Von Dietrich Ritschl
Entwicklung des Begriffs
Person kann am ehesten in Zuordnung zu den verwandten Begriffen der Persönlichkeit, der Personalität und der philosophischen Position des Personalismus verstanden und im medizinischen bzw. medizin-ethischen Zusammenhang verwendet werden. Hinzu kommen noch die juristischen Begriffe der Persönlichkeitsrechte und des Persönlichkeitsschutzes. Dieses Bündel von Begriffen erfährt durch die häufig zitierte etymologische Herleitung von persona (in der Antike als Larve oder Maske des Schauspielers usw.) keinerlei Klärung, weil das Wort Person seit dem Altertum eine Fülle von neuen und sich wandelnden Inhalten erfahren hat. Diese Geschichte ist allerdings aufschlußreich, zumal die verschiedenen Konzepte noch heute nachwirken und von manchen Autoren bzw. Institutionen hochgehalten werden. Fast keiner der Inhalte, die in der mehr als 2000jährigen Geschichte des Wortes Person mit diesem Begriff verbunden worden sind, ist heute völlig verschwunden. In der Geschichte des Begriffs der Person spiegelt sich die gesamte Geschichte abendländischer Anthropologie wider.
Die Geschichte des Person-Verständnisses läßt sich in zwei Stränge aufgliedern, obwohl letztlich der zweite Strang auch Elemente des ersten voraussetzen muß und der erste ohne den zweiten unvollständig bleibt: Person kann als Substanz, als dem Menschen inhärente Eigenschaft, sozusagen als „Definition“ des bleibend Menschlichen im Menschen verstanden werden, oder Person wird nur in der Beziehung zu anderen, vor allem anderen Mensche, gesehen und definiert. Beide Konzepte werden heute – oft in getreuer Aufnahme von klassischen Positionen ihrer historischen Vertreter – in den Diskussionen um Menschenrechte, in der Philosophie und Theologie, im Gesundheitswesen und in der medizinischen Ethik mit guten Argumenten vertreten.
Person als Substanz
Das Verständnis von Person als „Substanz“ ist freilich nicht materialistisch aufzufassen, vielmehr geht es um die These, das Person-Sein eines Menschen ruhe bzw. „wohne“ in ihm bleibend und per Definition (des Menschen). Der Mensch ist vom Tier durch den Besitz der Vernunft („animal rationale“) unterschieden, er ist nicht nur geistfähig, sondern „hat“ Geist, wenn auch oft in verkümmerter oder verzerrter Form. Diese These müßte konsequent auch auf Embryos und Kleinkinder sowie auf psychiatrische Patienten, senile oder im Koma liegende Menschen anwendbar sein. Hier wird die oben genannte Unvollständigkeit dieser Position deutlich. Die „vernunftbegabte“ Persönlichkeit blieb zumeist im Bereich der Idealvorstellungen.
Dieses Konzept wurde mit dem christlichen Verständnis verknüpft, der Mensch sei als Ebenbild Gottes (imago dei) geschaffen. Als Begründung des Person-Begriffs wurde auch auf Gott selber als Person aller Personen und als die eigentliche Person-Substanz verwiesen. Tatsächlich ist die kirchliche Trinitätslehre ein wichtiger Ursprungsort des Person-Begriffs überhaupt: ist Gott nicht – in einer Substanz – den Menschen zugewandt in drei „Personen“ (als väterlicher Gott, als mitleidender Gott in Jesus, als Geist in der Kirche)?
In der späteren Philosophie leuchtet diese theologische Wurzel des Person-Begriffs oft nur noch unscharf durch die vielfältigen und neuen Begriffe hindurch. Die Vernunftbegabung des Menschen wird für den Person-Begriff entscheidend, später im deutschen Idealismus die Ausstattung des Menschen mit Selbstbewußtsein. Der Philosoph J. G. Fichte vollzog darum eine Abtrennung von der ursprünglichen Verwurzelung des Person-Begriffs in Gott, denn, sagte er, wenn das Typische an der menschlichen Person das Selbstbewußtsein ist, so kann dies für Gott nicht typisch sein, weil Selbstbewußtsein nur in Abgrenzung gegen anderes, nur in Begrenzung und Beschränkung vorstellbar ist. (Wir lassen hier undiskutiert, ob der Gott der Bibel vielleicht sehr wohl durch diese Abgrenzung charakterisiert ist.) Seit Fichte haben sich verschiedene philosophische Fassungen des Person-Verständnisses entfaltet, etwa die metaphysischen, die die ganze Welt aus personhaften Wesen zusammengesetzt verstanden (H. Lotze) oder durch die Person und durch Gottes „absolute Intelligenz“ alles zu erklären suchten (Chr. J. Boström); oder die amerikanischen. denen nicht nur der einzelne Mensch, sondern die Gesellschaft personhaft erschien (J. Royce) und die den personhaften, freien Geist als einzige Realität ansahen (B. P. Bowne).
Person als Beziehung
Der andere Strang will die menschliche Person allein durch die Beziehung erklären. Dieser Strang führt von Plato über Augustin zum großen mittelalterlichen Denker Duns Scotus, von dort weiter zu M. Luther (das Personsein des Menschen ist durch das Gegenüber zu Gott und zu Mitmenschen konstituiert), von dort zur Romantik („ohne Du kein Ich“) über den neueren Personalismus von F. Ebner, von verschiedenen französischen Philosophen bis hin zu M. Buber („Ich und Du“) und zu neueren Autoren in evangelischer und katholischer Theologie (R. Guardini) sowie in anthropologischer Medizin (R. Siebeck, V. v. Weizsäcker, H. Schipperges, B. Luban-Plozza u.a.).
Die Ich-Du-Relation, die „Ur-Kategorie“ des Du, die Betonung der Begegnung – dies sind alles Stichworte, die gerade nicht auf ein „substantielles“ Person-Sein des Menschen weisen, sondern auf die Tatsache, daß Menschen nur Person sind, wenn andere ihnen das Person-Sein zusprechen. Freilich hat sich auch dieser Traditionsstrang an den ursprünglichen, theologischen Person-Begriff angeschlossen, ja bei Augustin werden die „Personen“ der Trinität in Beziehung zueinander verstanden. Die tiefe Einsicht in die gegenseitige Bedingtheit des Person-Seins von Menschen hat auf die Entwicklung des Menschenrechtsgedankens einen großen Einfluß ausgeübt. Das Person-Sein eines Menschen bedeutet eine Verpflichtung für seine Mitmenschen, so wie der Name eines Individuums nichts ist, wenn es nicht von anderen beim Namen genannt wird.
Einheit und Bedeutung des Begriffs
So verschieden diese beiden Auffassungen von der Person sind, so wenig widerstreiten sie sich letzten Endes. Nur ihre Extremformen wären widersprüchlich, etwa die These, ein partnerloser Mensch sei in sich selbst etwas Vollkommenes, oder die Gegenthese, Menschen hätten nur in Zweisam- und Gemeinsamkeit einen Wert, ihr Leben könnte im Fall der Partnerlosigkeit ausgelöscht werden – ein Argument, das in den Diskussionen um Abtreibung, aktive Euthanasie, Todesstrafe begegnet. Im ersten Extrem wäre die soziale Bedingtheit des menschlichen Lebens, seine Endlichkeit und Verantwortung mißachtet, im zweiten sein Eigenwert vergessen und wäre die Gefahr groß, den Wert des Einzellebens in Beziehungen aufzulösen.
Obgleich mit Person das Unvertauschbare, Einmalige gemeint ist, ist der Begriff Person als solcher abstrakt, er bringt sozusagen die Bestimmung des Menschen „auf den Punkt“ und damit auf eine abstrakte Höhe. Auf dieser Höhe eignet er sich für juristische Bestimmungen über die Rechte und den Schutz einer Person, etwa eines noch ungeborenen Menschen, eines Patienten, eines Sterbenden. Die Schutzwürdigkeit und Autonomie einer Person kann auf dieser Ebene oberhalb psychologischer, soziologischer oder sonst empirischer Erfassung eines konkret lebenden Einzelmenschen sinnvoll festgemacht werden. Dafür können dann Begründungen aus beiden Traditionssträngen, dem substantiellen oder dem relationalen, geliefert werden, so daß präzise Aussagen über Menschenwürde und -rechte möglich werden, nicht nur in der Philosophie, sondern in internationalen Vereinbarungen (z. B. der UN, der KSZE-Konferenzen, der WHO).
Wird die „punktuelle“ Definition des Menschen als Person sozusagen in seine Komponenten und Schichten aufgelöst, so entsteht das konkrete Bild der menschlichen Persönlichkeit. Die Personalität eines Menschen wird erst beschreibbar, wenn das Zusammenspiel von Vernunft und Affekten, Trieben und Bedürfnissen, Wollen und Bindungen, Erinnerungen, Ängsten und Hoffnungen usw. wirklich wahrgenommen wird. Aber auch hier wird man wieder zwischen einem statuierten Ideal und einer echten Beschreibung unterscheiden müssen. In der Pädagogik etwa muß es Ideale geben, Leitbilder, denen die Erziehung folgen soll. In der Psychologie und Psychotherapie hingegen haben „Persönlichkeitsideale“ höchstens im Hinblick auf Konzepte von Normalität einen Sinn, sonst geht es dort um das Erfassen der Struktur und Funktion konkreter Persönlichkeiten. Zu dieser Erfassung sind Theorien nötig, die sich in vielfältigen Formen zur Erklärung der menschlichen Persönlichkeit anbieten:
a) Die materialistischen Theorien sind eine Sonderform der Substanz-Konzepte der Person. Sie waren schon in der Antike versuchsweise vorgeschlagen worden, fanden im 18. und 19. Jahrhundert naturwissenschaftliche Vertreter und werden heute von einigen Philosophen und Neurophysiologen (G. Ryle, H. Feigl, D. M. Armstrong u. a.) in neuer Form als „physikalistische Identitätstheorie“ statuiert. Damit ist eine methodisch eindeutige Beschränkung der Erklärung der Gehirnfunktionen auf physiologisch-chemische Vorgänge gemeint, wiewohl die Vertreter dieser Theorie natürlich wissen, daß wir heute erst ein minimales Wissen über den Zusammenhang von Bewußtseins- und Gehirnfunktionen besitzen. Forschungsziel ist allerdings eindeutig die Reduktion aller Bewußtseins- und Affektfunktionen sowie des Gedächtnisses und der Aktionszentren des Menschen auf neurobiologische Vorgänge. So soll das „Leib-Seele-Problem“ lösbar werden.
b) Die „interaktionistisch-dualistische“ Gegenposition wird ebenfalls von Philosophen und Neurophysiologen (K. R. Popper, J. C. Eccles. z.T. O. Creutzfeldt u. a.) vertreten. Sie sprechen von einer „relativen Unabhängigkeit des Ich vom Leib“ bzw. von „ganz neuen Schichten der Wirklichkeit“, die nicht aus Hirnfunktionen ableitbar sind. Es gibt, sozusagen oberhalb des Gehirns, einen Steuerungsmechanismus. der zwar interaktionistisch mit dem Gehirn verkoppelt, aber „dualistisch“ von ihm als verschieden vorgestellt wird. Methodisch ist diese Position nicht eindeutig: darauf weisen auch die Kritiker hin. Sie operiert mit einem naturwissenschaftlichen und einem verborgen philosophischen bzw. Ich-psychologischen Begriffsapparat, der letztlich an die mittelalterlich-theologische Unterscheidung von Natur und Übernatur erinnert.
c) Bei den verschiedenen Schichtentheorien unterbleibt die Auseinandersetzung mit materialistischen Erklärungsversuchen weitgehend. Hier werden zwar – schon mit Aristoteles’ „anima vegetativa“ und „anima sensitiva“. auf welche die Vernunft aufbaut – biologische Basisausstattungen ernst genommen und von endothymem Unterbau, noetischem Überbau (so z. B. Ph. Lersch) unterschieden, aber das Interesse gilt der Erklärung der Gesamtpersönlichkeit in ihrer leib-seelischen Struktur und Funktion, nicht einer Reduktion auf das physikalistisch-quantifizierbare Materielle (E. Rothacker). Auch die Psychoanalyse gehört in diese Kategorie der Persönlichkeitserklärung, wenn auch S. Freud lange an seiner ursprünglichen Hoffnung festhielt, Neurosen könnten physiologisch erklärbar werden.
d) Charakter- und Typenlehren menschlicher Persönlichkeiten haben immer wieder attraktiv gewirkt, in der Antike die Typenlehre des Hippokrates (Sanguiniker, Choleriker, Phlegmatiker und Melancholiker), die später Galen ausbaute. Auch die heute als veraltet betrachteten Typisierungen von E. Kretschmer (leptosom-schizothym, pyknisch-zyklothym, athletisch- viskös), die er körperlichen Konstitutionen zuordnete, gehören hierher. Wissenschaftstheoretisch müssen die Temperamenten- und Typenlehren im Vorfeld der Psychopathologie verortet werden, die ihrerseits weitgehend phänomenologisch gewonnen und gegliedert und mit Unschärfen behaftet ist. e) Einen hohen wissenschaftlichen Anspruch erheben die aus dem Behaviorismus stammenden lerntheoretischen Konzepte: die Reiz-Reaktionstheorien (E. L. Thorndike, C. L. Hull u.a.), die Konditionierungstheorien (I. P. Pawlow, B. F. Skinner) und die kognitiven Lerntheorien (E. Ch. Tolman. K. Lewin u. a.). Sie stehen in der Tradition des Beziehungs-Konzeptes der menschlichen Person, auch wenn diese Beobachtung überraschend wirkt.
Zukunftschancen werden der heutigen Ich-Psychologie zugesprochen (H. Hartmann, F. O. Kernberg, H. Kohut, M. Mahler u. a.), in der sich klassisch-psychoanalytische und entwicklungs-psychologische Einsichten zu einer umfassenden Theorie der Ich- Bildung verdichten. Auch Anteile der im Behaviorismus hochgehaltenen Einwirkung aus der sozialen Umwelt (des Kleinkindes) werden hier aufs neue wissenschaftlich genutzt, indem die sog. Repräsentanzenlehre, d. h. die in der Ich-Bildung sich verwirklichenden Vorstellungen (Repräsentanzen) vom Körper, von einem Objekt, vom eigenen Selbst, in strengem Bezug auf frühkindliche Erfahrungen von Nähe und Distanz, Individuation und Loslösung usw. ausgeweitet wird.
Unableitbarkeit der Person würde
Nimmt man zu diesen Theorien der Erklärung der menschlichen Persönlichkeit noch die Handlungs- und Rollentheorien moderner Soziologie hinzu, so ergibt sich ein beängstigend vielfältiges Gesamtbild der heutigen philosophischen, natur- und sozialwissenschaftlichen Forschungs- und Gesprächslage. Freilich erkennt man in vielen Positionen die Muster traditioneller Anthropologie und Philosophie wieder, aber das mindert die Irritation nicht, die uns in den ärztlichen und therapeutischen Berufen befallen mag. wenn wir uns die Vielfalt der Zugänge zu den großen Fragen um das Wesen der menschlichen Persönlichkeit vergegenwärtigen. Im medizinischen und therapeutischen Arbeitsfeld ist es letztlich eindeutig, daß die Fragen um Person und Persönlichkeit ethische Fragen sind. Hier kommen im Vorfeld zunächst die juristischen Sätze über Personschutz und Personrechte als Rahmen und Mahnung zur Wirkung, sodann aber müssen die Inhalte aus der Ethik geliefert werden: eine menschliche Person ist nicht Mittel zum Zweck, sondern hat ihren Zweck in sich selbst: sie hat diese Würde vom Anfang des Lebens an und unter allen denkbaren Gestalten ihres Lebens, immer jedoch in bezug auf andere, in denen sich ihre Würde widerspiegelt, so daß ihnen ihre Würde immer neu zuerkannt, zugesprochen wird: und jede Person ist in ihrer Würde einmalig, unwiederholbar, unverwechselbar, unersetzbar. Diese Maximen kommen einem ethischen Credo gleich, das aus den sechs genannten Erklärungstheorien der Persönlichkeit nicht ableitbar ist. Es muß auch dann gelten, wenn, wie man sagt, eine Persönlichkeit zerfällt (bei geistiger Erkrankung, Alkohol- und Drogensüchtigen, Senilität).
Literatur: J. C. Eccles, Das Rätsel Mensch (München 1981); Chr. Frey, Arbeitsbuch Anthropologie. Christliche Lehre vom Menschen und humanwissenschaftliche Forschung (Stuttgart 1979); E. Fromm, Die Seele des Menschen. Ihre Fähigkeit zum Guten und Bösen (Stuttgart 1964. 1981); V. E. v. Gebsattel, Imago Hominis. Beiträge zu einer personalen Anthropologie (Salzburg 1968); H. Jonas, Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation (Frankfurt a.M. 1979, 1984); M. Mahler/F Pine/A Bergmann (Hrsg.), Die psychische Geburt des Menschen (Frankfurt a.M. 1980); G. Radbruch, Rechtsphilosophie (Stuttgart 81973); Chr Renouvier, Le Personnalisme (Paris 1903); R. Rotek O. Schatz (Hrsg.), Philosophische Anthropologie heute (München 1972); F. Rosenzweig, Der Stern der Erlösung (1921. Frankfurt a.M. 1988); M Theunissen, Der Andere (Berlin 1965, 1981); P. Tillich, Persönlichkeitsidee und Persönlichkeitsideal. 1929, in: G W. Bd. III 83-100 sowie II 35-90; V 149-171; V. v. Weizsäcker, Pathosophie (Göttingen 1956); E. Wiesenhütter, Die Begegnung zwischen Philosophie und Tiefenpsychologie (Darmstadt 1979). bes. Teil II und III.
Quelle: Albin Eser/Markus von Lutterotti/Paul Sporken (Hrsg.), Lexikon Medizin Ethik Recht, Freiburg-Basel-Wien, 1989, Sp. 792-800.