Heinrich Vogel, Die Kirche in der Bresche. Predigt zu 1.Mose 18,20-33 (1949): „Wer erkennt, dass diese unsere Welt von Gott bedroht ist? Wer erkennt, dass sie allein durch Gottes Gnade zu retten ist! Wer wagt das, was Abraham wagte, was Mose und Daniel an ihrem Ort und zu ihrer Zeit wagten, was die priesterliche Kirche, die auf den einen ewigen Hohenpriester blickt, wagen darf und muß: mit dem barmherzigen Gott für die von dem zornigen Gott bedrohte Welt zu ringen?! Sie kann sich nicht in den frommen Winkel, in die sakrale Abgeschlossen­heit zurückziehen, sie kann nicht verleugnen, dass Gott nicht nur für ihre Sünden, sondern für die der ganzen Welt in den Riss getreten ist.“

Die Kirche in der Bresche. Einführung in das Wort „Gebt Gott recht“

Von Heinrich Vogel

Und der Herr sprach: Es ist ein Geschrei zu Sodom und Gomorra, das ist groß, und ihre Sünden sind sehr schwer. Darum will ich hinab­fahren und sehen, ob sie alles getan haben nach dem Geschrei, das vor mich gekommen ist, oder ob’s nicht also sei, daß ich’s wisse.
Und die Männer wandten ihr Angesicht und gingen gen Sodom, aber Abraham, blieb stehen vor dem Herrn und trat zu ihm. und sprach: Willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen? Es möchten vielleicht fünfzig Gerechte in der Stadt sein; wolltest du die umbringen und dem Ort nicht vergeben um fünfzig Gerechter willen, die darin wären? Das sei ferne vor dir, daß du das tust und tötest den Gerechten mit dem Gottlosen, daß der Gerechte sei gleich wie der Gottlose! Das sei ferne von dir, der du aller Welt Richter bist! Du wirst so nicht richten.
Der Herr sprach: Finde ich fünfzig Gerechte zu Sodom in der Stadt, so will ich um Ihrer willen dem ganzen Ort vergeben.
Abraham antwortete und sprach: Ach siehe, ich habe mich unterwunden zu reden mit dem Herrn, wiewohl ich Erde und Asche bin. Es möchten vielleicht fünf weniger denn fünfzig Gerechte darin sein: wolltest du denn die ganze Stadt verderben um der fünf willen?
Er sprach: Finde ich darin fünfundvierzig, so will ich sie nicht ver­derben. Und er fuhr fort mit ihm zu reden und sprach: Man möchte vielleicht vierzig dann finden. Er aber sprach: Ich will ihnen nichts tun um der vierzig willen. Abraham sprach: Zürne nicht, Herr, daß ich noch mehr rede. Man mochte vielleicht dreißig dann finden. Er aber sprach: Finde ich dreißig darin, so will ich ihnen nichts tun. Und er sprach: Ach siehe ich habe mich unterwunden mit dem Herrn zu reden. Man möchte vielleicht zwanzig darin finden. Er antwortete: Ich will sie nicht verderben um der zwanzig willen. Und er sprach: Ach zürne nicht, Herr, daß ich nur noch einmal rede. Man möchte viel­leicht zehn darin finden. Er aber sprach: Ich will sie nicht verderben um der zehn willen.
Und der Herr ging hin, da er mit Abraham ausgeredet hatte; und Abraham kehrte wieder um an seinen Ort.
1. Mose 18, 20—33

Da wird uns in jenem vor unser aller Augen und Ohren immer noch aufgeschlagenen Buch eine ebenso ungeheuerliche wie wundersame Ge­schichte erzählt: von jenem Geschrei, das aus der Sünde der beiden Städte zu Gottes Ohr empordrang, und von einem Menschen namens Abraham, der hären durfte und mußte, was doch nur Gott hören kann! Aus einem unbegreiflichen, wahrhaftig nicht in der Qualität dieses Menschen begrün­deten Erbarmen ließ Gott ihn das Unerträgliche wissen. Dieser Mensch konnte daraufhin nur noch eins tun: vor Gottes Angesicht stehenbleiben und das Unerträgliche vor Gott ausbreiten, auf Gott werfen! Er wagte es, mit Gott zu handeln, ihn sozusagen herunterzuhandeln auf jene lächerlich kleine Zahl von zehn Gerechten, um derentwillen Gott dann wirklich die ganze Stadt zu verschonen versprach! Er redete mit Gott von seiner Ge­rechtigkeit sehr menschlich. Er behaftete ihn bei den „Unschuldigen“ — was der Mensch so darunter versteht! —, die Gott doch nicht mit den Schul­digen unterschiedslos umbringen dürfte und könnte! Er trat wahrhaftig in die Bresche, und daß er das tat. ist — moralisch und religiös geredet — einfach unerklärlich Der einzige Grund dafür liegt darin, daß Gott ihn um die Bedrohung der beiden Städte durch den Zorn Gottes wissen ließ, ja. und — in dem Geheimnis, daß lange nach diesem Menschen Abraham ein Mensch kommen sollte, durch den Gott selbst in den Riß trat, um die Welt mit sich selbst zu versöhnen!

Das ist der Text, von daher hören wir heute — wir Menschen nach 1945 — die Frage: Wer tritt in die Bresche? Daß die Welt von 1949 geradezu grauenerregend gefährdet, von Selbstvernichtung bedroht ist, das weiß ja wohl nachgerade jedes Kind, und das pfeifen die Spatzen von aen Dächern alle1* Rathäuser und Kirchen! Daß nicht nur unsere ganze sogenannte Kultur, sondern unser physisches Dasein von der Gipfelung des technischen Fortschrittes die man Atombomb nennt, bedroht ist, das steht m jeder Zeitung, mitsamt den- verzweifelten Versuchen, die unheim Uchen Gebilde rechtzeitig zu entschärfen! Wer aber weiß, daß unsere Welt der verweigerten Buße, der Selbstrechtfertigung und Selbstherrlichkeit, des Selbsterlösungswahnes und der politischen Religion, — von Gott bedroht ist — ja, von dem lebendigen Gott, der seiner nicht spotten läßt, und wer weiß um das auf uns wartende Geheimnis seines Gnadenangebotes ? Wer weiß das dort, wo man auf den Konferenzen mit allen Sicherheitsprogrammen und Rettungsaktionen so eklatant gescheitert ist? Und wer weiß das da, wo das Gericht geradezu exemplarisch hereinbrach, in diesem unserem deutschen Volk?! Wer hon, was der Mensch nur als ein Hörer des Wortes Gottes mit Gott hören und wissen darf und kann- jenes zu Gott aufsteigende Geschrei aus einer Welt, die lebt, als ob Gott nicht lebte, und die trotz allem und nach allem den Religionskrieg ihrer vergangenen Weltanschauungen mitsamt der zugehörigen unmenschlichen Methodik verfallen ist?!

Die Welt droht jetzt wahrhaftig an der falschen Fragestellung zugrunde zu gehen. Ost und West, Bolschewismus und Kapitalismus, Kollektivismus und Individualismus, und wie das alles lautet! Da steht Menschenbild wider Menschenbild, und — man irre sich nicht! — da steht Götterbild wider Götterbild. Daß die einen sich als radikale Atheisten verstehen und die anderen als die Verteidiger des christlichen Abendlandes, dürfte wahr­haftig nicht das Letzte sein, was in dieser Sache zu sagen ist‘ Tatsache ist jedenfalls, daß die beiden D-Züge aus den entgegengesetzten Richtungen aufeinander zurasen und wir uns mitten dazwischen befinden in dem Gefühl, daß die uns gelassene Strecke und Zeit nur noch sehr kurz sein kann! Nun — wir wollen hier keinen Prognosen verfallen und insbesondere keinem Pessimismus, der ja auch nur eine Form des menschlichen Enthusias­mus ist! Wir wissen uns nicht dazu gerufen, auf Grund von Geschichts­deutungen uns prophetisch zu gebärden! Der Mensch denkt, und Gott lenkt! Zu einem aber wissen wir uns gerufen: die falsche Fragestellung, von der die ganze Welt in einer geradezu unheimlichen Weise gebannt ist, zu durchbrechen und die ganz schlichte, bis auf den Grund hinuntergehende Frage zu hören, die der Gott an uns stellt, der in Jesus Christus für uns in den Riß trat: Wer tritt in die Bresche? Wer erkennt, daß diese unsere Welt von Gott bedroht ist? Wer erkennt, daß sie allein durch Gottes Gnade zu retten ist! Wer wagt das, was Abraham wagte, was Mose und Daniel an ihrem Ort und zu ihrer Zeit wagten, was die priesterliche Kirche, die auf den einen ewigen Hohenpriester blickt, wagen darf und muß: mit dem barmherzigen Gott für die von dem zornigen Gott bedrohte Welt zu ringen?! Sie kann sich nicht in den frommen Winkel, in die sakrale Abgeschlossen­heit zurückziehen, sie kann nicht verleugnen, daß Gott nicht nur für ihre Sünden, sondern für die der ganzen Welt in den Riß getreten ist. Sie kann gerade angesichts all der Gottlosigkeit, Verstocktheit, Selbstsucht, Macht­sucht, Habsucht und Unmenschlichkeit nicht mit religiös-moralischer Em­pörung reagieren! Gerade die Kirche Jesu Christi kann nicht das Feuer Gottes vom Himmel auf die Welt, die Christus ausstößt, herabwünschen, sie muß ein Ohr haben für die Stimmen des Hungers und Durstes, der verborgenen Erwartung und Sehnsucht. Was in die falsche Richtung geschrien wird, muß sie als in die rechte Richtung, die Richtung Gottes, gemeint hören In der radikalen Solidarität mit der Ratlosigkeit und Ausweglosigkeit der Welt, aus der sie selbst ja nicht herausgenommen ist, muß sie es wagen, Kirche für die Welt zu sein. Wenn keiner schuldig sein will, so muß sie wissen und bekennen, daß wir durch Schuld jedes Recht zu reden vor Gott und Menschen verwirkt haben! Wenn die Selbstrechtfertigung in den trotz allem und nach allem sich noch behauptenden „ismen“ des Abendlandes — nicht nur den politischen, sondern auch den kirchlichen — ihre grotesken Orgien feiert (bis hin zu einem neuen Antisemitismus!), — dann muß sie das rettende Herrengeheimnis der Wahrheit respektieren, die einen Namen hat, den einzigen: Jesus Christus!

Diese Kirche in der Bresche, die durch die Völker quer hindurch in den Riß gerufene Abra­hamskirche, die priesterliche Kirche unter dem Kreuz, wird den hier rechts und links drohenden Versuchungen zu widerstehen haben: auf der einen Seite der Parteinahme, auf der anderen der Neutra­lisierung der Entscheidungen! Die Kirche ist keine fromme Partei, und sie kann weder die Sache des Westens noch die des Ostens mit der Sache Gottes gleichsetzen. Sie kann auch nicht im Blick auf eine gewisse Nähe der westlerischen Welt- und Menschenauffassung zum „Christentum“ Jesus Christus zum Parteigänger des Westens machen. Sie darf das Wort vom Kreuz nicht mit einer Kreuzzugsidee verwechseln! Die Kirche, deren Grundartikel der von. der Rechtfertigung des Gottlosen ist, wird, die in jener offiziellen Stellungnahme der katholischen Kirche dokumentierte Ent­scheidung sich nicht zueignen und in die dort gebildete weltpolitische Front nicht im Namen der Verteidigung des Evangeliums einschwenken können! Sie wird von der Frage bedrängt sein, zu wem er, der von der „Kirche“ um „Gottes“ willen Gekreuzigte, sich wenden würde, wenn er heute wieder­käme. Sie wird die Antwort nicht vorwegnehmen dürfen!

Wiederum wird sie es nicht mit einer billigen unwahrhaftigen Neutralität halten können. Sie wird gewisse Tatsachen, wie sie freilich nicht nur im Osten, aber doch dort im Zeichen seiner besonderen Methodik den Menschen in seinem Menschsein bedrohen, in ihrer harten Tatsächlichkeit nicht ver­kennen können. Sie wird gerade als die Kirche zwischen Ost und West an dem Menschen, über den sie sich zu erbarmen, den sie um Gottes willen zu verteidigen hat. — üas ist, um nur das eine zu sagen, der dauernd zum Lügen gezwungene Mensch! — nicht einfach vorübergehen dürfen, gerade auch nicht in Berufung auf das Evangelium! Sie wird darauf gefaßt sein müssen, daß man ihr diesen ihren Dienst von beiden Seiten nicht dankt, daß man sie ignoriert oder belächelt oder auch verfolgt! Sie wird auch darauf gefaßt sein müssen, daß man diese ihre „Haltung“ als ebenso unerlaubt wie faktisch unmöglich erklärt, und sie selbst wird um die An­fechtung wissen, in der es eine priesterliche Entscheidung in der Nachfolge des Gekreuzigten gilt, die — menschlich gesehen — nicht nur wider die Vernunft, sondern sogar wider das Gewissen zu sein scheint! Es sind erst wenige Jahre her, daß es in Deutschland Christen gab, die nicht wußten, worum sie beten durften. Um den Sieg Hitlers — Nein! oder um die Niederlage des eigenem Volkes mit allen ihren Folgen — —? Damals lernten einige unter uns, wie nie zuvor, ein ganz nacktes „Herr, erbarme dich!“ in eins zu beten mit jenem Letzten „Ja, komm, Herr Jesu!“ Befinden sich nicht heute — und zwar nunmehr durch die ganze Welt hin — viele Christen auf andere Weise in der gleichen Anfechtung? Wohin wir unsere geheimsten Gedanken auch wenden mögen, so stoßen wir auf Abgründe, vor denen es uns schaudert, sei es der eines dritten Weltkrieges oder einer Weltrevolution, die sich in Wirklichkeit ja dann wohl als ein und dasselbe nihilistische Chaos dar stellen möchten! Wohl verstanden. Was uns zurück­schaudern läßt, ist nicht nur ein wirtschaftspolitischer Abgrund, eine Kulturkatastrophe oder wie man es nennen möchte, sondern ein uns im innersten Gewissen treffendes „Halt“! So bleibt uns wirklich nichts anderes als der Standort in der Bresche, der mit einem menschlichen — auch einem kirchlichen — „Standpunkt“ nicht zu verwechseln ist! Es könnte aber sein — und zwar bis in den realpolitischen Bereich hinein (!), daß die Entscheidung über uns alle darin fällt, ob diese Kirche in der Bresche, um die Gott allein weiß, auf dem Plan ist. Eins ist gewiß: Über ihrem jedem Mißverständnis so schutzlos preisgegebenen Beten und Tun ist die Verheißung. Wer den Ruf hört, der von dem Kreuz des in den Riß getretenen Sohnes Gottes ergeht, der wird zwar nicht einfach von der Not, in der wir alle stecken, befreit, aber er wird unter eine Verheißung gerückt, die für den nächsten Schritt, den er zu tun hat wirksam wird: Das gilt wahrhaftig nicht nur den Kirchenmännern, sondern auch den Staatsmännern, unter denen gewiß manch einer viel angefochtener, ratloser und trostbedürftiger ist, als er es wahrhaben will und zeigen kann. Und wiederum gilt es nicht nur den Menschen, von denen wir meinen, daß sie Macht hätten, etwas Entscheiden­des zur Rettung dieser unserer Welt zu tun, sondern dem letzten, geringsten, äußerlich und innerlich nackten Menschen in irgendwelchen Trümmern oder in irgendeinem Verließ dieser Welt. Es könnte, ja sein, daß man gerade dort in der Tiefe den Ruf hört und aufnimmt. Wer tritt in die Bresche?

Kirchliches Jahrbuch 1949, S. 96-100.

Hier der Text als pdf.

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