Gedanken zum Ostermontag
Von Hans Joachim Iwand
Wenn aber dies Verwesliche anziehen wird die Unverweslichkeit und dies Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht: »Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?« … Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus! 1. Korinther 15,54.55.57
Nur solange man Totenauferstehung auf der Linie des grundsätzlich Erfahrbaren, Erlebnismöglichen, Geschichtlichen im Sinne kommender und vergehender »Ereignisse« erwartet und sich deren Wie? mit Hilfe menschlicher Phantasie vorzustellen sucht, also nicht begriffen hat und begreifen will, daß es sich bei der Totenauferstehung um ein Geheimnis handelt, nicht geringer als das Geheimnis Gottes selbst, nur dann kann man diese bezweifeln, diskutieren, sie zum Gegenstände einer mehr oder weniger großen Wahrscheinlichkeit, also einer grundsätzlich menschlichen, grundsätzlich eben nicht im Geheimnis Gottes beschlossenen »Möglichkeit« ansehen. So aber soll es nicht sein. Totenauferstehung bedeutet Gottes in seiner Tat an Jesus Christus erwiesenen Sieg über den Tod, bedeutet darüber hinaus Teilnahme der Menschen, der lebenden und toten, an diesem Sieg, der sich ihnen mit Jesu Auferstehung als untrügliche Hoffnung ankündigt, als »lebendige Hoffnung« für alle, die dem Tode verfallen sind…
Von jenseits des Todes her, von außerhalb der durch den Tod bestimmten Menschheitsgeschichte stammt die Christusbotschaft. Wenn sie nicht untrennbar verbunden bleibt mit dem anderen, mit der unfaßlichen Wirklichkeit der Totenauferstehung als der Grenzüberschreitung dieses Äons und seiner Gesetze, dann ist sie sinnlos, dann ist unser Christentum mit allem, was zu ihm gehört, mit Sündenvergebung und Unsterblichkeit nichts anderes als eine der vielen, damals wie heute so zahlreichen »Erlösungsreligionen«, mit denen sich die Gefangenen über die Unzerbrechlichkeit ihres Gefängnisses hinwegtrösten …
Der Unterschied zwischen dieser Todeswelt und der kommenden Welt der Auferstehung zum unvergänglichen Leben kann nicht aufgelöst, darf nicht als nebensächlich behandelt werden. Die Spannung zwischen Glauben und Schauen, Hoffen und Sehen, Hören und Empfangen muß bleiben, solange wir hier leben, wir müssen vieles an uns vorüberziehen lassen, was sich als das Neue und Verheißene, als etwas von Gott Kommendes und Erlösendes ausgibt. Wir dürfen uns nicht abspeisen lassen mit dem, was der Größe Gottes eben nicht gemäß ist. Wir müssen warten auf Gott, Gottes letztes Werk steht noch aus …
Einmal wird aus der Theologie des »Es steht geschrieben« eine Ontologie des »Es ist geschehen« werden, einmal werden wir schauen. Einmal wird uns aus der uns umgebenden Wirklichkeit in Natur und Geschichte nicht mehr die Anfechtung, sondern die Bestätigung dessen, was wir geglaubt haben, entgegenkommen. Einmal wird alles »stimmen«! Aber bis dahin wird eben nichts »stimmen« und darf nichts mit dem, was jetzt ist, übereinstimmen! …
So steht »das Wort, das geschrieben steht« als eine unerhörte, über alles, was ist, hinauslangende Verheißung in der Todeswirklichkeit dieser Welt, steht anders und herrlicher darin als der Baum des Lebens im Paradiese, und wir können nicht genug von seinen Früchten (den Früchten dieses Wortes!) essen.
Quelle: Christa Charlotte Lauther (Hrsg.), Morgenröte der Verheißung. Texte zum Kirchenjahr von Hans Joachim Iwand, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1990, S. 57f.