Elisabeth Langgässer, Ostersonntag: „Purpur, dem Purpur / des Lammes enttaucht, / Duft, aus den Düften / der Salbung gehaucht, // Schall, mit dem Schalle / der Auffahrt vermischt. / Riesig geöffnet / verschlingen das Nicht“

Ostersonntag

Von Elisabeth Langgässer

Die Erde bebte und ward stille, als zum Gerichte Gott sich hob. [Offertorium]

Mächtig erschüttert
von ehernem Stoß
tief aus der Unterwelt
berstendem Schoß,

Bricht, in unendlichem
Ansturm zerschellt
unter den triefenden
Himmeln der Welt,

Rasend in Splitter
das Siegel der Nacht.
Dampfend erhebt sich
in glühender Pracht

Sonne, aufdonnernd
zu furchtbarem Glanz,
strahlenden Lichtes
ausbrechender Kranz,

Phönix, der jauchzend
in Neugeburt kreist
und im Triumph sich
der Asche entreißt,

Christus, der Sieger
ob Hölle und Tod.
Zitternd entsteigen,
von Gnade umloht,

Glänzendem Gottblut
verzückt und gerecht,
Leiber der Kindschaft,
des Sohnes Geschlecht,

Purpur, dem Purpur
des Lammes enttaucht,
Duft, aus den Düften
der Salbung gehaucht,

Schall, mit dem Schalle
der Auffahrt vermischt.
Riesig geöffnet
verschlingen das Nicht

Flammende Male
der Wesenheit Los,
und durch die Tore
der Schmerzen geht groß,

Himmlisch erneuert
zu irdischem Sein,
ganz in Verklärung
das Jahwe-Werk ein.

Quelle: Elisabeth Langgässer, Gedichte, Gesammelte Werke, Hamburg: Claassen, 1959, S. 61-63.

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