Therese von Lisieux (1873-1897)
Von Waltraud Herbstrith
Thérèse, (Marie, Françoise) Martin, geboren am 2.1.1873 in Alençon, erreicht mit 15 Jahren, mit Erlaubnis Papst Leos XIII., daß sie 1888 in den Karmel von Lisieux eintreten darf, nachdem sie 1886 von Skrupeln in der Weihnachtsnacht geheilt worden war. Drei Jahre nach ihrem Klostereintritt befallen sie erste Glaubenszweifel (Therese ist Zeitgenossin F. W. Nietzsches), sie findet aber weder unter ihren Mitschwestern noch bei ihrem Beichtvater Verständnis. Von 1893 an wirkt sie bei der Ausbildung der Novizinnen mit. 1895 erhält Therese den Auftrag, ihre Lebenserinnerungen niederzuschreiben (Selbstbiographische Schriften). Durch dieses Buch erlangt sie nach ihrem Tod weltweit Berühmtheit. 1896, nach Ausbruch einer Lungenerkrankung, erfährt sie eine radikale Anfechtung ihres Glaubens. 1897 notiert ihre Schwester Pauline Gespräche mit der Todkranken (Letzte Gespräche). Am 30. 9. 1897 stirbt Therese nach qualvollem Todeskampf.
Thereses Denken bahnt eine Wende in der christlichen Mystik an. Sie überwindet das düstere Gottesbild des Jansenismus. Dem Gott der Gerechtigkeit stellt sie den biblischen Gott der Liebe, des Erbarmens gegenüber, der Leistungsfrömmigkeit das biblische Vertrauen- und Hoffen. Ihre Lehre vom sog. „Kleinen Weg der geistigen Kindheit“ ist eine von der Bibel inspirierte Desillusionierung des herkömmlichen Gottes-, Christus- und Marienbildes. Er führt zu jener „Wieder-Geburt“, über die Jesus mit Nikodemus einmal im Verlauf einer Nacht gesprochen hatte und bei der es um die höchste und geheimnisvollste aller Beziehungen geht, um die Beziehung zwischen Mensch und Gott. Von Gottes Liebe getragen, vermag der Mensch das Kleinste in großer Weise zu tun. – Im Gegensatz zu den Gewohnheiten ihrer Zeit liest sie selbständig die Hl. Schrift, legt zuletzt auch die Lektüre der Mystiker zur Seite und spricht nur noch von der Schrift allein. Sie entdeckt den synoptischen Jesus: Jesus ist Bruder und Freund, er ist radikal Liebender, er ist vor allem Mensch (Selbstbiographische Schriften, Briefe). Ähnlich bahnbrechend sind ihre Gedanken zur Mariologie (Meine Schwester Therese). Maria ist die schlichte, biblisch vertrauende Glaubenszeugin, nicht so sehr die „Himmelskönigin“ (Nähe zur Mariologie Martin Luthers). Die Erfahrung der Abwesenheit Gottes, die der von ihr sehr geschätzte Johannes vom Kreuz im Bild der Nacht beschreibt, sieht sie im Symbol der hochragenden Mauer, die das ganze Firmament verstellt. Gott ist nicht nur abwesend, sondern scheint im „Nichts“ zu versinken. Es ist die Bewußtseinslage des modernen Menschen, die hier durchbricht, das Phänomen des Atheismus. Die liebliche Sprache der jungen Französin im ausgehenden 19. Jahrhundert verdeckte lange Zeit die klare, herbe Theologie ihrer Botschaft.
Literatur: Th. v. Lisieux, Selbstbiographische Schriften (Einsiedeln 81978); Briefe der hl. Therese v. Lisieux (Leutesdorf 21977); Th. Martin, Ich gehe ins Leben ein (Letzte Gespräche) (Leutesdorf 1979); C. Martin, Meine Schwester Therese (Wien 1961); R. Stertenbrink, Allein die Liebe. Worte der hl. Theresia v. Lisieux (Freiburg 21987); H. U. v. Balthasar, Therese von Lisieux (Köln 1950); W. Herbstrith, Th. v. Lisieux. Anfechtung und Solidarität (Frankfurt 21974); J.-F. Six / H. N. Loose, Theresia von Lisieux (Freiburg 1979).
Quelle: Christian Schütz (Hg.), Praktisches Lexikon der Spiritualität, Freiburg 1992, Sp. 1277f.