Weltansicht, welche damit gegeben ist, daß der Mensch einen Herrn hat, daß Gott ist; nicht mehr so mittelalterlich-katholisch, wo die Dogmatik mit dem Satz beginnt: ob Gott ist! und dieser Satz dann be­wiesen wird, sondern evangelisch: Mein Gott! Mein Herr!

Thomas mußte als einzelner unter den Jüngern fragen, warten, zweifeln und wie ein Ausgestoßener dazwischen stehen, damit er uns deutlich machte, was es heißt: Sünde vergeben, Sünde behalten. Das heißt es, daß wir Jesus anerkennen als unseren Heiland: Mein Gott, Mein Herr. »Daß Jesus Christus wahrer Gott vom Vater in Ewigkeit geboren und auch wah­rer Mensch von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr!« Der Zweifler hat eine Antwort von Jesus erhalten, die eine Hoffnung bleiben wird für alle, die ihn nicht umsonst gesucht, die sich nicht umsonst dem Autoritäts­glauben der Kirche entzogen, die nicht umsonst gesagt haben: ehe ich nicht… Thomas sagt und bekennt: Mein Gott. Wir wissen ja, daß Martin Luther in dieser einen einzigen Formel den Unterschied fand zwischen al­len anderen Religionen und dem Glauben an Christus, in diesem Wörtchen »Mein«. Alle anderen sagen, so meinte er, »es ist ein Gott«. So sagt auch die Philosophie. Das ist das letzte, was sie sagen kann. Aber der Glaube, der aus Gott geboren ist, und die Theologie, diese auf solchen Glauben hin angelegte Rede in Frage und Antwort, sagt: Mein Gott. Das ist das Zeichen dafür, daß Gott in Jesus zu uns gekommen ist. Solange er nicht in Jesus zu uns kommt, wird das Mein nicht echt sein. Gott wird nach wie vor ein Gott sein! Einer unter vielen. Der Beste und der Höchste vielleicht unter vielen. So wie heute unsere Zeitungen das Christentum preisen! Wie sie von un­seren Tagungen und Veranstaltungen berichten. Das Mein Gott und Mein Herr können sie nicht fassen. Denn da, wo Thomas vor Christus steht, kann kein Reporter hingelangen. Hier ist jegliche Berichterstattung unmöglich. Hier liegt die dem Unglauben unzugängliche Mitte der Kirche selbst.

Aber nun – die Vermahnung des Herrn an Thomas! Haben wir ihn nicht allzusehr gerechtfertigt, den zweifelnden, den die moderne Theologie zum ersten Mal im Jüngerkreis verlautbarenden, den protestierenden und pro­testantischen Thomas? Dieweil du mich gesehen hast, glaubst du! Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! Dieweil du mich erlebt hat, glaubst du; also weil etwas eingetreten ist, was noch über den Glauben hinaus geht; was sich nicht mit jener Gabe begnügt, die der Herr seinen Jüngern gab, jener Gabe »Sünde zu vergeben und zu behalten«, was noch als »Er­lebnis« hinzukommt! Die persönliche Begegnung mit Jesus! Selig sind, die Glauben und Erfahrung in eins setzen, die »aus Glauben in Glauben« le­ben! Selig sind, die sich nun auch solche »Erlebnisse« und »Erfahrungen« abbauen lassen. Selig sind die, die sola fide leben werden. Die nichts brau­chen, worauf ihr Auge schaut. Nichts brauchen, wohin sie ihre Hand legen. Nichts brauchen, um gewiß zu sein, daß »er auch an mich gedacht, als er sprach, es ist vollbracht«. Die nun hingehen können und es ertragen kön­nen, daß alle diese »Erscheinungen« und persönlichen »Erlebnisse« fallen. Wegfallen. Daß sie nur Erziehung, Anfang, Hilfe zum Glauben sind, aber daß wir dann mehr und mehr hineinwachsen in jenen Glauben, der eine »Gewißheit ist der Dinge, die man nicht sieht«. Der die Augen schließt und der jenen Frieden bekennt, der »inexperimentalis et insensibilis« ist. »Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht …«, das ist der Weg, auf den Jesus verweist. Aus dem Glauben, der gestützt, gefördert und getragen ist von solchen »Zeichen« des Erbarmens und der Hilfe, hineinzukommen in jenen »reinen Glauben«, der allein vom Worte lebt. Der damit genug hat, daß der Heilige Geist da ist, in dem »Sünde vergeben und behalten wird«. Jesus zeigt also Thomas den Weg zur Seligkeit, er zeigt ihm, wo sein Weg ist, nicht im Sammeln solcher »Erlebnisse«, sondern im »Abbau«, im Leben »sola fide«, er zeigt dahin, wo die Reformation nun in der Tat anhob: höher hinaus, als der Pietismus (gerade auch der mittelalterliche, katholische, aus dem Luther herkommt), es geahnt hatte, so hoch, daß dem Menschen mit seinem Fühlen und Greifen und Sehen der Atem ausgeht, so hoch, daß jene Hochgebirgsregion erreicht wird, wo der Zweifel – jeder Zweifel – fällt. Wo der Mensch nur noch »sola fide« lebt. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Selig sind, welche den Spott des imaginären Gottes hin­nehmen, weil sie den Weg des dunklen, des unsichtbaren Glaubens gefun­den haben. Den Weg, den keine Psychologie mehr entdeckt und darum auch zum Glück nicht verraten kann! Den Weg, da der natürliche Mensch sterben muß, damit der geistliche Mensch lebe, den Weg, der nicht mehr als Weg, als Methode, als Erfahrungs- oder Erlebnistheologie faßbar wird. Alles, was Thomas je gefragt oder gesagt hat, ist damit beantwortet. Selig also, wer sich abbauen läßt in seinem Sehen-Wollen, und sich aufbauen läßt in seinem Glauben! Die Erscheinungen des Auferstandenen mußten den Zweifel des Thomas erzeugen! Wenn es wirklich so ist, daß der Herr gegenwärtig ist in seiner Kirche, dann muß jedermann fragen: wie kann ich ihn finden und erleben? Eine ganz neue Frage. Ein nicht von Gott weg­führender, ein zu ihm hinführender Zweifel. Nun muß auch der Zweifel »uns zum Besten dienen«. Alle, die je so gefragt, die je eine in besonderen Erfahrungen und Erlebnissen bestehende Antwort erhalten oder erwartet haben, sollten es hören, was der Herr zu Thomas sagt: Das Selig gilt euch nicht, weil ihr mich erlebt, erfahren und gesehen habt. Die Seligpreisung gilt dem, der mit mir in das »unsichtbare Reich des Glaubens« eintritt und alles andere, mag es noch so wunderbar, süß und wesentlich gewesen sein, fallen läßt. Denn der Glaube allein empfängt, was ich euch gegeben habe, die »Vergebung der Sünden«, und wo Vergebung der Sünden ist, »da ist Leben und Seligkeit«.

Gehalten am 31. Mai 1950, Mittwoch nach Pfingsten auf einer Evangelischen Woche in Flensburg.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke. Neue Folge, Bd. 5: Predigten und Predigtlehre, Gütersloh: Chr. Kaiser. Gütersloher Verlagshaus 2004, Seiten 324-331.

Hier der Text als pdf.

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