Roman Brandstaetter, Hymnus an die Bibel: „Da formte der Herr deine Kehle, / meißelte deinen Gaumen / nach dem Bild des Himmelsgewölbes, / deinen Lippen und deiner Zunge / gab er die Gabe, Laute zu bilden, / und indem er dir seine Stimme einhauchte, / machte er sie zu deiner Stimme, / Stimme, / Stimme, / sichtbare Stimme, / hervortretend hinter den Bergen Moabs, / aufgehend hinter den Sanden der Wüste, / im ersten Vers der Genesis: / Bereschit bara Elohim, / heiliger Anfang der Buchstaben, / Keim von Sätzen, Kapiteln und Büchern, / die im Rhythmus des göttlichen Atems / sich zugleich / in alle Richtungen bewegen / wie der Wagen des herrlichen Thrones, / den im Land der Chaldäer, / am Fluss Kebar, / in Verzückung der erschrockene / Ezechiel schaute.“

Hymnus an die Bibel (Hymn do Biblii)

Sei gegrüßt
und gepriesen
und gesegnet,
Bibel,
erschaffen vor der Schöpfung,
als noch nichts geschaffen war,
vor der Zeit,
als es keine Zeit gab,
vor dem Raum,
als es keinen Raum gab
und der Geist Gottes schwebte
über dem Wahnsinn und dem Tohuwabohu der Leere.

Du entsprangst dem heißen Atem des Herrn,
seinem glühenden Hauch,
seiner Stimme,
die Wesen war,
Keim und Same
des Allseins,
Bibel,
Erde der ewigen Vulkane,
der heißen Quellen
und der siedenden Geysire,
die aus der Tiefe des Ewigen brechen,
Buch,
mächtiges Land,
emporgeworfen an die Oberfläche unsichtbarer Wasser
durch den Ausbruch kochender Lava,
erstarrt zu schwindelerregenden Bergen,
Buch,
zu dem ich täglich zurückkehre,
immer ärmer an Welt
und immer reicher
an dir,
an dir,
an dir,
kosmischer Monolog Gottes.

Am Schnittpunkt unzähliger Zeiten
– Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
sind nur ihr flüchtiger Splitter –
führte der Herr dich aus seinem Gedächtnis hervor
zum Gebrauch des menschlichen Geistes,
zugleich weit und zugleich eng,
und nach den Regeln,
die der menschlichen Ungeschicklichkeit gebieten,
verkleinerte er das Unaussprechliche
auf das Maß des Aussprechbaren,
das Unsichtbare
auf das Maß des Sichtbaren,
und dort, wo selbst diese Maße
dem Menschen unzugänglich blieben,
schuf er
Symbole,
Ähnlichkeiten,
Gleichnisse
und Bilder
und machte sie
zu Dienerinnen der menschlichen Unbeholfenheit,
die das Unaussprechliche auszudrücken sucht.

Da formte der Herr deine Kehle,
meißelte deinen Gaumen
nach dem Bild des Himmelsgewölbes,
deinen Lippen und deiner Zunge
gab er die Gabe, Laute zu bilden,
und indem er dir seine Stimme einhauchte,
machte er sie zu deiner Stimme,
Stimme,
Stimme,
sichtbare Stimme,
hervortretend hinter den Bergen Moabs,
aufgehend hinter den Sanden der Wüste,
im ersten Vers der Genesis:
Bereschit bara Elohim,
heiliger Anfang der Buchstaben,
Keim von Sätzen, Kapiteln und Büchern,
die im Rhythmus des göttlichen Atems
sich zugleich
in alle Richtungen bewegen
wie der Wagen des herrlichen Thrones,
den im Land der Chaldäer,
am Fluss Kebar,
in Verzückung der erschrockene
Ezechiel schaute.

O Bibel,
Bibel,
Bibel,
Stadt des Herrn,
emporragend über dem Wahnsinn der Unordnung
und den Abgründen des Chaos,
bete für jene, die an dich glauben,
und für jene, die an dir zweifeln.
Bete für jene, die dich lesen,
und für jene, die dich nicht lesen können.
Bete für jene, die dich verehren,
und für jene, die dich bespeien.
Bete für jene, die dich gefunden haben,
und für jene, die dich nicht zu finden vermögen.
Bete für jene, die ohne dich nicht leben können,
und für jene, denen du zum Leben nicht nötig bist.
Bete für jene, für die du Wahrheit bist,
und für jene, für die du nur eine Sammlung
orientalischer Märchen bist.

Bete für uns,
Bibel,
die du dauern wirst bis zum Ende der Zeiten,
bis du am Jüngsten Tag,
festgesetzt und besiegelt,
zurückkehrst hinter die Berge Moabs
und hinter die Dünen der Wüste,
dorthin, wo du vor der Schöpfung verweiltest,
als noch nichts geschaffen war,
an den Ort ohne Ort,
in die Zeit ohne Zeit,
du,
Gegrüßte
und Gepriesene
und Gesegnete,
Buch,
Buch,
Buch,
vom Gott überschattet,
Mutter des gekreuzigten Messias.

Roman Brandstaetter (1906–1987)

Hinterlasse einen Kommentar