Über die Bibel
Von Dietrich Bonhoeffer
Wir haben ja schon manches Mal in Fehde miteinander gelegen, und es ist bis jetzt immer wieder ganz gut ausgegangen. … Es ist ganz gut, wenn man immer wieder daran erinnert wird, daß der Pfarrer es dem rechten «Laien» niemals recht machen kann. Predige ich den Glauben und die Gnade allein (Dreifaltigkeitskirche!), so fragst Du: wo bleibt das christliche Leben? Rede ich von der Bergpredigt (Kolleg!), so fragst Du: wo bleibt das wirkliche Leben? Lege ich ein sehr wirkliches und sündiges Leben eines Mannes der Bibel aus, so fragst Du: wo bleiben die ewigen Wahrheiten? Und aus alledem soll ja wohl nur das eine Anliegen hörbar werden: wie lebe ich in dieser wirklichen Welt ein christliches Leben, und wo sind die letzten Autoritäten eines solchen Lebens, das sich allein lohnt zu leben?
Ich will da zunächst ganz einfach bekennen: ich glaube, daß die Bibel allein die Antwort auf alle unsere Fragen ist und daß wir nur anhaltend und etwas demütig zu fragen brauchen, um die Antwort von ihr zu bekommen. Die Bibel kann man nicht einfach lesen wie andere Bücher. Man muß bereit sein, sie wirklich zu fragen. Nur so erschließt sie sich. Nur wenn wir letzte Antwort von ihr erwarten, gibt sie sich uns. … Natürlich kann man die Bibel auch lesen wie jedes andere Buch, also unter dem Gesichtspunkt der Textkritik etc. Dagegen ist garnichts zu sagen. Nur daß das nicht der Gebrauch ist, der das Wesen der Bibel erschließt, sondern nur ihre Oberfläche. Wie wir das Wort eines Menschen, den wir lieb haben, nicht erfassen, indem wir es zuerst zergliedern, sondern wie ein solches Wort einfach von uns hingenommen wird und wie es dann Tage lang in uns nachklingt, … so sollen wir mit dem Wort der Bibel umgehen.
Aus einem Brief vom 8. April 1936 an seinen Schwager Rüdiger Schleicher.
DBW 14, S. 144f.