Vom bereitwilligen Verlust des Irdischen
Von Tertullian
Daß die Habsucht die Wurzel aller Übel sei, das hat der Heilige Geist durch den Apostel verkündet. [1.Tim 6,10] Glauben wir nicht, daß diese Habsucht etwa bloß in der Begierde nach fremdem Eigentum bestehe! Nein. Denn auch, was unser zu sein scheint, gehört uns nicht, weil alles Gott gehört, auch wir selber. Wenn wir aber bei einem erlittenen Verlust Ungeduld verspüren, so befinden wir uns in einer der Habsucht verwandten Schuld, indem wir uns über den Verlust von etwas betrüben, das uns gar nicht gehörte. Wir verlangen nach fremdem Gut, wenn wir den Verlust von fremdem Gut ungern ertragen. Wer von Ungeduld über einen Verlust ergriffen wird, sündigt nahezu gegen Gott selbst, indem er das Irdische höher stellt als das Himmlische. Denn unsere Seele, die wir vom Herrn erhalten haben, hat sich dann von der Liebe zu zeitlichen Dingen verwirren lassen.
Verlieren wir also bereitwillig das Irdische und bewahren wir uns das Himmlische! Mag die ganze Welt zugrunde gehen, wenn ich nur die Geduld als Gewinn davontrage. Wenn jemand sich nicht entschließen kann, einen kleinen, durch Diebstahl, Gewalt oder Nachlässigkeit entstandenen Schaden mannhaft zu ertragen, so wird er schwerlich schnell sein Hab und Gut angreifen, wenn es sich um ein Almosen handelt. Wurde jemand, der es gar nicht ertragen kann, sich von einem andern operieren zu lassen, imstande sein, das Messer selbst an sich zu setzen? Gelassenheit bei Verlusten ist eine gute Vorübung im Schenken und Mitteilen. Wer sich vor einem Verlust nicht fürchtet, ist auch nicht verdrießlich beim Geben. Wird man, wenn man zwei Röcke hat, dem Nackten einen davon geben wollen, wenn man nicht imstande war, dem, der uns den Mantel nimmt, auch noch den Rock zu geben? Werden wir uns mit dem Mammon der Ungerechtigkeit Freunde machen, wenn wir ihn so lieben, daß wir seinen Verlust nicht ertragen können? Wir werden mit dem zugrunde gegangenen auch zugrunde gehen. Was können wir hienieden finden, wo wir uns zu verlieren haben?
Überlassen wir es den Heiden, bei jedem Verlust ungeduldig zu werden! Sie stellen das Geld womöglich höher als ihr Leben. Sie tun das, wenn sie aus Gewinnsucht vorteilhafte, aber gefährliche Handelsreisen zur See machen, wenn sie auf dem Markt um des Geldes willen vor keinem Unternehmen zurückschrecken, wofür eine Verurteilung zu fürchten wäre; wenn sie sich zu den Spielen und zum Kriegsdienst anwerben lassen und wenn sie wie wilde Tiere gewaltsame Räubereien begehen. Bei der Verschiedenheit aber, die zwischen uns und ihnen obwaltet, geziemt es sich, das Geld um des Lebens willen, nicht aber das Leben um des Geldes willen einzusetzen, entweder freiwillig, indem wir es verschenken, oder mit Ergebung, wenn wir es verlieren. Sogar unsere Seele und unseren Körper besitzen wir in dieser Welt nur als Zielscheibe für alle Beleidigungen, und wir unterziehen uns diesen Beleidigungen mit Geduld – sollten wir uns da durch den Verlust geringerer Dinge verletzt fühlen? Fern sei von einem Diener Christi die Schande, daß seine Geduld, die in größeren Versuchungen geübt ist, bei Kleinigkeiten zu Fall komme!
Tertullian, Über die Geduld (De Patientia) 7-8, in: Alfons Heilmann (Hrsg.), Texte der Kirchenväter, Bd. IV, München: Kösel 1964, S. 410-412.