Unser Leben – eine Reise vom mütterlichen Schoß bis zum Grabeshügel
Von Basilius von Cäsarea
Wie jene, die eine verabredete Reise zu machen haben, im Wettschritt vorwärts eilen und stetig Bein vor Bein stellen und so leicht ans Ziel des Weges kommen, so gelangen auch jene, die vom Schöpfer in das Leben eingeführt worden sind und gleich im Anfang die Zeitteile nützen und immer einen um den andern hinter sich lassen, an das Ziel des Lebens. Scheint nicht auch euch das gegenwärtige Leben gewissermaßen ein fortlaufender Weg zu sein, eine Reise, die in den Lebensaltern ihre Stationen hat? Den Anfang nimmt die Reise des Lebens mit den Geburtswehen der Mutter; am Ende des Lebenslaufes liegen die Grabeshügel. Dahin führt das Leben alle, die einen schneller, die anderen langsamer: die einen, nachdem sie alle Zeiträume durchwandert, die anderen, nachdem sie nicht einmal über die ersten Lebensstationen hinausgekommen sind. Alle sonstigen Wege, die von einer Stadt zur andern führen, kann man meiden, und man braucht sie nicht zu gehen, wenn man nicht will. Dieser Weg aber erfaßt uns mit Gewalt, auch wenn wir den Lauf verschieben wollten, und zieht die auf ihm Wandernden zu dem vom Herrn gesetzten Ziel. Und es ist nicht möglich, daß, wer einmal das Tor zu diesem Leben passiert und diesen Lebensweg beschritten hat, nicht auch an dessen Ziel käme. Jeder aus uns, der einmal den mütterlichen Schoß verlassen hat, wird alsbald vom Strom der Zeit erfaßt und mitfortgerissen, läßt immer den verlebten Tag hinter sich und kann nie zum gestrigen zurückkehren, wenn er auch wollte.
Doch wir freuen uns, wenn wir vorwärtsschreiten und die Altersstufen wechseln und sind froh darob wie über einen Gewinn; wir halten es für ein Glück, wenn jemand aus einem Knaben zum Mann, aus einem Mann zum Greis wird. Wir wissen also nicht, daß wir jedesmal soviel Zeit verlieren, als wir gelebt haben, und bemerken nicht, daß das Leben hinschwindet, obschon wir es immer nach dem vergangenen und verflossenen bemessen. Auch beherzigen wir nicht, daß es doch ungewiß ist, wieviel Zeit er, der uns auf diese Wanderung geschickt hat, uns zum Laufen geben will, und wann er jedem der Wanderer die Tore zum Eingang öffnen wird, so daß wir täglich auf den Abschied von hier gefaßt sein und mit unverwandten Augen den Wink des Herrn erwarten müssen. Er sagt ja: »Euere Lenden sollen umgürtet sein und euere Lampen brennend. Ihr sollt sein wie Menschen, die auf ihren Herrn warten, wann er von der Hochzeit heimkehrt, um ihm sogleich zu öffnen, wenn er kommt und anklopft.« [Lukas 12,35]
Wir fassen auch nicht ernstlich ins Auge, welche Bürden für eine solche Reise uns leichtfallen und mit uns, die wir sie tragen, hinübergehen können, um dort als Eigentum ihrer Besitzer unser Leben wonnevoll zu gestalten, und welche schwer, drückend und mit der Erde verwachsen sind und ihrer Natur nach nie den Menschen eigen werden, noch ihren Besitzern durch jene enge Pforte folgen können. Im Gegenteil: was wir hätten sammeln sollen, ließen wir beiseite, und was wir verachten sollten, sammeln wir; was mit uns sich vereinigen und wirklich ein entsprechender Schmuck für Seele und Leib werden kann, darauf achten wir nicht einmal; was uns aber stets fremd bleibt und nur Schmach einträgt, das suchen wir in vergeblichen Bemühungen und Anstrengungen zu sammeln — wie einer, der in Selbsttäuschung ein durchlöchertes Faß füllen wollte. Das ist doch wohl, meine ich, längst allen Kindern bekannt, daß nichts von den Lebensgenüssen, nach denen der große Haufen hascht, wirklich unser Eigentum ist oder werden kann, daß vielmehr diese Dinge allgemein gleich fremd sind: denen, die sie zu genießen scheinen, wie denen, die ihnen fernbleiben.
Quelle: Basilius der Große, Warnung vor der Weltliebe 2-3, in: Alfons Heilmann (Hrsg.), Texte der Kirchenväter, Bd. IV, München: Kösel 1964, S. 392-394.
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