Ein Heiliger. Über Niklaus von Flüe
Von Karl Barth
Unsere katholischen Mitschweizer und die übrige katholische Welt sehen einer Handlung ihrer Kirche entgegen, deren Vollzug heute bereits beschlossene Sache ist und die vermutlich um die Zeit des Friedensschlusses Ereignis werden wird: der Heiligsprechung des Unterwaldner Einsiedlers Klaus von Fluehe. Er hat seinen Zeitgenossen im fünfzehnten Jahrhundert durch die Art, in der er den Christenglauben persönlich zu leben und darzustellen versuchte, tief und allgemein Eindruck gemacht. Er hat in gefährlichster Stunde heilsam in den Gang der eidgenössischen Dinge eingegriffen. Er soll verschiedene Wunder getan — er soll z. B. in seinen letzten Jahrzehnten ohne jede leibliche Nahrung gelebt haben. Es ist bemerkenswert, daß seine Person auch noch bei den schweizerischen Protestanten des folgenden Jahrhunderts in ehrenvollem Andenken stand. Dieser Mann soll nun, nachdem er schon längere Zeit den Namen eines „Seligen“ trug, durch dieselbe Instanz, durch die er ihm verliehen wurde, nämlich durch den römischen Papst, auch noch als „Heiliger“ ausgerufen werden.
Es wäre keine gute Gleichgültigkeit, wenn wir schweizerischen Reformierten uns nicht Rechenschaft darüber gäben, was das bedeutet. Und es wäre keine gute Toleranz, wenn wir nicht auch offen bekennen würden, was wir davon denken müssen.
Ein Heiliger im Sinn der katholischen Kirche ist eine verstorbene Person, von der man folgendes sicher zu wissen meint: Er ist in seiner Leistung und vor allem in seiner Entsagung, in seinem Gebet und in seinem Werk, in seiner Hingabe und in seiner Demut, in der ganzen Art, in der er die Liebe Gottes erwidert hat, ein Christ nicht nur, sondern ein christlicher Held gewesen. In ihm hat Christus so Gestalt gewonnen, ihm war die Gnade Gottes so zugewendet und er hat sich ihrer als so würdig erwiesen, daß er nicht nur für sich selber der ewigen Seligkeit teilhaftig, sondern darüber hinaus in den Stand gesetzt wurde, in der Weise mit Christus zu herrschen, daß er bei Gott für die noch auf Erden Lebenden oder im Fegfeuer ihrer Reinigung entgegengehenden Glieder eintreten, nämlich wirksame Fürbitte einlegen kann. Wenn der Papst den Bruder Klaus „heilig sprechen“ wird, dann wird er damit verkündigen, daß diesem Menschen durch die ihm zuteil gewordene besondere Erhebung von selten Gottes und dank der von ihm selbst erworbenen Verdienste die übernatürliche Stellung und Funktion eines himmlischen Vermittlers von allerlei Gnade, Hilfe und Heil zukommt. Ihm gebührt eine Verehrung, die, obwohl sie von der Verehrung Gottes zu unterscheiden ist, über die natürliche Verehrung eines sonst ausgezeichneten Menschen doch weit hinausgehen muß. Zu seiner Ehre und auf seinen Namen können Kirchen gebaut, können in Kirchen Altäre errichtet, können besondere Messen gelesen, über sein Leben kann gepredigt, zu seinem Grab oder zu anderen durch ihn oder für ihn geweihten Stätten kann gewallfahrtet werden. Der sichtbare Anknüpfungspunkt für diese Verehrung sind seine Reliquien, d.h. die Überreste seines Leichnams, seiner Kleider und dergleichen, sind aber auch seine Bilder. Man kann und darf Gott nun eben unter dem Namen und in der Gestalt dieses von Gott begnadeten Menschen ehren. Und mit seiner Verehrung kann sich dann auch seine Anrufung verbinden. Man kann in dem Sinn zu ihm beten, daß man ihn eben um seine Fürbitte angehen kann. Da der Heiligen sehr viele und verschiedenartige sind, bietet sich dem Gläubigen auf Erden ein weites Feld von Gelegenheiten. Die einfachste Verbindung ist die zwischen einem jeden und seinem himmlischen Namenspatron. Es gibt aber auch, entsprechend den Interessen und der Lebensleistung der verschiedenen Heiligen, himmlische Schutzpatrone für allerlei allgemeine irdische Angelegenheiten, Verhältnisse, Orte, Personenkreise kirchlicher oder weltlicher Art: der Bruder Klaus ist bekanntlich als besonderer „Landesvater“ der Schweiz in Aussicht genommen. Es gibt aber darüber hinaus auch alle möglichen frei gewählte und geordnete Verhältnisse zwischen hüben und drüben, die unter Umständen einer Art heiterer Kameradschaft zwischen dem himmlischen und dem irdischen Partner sehr ähnlich sehen können. So kommt es, daß es kleine und große Heilige gibt — die größte, das Urbild und die Königin von allen ist die Jungfrau Maria —, wichtige und weniger wichtige, bekannte und fast oder ganz unbekannte, angesehene und vergessene und wohl auch ein paar „wunderliche“ Heilige: ein ganzes himmlisches Heer mit allen Gradstufen, das zur Durchführung, Erleichterung, Unterstützung und Ausgestaltung des Lebens der Kirche und des Umgangs der Menschen mit Gott bereitsteht und tätig ist. Ob dieser und jener zu diesem Heer gehört, das zu wissen ist ursprünglich und eigentlich Gottes Sache, der ihn dazu berufen und ausgerüstet und dessen Vertrauen er so vorzüglich gerechtfertigt hat. Die Kirche seiner Umgebung pflegt es aber angesichts seines „heiligmäßigen“ Verhaltens (wie im Fall des Klaus von Fluehe) oft schon zu seinen Lebzeiten zu vermuten. Wenn es sich dann — es braucht dazu ein eigentümliches und ziemlich kostspieliges Gerichtsverfahren — beweisen läßt, daß sich im Zusammenhang mit seinem Grab oder seinen Reliquien einige unverkennbare Wunder (gewöhnlich Krankenheilungen u. dgl.) zu– getragen haben, dann kann eben der Papst zu seiner feierlichen Heiligsprechung schreiten. Und wenn das geschehen ist, dann weiß es außer Gott auch die ganze Kirche, dann ist es darüber hinaus der ganzen Welt gesagt, daß dieser und dieser ein Heiliger war und also der „Ehre der Altäre“ teilhastig ist, als anerkannter himmlischer Nothelfer angerufen werden kann. Der „Kult“ dieses Heiligen, die Wallfahrt zu seinem Grab, die vielleicht im stillen schon seit Jahrhunderten üblich war, kann dann in aller Öffentlichkeit ins Werk gesetzt werden. Das ist das Ereignis, dem die katholische Schweiz jetzt nach langen Bemühungen erwartungsvoll entgegensieht.
Wenn wir uns über diese Sache ein Urteil bilden wollen, dann dürfen wir es sicher nicht davon abhängig machen, ob sie uns schön oder nicht schön, klug oder töricht vorkommt und also gefällt oder nicht gefällt. Die Frage ist die, ob sie der christlichen Wahrheit entspricht oder nicht entspricht.
Und nun ist eines zum vornherein klar und auch von den Katholiken zugestanden: daß man in der Bibel nach dergleichen Heiligen, nach der Aufforderung oder Erlaubnis, sie in der hier vorgesehenen Weise zu verehren und anzurufen und nach dergleichen „Heiligsprechungen“ vergeblich suchen würde. Die Sache gehört jedenfalls zu den vielen Zieraten, mit denen die katholische Kirche das von den Propheten und Aposteln bezeugte Wort Gottes nachträglich auszuschmücken für richtig gefunden hat. Sie hat es denn auch nicht gewagt, die Beteiligung an diesem merkwürdigen Spiel (mit Ausnahme des. Marienkultes freilich) als für den Christen geradezu notwendig zu erklären. Was sie ernstlich verlangt, ist nur dies, daß man seine Rechtmäßigkeit anerkenne und nicht in Frage stelle. Aber eben diesem ernstlichen Verlangen müssen wir noch ernstlicher widersprechen. Wir können uns nicht damit begnügen, den Katholiken zu sagen, daß sie es in dieser Sache nach ihrem Glauben und auf ihre Verantwortung halten möchten wie sie wollten, nur daß sie uns dabei in Ruhe lasten möchten. Wir halten es für ehrlicher und auch für liebevoller, ihnen zu sagen, daß wir ihnen widersprechen, daß wir jene vermeintliche Ausschmückung für eine gefährliche Verfälschung des Wortes Gottes halten müssen.
Indem wir die Bibel befragen und uns an die Antwort der Bibel halten, glauben und bekennen wir nämlich, daß der Heilige Geist-Gottes des Vaters und des Sohnes Gott so mit seinen Geschöpfen verbindet, ihn aber auch so von allen seinen Geschöpfen unterscheidet, daß er Gottes Namen so „heiligt“ allen anderen Namen gegenüber, daß gerade Verehrung und Anrufung allein ihm selber und allein ihm direkt gebühren kann. Wir sehen nicht ein, wie hier irgendeine Teilung, Abstufung, Vermittlung möglich und erlaubt sein soll. Wir sehen auch nicht ein, daß und inwiefern es ihrer bedürfen soll. Wir sehen nicht ein, daß es für die Welt, für die Kirche und für jeden einzelnen Christen und Menschen etwas noch Besseres geben könnte als dies: sich direkt in der Hand und Fürsorge Gottes selber zu befinden und zu wissen. Nachdem der heilige Gott sich selbst in Jesus Christus zum Vermittler aller Gnade, zu unserem Fürsprecher, Schutzpatron und „Landesvater“ gemacht, haben wir keinen anderen nötig, ist es eine seltsame Beleidigung Gottes, einen anderen neben ihm — oder ihn unter dem Namen und in der Gestalt eines anderen — als Vollbringer desselben Werkes auszurufen. Was soll dieser andere, was soll an dieser Stelle ein heiliger Mensch oder ein ganzes Heer von solchen, nachdem die Vermittlung für alle Zeiten aufs allervollkommenste geschehen ist? Was soll die Fürsprache eines Heiligen, nachdem Gott selbst sich ein für allemal für uns ausgesprochen hat? Was soll sein Schutz, nachdem es doch am Kreuz von Golgatha geschehen ist, daß wir endgültig und unüberwindlich geschützt wurden? Der heilige Klaus wird uns doch nicht etwa vor dem heiligen Gott schützen müssen und sollen? Das Spiel mit dem himmlischen Heer der Heiligen ist ein Spiel mit dem Gedanken, daß man der Gnade Gottes in Jesus Christus doch nicht ganz und ausschließlich vertrauen könne. Darum können wir uns nicht daran beteiligen. Darum können wir die Warnung (an die Katholiken, aber auch an allerlei Protestanten, die an diesem Spiel etwas Schönes finden könnten) nicht unterdrücken: daß es bester unterlasten würde.
Es ist wohl wahr, daß es auch nach dem Zeugnis der Bibel heilige Menschen gibt. Man kann aber doch unmöglich übersehen, daß das im Neuen Testament ganz einfach und allgemein die Bezeichnung der Christen ist. „Es grüßen euch alle Heiligen“, heißt es z. B. am Ende des 2. Korintherbriefs, und die da gegrüßt werden, sind nach dem Anfang desselben Briefs „Alle Heiligen in ganz Achaja“. Sie sind nach Joh. 17, 19 dadurch Heilige, daß Christus sich (indem er für sie starb) für sie geheiligt hat. Sie alle! Von einem besonderen christlichen Heldentum, das einzelne von ihnen zu Heiligen gemacht hätte, während andere von ihnen es nicht gewesen wären, sagt das Neue Testament kein Wort. Und so auch nichts von einer ihnen zugedachten Vermittler- und Fürsprecherrolle im Jenseits, so auch nichts von einer ihnen künftig zuzuwendenden Verehrung und Anrufung. Es gibt wohl Unterschiede unter den Heiligen, nämlich verschiedene Berufungen, Ämter und Gaben. Es gibt auch Unterschiede ihrer Treue; sie machen es nötig, daß es ihnen allen immer wieder in Erinnerung gerufen werden muß: daß sie, so heilig wie sie es sind, wirklich sein möchten. Es gibt auch Unterschiede des Maßest in welchem die Heiligkeit der Heiligen leuchtet oder verborgen ist. Es gibt darum wohl besondere Heilige, für deren Existenz die anderen auch besonders dankbar sein dürfen. Wir würden mit den Protestanten des 16. Jahrhunderts nichts dagegen haben, den Bruder Klaus als einen solchen besonderen Heiligen in Ehren zu halten. Es gibt ja sicher Christen, die mit ihrem Zeugnis für alle oder doch für lange Zeiten „leuchten wie des Himmels Glanz“, wie man es so dann gewiß nicht von allen anderen auch sagen kann. Das alles ändert aber nichts daran: gerade Heiligkeit ist nach dem Zeugnis der Bibel keine Besonderheit der einen Christen vor den anderen, sondern das Besondere Gottes und Jesu Christi seines Sohnes: in diesem Einen ihnen allen zugesprochen ohne Frage nach Verdienst, Würdigkeit und Auszeichnung, in diesem Einen für sie alle das Geschenk reiner göttlicher Barmherzigkeit. Gerade, die besten Christen waren immer die, die das am besten gewußt haben. Und gerade in Anerkennung der Demut dieser wahrhaft Heiligen hätte man sie damit verschonen müssen, sie zu Gegenständen der Verehrung und Anrufung der anderen zu erheben. Was war denn ihre wirkliche Heiligsprechung anderes als ihre Taufe auf den Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes? Ob es mit dem jahrzehntelangen Fasten des Bruders Klaus und ob es mit den unbegreiflichen Heilungen an seinem Grab seine Richtigkeit hat oder nicht — gerade den heiligen Klaus macht auf alle Fälle dies und nur dies aus, daß er im gleichen Sinn und in der gleichen Kraft wie jeder andere arme Sünder, dem Gott das durch seinen Geist bezeugen wollte, von dessen freiem Erbarmen leben durfte. Das war es, was auch ihm in seiner Taufe verheißen wurde. Und das ist es, was, wenn er denn ein Heiliger war, an ihm in Erfüllung gegangen ist. Was kann das ganze Heer der Heiligen anderes tun als bezeugen, daß eben darin und darin allein alle Wahrheit und alles Heil, alle Gnade Gottes für den sündigen Menschen beschlossen ist? Wie können die Heiligen anders mit Christus herrschen, als indem sie ihm mit diesem Lobgesang die Ehre geben? Wie sollten dagegen aus den Erlösten aus einmal Erlöser oder auch nur Miterlöser, aus den Vätern und Brüdern im Glauben auf einmal unsere Fürsprecher und Schutzpatrone werden? Ist es nicht sonnenklar, daß man ihnen gerade damit, daß man sie zu solchen erhebt, nicht nachfolgt, ihnen gerade damit das abspricht, was sie allein groß machte? Das Spiel des in Rom vollzogenen Heiligsprechungsprozesses ist ein übles Spiel mit dem Gedanken, daß dem Menschen über die Heiligkeit der heiligen Taufe hinaus nun doch noch etwas Höheres und Besseres zugesprochen werden könnte. Dieses Höhere kann nur ein Geringeres, dieses Bessere kann nur ein Schlechteres sein. Darum können wir an diesem Spiel nicht teilnehmen. Darum rufen und warnen wir: dieses Spiel sollte unter Christen überhaupt nicht gespielt werden. Es ist auch unter diesem Gesichtspunkt gesehen eine Beleidigung der göttlichen Gnade, die dadurch angeblich gefeiert werden soll. Wir sagen das nicht gegen, sondern für den Bruder Klaus. Wir sagen es zu seiner Ehrenrettung gegen einen Angriff, dem er jetzt ausgesetzt ist.
So müssen wir von zwei Seiten her dafür halten, daß die Sache mit dem heiligen Klaus, so wie sie jetzt in der katholischen Kirche behandelt wird, der christlichen Wahrheit nicht entspricht. Und wir glauben dabei gerade den heiligen Klaus auf unserer Seite zu haben.
Quelle: Leben und Glauben, 19. Jahrgang, Heft 45 (1944), S. 8-9.