Frühlingsoffenbarung
Das Blau des Himmels ist unfasslich neu –
es wölbt sich höher als an andern Tagen
und die Kastanien, die schon Grünes tragen,
sind plötzlich sanfter, doch nicht mehr so scheu
als sie im Winter waren, da sie froren …
Sie haben auch ihr Alter ganz verloren
und eine Kindschaft bricht aus ihrem zarten Halten,
wie sie mit ihren Zweigen etwas neu gestalten,
so wie ein Inneres von einem Tempelraum …
Wir sehn sie an und denken nicht mehr: Baum!
Und wenn aus ihrer Kronen grünem Traum
auf einmal Gottes Worte strömend brächen,
wir würden nicht erschrecken, würden kaum
uns wundern, wenn die Zweige leise sprächen!
So sehr ist überall die Seele eingezogen
wie eine Offenbarung, wie ein Kern!
Die toten Dinge werden gänzlich überwogen
von neuem Leben, werden einbezogen
ins große Anfangswort aus Gott dem Herrn!
Quelle: Christine Lavant, Werke in vier Bänden, Band 3: Gedichte aus dem Nachlass, herausgegeben von Klaus Amann und Doris Moser, Göttingen: Wallstein Verlag, 2017.
wunderschön!