Um die Einheit und Reinheit der Bekennenden Kirche
Wort des Vorbereitenden Ausschusses des Reichsbruderrats, verfasst von H. J. Iwand, Berlin, 21. Januar 1936 (Flugblatt, gedruckt bei Montanus & Ehrenstein, Wuppertal-Barmen)
Die Lage, in der sich die Evangelische Kirche heute befindet, ist eigentümlich genug. Es sind noch nicht drei Jahre vergangen, da drohte dieser Kirche der innere und äußere Zusammenbruch. Im Kirchenregiment setzte eine unchristliche Gewaltpolitik schlimmster Art ein, alle möglichen, bis dahin unter der Decke schlummernden Irrlehren und Schwarmgeistereien suchten sich die Kanzel zu erobern und die Gemeinden zu durchtränken. Die Leitung der Evangelischen Kirche Preußens wurde ohne namhaften Widerstand beseitigt, Leute der Richtung Hossenfelder eigneten sich selbstgeschaffene Bischofssitze in den preußischen Provinzen und einzelnen anderen Landeskirchen an. Die Heilige Schrift wurde unter die Norm artgemäßen Denkens gestellt, der fleischgewordene und gekreuzigte Sohn Gottes, Jesus von Nazareth, unter Duldung und auch unter Mitwirkung von Dienern am Wort und hohen Kirchenführern geschmäht. In der Stunde der nationalen Erhebung schämte sich unsere Kirche des Evangeliums und deckte eigene und zeitgemäße Gedanken darüber, um das Ärgernis zu verhüllen. Der tolle Spuk ging so weit, daß man sogar versuchte, in einer großen öffentlichen Kundgebung in Berlin das Alte Testament und das Evangelium von dem gekreuzigten Christus in aller Form abzuschaffen.
Damals wußten wir, Pfarrer und Gemeinden, nichts Besseres zu tun, als uns zu dem lauteren, unverfälschten Wort Gottes zu flüchten und zu ihm zu bekennen und Gott angesichts dieser Bedrängnis seiner Kirche und Entehrung seines Namens allein die Ehre zu geben. Damals haben wir gelernt, daß die Rettung der Kirche in ihrer größten Not in nichts anderem besteht, als daß wir Gott und seine Gnade in Jesus Christus vor aller Welt öffentlich und ohne Scheu bekennen, Jesus Christus allein den Herrn der Kirche sein lassen und in der Botschaft von der Sünden vergebenden Gnade den einzigen Auftrag sehen, der uns zuteil geworden ist. Wir wagten es, eine von der Welt schon totgeglaubte Kirche wagte es, Jesus Christus als den zu bekennen, dem alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden.
Und es geschah etwas Unerhörtes. Was geschah, war nicht unser Werk, noch unsere Aufmachung, es war ein Wunder vor unseren Augen. Dieses armselige, schwache, aber doch so reine, lautere, heilige Wort Gottes in unserem Munde blieb nicht leer. Es ist nicht wahr, was sic heute sagen, daß ein Kirchenstreit entbrannte, nein, Gottes Wort wurde lebendig unter uns. Sein Wort sammelte die Menschen, stärkte die bekennenden Christen, versah unsere Lehrer und Pastoren mit der Waffenrüstung des Geistes, die Schrift öffnete sich uns wie seit langem nicht mehr, denn der Herr selbst war mitten unter uns mit seinem Wort und seinem Geiste. Aber es geschah auch das andere, wie es heißt: Du deckst mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Man hat uns aus Amt und Brot gebracht, aber wir haben nicht Not gelitten; wir wurden verfolgt, aber wir waren nicht verlassen; wir waren in die Enge getrieben, aber eine Brüderlichkeit, wie wir sie bisher nicht gekannt haben, war das Geschenk gemeinsamer Not und gemeinsamer Errettung. Gott war unser aller Vater geworden, nicht umsonst hatten wir seinem Namen vertraut. Und etwas, wovon wir sonst nur aus der Geschichte der Kirche und den Liedern der Väter wußten, vollzog sich vor unseren Augen: Dieses schwache Wort steuerte dem Ansturm der Gewalt, es raubte den Lügenpropheten ihre Anhänger, machte die Schwachen stark, öffnete den Blinden die Augen, daß sie erkannten, wohin der Weg ging, den die blinden Blindenleiter sie führen wollten, das Wort selbst war zur festen Burg geworden, in der wir so sicher und fröhlich ausharren mochten, daß sich alle Welt verwundert fragte, wer unser Schutz und Schild sei. Wir aber konnten getrost und aus aufrichtigem Herzen antworten: Das ist der Herr, unser Gott, wahrhaftig Er allein. Aber es geschah noch mehr: Das Wort untergrub den Thron und die Macht der Bischöfe, die es geringschätzten und in ein politisches Evangelium verwandeln wollten, aber das Amt jener, die ihm treu waren, sicherte es und schützte es in schwerster Zeit. Unsichtbar stand es hinter allem Sichtbaren und ließ keinen fallen, der sich daran klammerte. Obschon die Gegner riefen: „Verloren!“, obschon die Freunde sagten und bangten: „Wir sind am Ende!“ — das Wort brach immer wieder eine neue Bahn und machte uns mitten in der Wüste eine ebene Straße. Der Weg der Bekennenden Kirche war ein gerader Weg, denn ihr Bekenntnis hatte Wohlgefallen gefunden vor dem, der aller Welt Enden regiert. Wie viele Müde fanden neue Kraft, wie viele in ihrem Amt Gelähmte standen auf, wie viele Schwache im Glauben faßten neue Zuversicht, und es war selbst unter den Heiden ein Rühmen: Der Herr hat Großes an ihnen getan.
Was wollte Gott anderes von uns dafür, als daß wir ihn loben und preisen und alles seinem herrlichen Namen zuschreiben sollten. Was aber haben wir getan, meine Brüder — wir haben es uns zugeschrieben, wir haben es als unser Eigentum angesehen, was er uns geschenkt hat, wir sagten: Die Kirche hat Kraft, die bayrische, die preußische, die württembergische Kirche hat sich gut geschlagen; wir sagten, die Bruderräte sind tapfer; wir sagten, die bekenntnistreuen Bischöfe sind tapfer; aber der Name Gottes wurde je länger je seltener genannt Wir meisterten die Sache, und darum begannen wir nun, uns zu sorgen und uns zu zersorgen, wie wir das neue Geschenk der Bekennenden Kirche unter Dach und Fach bringen könnten, wir begannen an Zahlen zu glauben, mit Erfolg zu operieren, auf Menschen zu setzen — und damit bekam die Bekennende Kirche ihren Preis. Wir fürchteten um den Bestand des Neuen, das uns beschieden war, und vergaßen, daß auch dieses Neue um Gottes willen tausendmal preisgegeben werden muß, wenn seine Ehre auf dem Spiele steht — Gott kann und wird sich aus Steinen Kinder erwecken. Weil wir unsere Sorge nicht mehr auf ihn warfen, sondern selbst das Sorgen übernahmen, weil wir die Verantwortung für das, was bei dem Bezeugen seiner Wahrheit herauskommen könnte, selbst tragen wollten, darum zerbrachen wir. Nicht die Not, nein, der Erfolg hat uns zerbrochen. Auseinandergebrochen. Vor aller Welt stehen wir heute da wie Narren. Ein Gelächter für unsere Feinde, ein Triumph für den Satan, eine Anfechtung des Bösen für unsere Gemeinden. Es ist die dunkelste Stunde, durch die Gott jetzt seine Kirche führt, nach außen scheinen wir gesiegt zu haben, aber innen ist Hader, Mißtrauen, Bosheit und Berechnung. Nicht mehr das Evangelium regiert und verbindet uns, wir regieren uns mit Satzungen und entzweien uns mit Rechthaberei.
Wie sollte es anders sein? Wir haben Gott aus den Augen gelassen, wir sehen auf Gott und auf die Welt, wir wollen gehorsam und zugleich klug sein, wir bekennen, aber wenn wir es nicht für opportun halten, können wir auch schweigen. Wir sagen, wir glauben nicht mehr an den Sieg der reinen Lehre, aber wir nennen uns bekenntnistreu, wir stehen nicht mehr auf der Schanze des Bekenntnisses, das uns exponiert, sondern decken uns damit wie mit einem Schutzschild, um uns zu sichern. So ist der Geist zum Buchstaben geworden und die Gabe Gottes zum Verhängnis. Gott hat uns an die Hand genommen, aber uns ist der Atem ausgegangen. Gott wollte mit uns über die Mauer springen, aber wir schauten auf unsere Beine und sahen, daß sie alt und schwach waren, und sagten: Wir werden hinüberklettern.
So ist es dahin gekommen, daß heute ungehindert vom unsinnigen Kirchenstreit gesprochen werden kann und die Zeiten, die für uns Zeiten der Tröstung, Rettung und Erziehung geworden sind, als bedauerlich und auf Mißverständnissen beruhend hingestellt werden. Das trifft nicht unsere, sondern Gottes Ehre! Wenn wir dazu schweigen, verdienen wir nicht, daß wir — als Bekennende Kirche — weiterleben. Denn wer seinen Namen antasten läßt, verdient, hinweggefegt zu werden. Es gibt eine Gottlosigkeit der Heiden, sie hat etwas Erbarmungswürdiges an sich, denn sie kennen ja nicht den Herren der Herrlichkeit — aber es gibt auch, und nur allzu oft und nur allzu nahe, eine Gottlosigkeit derer, die einmal mit dem Evangelium erleuchtet sind und das heilsame Wort Gottes geschmeckt haben — der Herr unser Gott wolle uns allesamt davor bewahren, daß wir dahin abstürzen und andere dahin mitreißen. Gibt es denn niemanden mehr, der diese Furcht versteht? Der uns von daher versteht? Sind wir einander so ferne gerückt, daß wir uns nicht mehr verstehen können in der Furcht Gottes? Aus der Furcht vor Gott haben wir bekennen müssen vor den Menschen, aus der Furcht vor Gott dürfen wir heute von dem, was wir bekannt haben, nicht weichen.
Darum dürfen wir es nicht leiden, daß man die Zeiten seiner Heimsuchung Kirchenstreit und Theologenzwist nennt und frohlockt, daß sic zu Ende sind. Gewiß, es gäbe wohl ein Sichfreuen und Frohlocken, wenn wir mit unseren getrennten und gegnerischen Brüdern, ja mit unserem ganzen Volke eins sein und werden könnten in der Anbetung der Gnade Gottes und seines heiligen Wortes, aber wenn wir darin nicht eins werden können und darum nun mit künstlicher Einigkeit zu überbrücken suchen, was Gott zerrissen hat, und mit eignen Händen aufzubauen suchen, was er niedergelegt hat, dann wird diese Sache keinen Segen haben. Wo Gott nicht das Haus baut, da arbeiten die Bauleute umsonst.
Der Aufbau der Kirche ist das Geschenk und die Beglaubigung für das rechte Bekenntnis. Darum ist die Bekennende Kirche in ihrer so gewordenen, sichtbaren Gestalt nicht zu trennen von den Bekenntnissen von Barmen und Dahlem. Das Festhalten an dem, was dort gesagt wurde, soll man uns nicht als Lehrgesetzlichkeit diffamieren. Oder ist es etwa Gesetzlichkeit, wenn in irdischen Dingen ein Mann zu seinem Wort steht? In dem Aufbau der Bekennenden Kirche steht Gott zu seinem Wort. Darum haben wir jenes Bekenntnis in der Tat als kirchengründend empfunden; denn es hat uns wieder den alleinigen Grund unter die Füße gebracht, außer dem niemand einen anderen legen kann, Jesus Christus, Wegweiser und Sammlungsruf ist es geworden für verirrte und zerstreute Gemeinden. Ihr könnt nicht wollen, daß wir heute davon lassen. Selbst wenn wir es wollten, so könnten und dürften wir es nicht. Denn wir können nur davon lassen, wenn wir erkennen müssen, daß die dort bezeugte Entscheidung wider Gottes Wort und Auftrag war. Diese Bekenntnisse sind Wegweisungen geworden einer herausgerufenen, in Marsch gesetzten Kirche. Wie sollen wir wandern ohne klare Wegzeichen? Es hat sich gezeigt, daß für die Ausrichtung der Kirche auf diesem Wege das Augsburgische Bekenntnis (C. A.) allein nicht genügt, wir müssen in einem uns aufgetragenen Bekennen unsern Vätern im Glauben die Hand reichen, damit sich in unserm Bekennen der Sinn und der Segen ihres Bekennens erfülle. Denn Bekennen heißt ja nicht der Propheten Gräber schmücken, sondern auf die Stimmen der Glaubenszeugen hören, die uns durch die Jahrhunderte hindurch zu einem klaren und mutigen Bekenntnis heute rufen. Darum steht die Wolke der Zeugen über uns, daß wir mit ihnen einstimmen in den Lobpreis der Gnade Gottes in Jesus Christus — heute und in eigenen Entscheidungen, so wie sie selbst ihre Zeit vor Entscheidungen gestellt haben.
Wenn aber die Linie unseres Weges, die über Barmen, Dahlem und Augsburg führte, in den Aufruf des Reichskirchenausschusses einmünden soll, dann führt sie vom Bekennen zum Verschweigen, vom Ernst zur Verharmlosung, vom beredten Zeugnis lebendiger Gemeinden zu einem nichtssagenden und darum jede Deutung zulassenden, unverbindlichen Erlaß. Man sehe sich doch einmal im Blätterwalde um, wer sich heute hinter diesem Aufruf versteckt oder mit ihm angetan wieder meint, die kirchenpolitische Arena in Ehren betreten zu können. Dieser Aufruf gehört nach seiner inneren Struktur in die Linie des Ansbacher Ratschlages, — aber nicht in die von Barmen, Dahlem oder Augsburg. Wir dürfen nicht zulassen, daß man Gottes Wort und Gesetz und menschliche Ordnung und Gesetzgebung miteinander vermischt und verkoppelt. Für diese Wahrheit der Lehre Jesu Christi, die uns ein für allemal freigemacht hat von der Menschen Gebote für Gottes Gebot, gibt es kein Interim! Diese Wahrheit tut der Kirche not, auch dann, wenn sie wehe tut. Man mache doch einmal den Versuch, mit dieser neuen Bekenntnisformel des Reichskirchenausschusses Gemeinden zu sammeln, Synoden zu berufen, Glauben zu wecken, Irrglauben zu entlarven, Kirche zu bauen — wer das nicht für möglich hält, der kann es auch nicht für möglich halten, auf dieser Linie Kirche zu leiten.
Viele unserer Brüder trösten sich jetzt mit der Vorläufigkeit dieser Regelung. Aber auch das Interim ist ein Akt in der Entwicklung der Kirchengeschichte. Was uns nach zwei Jahren verbleiben wird, steht nicht in unserer, sondern in eines anderen Hand. Denn so heißt es von denen, die Zeit gewinnen wollen, und zu ihnen: Gleich wie sich der Gürtel eng an die Hüften eines Mannes anschließt, so hatte ich das ganze Haus Israel und das ganze Haus Juda an mich anschließen lassen, damit sie mein Volk und mein Ruhm, mein Lobpreis und meine Zierde sein sollen; aber sie haben nicht gehorcht! (Jer. 13,11.) Hüten wir uns davor, daß es uns nicht geht wie dem Gürtel, den der Prophet in einen Steinritz legen mußte, und nach einem Jahr war er morsch und faul.
Warum nennt ihr uns darum Unentwegte, Radikalisten, Schwärmer, Freikirchler, Unionisten — sind wir denn andere geworden, als wir waren, da wir zusammen gingen, zusammen Gott priesen und die Wahrheit seines Evangeliums gegen die Irrlehren der Zeit bekannten? Warum, wenn solche Dinge in der Öffentlichkeit von uns gesagt werden, sagt ihr nicht, worum es in Wahrheit geht — daß ihr jetzt Schritte macht aus eigenem Ermessen, bestimmt von Befürchtungen, die gewiß berechtigt sind, geleitet von Hoffnungen, die nicht unberechtigt sind, aber in dem allen doch ohne bestimmten Auftrag und ohne gewisse Verheißungen, und daß wir da nicht mitkönnen, nicht weil wir nicht wollen oder auch euch nicht verstehen, sondern weil wir nicht dürfen. Fast möchten wir euch zurufen: Ihr seid schon satt, ihr seid schon reich, ihr habt ohne uns die Herrschaft schon ergriffen. Ach, daß ihr sie doch schon hättet! Damit wir auch mit euch herrschen können. Denn ich glaube, Gott hat uns an die unterste Stelle gesetzt, wie Schächer, ein Schauspiel sind wir worden für die Welt und die Engel und die Menschen. Wir sind Toren um Christi willen, ihr seid vernünftig in Christus. Wir sind schwach, ihr seid stark. Ihr steht in Ehren, wir sind ehrlos! (1.Kor. 4.) Nicht genug, daß man uns als Staatsfeinde und Unruhestifter diffamiert, obschon wir — und da sei Gott unser Zeuge — für Volk und Staat gearbeitet, gebetet und um Christ willen die Versöhnung Gottes bezeugt haben — nicht genug damit, heute sollen wir nun zu Fanatikern, Schwärmern, Lieblosen, Gesetzesmenschen gestempelt werden. Wißt ihr denn so genau, daß ihr damit wirklich nur uns trefft, wißt ihr so genau, daß unser Fanatismus, den ihr euch einst gefallen ließet, nichts mit Gott zu tun hat, daß unser Schwärmertum nicht Glaube sein könnte, der alles glaubt, was Gott verheißt, unsere Lieblosigkeit nicht Wahrheitsliebe sein könnte, unsere Gesetzlichkeit nicht Gehorsam? Wißt ihr es wirklich so genau, daß bei euch die Kirche ist, die wir im 3. Artikel bekennen, und bei uns die Sekte? Muß die Minderheit immer vor Gott verworfen sein? Warum arbeitet ihr mit solchen Begriffen? Sagt dann doch mutig, wie wir es einst den Deutschen Christen zu sagen gewagt haben: Ihr habt Gott nicht hinter euch! Ihr streitet auf eigene Faust. Ihr redet von Bekenntnis und meint eure Rechte und Ämter.
Aber vielleicht meint ihr, wir seien zwar im Glauben eins, aber wir seien zu enge, zu gesetzlich, so eng, wie es die Urgemeinde in Jerusalem war, ihr aber hättet den Auftrag, das Evangelium den Heiden zu bringen. Wir kapseln ab, ihr macht die Arme weit auf. Wir fordern die rote Karte, ihr seht auf die Taufe und den Glauben. Wir spielen die Unentwegten, ihr aber seid bewegt und getrieben von eurem missionarischen Auftrag an das Volk. Laßt uns dazu eins sagen: In unsern Provinzen hat man die Kirchen in besonders starkem Maße zerschlagen, die Gemeinden entmündigt, die Pfarrer unter Druck gesetzt — wir haben die bekennenden Gemeinden sammeln müssen aus der Zerstreuung. Das war Mission. Wie viele Brüder, die bei den Deutschen Christen standen, stehen heute bei uns, wir sind brüderlich mit ihnen verbunden, eins mit ihnen in einem Glauben und in einem Herrn. Sie sind zu uns gekommen in der Freiheit, die ihnen die Erkenntnis der Wahrheit geschenkt hat, oft unter großen Opfern und nach schwerem inneren Ringen — ohne den Druck eines Kirchenregiments, ohne die Furcht vor einem Lehrzuchtverfahren. Viele haben sich bei uns gesammelt um das Wort, die der Kirche entfremdet waren — warum, weil sie sahen, daß Kirche nicht eine staatliche Anstalt ist, sondern das Angebot des Heils in Jesus Christus, daß Pfarrer Zeugen sind, Botschafter, Künder einer unbestechlichen Wahrheit. Fragt diese Gemeinden der Erweckten und Erwachten, ob ihr recht daran tut, wenn ihr uns heute der Enge und der Sicherheit zeiht.
Denn — und das zum Leuten! — wir verdienen nicht den Namen einer untergeordneten Kirche. Die alte Kirche, von der wir herkommen, schien geordnet, aber als der Wind kam, stieß er an das Haus, und es tat einen großen Fall. Diese Ordnung war auf Sand gebaut. Nun aber fühlen wir wieder den Felsengrund des Wortes Gottes unter unsern Füßen und wagen es, in Ehren die Bekenntnisse unserer Väter nachzusprechen. Darum sind wir eifersüchtig darauf bedacht, daß man diese Neugründung der Gemeinde nicht Unordnung schelte und davor erschrecke, wenn sich der neue Wein nicht in die alten Schläuche füllen läßt. Junge Kirche darf nicht auf dem Papier stehen. Junge Kirche, die nur ein Titel sein will, wäre bald veraltet. Junge Kirche ist die Gemeinde aller derer, die aus den Kräften der zukünftigen Welt leben.
Darum bitten wir euch um das Eine: Laßt nicht zu, daß man dieser Jungen Kirche unter dem Zeichen eines kirchlichen Rechtes ihre geistliche Leitung nimmt. Willigt nicht ein, daß man uns antut, was ihr bei euch nicht leiden wollt. Denn wir werden entweder zusammen leben und die Werke des Herrn verkündigen, oder zusammen untergehen und so die Zeugen der einen Kirche sein, die auch im Untergang noch den bezeugt, der gesagt hat: Ich lebe, und ihr sollt auch leben!
Professor H. J. Iwand, Königsberg
Quelle: Wir aber sind nicht von denen, die da weichen (Hebr 10,39). Der Kampf um die Kirche, Zeugnisse der Bekennenden Kirche, hrsg. v. Erik Wolf, Evangelische Reihe, Heft 1, Tübingen-Stuttgart: Furche, 1946, S. 51-57.