Von Hans Joachim Iwand
Sie haben mich gebeten, zu Ihnen über ein Thema zu sprechen, das eigentlich nicht „mein“ Thema ist. Aber es begegnet uns jetzt öfter aus den verschiedensten Lagern und ist vielleicht gerade unter den Christen mitangeregt durch gewisse Bemerkungen Dietrich Bonhoeffers, der hier eine echte und notwendige Wendung gesehen und an sich selbst vollzogen hat. Bei aller Fragwürdigkeit dieser Formulierung wird doch etwas in ihr stecken, woran wir nicht vorbeigehen dürfen. Es ist ein Hinzeigen in eine Richtung, in die wir irgendwie in Marsch gesetzt sind und von der doch die meisten unter uns den Eindruck haben, daß wir von dieser Gegend keine Landkarte besitzen, um Weg und Steg unserer Wanderung ausfindig zu machen. Schon das genügt, um das Thema ernst zu nehmen. Es führt uns heraus aus den gewohnten Geleisen, es steckt in ihm so etwas wie echte Umkehr, als ob Menschen sich herausgerufen wüßten aus den gewohnten und gewöhnlichen Lebens- und Stilformen in ein „Land, das ich Dir zeigen werde“ [Gen 12,1]. Es könnte in der Tat etwas von dieser Abrahamssituation in unserer Formulierung stecken, es könnte sein, daß Glauben nötig ist, um herauszufinden in das „Diesseits“, in die wirkliche Welt, jenseits aller Konstruktionen und Ausgedachtheiten, in die Welt, wo wir wieder den Dingen begegnen und sie uns, wo Schicksale erfahren werden, wo der Mensch begreift, daß es ein Außen gibt, das er nicht bewältigt, sondern das ihn bewältigt, wo er „geführt“ wird, wo es nicht nach unserem Verstand, sondern über den Verstand geht,[1] wo Gott wieder Gott und der Mensch wieder Mensch ist. Es könnte in unserem Wort so etwas darin stecken wie der Schrei nach dem lebendigen Gott,[2] der plötzlich ausbricht mitten in der Fülle eines sehr üppigen, aber eben doch leeren Gottesdienstes, als ob der Mensch begriffe, daß all die Jenseitigkeiten, die man ihm anbietet, nicht halten, was sie versprechen: die haben Gott nicht |2| in sich, sie sind leer, sie sind unser eigenes Traumland, in das wir uns flüchten, wenn es hier zu schwer, zu bitter, zu sündig, zu trostlos wird. Aber sie sind eben doch leer. Auf dem Throne dieses Jenseits sitzt ebenderselbe Mensch, der uns das Dasein hier so unleidlich macht. Ihn – nur ihn – treffen wir dort wieder, nur besser, idealisierter, mächtiger und befreiter, als wir ihn hier antreffen, sein Spiegelbild gleichermaßen, das er nötig hat, um sich hier mit all seinen unleugbaren Gebrechen abzufinden! Aber nicht wahr, ihm gerade wollten wir doch entgehen. Jenseits heißt doch wohl nicht nur jenseits der Grenzen von Raum und Zeit, Jenseits heißt doch wohl nicht nur die vermutliche Welt jenseits der Todesgrenze, sondern Jenseits heißt doch wohl zutiefst und letztlich: jenseits meiner! extra me! Gibt es eine Wirklichkeit, die unabhängig, in sich selbst gegründet, außer mir existiert, die nicht mit mir als einem denkenden, bewußten und wohl auch handelnden Wesen erst aus dem Nichts ersteht und mit dem Erlöschen dieses Bewußtseinszentrums, mit dem Erlöschen dieses Lichtes auch selbst versinkt? Gibt es eine Wirklichkeit, innerhalb deren der Mensch das Aposteriori ist, die das Woher und Wohin seiner Existenz enthält – gibt es das? Nicht das Jenseits der Welt allein, sondern das den Menschen in seinen Möglichkeiten Transzendierende, das da ist, bevor es begriffen ist, dessen Wirklichkeit seiner Denkbarkeit und Möglichkeit vorangeht – gibt es das? Wie kann es das geben? Wenn es das gäbe – so daß es „mitten unter uns“ wäre, dann wäre ja in dieser einzigartigen Gegebenheit der Unterschied von Jenseits und Diesseits aufgehoben! Das Diesseits hätte jetzt erst und erst so sein Recht, vielleicht sein neues und eben nicht aus dem Menschen selbst abgeleitetes Recht empfangen – eben damit, daß es von dem, was jenseits unser, jenseits des Menschen liegt, neu und wirklich totaliter aliter qualifiziert worden ist.|3| Ich denke hier an jene seltsame Beichte, die uns Dostojewski in dem Bruder des Starez Sossima vorlegt, wo der Nihilist und Gottesleugner Markell Gott findet und nun – mitten in schwerer Krankheit – eben jenen Schritt hineintut in das neue Diesseits, das er scheidend erst recht begreift:
„Ihr Sohn ist nicht von dieser Welt“, sagte der Doktor zur Mutter, wenn die ihn zur Tür begleitete, „durch die Krankheit verfällt er in Phantasien.“ Die Fenster seines Zimmers gingen auf den Garten hinaus, der Garten war schattig, voll alter Bäume, und an den Bäumen sproßten Frühlingsknospen, und die ersten Vögel zwitscherten und sangen vor seinem Fenster. Er freute sich über sie, und plötzlich begann er auch, sie um Verzeihung zu bitten: „Gottes Vöglein, selige Vöglein, vergebt auch mir, daß ich euch gegenüber gesündigt habe.“ Das nun konnte niemand von uns mehr verstehen, er aber weinte vor Freude: „Ja“, sagte er, „so groß war der Ruhm Gottes um mich her, Vögel, Bäume, Wiesen, und Himmel, nur ich allein lebte in Sünde und schändete alles, weil ich die Schönheit der Welt und den Ruhm des Herren nicht beachtete.“ „Zu viel Sünden nimmst du auf dich“, sagte oft weinend die Mutter. „Mütterchen, meine Freude“, sagte er ihr darauf, „ich weine ja nicht vor Kummer, vor Freude weine ich, ich selbst will vor ihnen schuldig sein. Alles das kann ich dir nicht erklären, denn ich weiß nicht, wie ich sie lieben soll. Möge ich doch schuldig sein vor allen, dafür aber wird man mir vergeben, siehe, und das ist das Paradies. Bin ich denn jetzt nicht im Paradies?“ (Brüder Karamasow VI 2 a) Ob wohl die, welche nach der Erlösung zum Diesseits verlangen, etwas davon ahnen, daß sie nach dem Paradies, nach seiner von den Vögeln unter dem Himmel und den Lilien auf dem Felde angezeigten Nähe [Mt 6,26-29] fragen? Ob wir in solcher Frage begreifen – und wohl uns, wenn wir begreifen –, daß wir den Schlüssel ins Innere der Natur verloren haben und daß er eben nicht im Rückgang auf die theologia naturalis zu finden ist? |3|
II.
Damit sind wir ziemlich weit vorgestoßen, eben in die Richtung, von der aus unser Thema vielleicht ein wirklich echtes theologisches und aus der Tiefe nach Gott rufendes Thema sein könnte. Von der aus gesehen es geradezu das Thema des Menschen sein könnte, der sich heute mit ganz anderen Mitteln den Eintritt in das Paradies erzwingen will, mit Atombomben und totalitären Experimenten, mit all den unabsehbaren Opfern an Menschenblut und Menschengeist, die ihm nichts bedeuten, weil er dahinter dieses Ziel leuchten sieht. Und auch hier werden wir nicht gut tun, einfach wie überlegene Weltverächter mit einer christlich getarnten Skepsis diese Zielsetzung verächtlich zu machen – differentia non est in fine, sed in via gilt auch hier – sondern wir werden fragen müssen: Habt ihr auch die Kosten überschlagen, damit ihr es hinausführen, das heißt doch also ans Ziel bringen könnt (ektelesai!). Es heißt „vollbringen“. Damit eben nicht jene peinliche Situation eintritt, daß wir eines Tages selbst an dem Grabe unserer eigenen Planungen und Projekte stehen und jene, die auf der Bank der Spötter sitzen, über uns ihr Spottlied anstimmen, wie das heute bereits in der Welt laut und vernehmlich zu hören ist. Wir werden von daher begreifen und begreifen müssen, daß etwas Richtiges dahinter steckt, wenn unser Jahrhundert in sein erstes Jahrzehnt mit der leidenschaftlichen Frage eintrat – die es von Nietzsche und Schopenhauer, aber vielleicht auch von Comte und Zola gelernt hatte –: Wer erlöst uns von der Metaphysik? Wer führt uns heraus aus dem Hinterland der Mythen und der bloßen Spekulationen mitten hinein in die Wirklichkeit des Lebens? Hatte nicht bereits Martin Kähler (als ein Zeitgenosse Nietzsches!) gedichtet und gebetet: „Führ aus den Gedanken ins Leben hinein, ganz ohne Wanken dein eigen zu sein“?[3] |4|
Im Grunde sagt Luther nichts anderes als eben das, was wir – aus ganz anderen Quellen herkommend – bei Dostojewski hörten: dies sich in den Vögeln und Blumen, in den Bäumen und in der keimenden Saat manifestierende Diesseits, das wir Natur nennen, ist gar nicht so nahe, wie wir meinen. Es ist diesseits, aber wir sind jenseits: „Ecce intus eras et ego foris“ (Siehe, Du warst in meinem Inneren und ich war draußen)[4]. Der Mensch ist draußen, er ist jenseits alles dessen geraten, was ursprünglich für ihn als das Paradies bereitet war mit dem Baum des Lebens in der Mitte [Gen 2,8f]. Er kennt die Welt nur noch als Todeswelt, er kennt sie in der Mächtigkeit der Auflehnung und Empörung gegen Gott, das ist seine Welt, das ist das Energiezentrum, welches diese seine Welt bewegt und in Bewegung hält – nicht Gott, sondern er, der Mensch: homo non potest velle, Deum Deum esse.[5] Haben wir recht gehört: Homo – nicht bestia. Der Mensch, nicht das Tier, ist die Problematik, an die wir rühren, wenn wir von der Erlösung zum Diesseits sprechen. Der Mensch hat sich selbst den Eingang dahin verstellt, der Mensch müßte aus der Mitte getan werden, damit wir wieder umgehen lernten mit den Dingen nach ihrem Maß und Wesen, damit jene furchtbare Inadäquatheit aufgehoben wird, daß die lebendige Kreatur um uns her „Gottes Ruhm und unsere Schande“[6] sozusagen unaufhörlich gen Himmel schreit. Vergebung ist der Schlüssel, der dieses verlorene Paradies aufschließt [Lk 23,34.43] – es muß offenbar auch dazu, gerade dazu vom Himmel her etwas geschehen, damit diese Schuld vergeben und dieser Eintritt in die Welt Gottes wieder möglich werde.
Quelle: Zum Weihnachtsfest 1961, München: Chr. Kaiser, 1961 [editiert von Gerard C. den Hertog]. Der Vortrag findet sich im Bundesarchiv Koblenz unter N 1528/167.
[1] Luther zu Psalm 32, in: Die Sieben Bußpsalmen 1517, WA 1, 171,29-33.
[2] K. Barth, Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie (1922), in: K. Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1922-1925, Karl Barth Gesamtausgabe, Zürich 1990, 154.
[3] Martin Kähler, Der Jahrtausende geht, in: ders., Theologe und Christ. Erinnerungen und Bekenntnisse, hg. von Anna Kähler, Berlin 1926, 304.
[4] Augustin, Confessiones, 10,27.
[5] Luther, Disputation contra Scholasticam theologiam (1517), WA I, 225.
[6] Luther, Bergpredigtauslegung, zu Mt 6, 26f. „Summa, wir haben so viel Meister und Prediger als Vögelein in der Lufft, die mit ihrem lebendigen Exempel uns zu schanden machen, daß wir uns sollten schämen und nicht dürfen die Augen aufheben, wenn wir einen Vogel singen höreten, als der Gottes Lob und unsere Schande gen Himmel schreyet.“