Gottfried Bachl, Jede Verheißung, dass morgen auf der Welt eine menschenfreundliche Ordnung gelten wird, die Leben und Glück garantiert, kommt zu spät. In jedem künftigen Haushalt unserer Kultur werden die Listen der Opfer hängen. Wenn es nicht dazu kommt, dass sich die Menschheit zu den Blaumeisen zurückzüchtet, wird sich immer wieder der Geist zu Wort melden.

Jede Verheißung

Von Gottfried Bachl

Jede Verheißung, dass morgen auf der Welt eine menschenfreundliche Ordnung gelten wird, die Leben und Glück garantiert, kommt zu spät. In jedem künftigen Haushalt unserer Kultur werden die Listen der Opfer hängen. Wenn es nicht dazu kommt, dass sich die Menschheit zu den Blaumeisen zurückzüchtet, wird sich immer wieder der Geist zu Wort melden. Der Widersacher der nur auf sich erpichten Seele wird die Tatsachen nennen. Er wird das strömende Leben anhalten zu einem Augenblick der Aufmerksamkeit. Der Geist wird sagen, dass er die Namen derer kennt, die vom Tisch des Lebens gestoßen worden sind. Er wird behaupten, dass die Vergangenheit keine Schutthalde ist, die wir grün überwachsen lassen, sondern die Tiefe der Zeit, wo der stumme Schrei der Opfer verborgen ist. Der Geist wird einsehen, daß die Geschichte nichts ist als die ungeheuerlich anwachsende Frage nach Gott, ob er wohl das Wunder der neuen Schöpfung tun wird über den Feldern der Vernichtung.

Quelle: „Auch Dinge haben ihre Tränen“. Texte von Gottfried Bachl und Günter Rombold, Bilder von Herbert Friedl. Mit einem Vorwort von Kardinal Franz König, Innsbruck-Wien: Tyrolia-Verlag, 1988.

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