Benjamin Franklins Brief an Joseph Priestley
Passy, 8. Feb. 1780
Sehr geehrter Herr,
Ihr freundlicher Brief vom 27. September ist erst vor kurzem in meine Hände gelangt, da der Überbringer lange in Holland verweilte.
Es erfüllt mich stets mit Freude, zu hören, dass Sie weiterhin mit experimentellen Naturforschungen beschäftigt sind und dabei Erfolge erzielen. Der rasche Fortschritt, den die wahre Wissenschaft nun macht, lässt mich manchmal bedauern, dass ich so früh geboren wurde. Es ist unmöglich sich vorzustellen, auf welche Höhe sich in 1000 Jahren die Macht des Menschen über die Materie steigern mag. Vielleicht lernen wir, großen Massen ihre Schwere zu nehmen und ihnen absolute Leichtigkeit zu verleihen, um den Transport zu erleichtern. Die Landwirtschaft könnte ihre Arbeit verringern und ihren Ertrag verdoppeln. Alle Krankheiten mögen durch sichere Mittel verhindert oder geheilt werden, selbst jene des Alters nicht ausgenommen, und unser Leben nach Belieben verlängert werden, sogar über das vorsintflutliche Maß hinaus. O, dass doch die Moralwissenschaft in ähnlich guter Fortentwicklung begriffen wäre, dass die Menschen aufhörten, einander Wölfe zu sein, und dass menschliche Wesen endlich lernten, was sie heute fälschlich Menschlichkeit nennen.
Ich freue mich, dass mein kleines Schriftstück über das Nordlicht gefiel. Falls es zu weiteren Untersuchungen Anlass gibt und so eine bessere Hypothese hervorbringt, wird es nicht ganz unnütz gewesen sein.
Ich bin stets mit der größten und aufrichtigsten Hochachtung, sehr geehrter Herr, Ihr ganz ergebener
Benjamin Franklin