Von der Illusion eines erfüllten Lebens. Eine Bußpredigt: „Mit der Rede von der Erfüllung soll dem Leben in seiner Zeitlichkeit ein positiv verbleibender Sinn verliehen werden, wobei jedoch der bevorstehende Tod außer Acht gelassen wird. Im Tod ist ein Mensch sich selbst nicht länger sein Lebensgefäß. Ein Toter kann all die Erlebnisse nicht länger fassen und damit für sich behalten.“

Von der Illusion eines erfüllten Lebens. Eine Bußpredigt

Von Erfüllung wird allenthalben geredet, seien es persönliche Lebensträume oder Wünsche, die sich erfüllt haben oder noch erfüllt sein möchten oder gar der Anspruch auf ein eigenes erfülltes Leben. Was ist jedoch mit „Erfüllung“ gemeint? Bezogen auf das Leben ließe sich von positiven Erlebnissen reden – das eigene Leben angefüllt mit nachhaltigen Erfahrungen, gelungenen Entdeckungen, schönen Erinnerungen, gekonnten Errungenschaften, erarbeiteten Erfolgen und eben auch intensiven Erlebnissen, die je für sich wie auch in der Summe gutgeheißen werden.

Leben in Erlebnisfülle – daran sei die Frage angeschlossen, wie sich die Erfüllung zur eigenen Lebenszeit verhält. Kann man im Verlauf des eigenen Lebensweges mit fortschreitendem Alter zu dem Schluss kommen, nun sei das eigene Leben wirklich erfüllt? Bei solch einer Einschätzung müsste es ja heißen: „Mehr geht nicht mehr. Weitere Erlebnisse können meinem Leben nichts Gutes hinzufügen.“ Junge Menschen vermögen sich eine Lebenserfüllung in ferner Zukunft, vielleicht 50 Jahre später, vorzustellen, scheint ihr „Lebensgefäß“ doch noch viel „Füllraum“ für gute Erlebnisse zu bieten. Aber wer selbst im fortgeschrittenen, wenn nicht gar in einem betagten Lebensalter ist, wird nicht unbedingt von einer letztendlichen Erfüllung des eigenen Lebens sprechen, sofern er oder sie nicht das eigene Lebensende herbeisehnt.

Ist jemand mit der eigenen Lebenssituation im Allgemeinen zufrieden, steht dieser oder jene zukünftigen Erlebnissen weiterhin positiv gegenüber. Bildlich gesprochen erhöht sich im fortschreitenden Alter der obere Rand des eigenen „Lebensgefäßes“, sodass man für neue Erlebnisse weiterhin offen und damit eben (noch) nicht seines Lebens überdrüssig ist. Erst wo körperliche bzw. seelische Einschränkungen und Krankheiten das eigene Weiterleben beschwerlich machen bzw. positiv zu empfindende Erlebnisse hemmen, wächst die Lebensmüdigkeit bzw. Lebenssattheit, die es mit dem eigenen Leben bzw. Weiterleben gut sein lassen will.

Wird „gefäßlich“ von einer Erfüllung des Lebens gesprochen, soll den Erlebnissen Bleibendes zugesprochen werden: Leben verfließt nicht, verliert sich nicht mit der Zeit, sondern reichert sich kontinuierlich an und gewinnt damit an „Fülle“. Im Bild einer Sanduhr fände sich die Erfüllung im unteren Glaskolben, als würden sich dort Erlebnisse körnchengleich aufhäufen. Doch die Sanduhr stellt zugleich die Lebenserfüllung infrage, wenn der obere Glaskolben in den Blick genommen wird. Mit der Zeit entrinnt einem das noch verbleibende Leben. Anstelle einer Erfüllung entleert sich das eigene Leben, bis es im Tod sein Ende findet.

Mit der Rede von der Erfüllung soll dem Leben in seiner Zeitlichkeit ein positiv verbleibender Sinn verliehen werden, wobei jedoch der bevorstehende Tod außer Acht gelassen wird. Mit drastischen Worten wird im Buch Kohelet jeglicher Lebenserfüllung widersprochen: „Bevor der silberne Faden zerreißt und die goldene Schale zerspringt und der Krug an der Quelle zerschellt und das Schöpfrad zerbrochen in die Zisterne fällt und der Staub zurückkehrt zur Erde, wie es gewesen ist, und der Lebensgeist zurückkehrt zu Gott, der ihn gegeben hat. Flüchtig und nichtig, sprach Kohelet, alles ist flüchtig.“ (Prediger 12,6–8) Im Tod ist ein Mensch sich selbst nicht länger sein Lebensgefäß. Ein Toter kann all die Erlebnisse nicht länger fassen und damit für sich behalten. Wer dennoch von Lebenserfüllung(en) spricht, sucht sich um den eigenen Tod zu betrügen.

In der Bibel wird einem „erfüllten Leben“ nicht das Wort geredet. Wenn mit Bezug auf das Jesus-Wort in Johannes 10,10 von einer „Fülle des Lebens“ die Rede ist, handelt es sich dabei um eine verfehlte Übersetzung: „egō ēlthon hina zōēn echōsin kai perisson echōsin“ stellt „Leben (zōē)“ und „Überfluss/Übermaß (perissos als substantiviertes Adjektiv, nicht plērēs!)“ nebeneinander, so dass es auf Deutsch zu heißen hat: „Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und Überfluss.“ So hat es Martin Luther 1545 übersetzt: „Jch bin komen / das sie das Leben vnd volle genüge haben sollen.

Die religiöse Rede von einer „Lebensfülle“ bzw. von der „Fülle des Lebens“ dürfte erst im 18. Jahrhundert gängig geworden sein. Wo der religiöse Lebensbezug in der Moderne gesellschaftlich verblasste, trat ab Ende des 19. Jahrhunderts die säkulare Redeweise von einem „erfüllten Leben“ in den Vordergrund. Mit ihr soll die tödliche Endlichkeit irdischen Lebens als selbstzweckhafte Finalität überhöht werden, um nicht die „hinfälligen“ Worte des Predigers gelten lassen zu müssen: „Das Geschick der Menschen und das Geschick des Viehs, ein und dasselbe Geschick wird ihnen zuteil. Wie dieses stirbt, so sterben jene, und denselben Odem besitzen sie alle: Der Mensch hat vor dem Vieh nichts voraus; denn alle sind ein Windhauch. Alle fahren zu dem gleichen Ort. Alle sind aus Staub entstanden und alle kehren zum Staub zurück.“ (Kohelet 3,19f; Übersetzung Otto Kaiser)

Hier der Text als pdf.

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