Rudolf Landau, Abraham beweint Sara (nach einem Wasserfarbengemälde von Marc Chagall). (Ein) Monolog für Gott: „Aber du ahntest es. Hast du immer. Die Liebe ahnt Schlimmes. Du sahst meinen starren Blick an jenem Morgen, der dir auswich, meine harten Züge, als ich dir nur einen flüchtigen Abschiedskuss gab, da ahntest du: ein Kuss des Vaterverrates an unsrer Liebe und am Sohn unse-rer Liebe; es passiert etwas Fürchterliches. Abraham hat in der Nacht wieder mit seinem Gott geredet, immer nachts: warum meidet Er die Sonne, das Leben, immer nachts: da, wenn es um Gefahr und lauernden Tod geht … Und du hast Isaak in die Arme genommen, es war dem Jungen ganz peinlich vor den Knechten, hast ihn nicht mehr loslassen wollen, bis ich mit eisesbrüchiger Stimme befahl: los jetzt, wir gehen …“

Abraham beweint Sara (nach einem Wasserfarbengemälde von Marc Chagall). (Ein) Monolog für Gott

Von Rudolf Landau

Sara war hundert sieben und zwentzig jar alt / und starb in der Heubtsttad die heisst Hebron im lande Canaan. Da kam Abraham / das er sie klaget und be­weinet.
Darnach stund er auffvon seiner Leich / und redet mit den Kindern Heth / und sprach / Ich bin ein Frembder und einwoner bey euch / gebt mir ein Erbbegrebnis bey euch / das ich meinen Todten begrabe / der für mir ligt.
Darnach begrub Abraham Sara sein weib / in der Hole des ackers / die zwifach ist /gegen Mamre über/das ist Hebron im lande Canaan. (Genesis XXIII)

Sara, Sara, wie klein der Tod dich gemacht hat! Wie groß du warst, als du leb­test. Eine Fürstin. Sagt’s doch auch dein Name: Sara, Fürstin! Ja, so bist du durchs Leben gegangen, geführt worden, mit mir, von Gott. Wir: das auserwähl­te Paar. Wir: die Stammeltern des erwählten Volkes, Israel.

Und wie mußten wir glauben, wie den Erwählungsglauben halten an Sein Wort, an die Versprechen, an die Verheißungen unseres Gottes. Ich, ich Abraham, ich gelte als der Glaubens­held, überall und zu allen Zeiten, da, bis hin zu den Chri­sten: „Abraham hat Gott gegleubet / und das ist jm zur Gerechtigkeit gerech­net“ – Ach was, meine Sara, du bist immer die Glaubensheldin gewesen, immer die Fürstin des Glaubens und des Gebetes, das im schwersten Zweifel nicht nur lacht, sondern sich festhält am Versprochenen auf Zukunft hin. Du bist die Für­stin der Zukunft deines Volkes.

Sara, Sara, wie klein der Tod uns alle macht. Jetzt liegst du da vor mir, ich will mit dir reden, will dir sagen, wie ich dich liebte und lieb haben werde bis an mein Ende. Will’s dir sagen, bevor sie alle kommen, Isaak, unser Sohn, und Lot, der Neffe und all die Knechte und Mägde, wenn sie dich betrauern und die Kla­geweiber mit ihrem grellen Geschreie die Ruhe wegschrillen.

Jetzt habe ich dich ganz für mich, die paar Stunden noch, bis sie kommen wer­den. Bis wir dich dann begraben, da, wo ich auch dann neben dir begraben sein will, wenn mein Leben in den Augen Gottes dunkel wird und meine Augen dun­kel werden, mit dir zu warten auf die Zukunft unseres Gottes, auf das Aufgehen seines Lichtes über all den Toten unseres Volkes.

Ach ja, das Licht unseres Gottes! Du hast es immer geliebt und drin gelebt, in dem, was er geschaffen hat, du warst verliebt in die blühenden Bäume und in die prachtvollen Obstgärten der Oasen und in den hellbraunen Wüstensand, der bis zum Horizont wogt und wellt, als wir hindurch ziehen mußten, langsam, unend­lich bedachtsam, Sandkörner wie die Sterne am Himmel; du hast den strahlend blauen Himmel und den dunklen, samtigen, mit unzählbaren Sternen übersäten Nachthimmel bewundert; aber jedesmal, wenn die Nacht hereinbrach, hast du dich gesehnt nach der weißen grell gleißenden Sonne des neuen Schöpfungsta­ges.

Denn nicht wahr, immer wenn es dunkel wurde, dann ahntest du, daß Gott wie­der mit mir redete und handelte und verabredete – und das waren dann Dinge, die du erst nicht verstandest. Damals, als Er mir versprochen hatte, wir würden Nachkommen haben, zahlreich unzählbar wie Sand in der Wüste und wie Sterne am Himmel. Und Er verlangte – Gott verlangt, Er handelt nicht lange! – daß ich, das Familienoberhaupt, mit dir und unserem Besitz auswandern sollte, wir wußten nicht mal, wohin.

„Abram“, sprach Er zu mir aus dem traumschweren geistesklaren Nachtdunkel, „Abram/ gehe aus deinem Vaterland / und von deiner Freundschafft/ und aus deines Vatershause/ in ein land/ das ich dir zeigen will.“

So hatte Er zu mir gesprochen. Und als ich es dir erzählte, da hast du nur ge­nickt. Ja, ja, du kanntest unseren Gott besser, du vertrautest Ihm, du gingst mit mir. War es deine Sehnsucht nach einem Sohn?

O wie schön du warst, wie reich, welch ein Wunder, deine Gestalt, deine Augen, dein Blick, groß und warm und wie eine Herrin dein Gang und deine Gesten, meine Fürstin; Gott war wohl ein wenig neidisch auf mich, verlangte, daß ich dich nicht mehr Sarai, meine Fürstin, sondern Sara, einfach: Fürstin nennte. Er wollte dich zur Fürstin seines auserwählten Volkes machen, hatte es längst be­schlossen, in unbeeinflußbar ewigem Ratschluß: Du allein würdest die Mutter des irdischen Gottesvolkes, in einem Sohn sollte es anfangen, unserem Sohn, Isaak. Stammmutter Sara. Du hast das geglaubt – aber es dauerte so unendlich lange, Jahr auf Jahr, Sommer auf Winter und kein Frühling einer Schwanger­schaft. Nicht wahr, meine Sara, da kommt man ins Zweifeln, da wird der Glaube klein und gebrechlich, ganz dunkel wird er manchmal, wie du jetzt im Tode, ganz verdunkelt klein, still, verschlossen. Auf diesem Weg aus allen Bindungen heraus.

Und fröhlich bist du mit mir aus- und fortgezogen, warst mein irdisches Weggestirn, meine Weggenossin und meine Glaubensstärke, wenn ich, der Glaubens­held Abraham, der kinderlose „Vielervater“, einsam, mürrisch, zweifelnd, auf­geben wollte. Ja, ja mit dem Maul sind wir groß, wir Männer, mit dem Kopf auch, mit dem Ranschaffen von Besitz und von Vieh und Knechten und Mäg­den. Wir sind reich geworden, Vieh und Geld besitzen wir wie Sterne am Him­mel, aber der Sinn unsres Weges, der versprochene Erbe, der fehlt, die Zukunft hat ein Loch. Und du, du hast das richtige Wort, das gläubige, dafür immer ge­habt: das ist Gottes Segen, sagtest du, nicht unser Verdienst, Sein Geschenk: „Ich glaube, dass Er uns geschaffen hat samt allen Kreaturen und mit allem, was not tut uns reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt“; komm, Abraham, laß uns zu unserem verhei­ßenen Erbe weiter ziehen, komm. Was hätten wir verdient, Abraham, was zu verlangen von Gott, dem heiligen und gerechten und dem Schöpfer Himmels und der Erde, was denn? Du warst eine singende, eine dankende Fürstin; wenn ich brummte und zornig herum schrie mit den Knechten, ja gar, wenn ich dich zornig anschrie, ungeduldig brennend nach der Einlösung Seines Versprechens, ach, Sara, dann sahen deine rund verwunderten Augen mich groß an, um den Mund zuckte ein Lächeln, als wolltest du sagen: du Kind, du Winzling, du Abraham, du begreifst nicht mal deinen Namen, der auf Zukunft weist: Vater der Menge, was ja nur heißen kann: der dir von Gott geschenkten Menschen und Vater des Volkes, das noch werden soll. Begreifst du denn nicht, Abraham, daß alles erbeten, erlitten, erglaubt werden muß, daß dein Name Verheißung ist, et­was Zukünftiges, was Gott uns gnädig schenken will, der barmherzige Vater, gnädig und von großer Güte, Er allein? Deshalb sei nicht so ungeduldig, sei mu­tig, sanftmütig, großherzig, geh deinen Gottesweg, Er wird uns führen, mit lau­terer Güte.

Und dann sprachst du, Sara, ach meine Fürstin, dann sprachst du meinen Namen ein bißchen anders aus, lächelnd sagtest du nicht Abraham, sondern Abracham, und dann wußte ich: ja, ja, es ist wahr, ich bin ein Vater der Gnade, Vater des gnädigen, barmherzig geduldigen Gottes im Himmel, der es nur gut mit uns meint. Du gabst mir aus deinem Glauben Anteil und hast mich erinnert, wieder und wieder, in guten wie in bösen Zeiten, wenn ich ungeduldig wurde und mit Gott haderte, daß er so unendlich lange auf die Erfüllung Seiner Versprechen warten ließ, die ich doch meinte längst verdient zu haben mit meinem Gehor­sam, da sagtest du: Abracham, Gnadenvater des Gnadengottes – und aus Gnade geschah es dann auch, gelobt sei Gott, da hat er uns besucht und erlöst aus War­ten und Zweifeln, weißt du noch? –

Dieser flirrend heiße Tag dort in Mamre, unserem geliebten Bleibeort, jetzt dann bis zur Auferstehung der Toten. Du warst im Zelt, ich saß müde und schwitzend vor mich hin dösend und hin sinnierend unter einer weit ausladenden Eiche. Da, in der weißgrellen Hitze, ich dachte zuerst, eine Fata Morgana sei es, die sich, eine große Gestalt, dreifach sich spiegelnd in der flimmernden Luft, auf mich zu bewege, da tauchten sie auf und kamen näher, drei Männer. Gäste. Ich ging ih­nen entgegen, habe sie begrüßt, lud sie ein, denn Gastrecht steht vor allem an­dern, außer vor der Liebe. Hätte ich je denken können, das sei Gott? Gott bei uns? Wir haben es ja auch erst nachher bemerkt, als Sie wieder gegangen waren, wir zurückblieben, erinnerst du dich, allein mit dem Wort, der bekräftigten Ver­heißung im Ohr und im Herzen: „ich wil wider zu dir komen / so ich lebe/ sihe / so sol Sara dein weib einen Son haben.“

So hatte er zu mir gesagt. Du hattest es gehört. Nicht, weil du neugierig lausch­test, Sitte und Anstand vergessend. Die Leute meinen immer, du habest ge­lauscht, wärest neugierig; aber nicht doch, du bist eine Herrin, edel, brauchst nicht zu lauschen auf Männergespräche und zu schwatzen wie ein Waschweib und solche Weiber, die über andere herziehen und sich das Maul verreißen, nein, nein, du nicht, Sara. Du hattest ja in deinem Herzen und auf deiner Zunge ande­re Dinge und andere Worte, die dich bewegten. Du hattest Worte der Zuneigung und der Liebe und der Wahrheit und der Dankbarkeit und großen Gottvertrau­ens. Die bewegten dich und die bewegtest du in deinem Innern. Und die Sehn­sucht, daß Gott deinen Glauben stärke und deine Gebete erhöre. Da, wenn man betet zu Ihm, da hat man ja keine Zeit und keinen Raum für böse, schneidende und scheidende Wörter und Gedanken, da redet man mit Gott von den andern und schwätzt nicht über die andern. Da bringt man sie alle vor Gott und nicht vor das Scharfgericht der tratschigen Zungen. Ach, du Fürstin der Wahrheit und der guten Worte, wie schön du warst, wie gut; jetzt, jetzt bist du still, schweigst immerzu. Tot.

Nun, damals. Du hast diese Worte Gottes oder seines Boten dort in Mamre ge­hört und hast gelacht. Gelacht. Warum? Weil du nicht glaubtest, was er sagte? O nein, o nein. Du hast gelacht, weil du glücklich warst, dich freutest. Weil du ge­nau wußtest: Sein Wort ist wahr und trüget nicht, Er hält gewiß, was Er ver­spricht, unser Gott. Deshalb lachtest du, kichertest gar ein bißchen, freutest dich schon auf die Nächte, die wir beieinander lägen, irgendwann würde der verhei­ßene Sohn gezeugt in Lust und Liebe, der Sohn des reizenden Lachens, das Gott angerichtet hat, und dann wird, wenn er geboren sein wird, auch wieder unser Mund voll Lachens sein.

Und du weißt es, weil ich in dem Moment dem dreifachen Gastgott dreifach glaubte, hatte ich auch den Mut, gegen seinen Zorn über das Böse und die Sünde in Sodom und Gomorrha aufzubegehren, ihn an die Menschen, die von solcher Macht besessen sind, zu erinnern und mit ihm zu handeln, Gnade um Gnade, Lachen gegen Weinen, Zukunft gegen Ende auszureizen in dem gnädig mir ge­währten Bittgespräch. Später haben böse, schmutzige, Mörderisches sinnende und Gottes Gnade lästernde Zungen behauptet, ich sei da wie ein typischer Ju­denhändler aufgetreten, habe gefeilscht. Ach, wenn die wüßten, das ich auch um ihr Heil, um den abgewendeten Zorn Gottes über alles böse Tun und Trachten der Menschen gehandelt, ja, nein: wirklich gefeilscht habe – mein typisches, glaubensmutiges, aus der Freude über Gottes erneuerte gültige, menschenweite Verheißung geborenes Abrahamfeilschen, den Völkern allen zum Segen: Vater vergib jnen / denn sie wissen nicht was sie thun …

Ach, Sara, wie ich dich liebe. Ja, und dann wurde er geboren – die Geschichte mit der Hagar und dem Ismael, die übergehe ich jetzt. Denn jetzt ist er da, unser wahrer Sohn, der versprochene, der Anfang des verheißenen einen einzigen Got­tesvolkes, der von dir mit Lachen erwartete Erst- und Einziggeborene: wenn Gott durch viele Not und viele Zweifel auch seine Verheißungen dann doch wahr macht, nicht wahr, Sara, dann haben wir gut Lachen, wir Gotteskinder! Der Sohn. Der trägt dein Lachen im Namen – und schon allein darum war jenes Lachen ein glückliches, schier ungläubig fröhliches, Antwort auf Gottes Verhei­ßung und auf alle Verächter seines Wortes; und er trägt deine Freude in seinen Augen, es ist ein wahres Gottes – Sara – Kind, ein Fürst auch; Isaak haben wir hin genannt, so ungefähr heißt sein Name: Gott macht mich lachen, Gott macht mich glücklich, Gotteslächeln. Welch schöner Name, in dem Gott vorkommt, ja aus dem Er selber heraus lächelt in seine Welt.

Und dann ist dir das vergangen, das Lachen, nicht wahr, meine Sara? Die schwärzesten Stunden deines Lebens! Die Leute erzählen davon, die Knechte haben geplaudert, sie erzählen sie als meine, des großen Abraham, große Glau­bensprüfungsstunde. Ich, der Mann, der Abraham, ich hätte fest geglaubt und habe Gott beweisen wollen, daß ich alles Ihm gäbe, restlos alles und fraglos ge­horsam, Ihm beweisen wollend, dass Er zu recht auf mich gesetzt habe, dafür gäbe ich Ihm selbst meinen eingeborenen Sohn, sein Gotteslächeln auslöschend, Ihm opfernd.

Welch eine blutrünstige Sache dber doch, mich schaudert bis ins Mark; Gott fordert den Sohn zurück! Wie gut, daß ich dir nichts gesagt habe, als wir aufbra­chen, zum Berg Moria. Zwei Knechte, darunter der gute Elieser, der treueste, und Isaak und ich.

Aber du ahntest es. Hast du immer. Die Liebe ahnt Schlimmes. Du sahst meinen starren Blick an jenem Morgen, der dir auswich, meine harten Züge, als ich dir nur einen flüchtigen Abschiedskuß gab, da ahntest du: ein Kuß des Vaterverrates an unsrer Liebe und am Sohn unserer Liebe; es passiert etwas Fürchterliches. Abraham hat in der Nacht wieder mit seinem Gott geredet, immer nachts: war­um meidet Er die Sonne, das Leben, immer nachts: da, wenn es um Gefahr und lauernden Tod geht… Und du hast Isaak in die Arme genommen, es war dem Jungen ganz peinlich vor den Knechten, hast ihn nicht mehr loslassen wollen, bis ich mit eisesbrüchiger Stimme befahl: los jetzt, wir gehen …

Ach, ich kann diese Geschichte nur erzählen, nichts hilft, sie zu deuten, alles, was man später über sie, den Schrecken mildernd, das Entsetzen aufheben wol­lend, gesagt hat, erreicht nicht die grenzenlose Schweigsamkeit und das herzzer­reißende vertrauensvolle Fragen des kleinen Sohnes und seine feste Kinderhand, in meine Vaterhand geschmiegt beim Aufstieg auf den Berg. Dir, meiner Sara, habe ich erzählt, meine Sara, nur dir, von dem Kampf mit Gott, dem mörderi­schen – ich kann nicht… Von meinem Glauben, Hoffen, Zittern, Zagen, meinem stillen schreienden Verhandeln mit Gott auf dem Wege da hinan zur Schädel­stätte des Verheißungsglaubens. O nein, ich war wahrhaftig kein glaubensstarker Held, meinen ganzen Glauben hätte ich weggeworfen, wenn der Sohn gerettet würde; warum er? O, dieser abgrundtiefe Blick ins Schweigen des Gottes, der befiehlt und dann gehen läßt. O, dies zaghafte elende Aufgeben des Widerstan­des im scheinbaren Einwilligen: wie Du willst. Aber will Er denn? Daß dies ge­schieht? Wirklich?

Geht unser Gott, der mit uns ging von Haran her, denn gegen sein eigenes ge­schworenes Wort an, gegen sein Versprechen, gegen seine Vaterliebe – von Mutterliebe ganz zu schweigen? Du, Sara, Mutter, hättest sofort verweigert, so­fort hättest du Nein! geschrien in den Himmel; Nein!, du Teufel, nicht mein Sohn. Die Götzenanbeter mögen in den feuerfressenden Götzenöfen ihre Kinder opfern, die selbstsüchtigen Menschen im Opfer ihren egomanen Vorteil suchen – aber nicht meinen Sohn. Kein Kind. Niemals. Nirgends. Nicht unserm Gott. Er kann es nicht wollen.

Ach Sara, nicht mein Glaube hat den Isaak gerettet. Mein Glaube, der Erzväter­glaube, der Glaube aus Erz, der scheinbar starke, aber erbarmungslose Glaube hätte ihn getötet, und mit ihm Gott in mir und im Himmel, und ich wäre gleich den Götzenopferern und Er nur einer der menschenverachtenden Götzen; und ich hätte ihn geopfert, dort oben; das Messer blitzte schon in meiner Hand, ich hätte das unausdenkbar Unaussprechliche getan – weil er es ausgesprochen hatte und ich wäre Ihm hörig gewesen, den leibhaftigen geliebten Sohn opfernd für ein weiteres dann aber alptraumhaft unsicheres neues Versprechen dieses Opfer­gottes. Aber wie hätte ich zu dir zurückkehren können? Ohne den Sohn? Wie noch weiter mit dir leben, zusammen, zwischen uns der gemordete Sohn der verheißenden Liebe? Und in meinem Herzen, ausgestrichen, ja zerrissen, der versprochene Bund mit dem Erben der Verheißungen; in Flammen aufgegangen auf blutbesudeltem Opferaltar der Bund des Friedens für ein Volk, in dem Ge­rechtigkeit, Güte, Barmherzigkeit wohnen, gestiftet wieder und wieder vom ver­sprechenden Gott und an dessen Stelle Streit und Haß und sinnloses Opfern von Menschen und Völkern auf den Altären der Blutgötter und ihrer siegesgewissen Verehrer.

Wußte Gott das? Manchmal ist Er so unendlich fern, nicht wahr? Wir denken dann, Er sähe uns nicht und höre uns nicht und kümmere sich um nichts und niemanden, Er sei ein von unseren Wünschen gemachter toter Gott. Alles ginge aber in der Welt und mit uns seinen tödlichen Gang. Ohne ihn. –

O Gott, was wäre, wenn die Mütter nicht wären, die dann noch beten, wenn die angeblich so glaubensstarken Männer alle schon aufgegeben haben und Dich nur noch hochheben, damit sie selber hoch gehoben werden von den Gläubigen? Die Dich einkesseln und fesseln in ihre Gedanken, Sätze, Riten, Ordnungen und Dich wie eine Monstranz ihrer todbringenden Selbstgewißheiten vor sich her tragen? Was wäre Gott ohne die Mütter, die Fürstinnen des Lebens, was? Nicht wahr, Sara, meine Liebe, dein Lachen erstickte an jenem Morgen vor der Mor­genröte blieb es in der Schwärze des Unausdenkbaren stecken. Dein Lächeln ge­fror in der vom Berg heranschleichenden Eiseskälte, kalte Angst packte dich, du nahmst Abschied im Grauen, von uns, und wohl auch von Gott. Wenn dem Isaak etwas geschieht, ich werde Dich verleugnen, Gott, ich werde Dich verach­ten, werde Dich bespucken und Deinen Namen besudeln, Gott, wenn mein Gotteslächler nicht zurück kommt, werde ich Dich hinausstoßen und heimatlos und lächerlich machen. Sara, ach, du wußtest ja nicht, was nun geschehen sollte! Du ließest uns ziehen. –

Als wir zurück kamen. Da warst du nicht zu sehen.

Deshalb erzählt diese Geschichte auch nichts von dir. Du bliebst im Zelt, wie damals, als der dreifältige Gott mit seinem Liebesschwur kam. Später hat man erzählt, in deinem Volk Israel, unter den Nachkommen Isaaks, da, als wir zurück gekommen seien, da sei ich zu dir und habe dir erzählt, was passiert sei, da ha­best du, so erzählt man sich, aber es stimmt ja nicht, Gott sei Dank, da habest du einen spitzen, hellen, eiskalten Schrei ausgestoßen und seist vor Schreck, mit versteinertem Herzen, sofort tot umgefallen.

Das ist nicht wahr. Es war anders. Was die andern sahen, als du aus dem Zelt tratest, nein gebückt heraus kamst, nach Tagen, was ich jedoch gesehen hatte, sofort, als ich zu dir kam nach jener Geschichte auf dem Berg Moria, das war: Du warst völlig abgemagert, und, viel schlimmer: dein schönes schwarzes Haar, es war ganz grau. Grau geworden, aschenes Grau, so wie du jetzt vor mir liegst, meine Liebe. Grau geworden über Nacht, im Kampf mit Gott aschenfarben ge­worden, damit das Grauen vorübergehe und Isaak wiederkäme.

Und ich weiß jetzt: Du hast, als ich Isaak auf den Berg führte, er vertrauensvoll mit mir hinan schritt, als wir den Altar bauten und das Holz schichteten, als ich ihn fest schnürte und zum Geopfertwerden band, er mich mit riesigen Augen an­sah, es ihn durchschauerte vom plötzlichen Wissen, was der Vater, sein geliebter Vater, zu tun willens sei, als er das Messer im aufreißenden Wolkenlicht blitzen sah – da hast du einen fürchterlichen Kampf mit Gott ausgetra­gen. Einen Ge­betskampf, wie ich ihn nie kämpfen könnte, gegen den mein Handeln und Ver- handeln um Sodoms Rettung nur ein leichtes Spiel war, einen Kampf auf Gottes Leben und Tod hast du gekämpft mit ihm um Isaaks Leben und Gottes Zukunft, hast den Kampf für das Volk, das aus ihm entstehen sollte, Israel, gekämpft, dass es komme, bleibe und lebe und Gottes Knecht werde, Zeuge seiner wahren Worte, selbst im tiefsten unauslotbar fürchterlichen Leiden seinen Namen zu heiligen. Du hast, Sara, du hast Gott besiegt. Du, dein Gebet, nicht mein Gehor­sam, wie die Leute erzählen, die ja immer meinen, Gott rechne Gehorsam gegen Hilfe auf, wie die Götter es tun, um sich am Gehorsam und scheinbar freiem willentlichen Entscheid der Menschen für sie zu weiden und um immer wieder die Menschen zu schlachten und auszuwaiden, wie es die Tyrannen tun.

Nein, du hast um Isaak gekämpft wie eine Löwin um ihr Junges, hast Gott dein Leben angeboten als Lösegeld, wenn Er das des einzigen Sohnes verschone, hast in das Gehorsam fordernde Herz Gottes hinein deine Mutterliebe und deine Sehnsucht und deinen Glauben gerufen, geschrien, geweint – bis er sich erbarm­te, wie sich ein Vater über Kinder erbarmt. Und nun muß jeder wissen, seit je­nen Tagen ist in Gott dieser unbezwingliche väterliche und mütterliche Liebes­wille unüberwindbar – auch gegen sich selber – anwesend, hat Gott gemerkt, was es bedeutet, wenn eine Mutter um ihr Kind fleht und kämpft. Du bist drüber grau geworden, meine Sara, aschefarben, aber du konntest wieder lächeln. So hast du zu mir gesagt, als du wieder mit mir sprachst, mir vergeben hattest, mich wieder ansahst, da sagtest du mit einem leisen Lachen: Du, Abraham, Mann vie­ler Worte und vieler Menschen und Tiere Herr, jetzt ist dein und mein Gott an­ders, jetzt ist er mütterlich geworden. Nicht rechthaberischer Mann und nicht herrische Frau, sondern Vater und Mutter. Das wird dem Isaak und all seinen Kindern und Kindeskindern zugute kommen. Jetzt weiß Gott, wie es einer Mut­ter zumute ist, wenn ihr Kind sterben soll. Und den Menschenkindern, wie sie nach der Mutter rufen, wenn die weibischen Männer und männermordenden Frauen sie für sich selber opfern auf ihren Machtspielschlachtfeldern. Jetzt, jetzt lächle ich wieder, sieh, Er hat mir mein Lachen neu zubereitet. Ja, ja als du da zurückkamst mit dem Isaak, meinem Gotteslächler, da war mir, als hörte ich weit voraus, zu einer andern Mutter gesagt, dies in Worte gefaßt, was ich erleb­te: „Und es wird ein Schwert durch deine Seele dringen / auff das vieler Hertzen gedancken offenbar werden“!

Ich sehe in ferner Zukunft, aber als sei es jetzt schon, wie Er selber leiden wird, mehr noch, als ich jetzt gelitten habe. Wie Gottes Herz umgewühlt wird und wie Er die Hände wringt in wilder, ungestümer Liebe zu unserem Volk und dem Volk, das er noch erwählen wird; immer wieder, weil sie allesamt so böse, so ungebärdig, so unleidlich sich von ihm lossagen werden, so elend ohne ihn ver­kommen werden, leidet Gott, das Herz zerreißt es ihm vor Liebe.

So sagtest du, Sara, da warst du mir weit voraus in der Sicht Gottes, denn du hast ja mit ihm gekämpft und gerungen um Isaak. Und weißt nun, so wird ein­mal einer mit ihm kämpfen und ringen um die ganze Menschenkinderschar, ein Lebensfürst und ein barmherziger Sohn wird ringen mit dem Vater und wird ge­hen und dem Vater ein ewiges Volk erwerben durch sein Leiden und Sterben auf dem Opferaltar des unheiligen Kreuzes. Aber das ist noch lange hin, noch lange. Und dein Gebet, denn kein Muttergebet verhallt ungehört, da bin ich ganz ge­wiß, dein Gebet trieb den Widder in den Dornbusch. Dein Gebet, auch, wenn Gott selber seine Erfüllung bestimmt, die Art, wie er erhören will, ließ Gott den Rettungsengel schicken und das Rettungswort laut ausrufen zur rechten Sekun­de, bevor das Messer kalt durchschnitten hätte die weiße Kehle des Knaben, ge­nau da, bevor sein Blut spritzen und alles zunichte machen konnte, was an Ver­heißungsleben in ihm und mir war, da war dein mütterliches, löwinnenhaftes, fürstliches Schreien und Beten hinaufgefahren in Gottes Herz und wandelte sei­nen Sinn im Augenblick und ich hörte seine Stimme: „Lege deine Hand nicht an den Knaben / und thu jm nichts“.

O Sara, jetzt kommt dann Isaak, der ersehnte, der versprochene, der durch dei­nen Kampf wieder gegebene Sohn. Seine tote Mutter zu beweinen. Söhne müs­sen ihre Mütter beweinen, die so oft um sie geweint haben, nicht wahr! So allein ist es der gnädige Lauf der Welt, wie Gott ihn anordnet, die Söhne und Töchter beweinen ihre Väter und Mütter, weil die um sie viel geweint, stark gekämpft, für sie gebetet, sie im Glauben erzogen und unterwiesen haben. Und so soll und wird es geschehen, überall und zu allen Zeiten in seinem Volk auf Erden: „Er richtete ein Zeugnis auff in Jacob / und gab ein Gesetz in Israel/ Das er unsern Vetern gebot zu leren jre Kinder / auff das die Nachkomen lerneten, und die Kinder die noch solten geborn werden. / Wenn sie auffkemen / das sie es auch jren Kindern verkündigeten. / Das sie setzten auff Gott jre hoffnung und nicht vergessen der thatten Gottes / und seine Gebote hielten“.

Das ist Mütter- und Väteramt, die Kinder zum Glauben an den lebendigen, hei­ligen und gerechten und nun doch in Liebe zu den Menschen, seinen Geschöp­fen, umgetriebenen Vater im Himmel anzuhalten.

Das hast du getan, meine Sara, Mutter des Volkes Israel und Stammutter des kommenden eingeborenen Gottessohnes. Denn einmal, wird aus unserem Bun­desvolk ein Sohn kommen, der wird sterben wollen und müssen. Damit durch diesen Sohn ein Gottesvolk auf Erden entstehe, zu dem dann alle gehören, die Ihm vertrauen, Ihm glauben und Ihn anbeten und loben zur Ehre des Vaters im Himmel. Und in dessen wahrem Namen werden alle Opfer, mit denen Menschen sich und ihren Göttern Menschen und Lebewesen opfern, ein für allemal ungül­tig, zunichte gemacht, unter strengstes Gottesverbot gestellt sein.

Sara, Fürstin deines Volkes, des Volkes Gottes, jetzt laß ich dich. Ich Abraham, durch dich erfüllte Gott meinen Namen, Vater der Menge, Vater der Gnade. Du gehst ins Grab, ich komme nach, Gott wird zusehen, was aus uns wird. Aber es wird gut werden, denn dein Lachen, das Gotteslachen, lebt weiter und dann, wenn wir die Augen auftun und ihn, unsern Gott, sehen werden, dann wirst du noch mal Recht bekommen, wirst gerechtfertigt sein, wie ich, Mutter Sara, und „denn wird unser mund vol lachens und unser zunge vol rhuemens sein/ Da wird man sagen unter den Heiden/ Der HERR hat grosses an jnen gethan.“ Ja, Sara, ja, „Der HERR hat Grosses an uns gethan /Des sind wir frölich“!

Quelle: Manfred Oeming/Walter Boes (Hrsg.), Alttestamentliche Wissenschaft und kirchliche Praxis. Festschrift Jürgen Kegler, Münster: LIT, 2009, S. 357-364.

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