Nach dem Ende des 2. Weltkrieges verblieb Werner Schmauch als Pfarrer bzw. Dekan unter schwierigsten Bedingungen bis 1948 im nunmehr polnisch verwalteten Niederschlesien, zunächst in Bad Warmbrunn, später in Breslau. So hielt er am Sonntag Estomihi, 3. März 1946 folgende Predigt in der evangelischen Kirche in Bad Wambrunn (jetzt Cieplice Śląskie):
Der neue Weg. Predigt über 1. Korinther 13,1-13 (1946)
Von Werner Schmauch
Liebe Brüder und Schwestern!
In den letzten Wochen habe ich sehr viel Elend zu sehen bekommen, immer größer werdendes und schier unerträgliches Elend. Und doch muß ich sagen, daß noch etwas anderes mich viel stärker beeindruckt hat als dieses, nämlich die Tatsache, daß inmitten solchen Elends viele noch gar nicht begriffen haben, in was für einer Lage wir uns heute befinden. Wenn man nur einen Blick in die Weltgeschichte hinein zu tun weiß, muß man ja darüber erschüttert sein, daß es auch unter uns Tausende und Abertausende von Menschen gibt, die da meinen, es wäre nur nötig, daß die Verhältnisse, wie sie im Augenblick einmal sind, in etwas sich wandelten und für uns sich erleichterten, und dann könnten wir wieder fröhlich und getrost leben wie vorher.
Habt ihr denn, liebe Brüder und Schwestern, noch gar nicht einmal darüber nachgedacht, was denn eigentlich geschehen ist? Habt ihr euch noch gar nicht einmal vor Augen geführt, was dieses Wort bedeutet: totaler Zusammenbruch eines Volkes? Wie soll es dann noch möglich sein, wieder anzuknüpfen etwa bei dem Jahre 1945? Wie soll es überhaupt möglich sein, an eine Zeit wieder anzuknüpfen? Etwa bei dem Jahr 1932 oder, wenn man noch weiter zurückgehen und mehr tun will, etwa bei dem Jahr 1920 oder auch 1914?
Haben wir uns noch nicht einen Augenblick klargemacht, daß solch Wiederzurückgehen auf das, was einmal gewesen ist, schlechterdings unmöglich ist, weil wir nämlich mittendrin stehen in der größten Katastrophe aller Zeiten. Das Wort, das seit langem geprägte Wort von dem Untergang des Abendlandes ist zu einer tiefen Wahrheit und schrecklichen Wirklichkeit geworden.
Brüder und Schwestern, alles, was wir einmal gewohnt gewesen sind an Lebensumständen und Lebensgewohnheiten, woran unser Herz gehangen hat an Wissenschaft und Kunst, Technik und Fortschritt, ist dahin und versunken und wird nicht wiederkommen, so gewiß es auch drüben in Deutschland heute nicht vorhanden ist und nicht wiederkommt. Eine furchtbare Erkenntnis, die damit unser wird, aber eine Erkenntnis, die uns bewahrt vor dem viel Grauenhafteren, nämlich daß wir uns Illusionen machen, daß wir Hoffnungen hegen und Pläne schmieden, die niemals, aber auch niemals erfüllt werden können.
Sagt nicht, daß das übertrieben ist und daß das nicht stimmt. Ich wäre bereit, den Beweis dafür anzutreten, wenn hier die Zeit und der Ort wäre. So muß ich euch bitten, es wirklich zu glauben, daß eine ganze Welt in der Katastrophe des vorigen Jahres versunken ist und daß wir nur die Wahl haben, entweder mit unterzugehen in Verzweiflung oder aber ganz von vorn und ganz neu anzufangen, ohne nur immer wieder danach zu schielen, was wir noch halten könnten, was uns noch bleiben möchte von der Kultur und Zivilisation des untergehenden Abendlandes.
Wie aber können wir neu anfangen?
Möchten wir uns warnen lassen vor den drei Irrwegen, die vor uns liegen. Wir könnten es so versuchen, wie es hier der Apostel den Gemeinden vorhält: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete …!“ Aber wir wissen, wie in den letzten Jahren geredet worden ist. Wir wissen auch, wie schon um 1920 geredet worden ist in der Welt, und haben es erleben müssen, wie solches Reden mehr und mehr in das Unheil hineingeführt hat.
Wir könnten den anderen Weg wählen, daß wir unser Volk und die Welt wieder zurückrufen zur Frömmigkeit, und wir müssen uns von dem Apostel warnen lassen: „Wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, so wäre ich nichts.“ Wohin haben sie uns gebracht, die selbstsicheren Prophezeiungen, die himmelstürmenden Erkenntnisse und der unbändige Glaube? Sollten wir es noch einmal vergessen, daß der Teufel in seiner List es fertigbringt, Frömmigkeit und Glaube zu sagen in liebloser, brutaler Selbstsucht? Gerade wir Christen aber sollten vor uns selbst auf der Hut sein, weil die Selbstsucht im Mantel der Frömmigkeit und des Glaubens die ärgste ist.
Und wir könnten den dritten Weg gehen, vor dem der Apostel warnt, daß wir Programme aufstellten der sozialen Gerechtigkeit und der Weltverbesserung. Wir könnten auf den Gedanken kommen, alle Habe den Armen zu geben und den Leib zu kasteien und uns selbst zu verzehren in Opferbereitschaft. Und es könnte sein – und wir haben das gerade in den letzten Jahren erlebt daß „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ gesagt wird und wiederum eine grauenhafte Selbstsucht dahintersteht.
Gibt es dann, wenn der Apostel vor diesen drei Wegen warnt, überhaupt noch einen, den wir gehen könnten zu einem neuen Anfang? Brüder und Schwestern, der Apostel Paulus befand sich ebenso wie wir mitten in einer untergehenden Welt, wo alle Ordnung der Gesellschaft, des sozialen Lebens, vor allen Dingen aber auch ebenso wie heute alle Ordnung der Sittlichkeit zusammenbrach, und er hatte es nicht nötig, zu resignieren oder zu verzweifeln, sondern durfte es seiner Gemeinde in Korinth sagen: „Ich will euch einen köstlicheren Weg zeigen!“ „Die Liebe suchet nicht das Ihre … Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird … Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“
Die Liebe, Brüder und Schwestern, ist der Weg, der einzigartige, ganz neue Weg, auf dem wir gehen dürfen, wenn hüben und drüben der Abgrund gähnt. Die Liebe ist der Weg, der Menschen, die durch Weltanschauungen, durch Volkstum und Nationalität getrennt waren, wieder zueinander führt. Die Liebe, die nicht das Ihre sucht. Die Liebe ist nämlich die Lebenshaltung, die nicht auf sich selbst gerichtet ist, ist die Lebenshaltung der Anspruchslosigkeit von vornherein, ist die Lebenshaltung, die da nur sieht auf das, was des anderen ist. Die Liebe ist das neue Leben, das es in der Welt nicht gegeben hat, bis Jesus Christus Gottes eigenes Wesen in die Welt gebracht hat, bis es zur Liebe im Fleisch geworden ist: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“ „Nehmet hin und esset, das ist mein Leib.“ Der unaufhörlich sich opfernde Jesus Christus, der Gottessohn, ist die fleischgewordene Liebe Gottes in der Welt. In ihm gibt es diesen einen neuen Weg, gibt es diesen einzigartigen neuen Anfang. Wenn alles und jedes unseren Händen entwunden wird, wenn alles, nicht nur das irdisch Vergängliche, sondern auch das Geistige in Schutt und Asche und Trümmern begraben wird: „Die Liebe höret nimmer auf!“
Ich will euch diesen köstlichen Weg zeigen. Auch heute, Brüder und Schwestern, in der Ratlosigkeit und Hilflosigkeit unserer Tage, in der Verzweiflung, in die die Menschen hineingeraten! Diese Liebe Jesu Christi ist weder ein politisches noch ein kulturelles noch ein wirtschaftliches Programm, ist überhaupt nicht dazu bestimmt, die Verhältnisse zu ändern, sondern ist, und das ist das Einzigartige, dazu bestimmt, die Menschen zu ändern. Die Menschen zu ändern von Grund auf, so daß sie nicht mehr das Ihre suchen, sondern das, was des anderen ist.
Wo solche Liebe ist, Brüder und Schwestern, da ist es nicht Ungeduld im Tragen der auferlegten Lasten, weil ja die Erkenntnis vorhanden ist: Wir haben nichts zu beanspruchen, es geht nicht um uns, wir haben nichts in die Welt gebracht, offenbar ist darum, daß wir auch nichts hinausbringen werden. Der Menschensohn hatte nicht, da er sein Haupt hinlegte. Aber er hatte das eine Unvergängliche zu verschenken: Gottes Liebe für die, die verloren sind.
„Die Liebe ist langmütig und freundlich.“ Die Liebe sucht immer nur den anderen zu helfen. Die Liebe sieht nicht mit Neid auf des anderen bessere Lage, erzürnt sich nicht, daß es einem selbst so schlecht geht, während der andere in einer noch ein wenig besseren Situation sich befindet. Die Liebe erhebt sich nicht über den Nächsten in der Meinung, sie müßte auf Rosen gebettet sein, während die Mitmenschen nur dazu bestimmt sind, in Not und Leid zu versinken. „Sie eifert nicht, sie treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht, sie stellet sich nicht ungebärdig.“ Diese Liebe zürnt nicht, weder in aufbrausender Hitze noch in stillem Groll. Sie nährt nicht den Haß gegen alle Ungerechtigkeit in der Welt, sondern stellt das Gericht dem anheim, der da recht richtet. „Sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu. Diese Liebe weidet sich nicht in Schadenfreude über das Unrecht, das andere erleiden oder tun. Diese Liebe kann sich neidlos freuen über jedes gute Werk, von welcher Seite es auch immer geschieht. „Sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freuet sich aber der Wahrheit.“ Diese Liebe sucht alles zum Besten zu kehren, entsagt dem Mißtrauen, läßt sich nicht enttäuschen und trägt still ihr Kreuz. „Sie verträgt alles, sie glaubt alles, sie hoffet alles, sie duldet alles.“ Das ist die Liebe Christi, die alle Erkenntnis übertrifft. Und die Liebe höret nimmer auf. Sie ist die einzige Brücke zwischen den Menschenkindern, auf daß ihre Herzen wieder zueinanderfinden.
Wie aber ist es bei uns, Brüder und Schwestern, die wir uns nach Christi Namen nennen, mit solcher Liebe bestellt? Ist es nicht so, daß wir in unserem Denken, Reden und Tun, ja sogar auch in unserer Frömmigkeit oft genug himmelweit von solcher Liebe entfernt sind, weil wir in allem, in allem und jedem, was wir tun und lassen, doch nur das Unsere suchen? Und geben uns dabei dem Wahne hin, daß es auf solche Weise noch einmal einen Ausweg aus der furchtbarsten aller Katastrophen geben könnte! Kann, wenn solche Haltung in einem Volke um sich greift, ein Neues gebaut werden? Und ahnt ihr nicht wenigstens, daß solches verkehrte Wesen uns unvergleichlich mehr zugrunde richtet als die schwersten Schicksale, die wir von außen her zu tragen haben? Was soll werden, wenn nur jeder Ellbogenfreiheit sucht, wenn nur jeder versucht, sich hindurchzubringen, rücksichtslos auf Kosten des anderen! So aber sieht es in der Welt aus, auch in Deutschland, Brüder und Schwestern!
Ich will euch aber einen köstlicheren Weg zeigen: Die Liebe höret nimmer auf. Sowenig alle gottfeindlichen Mächte in der Welt in den vergangenen zwei Jahrtausenden imstande gewesen sind, sie zu beseitigen! Und das ist das Wunder und die Gnade unserer Tage, daß sie oft an ungeahnten Stätten wieder lebendig wird, so daß Menschen zueinanderfinden, von denen man meinen könnte, daß sie durch Abgründe voneinander getrennt sind.
Als in den ersten Oktobertagen des vergangenen Jahres Pastor Niemöller in Stuttgart einen großen Gottesdienst unter ungeheurer Beteiligung und in Anwesenheit einer ganzen Reihe von Vertretern ausländischer Kirchen gehalten hatte und nach diesem Gottesdienst mit den Männern der Evangelischen Kirchenleitung in Deutschland die Vertreter der ausländischen Kirchen zusammengekommen waren, nahm ein amerikanischer Bischof das Wort und sagte bewegten Herzens unter anderem diesen Satz: Erst seit heute weiß ich, daß ich zuerst Christ bin und dann erst Amerikaner.
Brüder und Schwestern, was ist das für ein Gewinn, was ist das für ein Segen, wenn über die Grenzen der Länder und Völker Bruderhände einander sich entgegenstrecken um Jesu Christi willen. Ist es nicht schier unfaßbar, daß nach der furchtbarsten aller Katastrophen unsere Evangelische Kirche in Deutschland schon wieder aufgenommen wird in den Rat der Evangelischen Kirchen der Welt? Nach dem ersten Weltkrieg sind sieben Jahre darüber vergangen, bis die Christen der Welt wieder Zutrauen zu uns hatten. Und jetzt, wo wir meinen müßten, daß das Mißtrauen unendlich viel größer wäre, wo sie wirklich Grund hätten, nicht nur zu klagen, sondern anzuklagen, strecken sie unserer Kirche die Bruderhand entgegen. Was ist das? Das ist ein ganz neuer Weg und ein ganz neuer Anfang. Die Liebe Christi dringet sie also! Und das ist es, worauf wir schauen sollten und was uns Grund und Anlaß zum Hoffen gibt, obschon die Welt dem Untergang geweiht ist. Wir dürfen wissen, die Liebe Christi höret nimmer auf.
Die ernste, die todernste Frage an uns, an unser ganzes Volk und sonderlich an alle, die da Wert legen auf den Christennamen, ist nun allerdings die, ob auch wir, wenn solches Zueinanderfinden in der Welt geschieht, bereit sind, an unserem Teil, in unserem persönlichsten Alltagsleben dazu beizutragen. Daß wir an die Stelle der Selbstsucht, des Neides und des Hasses, an die Stelle der Klagen und Anklagen die Liebe setzen, die nicht das Ihre sucht, darauf kommt es an.
Tun wir es nicht, so müssen wir uns klar sein, daß wir uns selber das Grab graben, daß wir uns ausschließen von dem Segen, den Gott in seiner unbegreiflichen Barmherzigkeit in die Trümmerwelt unserer Tage, in die schrecklichste aller Katastrophen hat hineinlegen wollen. Wenn wir ein Herz dafür haben, daß wir nicht nur uns, sondern unserem armen, so geschlagenen Volk helfen wollen und zugleich einen Dienst tun an der sonst in Haß und Mord versinkenden Welt des Abendlandes, dürfen wir uns von dem Herrn Jesus Christus diesen neuen, köstlichen Weg zeigen lassen. Wir werden ihn finden und gehen können, wenn wir nicht aufhören zu beten:
Der Vater ist die Liebe,
der Sohn die Lieb allein;
des heilgen Geistes Triebe
sind Liebe, heiß und rein.
O Liebe, Lebensquelle
vom Vater und vom Sohn,
mach unsre Seelen helle,
du Strom von Gottes Thron!
Amen.
Gehalten in der evangelischen Kirche zu Bad Warmbrunn am Sonntag Estomihi 1946.
Quelle: Werner Schmauch, … zu achten aufs Wort. Ausgewählte Arbeiten, hrsg. v. Werner-Christoph Schmauch, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1967, S. 122-126.