Martin Luther, Ein Sermon von dem heiligen hochwürdigen Sakrament der Taufe (1519): „Die Taufe heißt auf Griechisch baptismos, auf lateinisch mersio, das ist, wenn man etwas ganz ins Wasser taucht, das über ihm zusammenschlägt. Und wiewohl an vielen Orten der Brauch nicht mehr ist, die Kinder in das Taufwasser ganz hineinzutauchen, sondern man begießt sie allein mit der Hand aus dem Taufwasser, so sollte es doch so sein und wäre recht, dass man nach dem Wortlaut des Wörtleins Taufe das Kind oder einen jeden, der ge­tauft wird, ganz hinein ins Wasser senkt und tauft und wieder herauszieht.“

Ein Sermon von dem heiligen hochwürdigen Sakrament der Taufe (1519)

Von Martin Luther

Zum ersten. Die Taufe heißt auf Griechisch baptismos, auf lateinisch mersio, das ist, wenn man etwas ganz ins Wasser taucht, das über ihm zusammenschlägt. Und wiewohl an vielen Orten der Brauch nicht mehr ist, die Kinder in das Taufwasser ganz hineinzutauchen, sondern man begießt sie allein mit der Hand aus dem Taufwasser, so sollte es doch so sein und wäre recht, daß man nach dem Wortlaut des Wörtleins Taufe das Kind oder einen jeden, der ge­tauft wird, ganz hinein ins Wasser senkt und tauft [= taucht] und wieder herauszieht. Denn ohne Zweifel kommt in der deutschen Sprache das Wörtlein Taufe von dem Wort Tiefe, daß man tief ins Wasser senkt, was man tauft. Das fordert auch die Bedeutung der Taufe; denn sie bedeutet, daß der alte Mensch und die sündige Geburt von Fleisch und Blut soll ganz ersäuft werden durch die Gnade Gottes, wie wir hören werden. Darum sollte man der Bedeutung genug tun und ein rechtes vollkommenes Zeichen geben.

Zum zweiten. Die Taufe ist ein äußerliches Zeichen oder eine Losung, die uns absondert von allen ungetauf­ten Menschen, daß wir an ihr erkannt werden als ein Volk Christi, unseres Herzogs, unter dessen Panier — das ist das heilige Kreuz — wir stets streiten gegen die Sünde. Darum müssen wir drei Dinge in dem heiligen Sakrament anse­hen, das Zeichen, die Bedeutung und den Glauben. Das Zeichen besteht darin, daß man den Menschen in dem Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Gei­stes ins Wasser taucht; aber man läßt ihn nicht darin, sondern hebt ihn wieder heraus. Darum heißt man es »aus der Taufe gehoben«. Also müssen alle beiden Stücke in dem Zeichen sein, das Taufen [= Eintauchen] und das Herausheben.

Zum dritten. Die Bedeutung ist ein seliges Sterben der Sünde und Auferstehen in der Gnade Gottes, so daß der alte Mensch, der in Sünden empfangen wird und gebo­ren, da ersäuft wird und ein neuer Mensch herausgeht und aufsteht, der in Gnaden geboren ist. Also nennt St. Paulus Tit. 3,5 die Taufe ein Bad der neuen Geburt, daß man in diesem Bad neu geboren und erneuert wird. Wie auch Christus Joh. 3,5 sagt: »Es sei denn, daß ihr zum zweiten Male geboren werdet aus dem Wasser und dem Geist der Gnade, so könnt ihr nicht eingehen in das Himmelreich.« Denn gleichwie ein Kind aus dem Mutterleib gehoben und geboren wird, das durch solche fleischliche Geburt ein sündiger Mensch und ein Kind des Zorns ist, ebenso wird aus der Taufe gehoben und geboren der Mensch auf geistliche Weise, und durch solche Geburt wird er ein Kind der Gnade und ein gerechtfertigter Mensch. Also ersaufen die Sünden in der Taufe, und die Gerechtigkeit geht auf anstelle der Sünde.

Zum vierten. Die Bedeutung, das Sterben oder Ersau­fen der Sünde, geschieht nicht vollkommen in diesem Leben, bis der Mensch auch leiblich sterbe und ganz verwese zu Pulver. Das Sakrament oder Zeichen der Taufe ist bald geschehen, wie wir vor Augen sehen. Aber die Bedeutung, die geistliche Taufe, die Ersäufung der Sünde, währt, solange wir leben, und wird erst im Tod vollbracht [=vollendet]. Da wird der Mensch recht in die Taufe gesenkt, und es geschieht, was die Taufe bedeutet. Darum ist dieses ganze Leben nichts anderes als ein geist­liches Taufen ohne Unterlaß bis in den Tod. Und wer getauft wird, der wird zum Tod verurteilt, als spreche der Priester, wenn er tauft: Siehe, du bist ein sündiges Fleisch, darum ersäufe ich dich in Gottes Namen und verurteile dich zum Tod in diesem Namen, daß mit dir alle deine Sünden sterben und untergehen. So sagt St. Paulus Röm. 6,4: »Wir sind mit Christus, begraben durch die Taufe zum Tod.« Und je eher der Mensch stirbt nach der Taufe, um so eher wird seine Taufe vollbracht. Denn die Sünde hört nicht ganz auf, solange dieser Leib lebt, der so sehr in Sünden empfangen ist, daß Sünde seine Natur ist, wie der Prophet sagt: »Siehe, in Sünden bin ich empfangen, und in Untugend hat mich meine Mutter getragen.« (Ps. 51,7) Dieser ist in keiner Weise abzuhelfen, sie sterbe denn und werde zunichte mit ihrer Sünde. Also ist eines Christenmenschen Leben nichts anderes als ein Anfängen, selig zu sterben von der Taufe an bis ins Grab. Denn Gott will ihn anders machen von Grund auf am Jüngsten Tag.

Zum fünften. Desgleichen, schnell ist es geschehen, ein Kind aus der Taufe zu heben. Aber die Bedeutung, die geistliche Geburt, die Mehrung der Gnaden und der Ge­rechtigkeit, beginnt wohl in der Taufe, währt aber auch bis in den Tod, ja bis an den Jüngsten Tag. Da wird allererst vollbracht, was die Hebung aus der Taufe bedeu­tet. Da werden wir vom Tod, von Sünden, von allem Übel auferstehen, rein an Leib und Seele, und dann ewig leben. Da werden wir recht aus der Taufe gehoben und vollkommen geboren und ziehen das rechte Taufhemd des unsterblichen Lebens im Himmel an. Wie die Paten sprechen, wenn sie das Kind aus der Taufe heben: Sieh, deine Sünden sind nun ersäuft, wir nehmen dich in Gottes Namen in das ewige unschuldige Leben auf, so werden dann die Engel am Jüngsten Tag alle Christen, die getauf­ten, gerechten Menschen, herausheben und werden da erfüllen, was die Taufe und die Paten bedeuten. Wie Christus sagt Matth. 24,31: »Er wird aussenden seine En­gel, und sie werden ihm seine Auserwählten versammeln aus den vier Himmelsrichtungen, vom Aufgang bis zum Niedergang der Sonne.«

Zum sechsten. Diese Taufe ist vorzeiten schon ange­zeigt worden in der Sintflut des Noah, als die ganze Welt ersäuft wurde, ausgenommen Noah mit drei Söhnen und ihren Frauen, acht Menschen, die in der Arche bewahrt wurden. Daß die Menschen der Welt ersäuft wurden, bedeutet, daß in der Taufe die Sünden ersäuft werden. Daß aber die acht in der Arche mit allerlei Tieren bewahrt worden sind, bedeutet, daß durch die Taufe der Mensch selig wird, wie es St. Petrus auslegt in seiner zweiten Epistel (2.Petr. 2,5). Nun ist die Taufe eine weit größere Sintflut, als jene gewesen ist. Denn jene hat nicht mehr als ein Jahr lang Menschen ersäuft. Aber die Taufe ersäuft noch durch die ganze Weltgeschichte von Christi Geburt an bis an den Jüngsten Tag allerlei Menschen. Sie ist eine Sintflut der Gnade wie jene eine Sintflut des Zorns war, wie Ps. 29,10 voraus verkündigt ist: »Gott wird machen eine beständige neue Sintflut.« Denn ohne Zweifel wer­den viel mehr Menschen getauft, als in der Sintflut ersof­fen sind.

Zum siebenten. Daraus folgt, daß es wohl wahr ist: Ein Mensch, wenn er aus der Taufe kommt, ist rein und ohne Sünde, ganz unschuldig. Aber das wird von vielen nicht recht verstanden, die meinen, es sei gar keine Sünde mehr da. Sie werden faul und nachlässig, die sündige Natur zu töten, wie auch gewisse Leute tun, wenn sie gebeichtet haben. Darum, wie oben gesagt ist, soll man es recht verstehen und wissen, daß unser Fleisch, solange es hier lebt, von Natur böse und sündhaft ist. Dem abzuhelfen, hat sich Gott einen solchen Rat erdacht, daß er es ganz neu und anders schaffen will, wie Jer. 18,4-6 anzeigt: Der Töpfer, da ihm der Topf nicht wohl geriet, stieß densel­ben wieder in den Tonhaufen zurück und knetete und machte danach einen neuen Topf, wie es ihm gefiel. So, spricht Gott, seid ihr in meinen Händen; und in der ersten Geburt sind wir nie wohl geraten. Darum stößt er uns wieder in die Erde durch den Tod und schafft uns wieder neu am Jüngsten Tag, damit wir dann wohl geraten und ohne Sünde sind. Diese Hilfe beginnt er in der Taufe, die den Tod und die Auferstehung am Jüngsten Tag bedeu­tet, wie gesagt ist. Und darum, was die Bedeutung oder das Zeichen des Sakraments betrifft, so sind die Sünden mit dem Menschen schon tot, und er ist auferstanden. Und so ist das Sakrament schon geschehen. Aber das Werk des Sakraments ist noch nicht ganz und gar geschehen, nämlich der Tod und die Auferstehung am Jüngsten Tag; die stehen noch bevor.

Zum achten. So ist der Mensch ganz rein und unschul­dig auf sakramentliche Weise. Das heißt soviel wie: Er hat das Zeichen Gottes, die Taufe. Damit wird angezeigt: Seine Sünden sollen alle tot sein, und er soll auch in Gnaden sterben und am Jüngsten Tag auferstehen, rein, ohne Sünde, unschuldig, um ewig zu leben. Also ist es des Sakraments wegen wahr, daß er ohne Sünde und un­schuldig sei. Aber solange nun das noch nicht vollbracht ist und er noch im sündigen Fleisch lebt, so ist er weder ohne Sünde noch in allen Dingen rein, sondern er hat angefangen, rein und unschuldig zu werden. Darum, wenn der Mensch in seine Jahre kommt, so regen sich die natürlichen, sündigen Begierden, Zorn, Unkeuschheit, Sucht, Geiz, Hoffart und dergleichen. Nichts davon gäbe es, wenn die Sünden im Sakrament alle ersäuft und tot wären. Nun sind sie nur dazu bestimmt, durch den Tod und die Auferstehung am Jüngsten Tag ersäuft zu wer­den. So klagt St. Paulus Röm. 7,18 und alle Heiligen mit ihm, daß sie Sünder seien und Sünde in ihrer Natur haben, obwohl sie getauft worden und heilig waren. Das ist so, weil sich die natürlichen sündigen Begierden immer re­gen, solange wir leben.

Zum neunten. Nun sprichst du: Was hilft mir denn die Taufe, wenn sie die Sünde nicht ganz und gar tilgt und ablegt? Hier erscheinen nun rechtes Verständnis und rechte Erkenntnis des Sakraments der Taufe: Das hilft dir das hochwürdige Sakrament der Taufe, daß sich Gott in ihm mit dir verbündet und mit dir eins wird zu einem gnädigen tröstlichen Bund.

Zum ersten. Daß du dich ergibst in das Sakrament der Taufe und seiner Bedeutung, das heißt, daß du begehrst, mit den Sünden zu sterben und am Jüngsten Tag neu gemacht zu werden, wie es das Sakrament anzeigt, wie oben gesagt. Dieses Begehren nimmt Gott von dir an. Er läßt dich taufen und beginnt von Stund an, dich neu zu machen, gießt dir seine Gnade und seinen heiligen Geist ein, der anfängt, die Natur und die Sünde zu töten und zu bereiten zum Sterben und Auferstehen am Jüngsten Tag.

Zum zweiten. Verpflichtest du dich, so zu bleiben und immer mehr und mehr deine Sünde zu töten, solange du lebst, bis in den Tod, so nimmt Gott dieses auch an und übt dich dein Leben lang mit vielen guten Werken und mancherlei Leiden. Damit tut er das, was du in der Taufe begehrt hast, nämlich daß du die Sünde los werden, sterben und am Jüngsten Tag neu auferstehen und also die Taufe vollbringen willst. Darum lesen und sehen wir, wie er seine Heben Heiligen so hat martern und viel leiden lassen, damit sie nur bald getötet würden und so dem Sakrament der Taufe genug täten, stürben und neu wür­den. Denn wo das nicht geschieht und wir weder Leiden noch Prüfung haben, da überwindet die böse Natur den Menschen, so daß sie ihn um den Nutzen der Taufe bringt und er in die Sünde zurückfällt und ein alter Mensch wie vorher bleibt.

Zum zehnten. Solange nun solches dein Bündnis mit Gott besteht, tut dir Gott wieder die Gnade und ver­pflichtet sich dir, er wolle dir die Sünden nicht zurechnen, die nach der Taufe in deiner Natur sind. Er will sie nicht ansehen noch dich ihretwegen verdammen, läßt sich daran genügen und hat ein Wohlgefallen, daß du in steter Übung und Begierde seiest, die Sünden zu töten und mit deinem Sterben sie loszuwerden. Deshalb, wenn sich auch böse Gedanken und Begierden regen, ja wenn du auch zuweilen sündigst und fällst: Sofern du doch wieder auf­stehst und wieder in den Bund trittst, so sind sie in der Kraft des Sakraments und des Bündnisses schon dahin, wie St. Paulus Röm. 8,1 sagt: Es verdammt die natürliche böse sündige Neigung keinen, der an Christus glaubt, wenn sie ihr nicht folgen und in sie einwilligen. Und St. Johannes der Evangelist spricht in seiner Epistel: »Und ob jemand in Sünde fiele, so haben wir einen Fürsprecher vor Gott, Jesus Christus, der zur Vergebung unserer Sünde geworden ist.« (1.Joh. 2,1f.) Das geschieht alles in der Taufe, da wird uns Christus gegeben, wie wir im folgen­den Sermon hören werden.

Zum elften. Wenn nun dieser Bund nicht wäre und Gott nicht barmherzig durch die Finger sähe, so wäre keine Sünde zu klein, daß sie uns nicht verdammte; denn Gottes Gericht kann keine Sünde leiden. Darum ist kein größerer Trost auf der Erde als die Taufe, durch die wir in das Urteil der Gnade und Barmherzigkeit treten. Die Taufe richtet die Sünden nicht, sondern treibt sie mit vielen Übungen aus. So spricht St. Augustinus einen feinen Spruch: Die Sünde wird in der Taufe ganz vergeben, nicht so, daß sie nicht mehr da sei, sondern so, daß sie nicht zugerechnet wird. Als wollte er sagen: Die Sünde bleibt wohl bis in den Tod in unserem Fleisch und regt sich ohne Unterlaß. Aber solange wir nicht in sie einwil­ligen oder in ihr bleiben, so ist sie durch die Taufe in der Weise bestimmt, daß sie nicht verdammt noch schädlich ist, sondern täglich mehr und mehr ausgetilgt wird bis in den Tod. Deshalb soll niemand erschrecken, wenn er auch böse Lust und Sucht fühlt, auch nicht verzagen, obschon er fällt. Sondern er soll an seine Taufe denken und sich ihrer fröhlich trösten, daß Gott sich da verpflich­tet hat, ihm seine Sünde zu töten und nicht zur Verdamm­nis anzurechnen, sofern er nicht einwilligt oder in ihr bleibt. Auch soll man solche wütenden Gedanken oder Begierden, selbst das Fallen, nicht als Anlaß nehmen, zu verzagen, sondern als eine Ermahnung von Gott, daß der Mensch an seine Taufe gedenke, was Gott da geredet hat, damit er Gottes Gnade anrufe und sich übe, gegen die Sünde zu streiten, ja auch zu sterben begehre, um die Sünde loswerden zu können.

Zum zwölften. Hier ist nun das dritte Stück des Sakra­ments zu behandeln; das ist der Glaube. Das heißt, daß man dies alles fest glaubt, daß das Sakrament nicht allein den Tod und die Auferstehung am Jüngsten Tag bedeu­tet, durch die der Mensch neu wird, ewig ohne Sünde zu leben; sondern daß es dieses auch gewiß anfängt und bewirkt und uns mit Gott verbündet: daß wir bis in den Tod die Sünde töten und gegen sie streiten wollen und Gott wiederum uns die Taufe zugute halten und gnädig mit uns handeln will, nicht richten nach der Strenge, weil wir nicht ohne Sünde sind in diesem Leben, bis wir rein werden durch den Tod. So verstehst du, wie ein Mensch unschuldig, rein und sündlos wird in der Taufe und doch voll böser Neigung bleibt, so daß er nicht anders rein heißt, als daß er angefangen hat, rein zu werden. Du verstehst auch, daß er ein Reinheitszeichen und einen Reinheitsbund hat und immer reiner werden soll. Um dessentwillen will ihm Gott den Rückstand in der Rein­heit nicht zurechnen, und darum ist er mehr durch Gottes gnädiges Rechnen als um seines Wesens willen rein, wie der Prophet sagt Ps. 32,1f.: »Selig sind, denen ihre Sünden vergeben sind. Selig ist der Mensch, dem Gott seine Sünde nicht zurechnet.« Dieser Glaube ist der allernötigste, denn er ist der Grund allen Trostes. Wer den nicht hat, der muß in Sünden verzweifeln, denn die Sünde, die nach der Taufe bleibt, macht, daß alle guten Werke nicht rein sind vor Gott. Deswegen muß man gar keck und frei an die Taufe sich halten und sie aller Sünde und allem Er­schrecken des Gewissens entgegenhalten und demütig sagen: Ich weiß gar wohl, daß ich kein reines Werk habe. Aber ich bin ja getauft, und durch die Taufe hat sich Gott, der nicht lügen kann, mir verpflichtet, mir meine Sünde nicht anzurechnen, sondern zu töten und zu vertilgen.

Zum dreizehnten. Also verstehen wir nun, daß unsere Unschuld, die wir durch die Taufe empfangen, ganz und gar der göttlichen Barmherzigkeit wegen so heißt. Sie hat solches angefangen und trägt mit der Sünde Geduld und achtet uns, als wären wir ohne Sünde. Daher versteht man auch, warum die Christen in der Schrift die Kinder der Barmherzigkeit heißen, ein Volk der Gnade und Men­schen des gütigen Willens Gottes, darum nämlich, daß sie angefangen haben, durch die Taufe rein zu werden, und durch Gottes Barmherzigkeit mit der noch bleibenden Sünde nicht verdammt werden, bis sie durch den Tod und am Jüngsten Tag ganz rein werden, wie die Taufe mit ihrem Zeichen ausweist. Darum sind die in einem großen Irrtum, die da meinen, sie seien durch die Taufe ganz rein geworden. In ihrem Unverstand gehen sie hin und töten ihre Sünde nicht, wollen sie nicht Sünde sein lassen, ver­härten sich in ihr und machen also ihre Taufe ganz zu­nichte. Sie bleiben allein in einigen äußerlichen Werken hängen, unter denen die Hoffart, der Haß und andere natürliche Bosheit, auf die sie nicht achten, nur stärker und größer werden. Nein, es ist nicht so. Es muß die Sünde »Böseneigung« [concupiscentia] als die wahre Sünde erkannt wer­den. Daß sie aber unschädlich sei, muß man Gottes Gnade zuschreiben, der sie nicht zurechnen will, doch so, daß man sie mit vielen Übungen, Werken und Leiden be­kämpfe, zuletzt mit dem Sterben töte. Die das nicht tun, denen wird er sie nicht vergeben, weil sie der Taufe und ihrer Verpflichtung nicht folgen und das angefangene Werk Gottes und der Taufe verhindern.

Zum vierzehnten. Solcher Art Leute sind auch die, die da meinen, sie könnten ihre Sünde durch Genugtuung tilgen und ablegen. Sie gelangen schließlich dahin, daß sie die Taufe nicht mehr beachten, gerade als hätten sie der Taufe aus keinem anderen Grunde bedurft, als bloß her­ausgehoben worden zu sein. Sie wissen nicht, daß sie durchs ganze Leben bis in den Tod, ja am Jüngsten Tag, in Kraft steht, wie oben gesagt ist. Darum meinen sie, etwas anderes zu finden, um die Sünden zu vertilgen, nämlich die Werke. So machen sie sich selbst und allen anderen böse, erschrockene, unsichere Gewissen, Todes­verzagtheit und wissen nicht, wie sie mit Gott dran sind.

Sie meinen, die Taufe sei nun durch die Sünde verloren und nütze nicht mehr. Davor hüte dich beileibe. Denn wie gesagt: Ist jemand in Sünde gefallen, so gedenke er am stärksten an seine Taufe, wie sich Gott in ihr mit ihm verbunden hat, alle Sünde zu vergeben, wenn er gegen sie fechten will bis in den Tod. Auf diese Wahrheit und dieses Bündnis Gottes muß man sich fröhlich verlassen. Dann kommt die Taufe wieder zu ihrer Wirkung und Kraft, dann wird das Herz wieder zufrieden und fröhlich, nicht in seinen eigenen Werken oder durch Genugtuung, son­dern in Gottes Barmherzigkeit, die ewig zu halten Gott ihm in der Taufe zugesagt hat. Und an diesem Glauben muß man so sehr festhalten, daß, ob auch alle Kreaturen und alle Sünden über einen herfielen, man dennoch daran hänge. Wer sich davon abdrängen läßt, der macht Gott zu einem Lügner in seinem Bündnis in dem Sakrament der Taufe.

Zum fünfzehnten. Den Glauben ficht der Teufel am meisten an. Wenn er den umstößt, so hat er gewonnen. Denn auch das Sakrament der Buße, über das früher gehandelt worden ist, hat seinen Grund in diesem Sakra­ment. Denn allein denen werden die Sünden vergeben, die getauft sind, das heißt, denen Gott zugesagt hat, die Sünden zu vergeben. So erneuert und vergegenwärtigt das Bußsakrament das Taufsakrament, als spreche der Priester in der Lossprechung: Siehe, Gott hat dir deine Sünde jetzt vergeben, wie er dir damals in der Taufe zugesagt und mir jetzt befohlen hat kraft der Schlüsselge­walt. Und nun kehrst du wieder in der Taufe Werk und Wesen zurück. Glaubst du, so hast du. Zweifelst du, so bist du verloren. Also finden wir, daß die Taufe durch die Sünde wohl verhindert wird an ihrem Werk, nämlich der Vergebung und Tötung der Sünde. Aber allein durch den Unglauben gegenüber ihrer Wirkung wird sie zunichte, und der Glaube ist es, der die Behinderung des Werkes der Taufe aufhebt. So sehr liegt es alles am Glauben. Und wenn ich klar sprechen soll: Es ist ein Ding, die Sünde zu vergeben, und ein ander Ding, die Sünde abzulegen oder auszutreiben. Die Vergebung der Sünden erlangt der Glaube, wenn sie auch nicht ganz ausgetrieben sind. Aber die Sünde austreiben ist Übung gegen die Sünde und zuletzt Sterben. Da geht die Sünde ganz unter. Es ist aber alles beides der Taufe Werk. So schreibt der Apostel an die Hebräer, die doch getauft und denen ihre Sünden vergeben waren, sie sollten die Sünde ablegen, die ihnen aufliegt (Hebr. 12,1). Denn wenn ich glaube, daß mir Gott die Sünde nicht zurechnen will, so ist die Taufe in Kraft und die Sünden sind vergeben, obwohl sie zum großen Teil noch dableiben. Danach folgt das Austreiben durch Leiden und Sterben und so weiter. Das ist der Artikel, den wir bekennen: Ich glaube an den heiligen Geist, Verge­bung der Sünde und so weiter. Da wird besonders die Taufe berührt, in welcher die Vergebung geschieht durch Gottes Bündnis mit uns. Darum darf man nicht zweifeln an dieser Vergebung.

Zum sechzehnten. Also folgt, daß die Taufe alle Leiden und besonders den Tod nützlich und hilfreich macht, so daß sie nur dem Werk der Taufe dienen müssen, nämlich die Sünde zu töten. Denn das kann nun nicht anders geschehen. Wer der Taufe genugtun und die Sünde los­werden will, der muß sterben. Aber die Sünde stirbt nicht gern, darum macht sie den Tod so bitter und greulich. So gnädig und mächtig ist Gott, daß die Sünde, die den Tod gebracht hat, mit ihrem eigenen Werk, dem Tod, wieder vertrieben wird. Man findet viele Leute, die leben wollen, um rechtschaffen zu werden, und sagen, sie wären gerne rechtschaffen. Nun gibt es keine kürzere Weise und kei­nen kürzeren Weg als die Taufe und das Werk der Taufe, das heißt Leiden und Sterben. Solange sie das nicht wol­len, ist es ein Zeichen, daß sie nicht wahrhaft wissen noch beabsichtigen, rechtschaffen zu werden. Darum hat Gott mancherlei Stände verordnet, in denen man sich üben und leiden lernen soll, einigen den ehelichen, anderen den geistlichen, anderen den regierenden Stand. Allen hat er befohlen, Mühe und Arbeit zu haben, damit man das Fleisch töte und an den Tod gewöhne. Denn allen denen, die getauft sind, denen hat die Taufe die Ruhe und Ge­mächlichkeit dieses Lebens und das Sichbegnügen mit ihm zu lauter Gift gemacht, weil all dies die Wirkung der Taufe verhindert. Denn in all dem lernt niemand leiden, gerne sterben, die Sünde loszuwerden und der Taufe zu entsprechen; sondern es wächst nur die Liebe zu diesem Leben und das Grauen vor dem ewigen Leben, Todes­furcht und Flucht vor der Vertilgung der Sünde.

Zum siebzehnten. Nun blicke auf das Leben der Men­schen. Es sind ihrer viele, die fasten, beten, Wallfahrten machen und dergleichen Übungen treiben, mit denen sie nur viel Verdienste zu sammeln vermeinen, um im Him­mel obenan zu sitzen. Sie lernen aber nimmermehr, ihre böse Untugend zu töten. Man sollte fasten und alle Übun­gen dahin leiten, daß sie den alten Adam, die sündige Natur, unterdrücken und daran gewöhnen, alles das zu entbehren, das diesem Leben lustig erscheint, und sich also zum Tod täglich mehr und mehr bereit machen, damit der Taufe Genüge geschehe. Und das Maß aller dieser Übungen und Mühen sollte man nehmen nicht nach ihrer Zahl oder Größe, sondern nach der Forderung der Taufe, das heißt: Jeder soll die Übung und so viele Mühen auf sich nehmen, wie ihm nützlich und gut wäre, um damit die sündige Natur zu unterdrücken und in den Tod zu schicken. Diese Übungen soll man auch beenden oder vermehren, je nachdem man befindet, ob die Sünden ab- oder zunehmen. So fahren sie daher und laden dies und das auf sich, tun jetzt so, jetzt anders, nur noch um der Maskierung und des Ansehens des Werkes willen. Da­nach lassen sie es geschwind wieder fahren und werden so ganz unbeständig, so daß niemals etwas aus ihnen wird. Einige verlieren darüber den Verstand und verderben ihre Natur, so daß sie weder sich noch andern nützlich sind. Das sind alles Früchte der Lehre von den guten Werken, von der wir so besessen waren, daß wir meinen, nach der Reue oder der Taufe ohne Sünde zu sein und die guten Werke nicht zur Vertilgung der Sünde, sondern in Menge bloß um ihrer selbst willen, oder um für die getanen Sünden Genugtuung zu leisten, sammeln zu kön­nen. Dazu helfen die Prediger, die der heben Heiligen Legende und Werk nicht weise predigen, sondern allge­meine Exempel daraus machen. Daher fallen die Unver­ständigen darauf herein und wirken ihr Verderben aus dem Exempel der Heiligen. Gott hat einem jeden Heili­gen seine besondere Weise und Gnade gegeben, seiner Taufe zu entsprechen. Die Taufe hat aber mit ihrer Be­deutung allen ein gemeinsames Maß gesetzt, daß ein jeder in seinem Stand sich prüfe, welche Weise ihm am besten förderlich sei, der Taufe zu entsprechen, das heißt, die Sünde zu töten und zu sterben, damit so die Bürde Christi leicht und sanft werde. Es soll nicht mit Ängsten und Sorgen zugehen, wie Salomo sagt: »Die Werke der Un­weisen martern sie nur darum, daß sie den Weg zur Stadt nicht wissen.« (Pred. 10,15) Denn eben wie die geängstigt sind, die zur Stadt wollen und den Weg nicht treffen, so ist es auch mit diesen. All ihr Leben und Wirken wird ihnen sauer, und doch richten sie nichts aus.

Zum achtzehnten. Hierhin gehört nun auch die gän­gige Frage, ob die Taufe und die Gelübde, die wir Gott getan haben, mehr oder größer seien als die Gelübde der Keuschheit, Priesterschaft oder Geistlichkeit; ist doch die Taufe allen Christen gemeinsam, während man an­nimmt, die Geistlichen hätten ein besonderes und höheres Gelübde.

Antwort. Es ist aus dem vorher Gesagten leicht zu antworten. Denn in der Taufe geloben wir alle gleich eine Sache, die Sünde zu töten und heilig zu werden durch Gottes Wirken und Gnade, dem wir uns dargeben und opfern wie ein Ton dem Töpfer. Und da ist keiner besser als der andere. Aber dieser Taufe zu entsprechen, so daß die Sünde ertötet wird, muß nicht eine Weise oder ein Stand sein. Darum habe ich gesagt, ein jeder müsse sich selbst prüfen, in welchem Stand er am besten die Sünde töten und die Natur dämpfen kann. So ist wahr, daß kein höheres, besseres, größeres Gelübde als das Taufgelübde ist. Was kann man weiter geloben, als alle Sünden zu vertreiben, zu sterben, dies Leben zu hassen und heilig zu werden? Über das Gelübde hinaus kann sich einer freilich verpflichten zu einem Stand, der ihm geeignet und för­derlich ist zur Vollbringung seiner Taufe. Gleich wie wenn zwei zu einer Stadt wandeln, mag einer den Fuß­steig, der andere die Landstraße gehen, wie es ihm am besten dünkt. Ebenso, wer sich an den ehelichen Stand bindet, der wandelt in dieses Standes Mühen und Leiden. In ihm belädt er seine Natur, daß sie sich an Liebes und Leid gewöhne, Sünde meide und sich um so besser zum Tode bereite, was er nicht ebensogut außerhalb dieses Standes vermöchte. Wer aber mehr Leiden sucht und durch viel Übung sich bündig zum Tod bereiten und das Werk seiner Taufe bald erlangen will, der binde sich an die Keuschheit oder einen geistlichen Orden. Denn ein geistlicher Stand, wenn er recht ist, soll voll Leiden und Marter sein, damit er mehr Übung seiner Taufe habe als der eheliche Stand und sich durch solche Marter bald daran gewöhne, den Tod fröhlich zu empfangen, und also seiner Taufe Endzweck erreiche. Über diesem Stand ist nun ein noch höherer, der regierende Stand im geistlichen Regiment, wie Bischof, Pfarrer usw. Die sollen alle Stunde sehr gut durchgeübt sein in Leiden und Arbeiten, fertig sein zum Tod, nicht allein um ihrer selbst willen zu sterben, sondern auch um derer willen, die ihnen untertan sind. Doch in all diesen Ständen muß man dennoch das Maß nicht vergessen, wie oben gesagt, daß man die Übung so halte, daß nur die Sünde ausgetrieben werde und man sich nicht nach der Menge oder Größe der Werke richte. Aber leider, wie wir die Taufe vergessen haben und was sie bedeutet, was wir in ihr gelobt und wie wir in ihrem Werk wandeln und zu ihrem Ziel kommen sollen, ebenso haben wir auch die Wege und Stände vergessen und wissen gar nicht, wozu solche Stände ein­gesetzt sind oder wie man sich in ihnen verhalten soll zur Erfüllung der Taufe. Es ist ein Pomp draus geworden und gerade noch ein weltlicher Schein übriggeblieben, wie Jesaja sagt: »Dein Silber ist Schaum geworden, und dein Wein ist wässerig geworden.« (1,22) Das erbarme Gott. Amen.

Zum neunzehnten. Da aber das heilige Sakrament der Taufe ein so großes, gnädiges und tröstliches Ding ist, so ist mit Ernst darauf zu sehen, daß man Gott ja herzlich und fröhlich ohne Unterlaß dafür danke, Löb und Ehre sage. Denn ich habe die Sorge, daß der Undank es uns eingebracht hat, daß wir blind geworden und nicht wür­dig gewesen sind, solche Gnade zu erkennen. Die ganze Welt ist voll Taufe und voll Gnade Gottes gewesen und ist es noch; wir aber sind zu den ängstlichen eigenen Werken, danach zu Ablaß und dergleichen falschen Trö­sten verführt worden, in der Meinung, Gott nicht eher zu vertrauen, wir wären denn erst gerecht und hätten Ge­nugtuung geleistet für die Sünde, wie wenn wir ihm seine Gnade abkaufen oder bezahlen wollten. Fürwahr, wer Gottes Gnade nicht so achtet, daß sie ihn als einen Sünder dulden und selig machen werde, und allein seinem Ge­richt entgegengeht, der wird Gottes niemals froh, kann ihn auch weder lieben noch loben. Aber wenn wir hören, daß er in den Taufbund uns Sünder aufnimmt, schont und uns rein macht von Tag zu Tag, und das fest glauben, muß das Herz fröhlich werden, Gott lieben und loben. So spricht er im Propheten: »Ich will ihrer schonen wie ein Vater seines Kindes schont.« (Mal. 3,17) Darum ist es nö­tig, daß man der hochgelobten Majestät, die sich gegen uns arme verdammte Würmlein so gnädig und barmher­zig erzeigt, Dank sage und das Werk der Taufe, wie es an sich selbst ist, groß mache und erkenne.

Zum zwanzigsten. Dabei sollen wir uns aber auch vorsehen, daß nicht eine falsche Sicherheit einreiße und bei sich selbst spreche: Ist es ein so gnädiges und großes Ding mit der Taufe, daß uns Gott die Sünde nicht zurech­nen will und, sobald wir uns abkehren von der Sünde, alle Dinge in Ordnung sind kraft der Taufe, so will ich unter­dessen leben und nach meinem Willen handeln und später oder im Sterben an meine Taufe gedenken und Gott an seinen Bund erinnern und dann meiner Taufe genügen. Ja, freilich ist es etwas so Großes um die Taufe, daß, wenn du dich abkehrst von den Sünden und den Taufbund anrufst, deine Sünden vergeben sind. Sieh aber zu, wenn du so frevelhaft und mutwillig sündigst auf die Gnade hin, daß dich das Gericht nicht ergreife und deiner Um­kehr zuvorkomme. Und, wenn du schon an die Taufe glauben und auf sie vertrauen wolltest, hüte dich davor, daß durch Gottes Verhängnis deine Anfechtung so groß werde, daß der Glaube nicht bestehen könnte. Wenn schon die schwerlich bleiben, die nicht sündigen oder bloß aus lauter Gebrechlichkeit fallen, wo will dein Frevel bleiben, der die Gnade versucht und verspottet hat? Darum laßt uns mit Furcht wandeln, daß wir den Reich­tum göttlicher Gnaden mit einem festen Glauben behal­ten können und seiner Barmherzigkeit fröhlich danken immer und ewig. Amen.

WA 2, 727-737, übertragen von Walter Mostert.

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