Parentatio Lutheri. Eine christliche Predigt vom Herrn Martino Luthero (1592, Auszug)
Von Georg Mylius
Es bezeugen glaubwürdige Historien, ihr meine Geliebten im Herrn, dass, als Johann Hus, der heilige Märtyrer und fromme Prophet Gottes, auf dem Konzil in Konstanz von der päpstlichen Geistlichkeit zum Feuertod verurteilt wurde, weil er sich gegen die Gräuel und den Götzendienst des Papsttums ausgesprochen hatte, er als Ketzer trotz gewährtem Geleit zu Pulver und Asche verbrannt wurde. Kurz vor seinem Ende, bei Beginn seiner Marter, sprach er die römische Menge mit folgenden Worten an: „Nun denn, ihr bratet jetzt eine Gans (denn Hus soll in der böhmischen Sprache so viel wie Gans bedeuten), aber lasst nicht zu viel Zeit vergehen, denn in über hundert Jahren wird ein Schwan kommen, dessen Gesang ihr hören werdet, und diesen Schwan werdet ihr nicht verbrennen oder verletzen.“ Hus erduldete seine Marter geduldig und schloss sein Leben im seligen Glauben ab. Was er jedoch prophezeit hatte, erfüllte sich zur festgesetzten Zeit mächtig. Denn 101 Jahre nach Hus‘ Verbrennung, als das Jahr 1516 nach Christi Geburt erreicht wurde, begann der edle und reine Schwan, Dr. Luther selig, seinen schönen Schwanengesang und führte das Werk weiter, das Hus hundert Jahre zuvor begonnen hatte.
In Italien lebte ein eifriger und gelehrter Mönch, Hieronymus Savonarola, der sich ebenso ernsthaft durch Predigten und Schriften dem Papst und den Gräueln des päpstlichen Reichs widersetzte. Deshalb wurde er in Florenz lebendig verbrannt. Dieser fromme Mönch und Märtyrer soll zu Lebzeiten und kurz vor seinem Ende mehrmals prophezeit haben, dass es nicht lange dauern werde, bis die Gräuel und der Götzendienst des römischen Babylons bestraft würden und ein solcher Meister geboren werde, den die römische Tyrannei und die Werke Gottes nicht mehr aufhalten könnten. Es geschah eben in dem Jahr, als der genannte Savonarola 1498 verbrannt wurde, dass Luther in diesem Land jung geboren wurde, im Jahr 1483 nach Christi Geburt.
Es gibt auch verlässliche Berichte, dass zu dieser Zeit ein frommer, gottesfürchtiger Mönch in Eisenach in Thüringen lebte, der das Sakrament des Abendmahls nicht auf päpstliche Weise in einer einzigen Gestalt, sondern in beiderlei Gestalt, wie Christus es angeordnet hatte, empfangen wollte. Aufgrund dieser Tat wurde er in ein schweres Gefängnis gesteckt und, wie man sagt, darin zu Tode gehungert. Vor seinem Ende offenbarte er seinem Guardian eine ähnliche Prophezeiung und sagte ihm: „Wenn das Jahr 1516 erreicht wird, wird ein anderer kommen, der den Götzendienst des Papsttums und dessen schändliche Gräuel so angreifen und reformieren wird, dass sie sich davon nie wieder erholen werden.“ In eben diesem Jahr, wie zuvor erwähnt, trat Dr. Luther auf und begann, gegen die päpstlichen Gräuel zu disputieren und schlug seine Thesen hier in Wittenberg öffentlich an der Schlosskirche an.
Quelle: Mylius, Georg: Parentatio Lutheri. Eine christliche Predigt vom Herrn Martino Luthero, was Gott durch diesen seligen tewren Mann, und ausserwehlten Rüstzeug ausgerichtet, und gemeiner Christenheit für Edele Wolthat erzeiget habe / Gehalten jn der Pfarrkirchen zu Wittemberg, Anno 1592. den 16. Febr…. durch Georgen Müllern …. Wittenberg, A iij r – v. (VD 16 M 5371).