Von Kornelis Heiko Miskotte
„… Und siehe, es war sehr gut“. Das kann niemand nachsprechen. Die Mächte und die Götter stehen als Höllenwächter Posten vor dem Paradies der Unmittelbarkeit. Darum findet sich im Alten Testament auch kein unmittelbares Lob auf das Leben. Desto lauter erklingt das Lob Gottes. Mit tausend Stimmen, in einer Tonart.
Der Grund dieses Lobes ist kein anderer als dieser: ER ist gut. Und die Welt ist gut. Sie ist gut für den Zweck, gut nach ihrer Bestimmung: die Güte Gottes zu offenbaren. Erkenntnis und Leben sind miteinander gerechtfertigt.
Daraus erwächst Freude, disparat, hier und da, als Vorzeichen der Freude. Für viele war auch unter dem Schweigen der Götter noch Freude vorhanden; selbst in dem sterilen Wirbel des Nihilismus sind noch Vorzeichen der Freude erhalten geblieben. Denn JHWH ist gut, und in Ihm ist kein Unrecht. Auch als der Verkannte bleibt Er treu. –
Oft ist unser versunkenes Empfinden der Freude (als des Wesens des Daseins) wieder erweckt worden durch das Ebenmaß und Gleichgewicht eines Kunstwerks. Die Kunst „ist der gnadenvollste Abglanz der archaischen Seelenkräfte im Exil, in der Diaspora auch noch des modernen Lebens. Jedes Mal, wenn uns beim Erlebnis irgendeines Kunstwerkes jene so schwer mitteilbare Entzückung anrührt, dann werden die zersplitterten Seelengewalten des goldenen Zeitalters in uns für einen Augenblick wieder gesammelt… Jedes echte Gedicht hat die Macht, in einem befähigten Empfänger einen längst verlorenen Zustand seltsamer Wonne hervorzurufen.“[1] Schön gesagt, aber eines in diesem Ausspruch ist unvereinbar mit dem alttestamentlichen Zeugnis: daß die Freude als Erinnerung an das goldene Zeitalter, an eine leuchtende vor-geschichtliche Vergangenheit genommen wird. Biblisch gedacht, wird die hier umschriebene Erfahrung nicht als ein Nachglanz eines Vergangenen, sondern als ein Vorzeichen der Zukunft verstanden werden. Die Güte der Welt ist versiegelt unter dem Geheimnis des kommenden, des zukünftigen Tages. An der Interpretation der Freude, die uns in der Schönheit gegeben wird, scheiden sich erneut die Geister. Man kann nicht ohne die Gefahr des Mißverständnisses sagen, die Interpretation sei hier von geringerem Belang. Das ist wohl wahr, wenn man auf die Gunst des Augenblicks, auf die Gabe der Entzückung blickt. Sie wird jeweils ausgeteilt ohne Ansehen der Person; und darin ist auch der Sinn des Lebens beschlossen. Achten wir jedoch dabei auf die suggestive Vorstellung, es handle sich in dieser Erfahrung um den Nachglanz der Prähistorie, so springt ins Auge, wieviel Wehmut notwendig mit dem Erleben von Schönheit, mit dem Empfangen von Freude verbunden sein wird.
Im Geiste des Alten Testaments muß man sagen, daß alle Freude nur Vorfreude ist und alle Schönheit ein Hinweis auf das letzte Heilsgeheimnis: „Siehe, ich schaffe neue Himmel und eine neue Erde“. Die Schönheit ist ein Abglanz und ein Unterpfand der Hoffnung; und das Kunstwerk spiegelt ein futurum. Insofern ist alle Kunst „futuristische“ Kunst. Wollen wir einen anderen zentralen Begriff, den der Dankbarkeit, aufnehmen, so ist darauf hinzuweisen, daß der Dank im Alten Testament wesentlich der Dank dafür ist, daß es etwas zu hoffen gibt. „Wir heißen euch hoffen!“; wir sind Erben der Zukunft, weil wir – wie das Hören der Thora erweist – Kinder der Freiheit sind; auch im Gebot liegt die freie Bahn nach der Zukunft erschlossen. Und was uns im Kunstwerk berührt, bewegt und ergreift, ist die proleptische Austeilung des Lohnes der Freiheit. Und der Lohn der Freiheit ist die endgültige Freiheit: der Sabbat der Welt. Und seine Austeilung findet statt in der Vollmacht, bei dem Hindurchzug des Wortes Gottes, unter dem Gang der großen Erzählung, in welcher alles beschlossen ist, auch ein undenkbarer Anfang und ein unvorstellbares Ende, – in welcher alles umgriffen ist von der Mitte der Zeiten her.
„An dem Tage wird der Herr einer sein und sein Name einer, denn der Herr wird König sein über die ganze Erde.“ — „Und es wird an dem Tage geschehen, daß da nicht das köstliche Licht und die dichte Finsternis sein wird, sondern es wird ein einziger Tag sein, der dem Herrn bekannt ist; es wird weder Tag noch Nacht sein; und es wird geschehen zur Zeit des Abends, daß es licht sein wird“ (Sach. 14, 9. 6 f.).
„Und JHWH Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl bereiten … und er wird auf diesem Berge die Hülle wegtun, damit alle Völker verhüllt sind, und die Decke, damit alle Heiden zugedeckt sind. Er wird den Tod verschlingen in den Sieg; und JHWH Elohim wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird die Schmach seines Volkes von der ganzen Erde hinwegnehmen, denn JHWH hat es geredet“ (Jes. 25, 6 ff.).
Die Kunst ist in ihrer Qualität als futuristische Konzeption, als Antizipation einer geretteten und gereinigten Realität, ein Vorzeichen dieser Freude. Und darum ist unserem Herzen keine Kunst näher als die, welche, im vollen Sinne, Zukunftsmusik ist.
Dies ist ein Morgen ohne Morgenrot,
Dies ist ein Mittag mitten in der Nacht.
…
Und ich begriff, daß ich auf neue Weise
Für jedermann verständlich reden kann:
Dies ist der jüngste Tag, und seine Reise
Hebt hinterm Kuppeldach des Bahnhofs an!
O Amsterdamer, kommt aus den Spelunken,
Der Wohnungsnöte Zeiten sind vorbei –
Ihr Frauen, kommt zum Vorschein …
… Ihr seid so morgenfrisch, ’s ist eine
Momentaufnahme von der Ewigkeit,
Ihr seid drin abgebildet als die neuen
Bewohner einer neuen Erdenstadt,
Darin man tauchen kann, wie der da Kiemen,
Und steigen kann, wie der da Flügel hat;
Denn welche Tiefen auch der Blick vermute
Und welche Höh’ sich schwindelnd selbst entweicht, –
Die Brunnen sind so leuchtend wie das Gute,
Alles Bestehnde ist himmlisch geeicht.
O, Städter, tretet her aus euren Tiefen:
Die Straße hat ein Fremdling eingeweiht,
Der mit des Morgensternes Stimm euch rief in
Die ewigen Gärten seiner Seligkeit.[2]
Es mag manchen verwundern, wenn wir gerade auf den Bahnen des Alten Testaments schreitend, die Beziehung zwischen Prophetie und Geschichte gekrönt sehen durch Vorzeichen, Antizipationen eines definitiven Heils für die Welt. Audi dieser Ausblick scheint sich, wenn man von einem isolierten Neuen Testament herkommt, nicht mit solcher Dringlichkeit nahezulegen. Indem sich die Zeit zwischen Pfingsten und Parusie in die Länge zieht, tritt die Wahrheit der alttestamentlichen Strukturen erneut hervor, und so auch diese, daß sich das Eschaton in der qualifizierten Geschichte präsent setzt als überzeitliche Freude in der Zeit. Ein Festhalten dieser Präsenz für unser Bewußtsein gibt es nur vermittels dessen, was wir „Kunst“ nennen – ein hilfloses Wort für alle die Formen, in denen ein „zum Rühmen Bestellter“ unter der Regierungsgewalt des großen Hindurchzuges sich zu äußern pflegt.
Nun gilt indessen auch das Umgekehrte: daß die Kunst selber ihrem Wesen nach nur zu verstehen ist als ein Zeichen der Antizipation, welche ein Abglanz der Zusage Gottes ist: „Siehe, ich schaffe neue Himmel und eine neue Erde“ (Jes. 65,17). Denn noch ist ja nicht realisiert, was der Baum des Lebens, der Wald des Friedens, für die Menschen sein will. Die Chokma ist „wie“ der Lebensbaum, sie breitet sich aus über bestimmte Menschen und bestimmte Regionen und bestimmte Zeiten; noch kann sie nicht das Leben bieten, von dem die Heiden zu leben geträumt haben, jenen unmittelbaren Zugang zu den Geheimnissen des geschaffenen Daseins und jene volle Erfüllung der Sehnsucht der in sich guten menschlichen Natur.
Obwohl die Weisheit der Lust am Tode die Wurzel abschneidet und das tragische Bewußtsein aufhebt, macht sie doch kein Hehl daraus, daß noch ein Riß klafft zwischen hier und dort, zwischen dem von Gott besuchten und versöhnten Leben und dem verherrlichten Sein. Wenn die Prophetie dann von neuem die Chokma übersteigt, wird sie notwendig zur „Poesie“ (wie in Jes. 9,11 und 25 und in Apk. 5, 19 und 21). Dann liegt in dem Ton ihrer Stimme aber auch etwas Gewagtes und etwas Einsames. Sie ruft, je und je, nach göttlicher Bestätigung.
Es sind die Propheten, die, mehr als die Weisen, mittragen an dem Leid der seufzenden Kreatur. Sie sind es, die von der Zukunft wissen, welche, obwohl sie sich in ihren Vorzeichen im Heute präsent setzt, dennoch das Heute unendlich überbietet. Wenn die Prophetie davon spricht, wird ihre Sprache fremdartig wie ein spielerisches Moment in allem Ernst, einsam wie ein Tun, das sich durch keine Erfahrung, auch keine Glaubenserfahrung, rechtfertigen läßt, dann wird auch sie – Kunst.
Quelle: Kornelis Heiko Miskotte, Wenn die Götter schweigen. Vom Sinn des Alten Testa-ments, aus dem Holländischen übersetzt von Hinrich Stoevesandt, München: Chr. Kaiser, 1963, S. 366-369.
[1] Franz Werfel, Zwischen oben und unten, 1946, S. 176.
[2] Guillaume van der Graft, Dies illa, aus dem Gedichtband „Mythologisch“, 1950. Übersetzung von Rudolf Alexander Schröder.