Zur Ethik der Integrität in Anlehnung an Dietrich Bonhoeffer: „Integrität ist wesentlich relational. Sie zeigt sich im Vermögen, Rechenschaft zu geben – nicht zur Selbstrechtfertigung, sondern um das eigene Leben erzählbar, kritisierbar und verantwortbar zu machen. Dazu gehören die Anerkennung von Verletzlichkeit und Schuld ebenso wie die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und um Vergebung zu bitten. Integrität bewahrt davor, sich hinter Rollen, Identitäten oder moralischen Selbstzuschreibungen zu verbergen. Eine Identität muss geschützt werden – Integrität nicht.“

Zur Ethik der Integrität in Anlehnung an Dietrich Bonhoeffer

„Der ist integer.“ – „Ihr kannst du vertrauen.“ Solche Sätze fallen oft beiläufig, tragen jedoch erhebliches Gewicht. Sie drücken nicht bloß Sympathie aus, sondern sprechen ein Urteil mit weitreichenden Folgen aus. Wer als integer gilt, dem traut man Verantwortung und Wahrhaftigkeit zu; auf sein Wort ist Verlass. Umgekehrt wiegt der Verlust von Integrität schwerer als einzelne Verfehlungen, weil hier nicht nur eine Handlung, sondern die Verlässlichkeit der Person insgesamt infrage steht.

Auffällig ist, dass Integritätsurteile selten moralische Perfektion meinen. Kaum jemand gilt als integer, weil er fehlerlos wäre. Gemeint ist vielmehr, dass jemand auch in Fehlern erkennbar bleibt: dass Worte und Handlungen nicht auseinanderfallen, Brüche nicht verdeckt, sondern getragen werden. Integrität zeigt sich als Fähigkeit, das eigene Leben unter Anfechtung zusammenzuhalten.

Diese existenzielle Spannung bringt Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) in seinem Gedicht Wer bin ich? vom Juli 1944 aus dem Wehrmachtsgefängnis Berlin-Tegel eindrücklich zur Sprache:

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott![1]

Während Bonhoeffer nach außen Gelassenheit, Heiterkeit und Festigkeit gespiegelt bekommt, erlebt er sich selbst als „unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig“. Er hält die Spannung zwischen äußerem Eindruck und innerer Selbstwahrnehmung aus, ohne sie aufzulösen. Gerade darin wird Integrität sichtbar: als Haltung, das eigene Leben in seiner Widersprüchlichkeit zu verantworten.

Im Unterschied zu einer assertorischen Identität, die es zu behaupten gilt, bedarf Integrität keiner fortwährenden Selbstvergewisserung. Integer ist nicht, wer seiner selbst sicher erscheint, sondern wer sich den disparaten Wahrheiten des eigenen Lebens stellt. Integrität artikuliert sich im Modus eines konfessorischen Ichs: eines Ichs, das Ungenügen, Schuld und Verfehlungen anerkennt und zur Sprache bringen kann. Bonhoeffer gibt diesem Moment Ausdruck, wenn er sich selbst als „Heuchler“ erkennt und zugleich seine Bedürftigkeit offenlegt.

Eine Ethik der Integrität widerspricht damit der Reduktion der Person auf kollektive Identitäten. Herkunft, Geschlecht, kulturelle Prägungen oder sexuelle Orientierung sind biografisch wirksam, begründen jedoch keine abschließende Selbstdeutung. Integrität entzieht sich der Versuchung, Verantwortung durch Identitätsansprüche zu ersetzen oder moralische Autorität aus Betroffenheit abzuleiten. Sie besteht auf persönlicher Rechenschaftsfähigkeit, wie Bonhoeffer sie exemplarisch in Nach zehn Jahren. Rechenschaft an der Wende zum Jahr 1943 entfaltet hat[2].

Integrität ist kein Zustand, sondern ein lebensgeschichtlicher Prozess. Sie bewährt sich darin, mit dem eigenen Leben immer wieder neu zurechtzukommen – mit dem Gelungenen ebenso wie mit dem Verfehlten, Verlorenen oder Versäumten. Sie ist weniger zukunftsorientiert als responsiv: eine Antwort auf das, was einem widerfahren ist und was man selbst getan oder unterlassen hat. Integer lebt, wer sich zur eigenen Vergangenheit ins Verhältnis setzen kann, ohne sie zu verdrängen oder zu verklären.

Diese integre Haltung konkretisiert sich in Tugenden. Tugenden sind keine angeborenen Eigenschaften, sondern bewährte Praktiken: Wahrhaftigkeit, Selbstkritik, Verantwortlichkeit, Geduld, Maß und Versöhnlichkeit. Sie leiten das eigene Handeln an und ermöglichen situationsgerechte Entscheidungen. Tugendhaftes Handeln ist dabei keine moralische Überlegenheit, sondern gelebte Praxis im Umgang mit eigener Unvollkommenheit.

Integrität ist wesentlich relational. Sie zeigt sich im Vermögen, Rechenschaft zu geben – nicht zur Selbstrechtfertigung, sondern um das eigene Leben erzählbar, kritisierbar und verantwortbar zu machen. Dazu gehören die Anerkennung von Verletzlichkeit und Schuld ebenso wie die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und um Vergebung zu bitten. Integrität bewahrt davor, sich hinter Rollen, Identitäten oder moralischen Selbstzuschreibungen zu verbergen. Eine Identität muss geschützt werden – Integrität nicht.

Gerade in Fragen von Körperlichkeit, Sexualität und Lebensführung erweist sich Integrität als Bewährungsfeld. Sie hält Ambivalenzen aus, ohne sie vorschnell normativ aufzulösen, und ermöglicht verantwortete Freiheit jenseits identitärer Fixierungen. Integrität zielt nicht auf Eindeutigkeit, sondern auf Wahrhaftigkeit.

So geht Integrität einer protektiven Identität ethisch voraus. Die grundlegende moralische Frage lautet nicht zuerst: „Wer bin ich?“ – eine Frage, die Bonhoeffer bewusst offenhält –, sondern: Wie stehe ich zu dem, was ich getan habe, was mir widerfahren ist und was ich versäumt habe? Für religiöse Menschen gewinnt diese Frage eine letzte Tiefendimension. Integrität gründet dann nicht in Selbstverfügung, sondern in der Erfahrung, anerkannt zu sein: „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.“

Jochen Teuffel
2. Februar 2026


[1] Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hrsg. v. Eberhard Bethge, Neuausgabe, München: Chr. Kaiser Verlag, 1970, S. 381f.

[2] Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, a.a.O., S. 11-27.

Hier der Text als pdf.

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