Von Hans Ruh
Josef L. Hromádka, geboren am 8. Juni 1889 in Hodslavice (Mähren). 1907—12 Theologiestudium in Wien, Basel, Heidelberg, Aberdeen, 1920—39 und 1947—50 Professor für Systematische Theologie an der Prager Johann Hus-Fakultät, dazwischen Gast-Professor für Apologetik und Ethik am Theologischen Seminar in Princeton, N.J., USA, 1950-66 Dekan der Johann Amos Comenius-Fakultät in Prag. Führende Mitarbeit in der ökumenischen Bewegung.
Hauptschriften: Der Katholizismus und der Kampf um das Christentum (1925); Grundsätze der Evangelischen Kirche der Tschechischen Brüder (1927); Wege eines protestantischen Theologen (1927); Masaryk (1930); Christentum in Denken und Leben (1931); Luther (1935); Calvin (1936); Theologie und Kirche (1949); Kirche und Theologie im Umbruch der Gegenwart (1956); Evangelium für Atheisten (1960); Sprung über die Mauer (1961); Das Evangelium auf dem Wege zum Menschen (1961); An der Schwelle des Dialogs zwischen Christen und Marxisten (1965).
Das gesamte Denken Hromádkas zielt hin auf Bewegung: Dynamik steht gegen Statik, Veränderung gegen Ruhe, Feuer gegen Erstarrung, Revolution gegen Status quo. Solche Bewegung deutet hin auf die besondere Bewegtheit des Menschen Hromádka. Er gehört zu den Theologen, deren Persönlichkeit in den theologischen Aussagen und den ethisch-politischen Entscheidungen zu einem sichtbaren Ausdruck gelangt. Hromádkas Biographie gehört hinein in die Beschreibung seines theologischen Denkens, ja er ist einer der Theologen, die man kennen muß, will man ihre Intentionen zutiefst verstehen und würdigen. „Ohne das brennende Feuer in unseren Herzen wird es nicht gehen: Ohne dieses Feuer vermögen wir nicht lebendig, verständlich und schöpferisch zu sprechen.“ Hromádka erfleht für alle, für die Kirche und für sich selbst, das Feuer von der Art, wie es im Dornbusch des Mose brannte. Er predigt die Ergriffenheit des Herzens vom Feuer des Heiligen Geistes, und diese Predigt geht aus von seiner eigenen Ergriffenheit. Diese seine Bewegtheit ist aber stets eine konkrete: Sie versteht sich vom einzigartigen Weg des Menschen Jesus Christus her: Gott ist in Jesus Christus von Ewigkeit her auf dem Wege zum Menschen, zum Menschen, wie er ist: zum erniedrigten, geplagten, verängstigten, sündigen, dem Tode geweihten, aber auch in der Auferstehung geretteten Menschen. Jesus Christus stellt sich solidarisch neben diesen Menschen. Er ist sein Bruder. Nichts anderes als dies ist das Evangelium: „Das Evangelium auf dem Wege zum Menschen“ (Titel einer kleinen Dogmatik Hromádkas). An diesem Evangelium muß sich das Feuer in unseren Herzen immer wieder neu entzünden: Hromádka ist Prediger dieses einen Feuers, das von der Inkarnation her lebt.
Die Inkarnation ist für Hromádka aber auch in gleicher Weise der Grund für eine ganz nüchterne Analyse der gegenwärtigen Weltsituation. Jesus Christus ist in die Wirklichkeit der Welt eingegangen. Wir sind von da her unausweichlich an die Wirklichkeit der Welt und ihrer Geschichte gewiesen. Es ist uns verboten, einen Ort jenseits der Geschichte zu beziehen, weil Jesus Christus selbst eingetreten ist in die konkrete Gestalt der geschichtlichen Wirklichkeit. In derselben Konkretheit hat nun unsere Analyse der gegenwärtigen Geschichte zu erfolgen: „Mein Anliegen geht dahin, zu zeigen, daß gerade die Kirche Jesu Christi und ihre Theologen mutig der Geschichte ins Auge schauen und die gegenwärtige Wirklichkeit in aller Nacktheit und Unerbittlichkeit erfassen müssen.“ Hromádka reflektiert nicht weiter in theologisch-grundsätzlicher Weise über die so christologisch begründete Wirklichkeit der Geschichte. Es geht ihm vielmehr darum, unser unausweichliches Verwiesensein an die Erkenntnis der gegenwärtigen Geschichte zu betonen. Die Emphase, in der er dies tut, rührt auch her von seiner Angst, daß die Flucht der heutigen Kirche vor der Erkenntnis der Geschichte verhindert, daß der missionarische und der gesellschaftlich-politische Auftrag der Kirche erfüllt wird. Das Ernstnehmen heutiger Geschichte konzentriert sich nun bei Hromádka auf einige ganz bestimmte Punkte. An hervorragender Stelle ist seine Einschätzung der revolutionären Bewegungen des 20. Jahrhunderts zu nennen: Die russische Revolution von 1917 ist ein fundamentales Ereignis der Geschichte. Sie stellt einen entscheidenden Einschnitt in die Geschichte der ganzen Welt dar. Man könnte versucht sein, gerade in den vielen pointierten Wendungen, in denen Hromádka diese Tatsache beschreibt, den Hinweis auf den Geschichtsphilosophen Hromádka zu finden. In der Tat sind gewisse Formulierungen, in denen er von einer Wende oder einer neuen Aera der Menschheitsgeschichte spricht, theologisch anfechtbar. Hromádka hat aber im Verlaufe der letzten Jahre, und wohl nicht zuletzt als Folge der Auseinandersetzung mit den ihm befreundeten Theologen im Westen, präzisiert, worum es in diesem Zusammenhang geht: Er versteht solche Aussagen mehr der Pastoral- als der Geschichtstheologie zugehörig, das heißt, er muß so entschieden reden, damit die Christen, die er anspricht — es sind Christen in Ost und West, die das Rad der Geschichte hoffen zurückdrehen zu können — aufhören, ihren Blick zurückzuwenden, und beginnen, die gegenwärtige Wirklichkeit ernst zu nehmen. Ähnliches gilt bei einem zweiten Hauptpunkt seiner Analyse der Welt von heute, den er oft umschreibt als das Ende der Suprematie der westlich-christlichen Welt. Die christlichen Völker haben aufgehört, Maßstab für die Entwicklung der Weltgeschichte zu sein. Dem christlichen Westen steht ein ebenso mächtiger sozialistischer Block im Osten gegenüber. Das christliche Abendland ist nicht mehr Schiedsrichter der ganzen Welt. Wiederum: Es begegnen bei Hromádka Aussagen im Gewande geschichtsphilosophischer Begriffe. Aber in erster Linie geht es auch hier um die Warnung vor der Versuchung, alte Vorstellungen als Maßstab heutiger Entscheidungen zu nehmen. Gleichzeitig ist Hromádka darum bemüht, auf die tiefe Schuld gerade der christlichen Kirche im Zusammenhang mit dieser Entwicklung hinzuweisen: Buße heißt hier, seine Mitschuld an den unheilvollen Geschehnissen in diesem Jahrhundert anzuerkennen und von da her die Verpflichtung zu spüren, auf den Trümmern einen Neuanfang zu versuchen. Zur notwendigen Analyse gehört weiter die Anerkennung der bedeutenden Rolle neuer Staaten in der heutigen Zeit: Auch das ist weitgehend ein Akt der Buße, denn es geht darum, die wesentliche geschichtsbildende Rolle von Menschen und Staaten anzuerkennen, die jahrelang dem Druck und der Ausbeutung christlicher Nationen ausgesetzt waren. Zum Ernstnehmen der gegenwärtigen Geschichte gehört aber auch die Erkenntnis der Gefahren im Zeitalter atomarer Waffen. Die Welt steht am Rande einer möglichen Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes, solange sie in sich feindlich gegenüberstehende Blöcke aufgeteilt bleibt.
Diese vier Hauptpunkte einer Analyse der gegenwärtigen Lage sind Hromádka so wichtig, weil die Kirche völlig an ihrem Auftrag vorbeigehen kann, wenn sie diese nicht berücksichtigt. Die große Gefahr für die Kirche besteht darin, daß sie sich weigert, die angedeuteten geschichtlichen Entwicklungen zu sehen und anzunehmen, daß sie versucht, Kirche zu sein jenseits dieser Brennpunkte heutiger Wirklichkeit und so zu einer erstarrten, an die Vergangenheit gebundenen, nicht mehr schöpferisch tätigen Institution wird, die zugleich politisch reaktionär wirksam wird und womöglich diese Haltung noch mit orthodoxen theologischen Aussagen fundiert. Hromádka ist tief besorgt um die Wirkung etwa der dialektischen Theologie in der heutigen Zeit: in welchem Maße stößt sie die Kirche auf die aktuellen Probleme von heute? Hromádka sieht eine Versuchung, sich „an dem Herd Karl Barths behaglich und sicher zu fühlen und Tür und Fenster geschlossen zu halten“. Nur die Kirche der Buße vermag anzuerkennen, daß die geschichtliche Entwicklung bis hin zur heutigen Lage, mag sie uns noch so unbequem sein, auch als ein Gericht Gottes zu verstehen und somit mit ihren Ergebnissen gehorsam anzunehmen ist. Buße heißt aber gleichzeitig auch, daß die Kirche in der heutigen Lage unermüdlich forscht nach neuen Möglichkeiten des Dienstes am Menschen und der Gesellschaft, so wie ihr das im Weg Gottes zum Menschen durch Jesus Christus vorgezeichnet worden ist.
Die wichtigsten Gedanken dazu lassen sich im einzelnen am besten im Kontext der eben genannten vier Hauptmerkmale heutiger Weltgeschichte beschreiben. Wenn Hromádka die Revolution von 1917 als wesentlichen Einschnitt in die Geschichte versteht, so muß man diese Sicht auch im Zusammenhang seiner grundsätzlichen Äußerungen zum Phänomen Revolution betrachten. Von seiner eschatologischen Begründung der Herrschaft Christi her — die wohl auch ein Stück weit als Übernahme hussitisch-böhmischer Tradition zu verstehen ist — liegt es Hromádka nahe, von vornherein alles Neue, alle Veränderungen, alle Überwindung des Alten, eben die Revolution, grundsätzlich positiv zu werten als Ausdruck der Dynamik der Herrschaft Christi. Dies hat seine Bedeutung zuerst einmal für die Ekklesiologie: Die Kirche ist stets in Bewegung, „die Szenerie auf ihrem Wege voran ändert sich von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr“. „Die Kirche schreitet und schaut tüchtig nach vorn“, sie ist wesentlich Pilgerkirche und von da her aufgeschlossen für jeden Versuch, bereit zur Teilnahme am dynamischen Fortgang der Geschichte. Die Gefahr für die Kirche lauert hingegen immer dort, wo sie einer fortschreitenden Institutionalisierung und Erstarrung unterworfen ist. Von dieser revolutionär-dynamischen Grundhaltung, welche Hromádkas Ekklesiologie bestimmt, gelangt er auch zu einer neuen Einschätzung des Phänomens Revolution im geschichtlich-gesellschaftlich-politischen Bereich. Dies ist umso mehr der Fall, als Hromádka das Phänomen Revolution immer im Zusammenhang mit dem Aufbruch eines Sehnens nach echter und tiefer Menschlichkeit sieht. „Alle großen Revolutionen haben das Ziel, den Menschen zu helfen.“ Die Revolution ist nach Ansatz und Ziel ein Ringen für den Menschen. Hromádka weiß durchaus von der Härte und Grausamkeit, in der sich die Revolution darstellen kann. Er ruft aber auf zu einer neuen theologischen Einschätzung ihrer Beweggründe und ihrer Ziele, nicht zuletzt weil er hinter der Revolution eine Ergriffenheit, ein „Pathos des Menschentums“ sieht, das an die Ergriffenheit durch den fleischgewordenen und gekreuzigten Christus erinnert. In diesen Zusammenhang gehört Hromádkas Deutung des Atheismus im Marxismus-Leninismus und der Revolution überhaupt. Atheismus in dieser Form ist für ihn Ausdruck des Protestes gegen die Unterdrückung des Menschlichen und der Würde des Menschen. Er weigert sich von daher, den Atheismus als tragendes Element des Marxismus zu verstehen. Anthropologie und Atheismus sind deshalb für ihn vielversprechende Themen in dem von ihm geforderten Dialog zwischen Christen und Marxisten, der ja besonders in der Tschechoslowakei zu interessanten Ergebnissen geführt hat, u. a. zu einer Neubesinnung marxistischer Philosophen auf die Kritik der Religion. Im Blich auf das Ende der Suprematie der westlich-christlichen Welt und das Auftreten neuer Staaten warnt Hromádka leidenschaftlich vor einer Abkapselung und Frontbildung der Kirchen in Ost und West. Die Kirche, will sie sich selbst verteidigen gegen die Welt, ist nicht mehr in der Lage, heute schöpferisch tätig zu sein, das Wort des Evangeliums zu verkündigen und den Armen und Elenden zu begegnen. Mit derselben Leidenschaft warnt er vor der politischen Reaktion und einem emotionalen Antikommunismus, der besonders innerhalb der christlichen Kirche des Ostens zu einer Flucht vor Übernahme politischer Verantwortung wird und die Arbeit für die Zukunft durch ein Sehnen nach der Vergangenheit ersetzt. Von daher läßt er die Aufforderung an die Christen in den sozialistischen Staaten des Ostens ergehen, sich an den neuen gesellschaftlichen Versuchen der Marxisten ernsthaft zu beteiligen. Endlich sucht er im Zeitalter atomarer Waffen die Christen und Kirchen aufzurufen zum Dienst der Versöhnung und des Friedens, vor allem zwischen den Völkern in Ost und West, aber auch im Blick auf die dringende Aufgabe aller industrialisierten Staaten in den noch nicht entwickelten Gebieten der heutigen Welt. Seine Bemühungen um den Frieden gipfelten in der Initiative für die Christliche Friedenskonferenz, welcher er seit 1961 als Präsident vorsteht. Es kann — wenn man die Gedanken Hromádkas kurz zusammenfaßt — nicht überraschen, daß dieser Mann bis in die heutige Zeit umstritten geblieben ist. Zwar wird ihm Vertrauen entgegengebracht von Menschen, die die verschiedensten theologischen und politischen Positionen einnehmen. Aber wie sein dynamisches Verständnis von Kirche bei Kirchenleuten Bedenken hervorruft, so erscheint vielen, und zwar in Ost und West, sein Aufruf zum politischen Engagement im sozialistischen Staat des Ostens sowie seine Friedensarbeit problematisch. Hromádka war sein ganzes Leben hindurch nie unangefochten. Er wuchs in einer Familie Augsburgischen Bekenntnisses auf. Seine theologischen Studien führten ihn an westliche Universitäten; von Bedeutung blieb sicher die Begegnung mit der Theologie Troeltschs. Stets beschäftigte ihn die Frage der Ausrichtung des Evangeliums auf die neue Zeit und die moderne Entwicklung der Welt und ihrer Geschichte. Die Revolution von 1917 erlebte er aus einer gewissen Nähe: Er war als Militärseelsorger 1918 an der Ostfront tätig. Die ersten Hörer des jungen Theologieprofessors Hromádka sehen im Rückblick die Gedanken Hromádkas der zwanziger Jahre in einer betonten Verwandtschaft zu den Gedanken Karl Barths der damaligen Zeit, obwohl ihm dessen Schriften noch gar nicht bekannt waren. Ein hervorgehobenes Ereignis in den Beziehungen der beiden bildet der berühmte Brief Karl Barths von 1938 an Hromádka, in dem die tschechischen Kirchen aufgefordert werden zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Während des Zweiten Weltkrieges mußte Hromádka in den Vereinigten Staaten als Emigrant leben; er wirkte als Gastprofessor am Princeton Theological Seminary. Seine ökumenische Bedeutung unterstreichen neben dem Präsidium der Christlichen Friedenskonferenz seine Mitgliedschaft im Exekutivkomitee des ökumenischen Rates der Kirchen und ebenso seine unzähligen Besuche bei christlichen Kirchen fast aller Kontinente.
Quelle: Hans Jürgen Schultz (Hrsg.), Tendenzen der Theologie im 20. Jahrhundert. Eine Geschichte in Porträts, Stuttgart: Kreuz-Verlag 21967, S. 344-348.