Heinrich Alt über die Kanzel- bzw. Predigtuhr (1843): „Dann begann nach dem Kanzelvers und der Vorlesung des Textes die eigentliche Predigtabhandlung, die gewöhnlich drei Theile enthielt, von denen der erste mit dem Auslaufen des zweiten Viertelstundenglases zu Ende war; das leerwerdende dritte Viertelstundenglas belehrte dann den Redner, daß es Zeit sei, den dritten Theil zu beginnen, und auch dieser wurde wieder mit der pünktlichsten Genauigkeit so lang gedehnt, daß erst mit dem letzten verrinnenden Körnlein das oft lang ersehnte ‚Amen‘ erfolgte.

Die Sanduhr

Von Heinrich Alt

Häufiger noch, als das Kanzelpult, findet man auf den Kanzeln die Sanduhr, nach welcher sich ehedem die Prediger genau richten mußten, um mit ihrer Rede eine ganze Stunde auszufüllen. Bei den ersten Worten drehte der Küster die Sanduhr um, und diejenigen Pastoren, welche ihr Predigtamt mit besonderer Pünktlichkeit zu verwalten sich befleißigten, ließen denn auch den Eingang genau so lange dauern, bis das erste Viertelstundenglas ausgelaufen war. Dann begann nach dem Kanzelvers und der Vorlesung des Textes die eigentliche Predigtabhandlung, die gewöhnlich drei Theile enthielt, von denen der erste mit dem Auslaufen des zweiten Viertelstundenglases zu Ende war; das leerwerdende dritte Viertelstundenglas belehrte dann den Redner, daß es Zeit sei, den dritten Theil zu beginnen, und auch dieser wurde wieder mit der pünktlichsten Genauigkeit so lang gedehnt, daß erst mit dem letzten verrinnenden Körnlein das oft lang ersehnte „Amen“ erfolgte.

Im christlichen Alterthum war es anders. Die Homilien des Origenes, des ältesten unter den Kirchenvätern, von denen wir geistliche Vorträge besitzen, waren im Ganzen sehr kurz, und die längsten können nur etwa eine halbe Stunde gedauert haben. Länger waren die Predigten des Athanasius und Chrysostomus, und seit ihrer Zeit wurden überhaupt die längeren Predigten eine charakteristische Eigenthümlichkeit der orientalisch-griechischen Kirche. Indessen können auch die längsten Vorträge des Gregor von Nazianz, Gregor von Nyssa, Basilius, Athanasius und Chrysostomus kaum eine ganze Stunde gedauert haben, viele kaum eine halbe Stunde, und wenn Chrysostomus in einer Predigt sagt: „Ich verlange nicht, daß du sieben oder zehn Tage lang die Arbeit lassen sollst; nur zwei Stunden des Tages schenk mir, die übrigen behalte für dich“, so sind diese zwei Stunden nicht auf die Länge seiner Predigten, sondern auf die Dauer des ganzen Gottesdienstes zu beziehen.

Bedeutend kürzer waren die Predigten in den occidentalischen Kirchen. Nur wenige Predigten des Augustinus können etwas über eine halbe Stunde gedauert haben, die meisten kaum eine Viertelstunde, manche nur etwa zehn Minuten. Ebenso sind die Predigten, die wir von Leo d. Gr., Cäsarius von Arelate und Gregor d. Gr. besitzen, meist sehr kurz, wie denn überhaupt die Kürze der Predigten lange Zeit hindurch ebenso charakteristisch für den Occident war, als die Länge derselben für den Orient, und erst in späterer Zeit, als die Franciscaner und Dominicaner (1217 vom Papst Honorius III. als Predigermönche bestätigt) die Erlaubniß, zu predigen, erhalten hatten, wurden die Predigten im Occident länger, und mancher Mönch brauchte zu seinen zelotischen Buß- oder Ketzerpredigten über zwei Stunden, ja die Capuciner nahmen die Geduld ihrer Zuhörer bisweilen drei bis vier Stunden lang in Anspruch.

Luther dagegen war ein abgesagter Feind solcher langen Predigten; er schärfte wiederholentlich den Predigern ein, „sie sollten die Zuhörer nicht martern und aufhalten mit langen Predigten, da es um das Gehör gar ein zärtlich Ding sei, und man eines Dinges bald überdrüssig werde“ tadelte oft den Dr. Pomeranus um seines langen Predigens willen, und vergaß es nicht, bei seiner Aufzählung der Eigenschaften und Tugenden eines guten Predigers zu bemerken: „Zum Sechsten soll er wissen, aufzuhören.“ Er also hat es nicht zu verantworten, daß späterhin auch in der lutherischen Kirche vielfach über zu lange Predigten geklagt werden mußte, durch welche die Zuhörer nur „unlustig und verdrießlich“ würden.

Quelle: Heinrich Alt, Der christliche Cultus nach seinen verschiedenen Entwickelungsformen und seinen einzelnen Theilen historisch dargestellt, Berlin: Müller, 1843, S. 98f.

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