Brief an Fritz Hartnagel
Von Sophie Scholl
Ulm, 28.10.1942
Mein lieber Fritz!
Heute habe ich einen Brief von Dir erhalten und danke Dir von Herzen dafür. Ich wollte, ich könnte Dir in dem Streit, den Du oft in Gesprächen mit Deinen Offizieren führen musst, mit dem, was ich weiß und bin, zur Seite stehen. Weißt Du, dass sich nicht ihr ganzes Inneres gegen dieses Naturgesetz, den Sieg des Mächtigen über das Schwache, aufbäumt, scheint mir schrecklich und entweder entartet oder ganz und gar unempfindsam. Schon ein Kind ist mit Grauen erfüllt, wenn es den Sieg eines mächtigen Tieres über ein schwaches und dessen Untergang miterleben muss. Mich hat diese so ganz und gar unumgehbare Tatsache als Kind und auch später immer sehr bewegt und traurig gemacht, und ich habe mir das Him zermartert, wie man sich aus diesem allgemeinen Zustande heraushalten könnte. Der Anblick eines unschuldigen kleinen Mäuschens in der Falle hat mir immer Tränen in die Nase steigen lassen, und dass ich darüber froh wurde wieder, und jetzt noch froh bin trotzdem, kann ich bloß einem Vergessen verdanken, das aber doch keine Lösung ist. Es kann ja hier auf Erden auch keine Lösung geben. Im Römerbrief heißt es: denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet auf die Offenbarung der Kinder Gottes. Sintemal die Kreatur unterworfen ist der Eitelkeit ohne ihren Willen, sondern um deß Willen, der sie unterworfen hat, auf Hoffnung. – Fritz, lies dieses Kapitel unbedingt selbst durch, nach diesem Brief, oder jetzt gleich. Und lies den herrlichen Satz zu Beginn: Denn das Gesetz des Geistes, der da lebendig macht in Christo Jesu, hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. – Sind jene nicht arm, entsetzlich arm, die dies nicht wissen und glauben? Diese ihre Armut müsste uns immer wieder geduldig machen ihnen gegenüber (und das Bewusstsein unserer eigenen Schwachheit, denn was wären wir, allein gelassen), selbst wenn ihr dummer Hochmut uns zornig machen möchte. Und wenn sie an den Sieg der Macht glauben, so frage sie doch, ob sie der Meinung seien, dass der Mensch dem Tiere ganz gleichgestellt sei, oder ob er darüber hinaus an einer Welt des Geistes teilnehme. Frage sie, sie werden in ihrem Hochmut das Letztere sicher bejahen. Und frage sie weiter, ob ein Sieg des Fleisches und der brutalen Gewalt in der Welt des Geistes nicht eine Schmach sei, ob in dieser Welt nicht andere Gesetze gelten als wie in jener des Fleisches, ob vielleicht ein kranker Erfinder oder, um von der zweifelhaften Technik loszukommen, ein kranker Dichter oder Philosoph in jener Welt des Geistes nicht mehr wögen, nicht mehr Kraft hätten als ein gehimarmer Athlet, ein Hölderlin mehr als ein Schmeling (diese Nebeneinanderstellung möge Hölderlin verzeihen, sie tut mir ja selbst weh). Ja, wir glauben auch an den Sieg des Stärkeren, aber der Stärkeren im Geiste. Und dass dieser Sieg vielleicht von einer anderen als unserer beschränkten (so schön sie ist, klein ist sie doch) Welt mächtig wird, nein, dies wird er hier schon, aber strahlend hell von allen gesehen wird, das macht ihn nicht weniger erstrebenswert.
Quelle: Hans Scholl. Sophie Scholl, Briefe und Aufzeichnungen, Frankfurt a.M.: S. Fischer, 1984, S. 223-224.