Christine Lavant, Ölbergstunde: „Und als das Blut von deiner Stirne rann, / geschah Verwandlung ihnen, die es tranken. / Dann sah dein Gott, erschüttert, sah dein Schwanken / und wie dein Menschentum sich jäh besann: / Lass diesen Kelch an mir vorübergehen! / Er sah die Schmerzen wie Verwaiste stehen / und rief den Engel, seinen allergrößten! / Er kam – gefolgt von allen Unerlösten!“

Ölbergstunde

Da gingst du fremd und warst der Abgewandte
von den Geliebten, die am Rande schliefen,
und von den Vögeln, die erschrocken riefen,
und von den Düften, die die Nacht dir sandte,
nur deinen Schmerzen warst du zugetan;
sie hingen sich an deinen Kleidern an!
Du warst für sie der immer schon Erreichte,
den sie in ihre Kreise zogen;
der König, den sie sich erwogen
und der vor ihnen nie erbleichte …
Und als das Blut von deiner Stirne rann,
geschah Verwandlung ihnen, die es tranken.
Dann sah dein Gott, erschüttert, sah dein Schwanken
und wie dein Menschentum sich jäh besann:
Lass diesen Kelch an mir vorübergehen!
Er sah die Schmerzen wie Verwaiste stehen
und rief den Engel, seinen allergrößten!
Er kam – gefolgt von allen Unerlösten! –
und hielt den Kelch an deinem blassen Munde …
Und – alle trinken mit! – er geht die Runde
durch die Gezeiten bis ans große Ende …
O dass uns Gott auch seinen Engel sende!

Christine Lavant

Quelle: Christine Lavant, Werke in vier Bänden, Band 3: Gedichte aus dem Nachlass, herausgegeben von Klaus Amann und Doris Moser, Göttingen: Wallstein Verlag, 2017.

Hinterlasse einen Kommentar