Das wäre eine umfassende begriffsgeschichtliche Studie wert, wie sich im Deutschen die Bedeutung des Wortes „Mut“ auf Kühnheit bzw. Unerschrockenheit verengt hat. Im Alt- und Mittelhochdeutschen (vgl. englisch „mood“) umfasst es die Kraft des Denkens, Seele und Herz, den Gemütszustand, Gesinnung, Stimmung, Gefühl, Absicht, Neigung, sogar Zorn und kommt damit dem altgriechischen thymos nahe, so auch noch in der Luther-Bibel von 1545. In Komposita wie Demut, Gemüt, Missmut, Mutwillen, Schwermut, Wehmut, Übermut, Unmut oder auch Zumutung sind die ursprünglichen Bedeutungsinhalte immer noch angesprochen.
Der Muth (Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, 1798)
Von Johann Christoph Adelung
Der Muth, des -es, plur. car. Diminut. welches doch nur in Einer Bedeutung üblich ist, das Müthchen, Oberd. Müthlein.
1. * Das ganze Begehrungsvermögen des Menschen, die Seele in Ansehung ihres Begehrungsvermögens; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung, für welche nunmehr Gemüth und Herz üblich sind. Es lautet in diesem Verstande schon bey dem Übersetzer Isidors Muot, bey dem Kero Muat, bey dem Ottfried und andern ältern Schriftstellern Muot.
Du wonest mir in dem muote
Die nacht und ouch den tag,
Kaiser Heinrich.
Der Herr verhärtete ihm seinen Muth und verstockte sein Herz, 5 Mos. 2, 30. In noch weiterm Verstande kommt es bey dem Ottfried und seinen Zeitgenossen von der Seele und einem Geiste überhaupt, und von dem Gewissen und Willen insbesondere, mehrmahls vor.
2. * In engerm Verstande, das Gemüth in Ansehung des veränderlichen Zustandes desselben, die Gemüthsart, Gemüthsstellung. Lustiger Muth macht gutes Blut. Stolzer Muth kommt vor dem Fall, Sprichw. 16, 18. Ich mag des nicht, der stolze Geberden und hohen Muth hat, Ps. 101, 5. Ein guter Muth ist ein tägliches Wohlleben, Sprich. 15, 15. Ein betrübter Muth vertrocknet das Gebein, Kap. 16, 22. Auch diese Bedeutung ist, außer den Zusammensetzungen Demuth, Großmuth, Hochmuth, Langmuth, Sanftmuth, Edelmuth u. s. f. im Hochdeutschen veraltet.
3. In noch engerer Bedeutung, einzelne Stellungen des Gemüthes oder Begehrungsvermögens. Bey den ältern Schriftstellern kommen fast alle Leidenschaften und Gemüthsbewegungen unter dem Nahmen des Muthes vor. Bey dem Ottfried ist Gemuat die Freude, das Vergnügen; von welcher Bedeutung noch der Gegensatz Unmuth zeuget. S. auch Anmuth. Bey den Schwäbischen Dichtern kommt es von dem Grame vor.
Schiere ward si fro
Vnd ward geringet ir der Muot,
Graf Otto von Botteleuben.
Außer den Zusammensetzungen Schwermuth, Mißmuth, Wankelmuth, Wehmuth u. s. f. kommt es in dieser Bedeutung noch in folgenden Fällen vor.
1) Von der Gemüthsstellung überhaupt; doch nur noch in einigen Fällen. Dahin gehören die in der vertraulichen Sprechart üblichen R. A. zu Muthe seyn und zu Muthe werden. Wie ist dir zu Muthe? was empfindest du? Es ist mir bey der Sache nicht wohl zu Muthe, ich verspreche mir von ihr nicht viel Gutes, stehe wegen derselben in Furcht. Wie war dir da zu Muthe? Reiche wissen nicht, wie einem Armen zu Muthe ist, was der Arme empfindet.
Wem so zu Muthe wird, der fängt schon an zu lieben,
Rost.
Ingleichen, gutes Muthes seyn, aufgeräumt, heiter seyn; im Gegensatze des Unmuthes. Seyn sie heute gutes Muths, Gell. Jetzt wollen wir recht gutes Muthes seyn. Guter Muth ist halbes Leben, im gemeinen Leben. Der Übermuth ist ein ausschweifender Muth in diesem Verstande. Im Engl. ist Mood die Laune. (S. Adelung Muthig 2.)
2) Von einzelnen Gemüthsbewegungen und Leidenschaften, wo es noch in zwey Fällen üblich ist. (a) Denjenigen Gemüthszustand zu bezeichnen, da man den vorher gesehenen Hindernissen und Gefahren mit zuversichtlicher Hoffnung eines guten Ausganges entgegen gehet, und in engerer Bedeutung, die Fertigkeit dieses Gemüthsstandes; im Gegensatze der Muthlosigkeit und Zagheit. Voller Muth seyn, Muth haben, keinen Muth haben. Einem Muth machen, ihm Muth einsprechen. Einen Muth fassen, schöpfen. Den Muth sinken lassen. Einem allen Muth benehmen. Der Muth ist ihnen vergangen. Der Muth wächset ihnen. Vuahs in thaz iru Muat, Ottfried. Keinen Muth zu einer Sache oder Person haben, aus Mangel des Vertrauens, oder der Hoffnung des guten Erfolges keine Neigung zu derselben haben. (S. Adelung Muthig 1.) Heldenmuth und Löwenmuth sind Arten dieses Muthes. (b) Die Rachbegierde; doch nur noch allein in der R. A. seinen Muth an jemanden kühlen, seine Rache befriedigen, seiner Rachbegierde ein Genüge thun. Schon Ottfried sagt, thaz si gekualtin in daz Muat. Bey eben demselben ist Heizmuati Rachbegierde, und Muatdati eine in der Hitze, im Zorne begangene That. In der vertraulichen Sprechart ist es in der jetzt angezeigten R. A. häufig im Diminutivo üblich. Kühle dein Müthlein nicht, Sir. 10, 6. Das Glück scheint an dir sein Müthchen kühlen zu wollen. In noch weiterer Bedeutung ist schon bey dem Ulphilas Mods der Zorn, und modags zornig. Im Schwed. bedeutet Mod gleichfalls den Zorn, im Isländ. modga und im Angels. modian zürnen, so wie im Griech. θυμος so wohl das Gemüth als den Zorn bedeutet, und die Latein. animosus und animatus gleichfalls für feindselig und zornig gebraucht werden.
Anm. In allen obigen Bedeutungen im Nieders. Mood, im Angels. Mod und Mode, im Schwed. und Dän. gleichfalls Mod. Da fast alle Benennungen des Geistes und seiner Fähigkeiten und Wirkungen fast in allen Sprachen Figuren von der Bewegung sind, so ist es sehr wahrscheinlich, daß auch dieses Wort auf ähnliche Art gebildet worden, da es denn ein Seitenverwandter von meinen seyn, und mit demselben vermittelst eines andern Ableitungslautes von mähen, so fern es ursprünglich bewegen bedeutet hat, abstammen würde. Pflegt man doch merkliche Äußerungen des Begehrungsvermögens noch jetzt Gemüthsbewegungen, Latein. Motus animi, von movere, zu nennen. Im Gothischen ist Miton, und im Finnländ. Mötte, der Gedanke. S. Meinen. Dieß voraus gesetzt ist es sehr glaublich, daß die Bedeutung des Zornes und der Herzhaftigkeit die erste und eigentliche Bedeutung des Wortes Muth gewesen, weil beyde sich am deutlichsten durch äußere Bewegungen offenbaren, worauf es denn leicht war, alle übrige Wirkungen des Gemüthes, diese Fähigkeit selbst, und endlich den ganzen Geist und die ganze Seele mit diesem Worte zu benennen. (S. Adelung Muthig, Anm.)
Die ältern Oberdeutschen Schriftsteller gebrauchen dieses Wort sehr häufig im ungewissen Geschlechte, das Muth. Im Angelsächsischen ist es so wohl männlichen Geschlechtes ther Mod, als auch weiblichen thie Mode. Im Hochdeutschen ist es zwar für sich allein jetzt ohne Ausnahme männlichen Geschlechtes, welches auch die zusammen gesetzten Edelmuth, Gleichmuth, Hochmuth, Wankelmuth, Zweifelmuth, Unmuth, Heldenmuth, Löwenmuth, Übermuth behalten. Allein in vielen andern ist das weibliche eingeführet, wie in Großmuth, Kleinmuth, Demuth, Langmuth, Sanftmuth, Schwermuth und Wehmuth. Anmuth ist nur ein Seitenverwandter von diesem Worte, und Armuth gehöret gar nicht hierher.
Muthen, verb. reg. welches in doppelter Gestalt üblich ist. 1) * Als ein Neutrum, von welchem aber nur das Mittelwort gemuthet mit dem Zeitworte seyn, und auch hier nur im Oberdeutschen üblich ist. Gemuthet seyn, gesinnet seyn. Ich weiß nicht, wie er gemuthet ist. Wohl gemuthet seyn, gut gesinnet, ingleichen gutes Muthes, aufgeräumt seyn. Ich bin gemuthet, eine Reise vorzunehmen, gesonnen, Willens. In einigen Gegenden lautet es auch gemüthet. Im Hochdeutschen ist es unbekannt. 2) Als ein Activum, verlangen, begehren, besonders förmlich um etwas Ansuchung thun, in welchem Verstande es noch zuweilen üblich ist. Bey den Handwerkern muthet ein Gesell das Meisterrecht, wenn er um die Aufnahme in die Innung förmlich ansuchet. So auch im Lehenswesen. Ein Lehn muthen, den Lehensherren um die Ertheilung des Lehens, um die Investitur, förmlich bitten. Wer im Bergbaue eine Fundgrube u. s. f. bauen will, muß selbige muthen, d. i. um die Erlaubniß und Belehnung anhalten. Mütet er Gelaitz, verlanget er ein Geleit, im Schwabensp.
Ich wil an die reinen guoten
Lones noch genaden muoten
Als von recht en eigen man,
Kristan von Hamle;
d. i. verlangen, begehren.
Des wil ich ze Gotte muoten,
Heinr. von Frauenberg.
Es gehöret zu dem Hauptworte Muth, so fern es ehedem auch das Verlangen, den Willen bedeutete, in welchem Verstande es noch bey dem Ottfried vorkommt. S. auch Anmuthen und Zumuthen. In Vermuthen hat es noch eine andere Bedeutung, welche aber gleichfalls in dem Hauptworte Muth gegründet ist.
Daher die Muthung in allen den Fällen, wo das Activum gebraucht wird, die feyerliche Ansuchung um eine Sache. Im Bergbaue nimmt der Bergmeister die Muthung an; er bestätiget die Muthung, wenn er dem Muther wirklich die Lehen ertheilet.
Muthig, -er, -ste, adj. et adv. Muth habend, doch nur, 1) so fern dieses Wort in der dritten engern Bedeutung das glückliche Gefühl der gespannten Kräfte bedeutet, vorher gesehenen Hindernissen und Gefahren in Erwartung eines guten Ausgangs ohne Furcht entgegen gehend, und in dieser Gemüthsfassung gegründet; im Gegensatze des muthlos. Muthig in die Schlacht gehen. Ein muthiger eifriger Gefährte. Hier mußt du einen muthigen Entschluß fassen. Im Oberdeutschen ehedem muthsam. 2) So fern guter Muth in der dritten weitern Bedeutung ein freudiges Gemüth bedeutet, ist muthig munter, aufgeweckt, aus dem Gefühl seiner Kräfte, und diese Empfindungen durch äußere Bewegungen verrathend; im Gegensatze des unmuthig und muthlos. Ein muthiges Pferd. Muße und gutes Futter macht die Pferde muthig.
Anm. Bey dem Winsbeck mutie, bey dem Ottfried nur muat, im Nieders. modig, wo es aber auch stolz bedeutet, so wie das Angels. modig, in welcher Sprache auch modian stolz seyn ist. In den übrigen Bedeutungen des Wortes Muth, wo es die Gemüthsart und Gemüthsstellung überhaupt bedeutet, lautet das Beywort, wo es doch nur in Zusammensetzungen vorkommt, müthig, und im Nieders. mödig; demüthig, langmüthig, einmüthig, freymüthig, großmüthig u. s. f. Es scheinet daraus zu erhellen, daß diese erst lange nach muthig und dessen Gegensatze unmuthig gebildet worden, welches so wie Muth in der Bedeutung der Freudigkeit in Gefahren, vielleicht mehr ein Seitenverwandter von Muth, animus, als eine verschiedene Bedeutung ist.
Die Muthigkeit, plur. inus. die Eigenschaft, der Zustand, da man muthig ist; doch nur in der zweyten Bedeutung des Beywortes. Die Muthigkeit eines Pferdes. In der ersten ist Muth üblicher.
Muthlos, -er, -este, adj. et adv. des Muthes beraubt. 1) In der dritten engern Bedeutung des Hauptwortes, wo es dem muthig 1 entgegen gesetzt ist, den Widerstand gegen ein bevor stehendes Übel aus Mangel der Hoffnung eines guten Erfolges unterlassend, und darin gegründet; zaghaft. Muthlos seyn, muthlos werden. Bey dem Notker muotsiech, im Oberdeutschen auch muthfällig. 2) In der dritten weitern Bedeutung, aus Gefühl seiner Schwäche niedergeschlagen; Nieders. laatlos.
Die Muthlosigkeit, plur. die -en, der Zustand, die Eigenschaft, da man muthlos ist, in beyden Bedeutungen; ohne Plural. Ingleichen muthloses Betragen, muthloses Bezeigen.
Muthmaßen, verb. reg. act. aus wahrscheinlichen Gründen dafür halten, die Wahrscheinlichkeit in einzelnen Fällen bestimmen; vermuthen. Ich weiß es nicht gewiß, ich muthmaße es nur. Weil man ihn noch nicht gesehen hat, so muthmaßet man daraus, daß er noch nicht hier ist.
Anm. Dieses Wort kommt bey den ältern Schriftstellern nicht vor, so wie es auch den Niederdeutschen und den mit ihnen verwandten Sprachen unbekannt ist. Die Niedersachsen gebrauchen dafür gissen, von Geist, die Engelländer to guess, die Angelsachsen gaetan, S. Adelung Vergessen. Frisch führet eine Stelle aus Hedions Kirchenhist. an, voraus erhellet, daß es auch für schätzen, taxiren gebraucht worden. Die letzte Hälfte stammet mit dem Oberdeutschen ermäßigen, dafür halten, und dem Hochdeutschen ermessen, schätzen, dafür halten, begreifen, u. s. f. und vielleicht auch mit beymessen und anmaßen, aus Einer Quelle her, welche, wenigstens in Ansehung der beyden erstern, das Zeitwort messen ist. Muthmaßen wäre also mit dem Gemüthe, mit dem Verstande messen, d. i. nach dem Augenmaß, ungefähr, nach wahrscheinlichen Gründen. Muth hat in dieser Zusammensetzung die Gestalt eines untrennbaren Vorwortes, ich muthmaße. Doch verdrängt es das Augment nicht ganz, sondern läßt dasselbe vor sich treten, gemuthmaßet. Im Oberdeutschen setzt man es auch in die Mitte, muthgemaßet. Muthmaßen und vermuthen können mit Stosch immer so unterschieden werden, daß sich ersteres auf eine stärkere Wahrscheinlichkeit beziehet als letzteres, wozu die Zusammensetzung mit messen Anleitung gibt. Im Jüdisch-Deutschen bedeutet muthmaßen gewiß wissen.
Mūthmāßlich, -er, -ste, adj. et adv. nach wahrscheinlichen Gründen, in einer Muthmaßung gegründet. Muthmaßlich ist er noch nicht hier. Ein muthmaßliches Urtheil von etwas fällen.
Die Mūthmāßlichkeit, plur. inus. die Eigenschaft einer Sache, da sie muthmaßlich ist, d. i. nur allein aus wahrscheinlichen Gründen bestimmt wird, oder bestimmt werden kann.
Die Muthmaßung, plur. die -en, die Handlung des Gemüthes, da man muthmaßet; ohne Plural. Noch mehr aber, das wahrscheinliche Urtheil, die Bestimmung aus wahrscheinlichen Gründen selbst. Es ist nur eine Muthmaßung. In seiner Muthmaßung fehlen. Dabey kommt es bloß auf Muthmaßung an. Auf seltsame Muthmaßungen gerathen.
Muthvoll, adj. et adv. mit Muth erfüllt, sehr muthig.
Der Muthwille, des -ns, oder der Muthwillen, des -s, plur. inus. eines der ältesten zusammen gesetzten Wörter in der Deutschen Sprache, welches daher auch in verschiedenen Bedeutungen vorkommt. 1) * Ehedem bedeutete es so viel als das einfache Wille, in welchem Verstande es bey dem Ottfried mehrmahls vorkommt. Z. B. der Wind bläset thara imo ist muatuuillo, wo ihm muthwillig ist, d. i. wo er will; und an einem andern Orte sagt Christus seinen Jüngern then sinan Muatuuillon, seinen Willen. Eben derselbe gebraucht es aber auch für Willkühr, Lust, Neigung im guten Verstande, und bey dem Notker werden Wollüste, Vergnügungen, Muotuuillon genannt; ja der noch ältere Übersetzer Isidors gebraucht Muotuuillu sogar für das Gemüth. 2) * In engerer Bedeutung war Muthwille ehedem der freye Wille, im Gegensatze des Zwanges; in welchem Verstande es auch in guter Bedeutung in den Schriften der mittlern Zeiten sehr häufig vorkommt. Von Mutuuillen, freywillig, im Schwabensp. Jetzt gebraucht man es, 3) nur noch von einer Art der Freywilligkeit in bösen Dingen, und da ist der Muthwille eine böse Handlung, welche bloß aus Lust Böses zu thun, oder aus einem sinnlichen Vergnügen an dem Bösen, in der Absicht sich an dem Bösen sinnlich zu vergnügen, begangen wird, da er denn eine Art des Übermuthes ist, so wie Boßheit eine böse oder schädliche Handlung ist, welche aus Neigung Schaden zu thun, und in der Absicht zu schaden, unternommen wird. Muthwillen treiben. Allerley Muthwillen begehen. Ein Narr treibet Muthwillen und hats noch dazu seinen Spott, Sprichw. 10, 23. Im Buche der Richter Kap. 20, 6 wird die geschehene Schändung und Ermordung des Kebsweibes des Leviten ein Muthwille und Thorheit genannt, wo Michaelis die Ausdrücke Bubenstück und Frevel hat. Ihr verlasset euch auf Frevel und Muthwillen, Es. 30, 12. Auf daß sonst niemand an Daniel Muthwillen übte, Dan. 6, 17. Wo es auch die Fertigkeit Böses aus Lust, oder zur Lust zu thun bezeichnet. Herr laß dem Gottlosen seine Begierde nicht und stärke seinen Muthwillen nicht, Ps. 140, 9. Am häufigsten wird es im Hochdeutschen von geringern aus Lust begangenen bösen Handlungen und der Fertigkeit dazu gebraucht, welche wider kein ausdrückliches Gesetz streiten, dagegen man für diese die härtern Ausdrücke Frevel, Boßheit u. s. f. hat. Ein Kind treibt Muthwillen, wenn es aus Lust in Kleinigkeiten Böses oder Schaden thut, wo es mit Leichtfertigkeit beynahe überein kommt. In noch weiterer und gelinderer Bedeutung ist der Muthwille oft auch eine jede unschädliche, aber doch unnützliche Handlung, welche bloß aus Lust, aus Neigung zum Vergnügen begangen wird. Der Muthwille eines feinen Ohres könnte in der Musik nichts vollkommners wünschen.
Anm. Im Nieders. gleichfalls Moodwille, ehedem aber auch Sulfmood, d. i. Selbstmuth. Die Verfasser des Bremisch Nieders. Wörterb. und einige andere Sprachforscher halten die letzte Hälfte dieses Wortes für das Nieders. Wehle, welches zuweilen auch für Muthwille gebraucht wird, und mit Keros Welii, Anmuth, Vergnügen, zu unserm wohl gehöret, von welchem Worte wehlig im Nieders. stark und lebhaft bedeutet. Allein aus den erstern ältern Bedeutungen erhellet wohl unstreitig, daß unser Wille den gegründetsten Anspruch darauf habe. Die erste Hälfte scheinet entweder das Hauptwort Muth zu seyn, so fern es auch eine auf Gefühl der Stärke gegründete Lustigkeit bedeutet, oder auch das alte Beywort muat, gemuat, freudig, angenehm, lustig, da doch der Begriff der Lustigkeit mit diesem Worte nicht nur in den heutigen Bedeutungen genau verbunden ist, sondern auch in der ältern Bedeutung des freyen Willens, und des Willens überhaupt, obgleich in einem geringern Grade, angetroffen wird. In dem Schwed. Motwilja, Hartnäckigkeit, Eigensinn, ist die erste Hälfte nicht unser Muth, sondern das nordische Vorwort mot, gegen, gleichsam Gegenwille, Widerspenstigkeit, wovon im Nieders. möten, entgegen kommen, ist. Muthwille ist der Analogie und dem Alterthume gemäßer als Muthwillen.
Muthwillig, -er, -ste, adj. et adv. Muthwillen habend, begehend, in demselben gegründet, in allen heutigen Bedeutungen des Hauptwortes. Muthwillig thut ihr Unrecht im Lande, Ps. 58, 3. Ein verwöhnet Kind wird muthwillig wie ein wild Pferd, Sir. 30, 8. Wo es auch in noch weiterer Bedeutung oft vorsetzlich, mit Vorsatz bedeutet, als ein Überbleibsel der ehemahligen Bedeutung des Wortes Muthwille, da es für den freyen Willen gebraucht wurde. Muthwillig sündigen, mit Vorsatz, mit Wissen und Willen. Muthwillige Sünden, im Gegensatze der Schwachheits- oder Übereilungssünden. Einen muthwilligen Bankerutt machen. Ein muthwilliger Bankeruttier. Das ohne Noth verlängerte Oberdeutsche Nebenwort muthwilliglich, welches noch einige Mahl in der Deutschen Bibel vorkommt, ist im Hochdeutschen veraltet.
Die Muthwilligkeit, plur. die -en. 1) Der Muthwille, als ein Gemüthszustand oder als eine Fertigkeit betrachtet; ohne Plural. 2) Muthwillige Handlungen, besonders im Plural, wo das Hauptwort Muthwille nicht gebraucht werden kann; doch nur in der gelindern Bedeutung kleiner unerheblicher böser oder schädlicher Handlungen, so fern sie bloß zum Vergnügen begangen werden.
Quelle: Johann Christoph Adelung, Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Ausgabe letzter Hand, Leipzig 1793–1801, Bd. 3 (1798), S. 335-341.