Martin Luther über die Heilige Schrift (Grund und Ursach aller Artikel D. M. Luther, 1521): „Die Heilige Schrift muss notwendigerweise klarer, leichter verständlich und gewisser sein als alle anderen Schriften, da ja alle Lehrer ihre Aussagen durch sie als durch eine klarere und beständigere Schrift bestätigen wollen und ihre eigenen Schriften durch sie begründet und erklärt sehen möchten. Niemand kann eine dunkle Aussage durch eine noch dunklere beweisen. Darum zwingt uns die Not, mit allen Lehrschriften zur Bibel zu laufen und dort Urteil über sie einzuholen; denn sie allein ist der rechte Lehnsherr und Meister über alle Schriften und Lehren auf Erden. Wenn das aber nicht gelten soll, wozu brauchen wir dann die Schrift? Dann verwerfen wir sie erst recht und begnügen uns mit Menschenbüchern und Menschenlehrern.“

Über die Heilige Schrift (Grund und Ursach aller Artikel D. M. Luther, 1521)

Von Martin Luther

Ich predige keine neuen Dinge; ich sage vielmehr, dass alles Christliche bei denen untergegangen ist, die es hätten bewahren sollen, nämlich bei den Bischöfen und Gelehrten. Dennoch habe ich keinen Zweifel, dass die Wahrheit bis heute in manchen Herzen geblieben ist, und seien es auch nur kleine Kinder in der Wiege. So blieb auch der geistliche Sinn des Gesetzes im Alten Testament bei einigen Geringen erhalten; bei den Hohenpriestern und Schriftgelehrten aber, die ihn hätten bewahren sollen, ging er verloren. Darum sagt Jeremia (Kap. 5,4), dass er bei den Oberen weniger Einsicht und Recht gefunden habe als bei den Laien und beim einfachen Volk. Ebenso ist es auch jetzt: Arme Bauern und Kinder verstehen Christus besser als Papst, Bischöfe und Doktoren – alles ist verkehrt worden.

Wollen sie aber partout nicht anders, nun gut, dann mögen sie mich einen Heiden nennen. Was wollten sie antworten, oder wie wollten wir uns verhalten, wenn uns ein Türke nach dem Grund unseres Glaubens fragte – einer, dem es gleichgültig ist, wie viele, wie lange oder wie bedeutende Leute etwas geglaubt haben? Wir müssten dann völlig schweigen und ihm allein die Heilige Schrift in ihrem Kern zeigen. Es wäre höchst beschämend und lächerlich, wenn man ihm sagen wollte: Sieh nur, so viele Pfaffen, Bischöfe, Könige, Fürsten, Länder und Leute haben dies oder jenes so lange geglaubt. Genau so aber verfährt man jetzt mit mir. Lasst doch sehen, wo unser Grund und unser bester Schatz liegen! Lasst uns ihn wenigstens einmal anschauen – schon um unserer eigenen Gewissheit und Andacht willen.

Sollten wir einen so großen Grund haben und ihn selbst nicht kennen und vor jedermann verbergen, obwohl Christus ihn ganz öffentlich, allgemein und für jedermann sichtbar haben wollte, wie er sagt (Matth. 5,15–16): „Man zündet kein Licht an und stellt es unter ein Maß, sondern auf den Leuchter, damit es allen leuchte, die im Hause sind.“ Christus ließ seine Hände, Füße und seine Seite berühren, damit die Jünger seiner gewiss seien (Luk. 24,39f.). Warum sollten wir dann nicht auch die Schrift, die wahrhaftig Christi geistlicher Leib ist, prüfen und befühlen, ob sie wirklich die ist, an die wir glauben? Denn alle anderen Schriften sind gefährlich; sie könnten flüchtige Geister sein, die weder Fleisch noch Bein haben, wie Christus sie hatte.

Damit ich auch denen geantwortet habe, die mir vorwerfen, ich verwerfe alle heiligen Lehrer der Kirche: Ich verwerfe sie nicht. Aber da jedermann weiß, dass sie als Menschen zuweilen geirrt haben, will ich ihnen keinen weiteren Glauben schenken, als insofern sie mir ihren Verstand aus der Schrift beweisen, die niemals geirrt hat. Dazu ermahnt mich der heilige Paulus (1 Thess. 5,21), wenn er sagt: „Prüft alles; das Gute behaltet.“ Ebenso schreibt der heilige Augustinus an den heiligen Hieronymus: Ich habe gelernt, allein den Büchern, die Heilige Schrift heißen, solche Ehre zu erweisen, dass ich fest glaube, keiner ihrer Verfasser habe je geirrt; alle anderen aber lese ich so, dass ich nichts für wahr halte, was sie sagen, es sei denn, sie beweisen es mir durch die Heilige Schrift oder durch allgemein einleuchtende Vernunft.

Die Heilige Schrift muss notwendigerweise klarer, leichter verständlich und gewisser sein als alle anderen Schriften, da ja alle Lehrer ihre Aussagen durch sie als durch eine klarere und beständigere Schrift bestätigen wollen und ihre eigenen Schriften durch sie begründet und erklärt sehen möchten. Niemand kann eine dunkle Aussage durch eine noch dunklere beweisen. Darum zwingt uns die Not, mit allen Lehrschriften zur Bibel zu laufen und dort Urteil über sie einzuholen; denn sie allein ist der rechte Lehnsherr und Meister über alle Schriften und Lehren auf Erden. Wenn das aber nicht gelten soll, wozu brauchen wir dann die Schrift? Dann verwerfen wir sie erst recht und begnügen uns mit Menschenbüchern und Menschenlehrern.

WA 7, 313,37-317,9 (Grund und Ursach aller Artikel D. M. Luther, so durch römische Bulle unrechtlich verdammt sind, 1521, in modernes Deutsch übertragen).

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Ältere Textfassung:

Über die Heilige Schrift (Grund und Ursach aller Artikel D. M. Luther)

Von Martin Luther

Ich predige nicht neue Dinge; ich sage, daß alle christliche Dinge seien bei denen unter­gangen, die es sollten haben gehalten, nämlich die Bischöfe und Gelehrten. Daneben ist mir nicht Zweifel, es sei die Wahrheit bisher blie­ben in etlichen Herzen, und sollten’s eitel Kin­der in der Wiege sein. Es blieb auch der geist­liche Verstand des Gesetzes im alten Testament bei etlichen Geringen; er ging aber unter bei den Hohenpriestern und Gelehrten, die ihn hal­ten sollten. Also spricht Jeremia (Kap. 5,4), daß er bei den Obersten weniger Verstand und Recht gefunden habe, denn bei den Laien und gemeinen Volk. Also ist’s auch jetzt, daß arme Bauern und Kinder baß Christum verstehen, denn Pabst, Bischöfe und Doctores, und ist alles umgekehret.

Wollen sie aber je nicht anders, wohlan, sie lassen mich einen Heiden sein. Was wollten sie antworten, oder wie wollten wir uns dazu stellen, wenn uns der Türk um unsers Glau­bens Grund fraget«, der nichts darauf gäbe, wie viel, wie lange, wie große Leute so oder sonst gehalten hätten? Wir müßten je aller­dings schweigen, und ihm die heilige Schrift im Grund anzeigen. Es sollte gar schimpflich und lächerlich sein, so man ihm wollte sagen: Siehe da, so viel Pfaffen, Bischöfe, Könige, Fürsten, Land und Leute haben so lange das und das gehalten. Also thue man mir jetzt auch. Laß doch sehen, wo steht oder liegt unser Grund und bester Vorrath? laßt ihn uns ein­mal ansehen, zum wenigsten um eigener Stärke oder Andacht willen.

Sollen wir so großen Grund haben und denselben nicht wissen und vor jedermann ber­gen, so ihn Christus hat wollen so gar öffent­lich, gemein und jedermann bekannt haben, wie er sagt (Matth. 5,15-16): „Man zündet nicht ein Licht an, und setzet das unter ein Kornmaß, sondern auf den Leuchter, auf daß es allen denen leuchte, die im Hause sind.“ Ließ doch Christus seine Hände, Füße und Seite tasten, auf daß die Jünger sein gewiß wären [Luk. 24,39f.], warum sollten wir denn auch die Schrift, die da wahrlich Christi geistlicher Leib ist, nicht tasten und prüfen, ob es die sei, in welche wir glauben oder nicht. Denn alle andere Schriften sind fährlich, möchten vielleicht fliegende Geister sein, die nicht Fleisch noch Bein haben, wie Chri­stus hat.

Damit ich auch denen will geantwortet haben, die mir Schuld geben, ich verwerfe alle heilige Lehrer der Kirche. Ich verwerfe sie nicht; aber dieweil jedermann wohl weiß, daß sie zu­weilen geirret haben, als Menschen, will ich ihnen nicht weiter Glauben geben, denn sofern sie mir Beweisung ihres Verstands aus der Schrift thun, die noch nie geirret hat. Und das heißt mich St. Paulus (1 Thess. 5,21), da er sagt: „Prüfet und bewahret zuvor alle Lehre; welche gut ist, die behaltet.“ Desselbengleichen schreibt St. Augustin zu St. Hieronymus: Ich habe erlernet, allein denen Büchern, die die hei­lige Schrift heißen, die Ehre zu thun, daß ich festiglich glaube, keiner derselben Beschreiber habe je geirret; alle andere aber lese ich der­maßen, daß ich’s nicht für wahr halte, was sie sagen, sie beweisen mir’s denn mit der heiligen Schrift oder öffentlicher Vernunft.

Es muß je die heilige Schrift klarer, leichter und gewißer sein, denn aller Anderer Schrift, sintemal alle Lehrer ihre Rede durch dieselbe, als durch klarere und beständigere Schrift, bewähren, und wollen ihre Schrift durch sie befestiget und erkläret haben. So mag je niemand eine dunkele Rede durch eine mehr dunkele Rede beweisen. Derhalben uns die Noth dringt, mit aller Lehrer Schrift in die Biblien zu laufen, und allda Gericht und Urtheil über sie zu holen; denn sie ist allein der rechte Lehenherr und Meister über alle Schrift und Lehre aus Erden. So aber das nicht sein soll, was soll uns die Schrift? so mehr ver­werfen wir sie, und lasten uns genügen an Menschen-Büchern und -Lehrern.

Quelle: Dr. Martin Luthers Sämmtliche Schriften, herausgegeben von Dr. Joh. Georg Walch, Bd. 15: Reformations-Schriften, St. Louis: Concordia Publishing House, 1899, Sp. 1480f.

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