Alle Kreaturen schreien uns an, dass wir Gott dankbar sein sollen
Von Martin Luther
Alle Kreaturen schreien uns an, daß wir Gott dankbar sein sollen, wie auch am Ende dieses Evangeliums geschrieben ist. Wir haben edler und köstlicher Gehör und Sprache als dieser hier im Evangelium, denn wir habens von der Mutter. Da soll man fröhlich sein und sprechen: ich danke dir, Gott, daß du mir so feine Ohren und Sprache gegeben hast. Wir wundern uns nicht so wie die andern (die sich nur über dieses einzelne Geschehnis wundern). Sie aber sind wie die Rosse und Maultiere, die nicht verständig sind (Psalm 32,9). Aber Gott zu Schanden können sie die Junge brauchen, zur Afterrede, um dem Nächsten Schaden zu tun, Gott zu lästern oder sich selber zu verdammen! Und mit den Ohren hörst du das Wort der Wahrheit nicht gern, sondern viel lieber, wenn es gescholten wird. Aber dazu sind Ohren und Zunge nicht gegeben, sondern, wie am Ende des Evangeliums steht, daß man singen und mit Freuden danken soll: er hat alles wohl gemacht. So sollen auch die Ohren Gott und dem Nächsten dienen mit Freuden. Wer sie so gebrauchte, der wäre froh in Gott. Aber der Teufel hindert das alles und kehrts um, so daß wir Gott lästern, dem Nächsten schaden und uns selber verfluchen. Darum spricht er: Hephata, d.h. tu dich einmal auf! Wenn wir Augen und Ohren hätten, könnten wir sehen und hören, wie das Korn uns anredet: sei fröhlich in Gott, iß und trink, brauche mich und diene dem Nächsten! ich will schon die Böden (Speicher) füllen! Und wenn ich nicht taub wäre, so müßt ich hören, wie die Kühe sprechen bei ihrem Ausgang und Eingang: freut euch, wir bringen Butter und Käs, esset, trinket und gebet andern! So sprechen die Hühner: wir wollen Eier legen. Und die Vögel sprechen: seid fröhlich, wir wollen Vögel Hecken. So hör ich auch die Säue mit Freuden grunzen, weil sie Braten und Wurst bringen. So sprechen alle Kreaturen mit uns. Und jedermann sollte denken: ich wills brauchen, was Gott gegeben hat, und andern davon geben.
Aus einer Predigt zu Markus 7,31-17 gehalten am 8. September 1538 (Rörer-Nachschrift, WA 46, 493-495).
Quelle: D. Martin Luthers Evangelien-Auslegung, hrsg. v. Erwin Mülhaupt, Dritter Teil: Markus- und Lukasevangelium, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 4. A., 1968, S. 26.